Wetter: Nebel, 11 bis 16 °C
Keine-Randnotiz.de
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Neues Portal für Vorfälle rechter Gewalt in Bremen

Carolin Henkenberens 31.07.2019 26 Kommentare

Das Portal listet derzeit 101 Vorfälle seit 2017 auf.
Das Portal listet derzeit 101 Vorfälle seit 2017 auf. (Christophe Gateau/dpa)

Hier eine rassistische Beleidigung, dort ein islamfeindlicher Schriftzug, da ein Angriff auf Menschen ausländischer Herkunft: Am Mittwoch ist ein neues Internet-Portal gestartet, das Vorfällerechter, antisemitischer und homophober Gewalt in Bremen und Bremerhaven dokumentiert. Initiiert haben das Portal, das sich unter www.keine-randnotiz.de findet, die Bremer Beratungsstellen Pro aktiv gegen rechts und Soliport.

„Wir wollen zeigen: Hier passiert was. Diese Vorfälle sollen keine Randnotiz mehr bleiben“, erklärt Max Wengel von Pro aktiv gegen rechts. Die mobile Beratungsstelle wird vom Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit (Vaja) getragen. Oft gerieten nur einzelne Vorfälle an die Öffentlichkeit und schnell in Vergessenheit. Die neue Homepage soll eine strukturierte Übersicht bieten.

Mehr als 100 Vorfälle

Die Internetseite listet derzeit 101 Vorfälle seit 2017 auf. Eine interaktive Karte verortet sie. Quellen sind verlinkt, etwa öffentlich zugängliche Mitteilungen der Polizei oder Presseberichte. Ebenso kommen Fälle von Betroffenen hinzu, die sich an eine der Beratungsstellen gewandt haben. Zudem kann jede und jeder über ein Formular Vorfälle melden. „Wir listen nur Fälle auf, die wir nachprüfen können“, betont Wengel auf die Frage, wie man sicher gehen wolle, dass die gelisteten Taten sich so zugetragen haben.

Mehr zum Thema
Kommentar über rechte Gewalt: Vielfalt muss verteidigt werden – auch in Bremen
Kommentar über rechte Gewalt
Vielfalt muss verteidigt werden – auch in Bremen

Das Onlineportal „Keine-Randnotiz.de“ zeigt: Auch in der weltoffenen Hansestadt Bremen werden ...

 mehr »

„Wir glauben, dass es eine regelmäßige Dokumentation rechter Gewalt braucht“, erklärt Josef Borchardt von Soliport, die Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt unterstützt und in Trägerschaft des Lidice-Hauses ist. Der Begriff „rechte Gewalt“ werde nicht nur verstanden als Gewalt im physischen Sinn. Auch Hetze oder Beschimpfungen fielen darunter. „In unserer Beratung erfahren wir Geschichten, die sich sonst nirgendwo anders finden“, sagt Borchardt. Für die Öffentlichkeit bleibt dieser Hass somit unsichtbar. Einigen Betroffenen sei es jedoch ein Anliegen, dass der ihnen entgegen gebrachte Rassismus oder Hass gehört wird, berichtet Borchardt. 

Soliport und Pro aktiv gegen rechts hoffen, dass das neue Portal präventiv wirkt, indem es Menschen dazu ermuntert, sich entschieden gegen rechte Stimmungen im eigenen Stadtteil zu stellen. „Es zeigt sich, dass sich dort, wo der Widerstand gering ist, die Vorfälle häufen“, sagt Wengel. In Bremen-Nord waren zum Beispiel zuletzt häufiger Hakenkreuz-Schmierereien zu finden. „Ein konkreter Überfall ist auch ein Resultat einer gesamtgesellschaftlichen Stimmung“, findet Wengel. Rassistische Positionen würden sagbarer, der gesellschaftliche Diskurs habe sich verschoben. Rassismus und Antisemitismus finde in allen Teilen der Gesellschaft statt, auch fernab der organisierten rechtsextremen Szene. Die Vorfälle verstehe er deshalb nicht als Einzelfälle, sondern als Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Problems.

"Dunkelziffer wird hoch sein"

Den Anspruch, dass das Onlineportal lückenlos sämtliche Gewalttaten aus dem rechtsextremen Spektrum auflistet, haben die Macher nicht. "Die Dunkelziffer wird hoch bleiben", sagt Wengel. Um eine größere Verbreitung bei möglichen Betroffenen zu finden, werden Postkarten und Poster im Stadtgebiet verteilt, auch werde noch an einer Übersetzung des Kontaktformulars gearbeitet.

Bei der Erstellung des Internetportals hat es keine direkte Kooperation mit der Polizei Bremen gegeben. "Wir sind eine unabhängige Beratungsstelle und brauchen eine angemessene Distanz zu den Behörden", sagt Borchardt von Soliport. Viele Betroffene seien nach der Mordserie des rechtsextremen NSU der Polizei gegenüber skeptisch. Finanziert wird das Projekt zu 80 Prozent vom Bund über das Programm „Demokratie leben“ und zu 20 Prozent aus Landesmitteln.

Mehr zum Thema
Aktiv gegen Vorurteile und Diskriminierung: Bündnis plant Aktionstag
Aktiv gegen Vorurteile und Diskriminierung
Bündnis plant Aktionstag

In Workshops können sich Schüler mit Themen wie Rassismus, Antisemitismus und Sexismus ...

 mehr »

Könnte die Übersicht Linksextremisten zu einer gewalttätigen Antwort auf die rechtsextremen Angriffe provozieren? Auf diese Frage sagt Wengel: "Die reine Dokumentation ist kein Aufruf zu Gewalt." Aus Angst vor einer solchen Reaktion nicht über rechte Gewalt zu berichten, hält er für keine Option.

Eine Auswahl der jüngsten mutmaßlich rassistischen Vorfälle in Bremen:

22. oder 23. Juli: In der Nacht brechen Unbekannte in ein Restaurant in der Schwaneweder Straße in Blumenthal ein und hinterlassen auf einer Arbeitsplatte den Schriftzug „Geht weg aus Deutschland“. Der Staatsschutz ermittelt.

13. oder 14. Juli: In der Mühlenstraße in Blumenthal ritzen Unbekannte ein Hakenkreuz in die Motorhaube eines Autos. Die Tat muss sich zwischen 18 Uhr am Samstagabend und 11.30 Uhr am Sonntagmorgen ereignet haben. Der Staatsschutz ermittelt.

4. Juli: In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli werden im Schnoorviertel vier Jugendliche aus Afghanistan von einer Gruppe von Männern bedrängt und geschlagen. Im Beisein der Polizei fallen rassistische Beschimpfungen. Vier mutmaßliche Täter können gestellt werden, weitere fliehen mit einem dunklen Auto. Die Ermittlungen dauern an.

18. Juni: Ein Anwohner entdeckt morgens Farbschmierereien auf dem Gehweg in der Schlengstraße in Hemelingen. Laut Polizeibericht ist auf einer etwas größeren Fläche der Weg mit einem islamfeindlichem Inhalt beschmiert.

8. Juni: Die Rahma-Moschee in der Löningstraße in der Bahnhofsvorstadt wird verwüstet: Etwa 50 Korane werden zerstört und teilweise in die Toilette gestopft. Die Täter urinieren und koten auf die Heilige Schrift des Islam. Die Polizei ermittelt wegen gemeinschädlicher Sachbeschädigung, ein politisches oder religiöses Motiv wird geprüft.

31. Mai: Am späten Freitagabend verletzt ein 27-Jähriger einen 16-Jährigen in einer Straßenbahn in der Vahr mit einem Messer am Hals. Laut Aussagen der Beteiligten sollen dem Angriff islamfeindliche Äußerungen vorangegangen sein. Wenige Tage später kann der Staatsschutz den mutmaßlichen Angreifer ermitteln, er gibt die Tat zu, ein Messer wird gefunden. Der 27-Jährige kommt in eine Psychiatrie.

12. bis 14. Februar: Unbekannte beschmieren in der Straße Am Forst in Blumenthal eine Haustür, ein Garagentor, einen Briefkasten und ein Autokennzeichen mit Hakenkreuzen. Nach Polizeiangaben hört eine Anwohnerin in der Nacht zu Freitag eine männliche, lallende Stimme, die „komm raus, komm raus, oder ich steche dich ab, Jude, Jude“ ruft.

17. Dezember 2018: An diesem Tag werden der Polizei Bremen Hakenkreuzschmierereien an einer Schaufensterscheibe eines leer stehenden Gebäudes an der Gröpelinger Heerstraße gemeldet. An der Fassade der einstigen Bank wird zudem der Schriftzug „Kauft nicht dei (sic!) Juden“ entdeckt. Der Staatsschutz ermittelt.

+++ Dieser Text wurde um 18.50 Uhr aktualisiert +++


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 16 °C / 11 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Nebel.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Berichte aus den Bremer Stadtteilen
Sehen Sie in dieser Bildgalerie, wie facettenreich Bremens Stadtteile sind.
Was ist los in meiner Nachbarschaft? Welche Veranstaltungen finden in meinem Ortsteil statt und welche Debatten führen die Beiräte auf Stadtteilebene? Hier geht es zu den Inhalten des STADTTEIL-KURIER.
Entdecken Sie das historische Bremen
... die Teerhofinsel zu sehen.

Ob Bahnhof, Marktplatz, Weserstadion oder Schlachte: Das Bremer Stadtbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Wir berichten über vergessene Bauten, alte Geschichten und historische Ereignisse.

Leserkommentare
cklammer am 23.10.2019 09:05
Na, wir wissen ja, wie das geht: etwas gleichartiges wird ja am Weserstadion schon beim jedem Heimspiel von Werder umgesetzt.

Da wird ...
oharena am 23.10.2019 09:04
wen soll man jetzt mehr "lieben" - die Polizei, de Anschläge verhindert hat - oder die "lieben" Terroristen, die keine Anschläge verübt haben?
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Aktueller Mittagstisch in Bremen
Traueranzeigen
job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Sonderthemen aus den Stadtteilen
Sonderthemen aus den Stadtteilen
Anzeige