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Ein „Dammbruch“ für Eltern
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Protest gegen größere Kita-Gruppen

Frank Hethey 06.11.2017 2 Kommentare

Diese Garderobe könnte in Zukunft noch voller sein.
Diese Garderobe könnte in Zukunft noch voller sein. (dpa)

So richtig auf der Palme sind die Eltern des Kindergartens Fritz-Gansberg-Straße. Der Grund ihrer Empörung: die wenig verlockende Aussicht auf bald 21 statt 20 Kinder in den Gruppen ihrer Kita. In einem offenen Brief an Bürgermeister Carsten Sieling und Bildungssenatorin Claudia Bogedan (beide SPD) kritisieren die Eltern die mögliche Aufstockung als „Dammbruch“. „Diese Maßnahme ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, heißt es in dem Schreiben. Mit einer Demonstration auf dem Marktplatz wollen die Eltern am kommenden Mittwoch um 14 Uhr ihren Unmut auf die Straße tragen.  

Für die Eltern stellt sich die Aufstockung als neuester Höhepunkt in einer langen Kette bildungspolitischer Fehlleistungen dar. „Das Problem ist bekannt und alt, Jahr für Jahr werden Eltern mit der Betreuung ihrer Kinder allein gelassen“, lautet der zentrale Vorwurf. Spätestens seit 2014 sei klar, wie viele Kinder in die Kindergärten kämen. Doch es sei versäumt worden, frühzeitig gegenzusteuern. Statt Personal einzustellen und für mehr Kita-Plätze zu sorgen, sei die Arbeit „bis zur Überlast verdichtet“ und „die bauliche Substanz der Kitas über die Maßen gedehnt“ worden – eine „Salamitaktik der ‚Effizienz‘“, kritisieren die Eltern. Dabei gehe es der Politik vor allem um eine günstige Lösung. Die Folge: „Wir bewegen uns von einer qualifizierten Betreuung und Förderung der Kinder weg und hin zu ihrer mehr schlechten als rechten Aufbewahrung."

Aufforderung zur Benennung von Einrichtungen

Noch im Spätsommer sah es so aus, als könnte das Land Bremen vielleicht ohne Aufstockung über die Runden kommen. Wurden doch 1000 neue Plätze in Mobilbauten geschaffen, um den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz zu erfüllen. Nur als „Notlösung“ trat ab August eine befristete Sonderregelung in Kraft. Nach der soll es den Kita-Trägern bis zum 31. Juli 2021 per geänderter Richtlinie möglich sein, die Gruppenstärke von 20 auf 21 Kinder zu erhöhen. „Die Aufstockung sehen wir aber nur als letztes Mittel an“, sagt die Sprecherin der Bildungsbehörde, Annette Kemp.

Dieses „letzte Mittel“ dürfte nun zur Anwendung kommen. Wie viele Kinder auf diese Weise untergebracht werden müssen, ist noch offen. Kemp verweist auf noch nicht abgeschlossene Erhebungen in den Kitas, erst in der kommenden Woche sei mit gesicherten Zahlen zu rechnen. „Es werden aber nicht so viele Anmeldungen sein wie im vergangenen Jahr“, sagt sie. An Spekulationen über die Zahl der noch fehlenden Plätze will sie sich nicht beteiligen. Als wahrscheinlich gilt aber eine „Versorgungslücke“ im niedrigen dreistelligen Bereich. Den Vorwurf, vorliegende Zahlen zu ignorieren, will sie nicht gelten lassen. „Wir können sagen, wie viele Kinder es in Bremen gibt. Aber nicht, wie viele in den Kitas angemeldet werden.“ Das sei „ganz schwer abzuschätzen“, weil Kleinkinder ganzjährig angemeldet werden könnten, sobald sie das erste Lebensjahr vollendet hätten.

Senatorin für Kinder und Bildung: Claudia Bogedan.
Senatorin für Kinder und Bildung: Claudia Bogedan. (Karsten Klama)

Bereits vor einiger Zeit hat die Behörde die verschiedenen Kita-Träger aufgefordert, Einrichtungen zu benennen, in denen eine Aufstockung denkbar sei. Dieser Aufforderung ist die Kita Bremen nun als erster Träger nachgekommen. Insgesamt fünf Kitas kommen laut Geschäftsführer Wolfgang Bahlmann für größere Gruppen infrage, neben der Kita Fritz-Gansberg-Straße auch die Kita Neustadtswall. Die drei anderen Einrichtungen wollte er nicht benennen, sie seien aber informiert worden.

Wenig Vertrauen in die Behörde

Haben sämtliche Träger ihre Kapazitäten gemeldet, liegt der Ball wieder bei der Behörde. Es ist dann an ihr zu entscheiden, welche Kitas für eine Aufstockung infrage kommen. Bahlmann zufolge steht der Kita Fritz-Gansberg-Straße frühestens ab Jahresanfang eine höhere Belegung bevor – „wenn überhaupt“. Dennoch müssten sich die einzelnen Kitas auf Aufstockungen gefasst machen. „Keines unserer Häuser kann sich sicher sein, ob es im ersten oder zweiten Jahr der Sonderregelung nicht auch betroffen ist“, sagt Bahlmann.

Deutlich besser sieht die Lage im niedersächsischen Umland aus. Nach Landesvorgabe sind bei Kindergartengruppen von 25 Kindern mindestens zwei Betreuungskräfte erforderlich, bei unter Dreijährigen kommen auf 15 Kinder sogar zwei bis drei Erzieher oder Erzieherinnen. Die Stadt Osterholz-Scharmbeck verfügt laut Susanne Fedderwitz, Fachbereichsleiterin Bildung und Erziehung, sogar über einen noch besseren Betreuungsschlüssel, weil bei den unter Dreijährigen mindestens zwei Betreuungskräfte für zehn Kinder zuständig sind.   

Wenig Vertrauen hat Katharina Schön in die Verlautbarungen der Behörde. Die Mutter einer Dreijährigen in der Kita Fritz-Gansberg-Straße hält die zeitliche Begrenzung der Aufstockung für Augenwischerei. „Es hat schon so oft angebliche Übergangslösungen gegeben, die dann für immer geblieben sind“, sagt sie. Bei der Vielzahl von unter Dreijährigen sei eine angemessene Betreuung nicht mehr zu gewährleisten. Sie fordert eine „echte und nachhaltige Lösung“, die allen Akteuren gerecht werde und dem "Wohl unserer Kinder“ dient. Dafür will sie am Mittwoch auf die Straße gehen.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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