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Interview mit Bildungsforscher Brügelmann
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"Noten gaukeln Objektivität vor"

Kristin Hermann 22.05.2018 2 Kommentare

Hans Brügelmann engagiert sich als ehemaliger Erziehungswissenschaftler besonders für die Probleme an Grundschulen.
Hans Brügelmann engagiert sich als ehemaliger Erziehungswissenschaftler besonders für die Probleme an Grundschulen. (Christina Kuhaupt)

Herr Brügelmann, der Grundschulverband hat eine neue Kampagne gegen Fake-News gestartet und einen eigenen Faktencheck herausgebracht, der in ungewohnter Deutlichkeit Stammtischparolen entkräften will. Was genau bringt Sie so auf? 

Hans Brügelmann: Wir haben in den vergangenen zwei, drei Jahren verstärkt mit Vorurteilen zu kämpfen – in den Medien aber auch in der Politik, wo damit auf Stimmenfang gegangen wird. Weil auf Noten verzichtet wird, herrsche angeblich eine leistungsfeindliche „Kuschelpädagogik“ oder wir würden Kinder schreiben lassen, wie sie wollen. Viele regen sich über das für sie Ungewohnte auf und das zum Teil in einer Form, die auf politischer Ebene dazu führen kann, dass sinnvolle Methoden wieder verboten werden. 

Warum haben Grundschullehrkräfte damit besonders zu kämpfen? 

In den meisten Berufen wird von Laien akzeptiert, dass es Profis gibt. Das ist im Bereich Grundschule leider nur begrenzt der Fall. Viele Menschen glauben, nur weil sie selber lesen und schreiben können, wissen sie auch, wie man es Kindern am besten beibringt. Aus der eigenen Schulzeit kennen sie noch einen anderen Unterricht, dessen Wirkungen sie zudem oft verklären.

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Das könnte auch daran liegen, dass einige Eltern das Ziel der neuen Methoden nicht richtig verstehen. Müsste da nicht noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden? 

Darum haben wir versucht, unsere Argumente möglichst gut nachvollziehbar darzustellen, damit zum Beispiel Elternvertreter sie in den Diskussionen an den Schulen nutzen können. Klarstellung ist jedoch nur das eine. Einige Eltern haben schlichtweg Angst um ihre Kinder und das kann mitunter zu sehr emotionalen Diskussionen führen. Und es gibt natürlich Lehrer, die neue Methoden nicht beherrschen, aber die hat es auch früher gegeben.

Bei dem Thema Rechtschreibung können viele Eltern nicht nachvollziehen, warum ihre Kinder nach Gehör schreiben sollen, anstatt sofort korrekt. Was antworten Sie ihnen? 

Erstens lassen wir Kinder nicht so schreiben, wie sie wollen, sondern so wie sie können. Auch in Bremen ist es so, dass die Kinder erst lautorientiert schreiben. Dadurch begreifen sie, dass unsere Schrift eine alphabetische ist, in der Laute durch Buchstaben oder Buchstabengruppen abgebildet werden. Sobald sie das verstanden haben, sollen sie schrittweise zur richtigen Rechtschreibung kommen. Studien belegen die Wirksamkeit dieses Vorgehens. Aber Vorurteile sind oft stärker als fachliche Argumente. 

Ihnen wird auch vorgeworfen, dass sie unleserliche Handschriften unterstützen...

Wie überall beginnen auch in Bremen die Kinder mit einer Druckschrift. Die unverbundenen Buchstaben erleichtern den Kindern das Lesen- und Schreibenlernen am Schulanfang sehr. Danach sollen die Kinder direkt zu einer verbundenen Handschrift geführt werden, anstatt den Umweg über eine Standardhandschrift zu gehen. Im Schreibunterricht werden sie dabei unterstützt, eine flüssige, gut lesbare Handschrift zu entwickeln. Der Grundschulverband hat dafür ein Konzept entwickelt, das dem Schreiben mit der Hand einen wichtigen Platz im Unterricht einräumt.

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Aber Mal ehrlich, was soll so schlecht an Noten sein? Tut es den Kindern vielleicht nicht sogar gut, wenn sie sich miteinander vergleichen können? 

Noten gaukeln Objektivität und Vergleichbarkeit vor, obwohl sie das nicht leisten können. Lehrer haben zum Teil ganz unterschiedliche Kriterien. Bei dem einen Mathelehrer muss unbedingt das Ergebnis richtig sein, bei dem anderen ist der Rechenweg wichtiger. Außerdem haben Studien gezeigt, dass Lehrer sogar die gleiche Klassenarbeit nach einigen Wochen zum Teil ganz anders beurteilen würden. Die Noten sind zudem informationsarm und sagen nichts über den Lernfortschritt. Wir wissen, dass die Kinder schon am Schulanfang in jedem Fach etwa drei Entwicklungsjahre auseinander liegen. Ein Vergleich ohne Bezug auf die individelle Entwicklung ist also unfair und für das weitere Lernen wenig hilfreich. Es wäre besser, mehr Gespräche zwischen Eltern, Schüler und Lehrer anzubieten.

Aber auch unter Lehrern sind neue Methoden nicht ganz unumstritten, oder? 

Es kommt natürlich darauf an, wie ein Lehrer eine neue Methode umsetzt. Nicht alle Lehrkräfte werden sich auf etwas Neues einlassen, weil sie mit ihrem Weg seit Jahren erfolgreich arbeiten. Das wollen wir auch gar nicht verändern. Grundsätzlich sind neue Herangehensweisen aber entwickelt worden, weil es vorher ein Problem gab. Wir als Grundschulverband vertreten den Ansatz „Reform statt Revolution“. Man sollte sich auf die Lehrer konzentrieren, die offen für Neues offen sind und sie mit entsprechenden Fortbildungen unterstützen. In Bremen darf man beispielsweise mit der Grundschrift nur arbeiten, wenn man eine Fortbildung gemacht hat. Ähnlich läuft es mit dem Projekt Rechtschreibgespräche. 

Nämlich wie? 

Dabei müssen Kinder jede Woche zwei bis dreimal ein schwieriges Wort schreiben. Anschließend wird die korrekte Schreibweise mit der ganzen Klasse Schritt für Schritt besprochen. So werden die Kinder immer wieder mit der Rechtschreibnorm konfrontiert. Nur die Lehrer, die an einer Fortbildung teilgenommen haben, sollen dieses anspruchsvolle Projekt umsetzen. Die Auswertung zeigt, dass die Kinder dadurch doppelt so viel lernen als ohne die Rechtschreibgespräche. 

Von Bremer Lehrern hört man häufig allerdings auch, dass sie die Konzepte grundsätzlich gut finden, diese aber wegen der schlechten Personalausstattung nicht umsetzen können. Das betrifft vor allem die Inklusion. 

Ja, ein hoher Prozentsatz der Lehrer hält die Inklusion für wichtig und richtig. Nur die Umsetzung im Alltag ist schwierig. Da wünscht man sich in Bremen mehr Unterstützung. Es kann aber auch nicht sein, dass man wegen der Umsetzungsprobleme gute Konzepte wieder abschafft, man muss viel eher etwas an den Bedingungen ändern. Denn Bremer Lehrer stehen vor anderen Herausforderungen als in anderen Bundesländern.

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Inwiefern? 

Der Anteil an Kindern aus armen Haushalten ist in Bremen viermal so hoch wie in Bayern. Es ist deshalb ungerecht, den Lehrern hier vorzuwerfen, dass sie schlechter arbeiten als anderswo. Wenn Kinder morgens ohne Frühstück in die Klasse kommen, kann man eben nicht sofort mit dem Fachunterricht beginnen. Wenn man wirklich etwas über die Qualität des Unterrichts erfahren möchte, müsste man statt der Bundesländer sozial ähnliche Bezirke in ihnen miteinander vergleichen.  

Das Interview führte Kristin Hermann.

Zur Person

Hans Brügelmann

Der Erziehungswissenschaftler war bis Februar 2012 Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Siegen. Seit seiner Pensionierung engagiert sich der 71-Jährige im Grundschulverband und ist Mitglied im Bremer Landesvorstand.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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