Wetter: Nebel, 11 bis 16 °C
Jüdisches Leben in Bremen und Niedersachsen
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Polizei verstärkt Präsenz vor Synagogen in der Region

Nico Schnurr, Andreas D. Becker und Mathias Sonnenberg 10.10.2019 5 Kommentare

Menschen stehen in der Abenddämmerung auf dem Hallenser Marktplatz mit Blumen und Kerzen, um ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen und zu trauern.
Menschen stehen in der Abenddämmerung auf dem Hallenser Marktplatz mit Blumen und Kerzen, um ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen und zu trauern. (Hendrik Schmidt/ dpa)

Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle und dem Mord an zwei Menschen hat die Polizei ihre Präsenz an jüdischen Einrichtungen in Bremen und Niedersachsen verstärkt. Wie viele Polizisten am Donnerstag im Einsatz waren, wollten die Beamten aus taktischen Gründen nicht sagen. Vor der Bremer Synagoge, an der Blumen und Kerzen niedergelegt worden waren, sicherten mehrere Beamte das Gebäude, als der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) die Gemeinde am Nachmittag besuchte. Bovenschulte äußerte sich bestürzt. Das Attentat habe gezeigt, „welche Gefahr von Antisemitismus und gewaltbereitem Rechtsextremismus ausgeht“, sagte er. „Der Schutz jüdischen Lebens in Deutschland ist eine Aufgabe aller Demokratinnen und Demokraten.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) besuchte am Donnerstag den Anschlagsort in Halle und sprach von einem „Tag der Scham und der Schande“. Josef Schuster sagte, man habe es mit einer „neuen Qualität des Rechtsextremismus in Deutschland“ zu tun. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland hatte zuvor schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhoben: „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös.“

Mehr zum Thema
Anschlag in Halle: Antisemit und selbsterklärter „Verlierer“: der Attentäter Stephan B.
Anschlag in Halle
Antisemit und selbsterklärter „Verlierer“: der Attentäter Stephan B.

Er hasst Juden und wollte ursprünglich eine Moschee angreifen: Der Attentäter von Halle versuchte ...

 mehr »

In Niedersachsen sei es üblich, dass Synagogen auch an Feiertagen nicht geschützt würden, sagte Katarina Seidler. Die Vorsitzende des liberalen Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen erklärte, das Innenministerium schätze die Gefahr nicht als konkret ein. „Das kann ich nicht nachvollziehen“, sagte Seidler. „Meine Geduld ist langsam am Ende.“ In Bremen stelle sich die Situation anders dar, betonte Grigori Pantijelew. Der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bremen sagte, es sei „eine Selbstverständlichkeit“, dass die Synagoge bei Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen unter Polizeischutz stehe. „Unter den heutigen Umständen geht das nicht anders“, sagte Pantijelew. „Das ist der traurige Alltag für uns.“ Immer wieder denke man auch darüber nach, einen zusätzlichen privaten Wachdienst zu engagieren. Für die Bremer Gemeinde sei das aber trotz der mehr als 1000 Mitglieder zu teuer.

Mehr zum Thema
Interview mit Henryk M. Broder: „Antisemitismus ist nicht heilbar“
Interview mit Henryk M. Broder
„Antisemitismus ist nicht heilbar“

Der jüdische Publizist Henryk M. Broder findet, die klassische deutsche Definition von Judenhass - ...

 mehr »

In Bremen wurden 2018 laut Verfassungsschutzbericht 15 antisemitische Straftaten registriert. 2017 waren es 17 und im Jahr davor sechs. Bei den meisten Fällen handelte es sich um Gebäude- und Sachbeschädigungen sowie Schmierereien an Hauswänden mit antisemitischem Inhalt. Tätliche Übergriffe sind laut Innenbehörde aus den vergangenen Jahren in Bremen nicht bekannt. Sie habe auch daher das Gefühl, Bremen sei „eine Insel, wo man sich noch sicher fühlen kann“, sagte Elvira Noa, Vorsitzende der Bremer Gemeinde. Bremen sei aber auch nicht aus der Welt. „Was in der Nachbarschaft passiert, berührt uns genauso“, sagte Noa mit Blick auf den Anschlag in Halle. „Das Angstgefühl wird größer.“

Vorbereitung auf mögliche Übergriffe

Das bestätigte auch Arkady Gringaus, Sprecher von Makkabi Bremen, einem jüdischen Sportverein, der etwa 50 Mitglieder zählt. „Wir haben auf Wunsch von jüngeren Mitgliedern zuletzt versucht, Kampfsport in unserem Verein anzubieten“, sagte Gringaus. „Die Mitglieder wollten sich auf mögliche Übergriffe vorbereiten, um sich dann entsprechend verteidigen zu können.“ Die Umsetzung sei bislang allerdings gescheitert, weil man sich den dafür nötigen Trainer nicht leisten könne.

Es mache sie fassungslos, dass Juden in Deutschland „wieder Angst um ihr Leben haben müssen“, sagte Henrike Müller. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Bremer Grünen betonte: „Es muss endlich realisiert werden, dass antisemitische Angriffe keine Einzeltaten von Einzeltätern sind.“ Auch Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff (CDU) sagte, er sei fassungslos darüber, „wie sehr sich rechtsextremistischer Terror in unserer Gesellschaft breitmacht”. Sofia Leonidakis, Vorsitzende der Bremer Linksfraktion, warf der AfD vor, dem Angriff mit hetzerischen Inhalten den Boden bereitet zu haben. Sie sagte: „Rechtsterrorismus gegen Jüdinnen und Juden schließt an den gesellschaftlichen Rechtsruck an und wird befeuert von Faschisten wie Björn Höcke und seiner Partei.“

Mehr zum Thema
Kommentar über Antisemitismus in Deutschland: Jüdisches Leben in Deutschland schützen
Kommentar über Antisemitismus in Deutschland
Jüdisches Leben in Deutschland schützen

Die Bundesrepublik hat den Juden in Deutschland das Versprechen gegeben: Wir beschützen Euch. ...

 mehr »

Das betonte auch Pedro Benjamin Becerra. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst sagte, der Anschlag sei ein Produkt des politischen Klimas im Land. Becerra sprach von einer „ganz neuen Gefahrenlage“. Man habe es „wahrscheinlich mit Neonazi-Schläfern zu tun, die jetzt aufstehen und losgehen“. In Delmenhorst sei der Zugang zur Synagoge abgezäunt, die Tür stets verschlossen. „Bei uns kann auch niemand einfach so eindringen“, sagte Becerra. Dennoch erwarte er nun eine Antwort des Staates auf den Anschlag in Halle.

Er habe das Gefühl, „dass die Gesellschaft zerbröselt“, sagte Grigori Pantijelew. Die Mitte der Gesellschaft sei in „eine gefährliche Bequemlichkeit“ verfallen, auch gegenüber den Menschen jüdischen Glaubens. Viele Deutsche wüssten zwar, wo sie Stolpersteine finden, seien aber noch nie in einer Synagoge gewesen und hätten wenig Ahnung davon, wie Juden in ihrer Nachbarschaft leben. „Das Gegenmittel heißt Empathie“, sagte Pantijelew. „Denn was nützt uns das Erinnern an die Untaten der Nazizeit, wenn wir das Wissen heute nicht anwenden?“


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 16 °C / 11 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Nebel.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Berichte aus den Bremer Stadtteilen
Sehen Sie in dieser Bildgalerie, wie facettenreich Bremens Stadtteile sind.
Was ist los in meiner Nachbarschaft? Welche Veranstaltungen finden in meinem Ortsteil statt und welche Debatten führen die Beiräte auf Stadtteilebene? Hier geht es zu den Inhalten des STADTTEIL-KURIER.
Entdecken Sie das historische Bremen
... die Teerhofinsel zu sehen.

Ob Bahnhof, Marktplatz, Weserstadion oder Schlachte: Das Bremer Stadtbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Wir berichten über vergessene Bauten, alte Geschichten und historische Ereignisse.

Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Aktueller Mittagstisch in Bremen
Traueranzeigen
job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Sonderthemen aus den Stadtteilen
Sonderthemen aus den Stadtteilen
Anzeige