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Gegen Reformationstag als Feiertag
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Protestaktion: Ein nackter Luther auf dem Bremer Marktplatz

Alice Echtermann 01.03.2018 2 Kommentare

Ein exhibitionistischer Luther auf dem Marktplatz: Mit dieser Aktion wollen die Veranstalter gegen eine Einführung des Reformationstages als Feiertag protestieren.
Ein exhibitionistischer Luther auf dem Marktplatz: Mit dieser Aktion wollen die Veranstalter gegen eine Einführung des Reformationstages als Feiertag protestieren. (Alice Echtermann)

Überlebensgroß ragt Martin Luther auf einem Sockel mitten auf dem Bremer Marktplatz. Wie ein Exhibitionist öffnet er seinen schwarzen Mantel, darunter ist er völlig nackt. Auf dem Mantel prangt vorne das Zitat "Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt" des Philosophen Karl Jaspers, und auf dem Rücken steht geschrieben, wie Luther gegen die Juden vorgehen wollte: ihre Synagogen verbrennen, ihre Häuser zerstören, sie zur Zwangsarbeit zwingen. 

"Provokation muss sein", sagt Maximilian Steinhaus von der Giordano-Bruno-Stiftung, die die Statue am Donnerstagvormittag aufgestellt hat. In Bremen, wie auch in drei weiteren norddeutschen Bundesländern, soll der Reformationstag, der 31. Oktober, als Feiertag eingeführt werden. Hamburg und Schleswig-Holstein haben den neuen Feiertag bereits beschlossen, und auch die Bremische Bürgerschaft hat sich am 21. Februar in erster Lesung mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen. Der endgültige Beschluss steht jedoch noch aus, so wie auch in Niedersachsen. 

Die Demonstranten auf dem Marktplatz wollen den Reformationstag nicht als Feiertag akzeptieren. Auch zwei Organisationen aus Bremen haben sich der Aktion der Giordano-Bruno-Stiftung angeschlossen: der Humanistische Verband Bremen und der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten Bremen. Der nackte Luther solle die Bremer zum Nachdenken anregen, ob der Reformationstag der richtige Anlass für einen weiteren Feiertag sei, sagen sie. Es gebe schließlich viele nicht-religiöse Alternativen. "Brauchen wir wirklich noch einen christlichen Feiertag, wenn die Zahl der Christen in Deutschland abnimmt?", fragt Steinhaus. Es komme bei solchen Tagen ja auch auf die Symbolwirkung an. 

Die Statue soll auf Martin Luthers Judenfeindlichkeit aufmerksam machen.
Die Statue soll auf Martin Luthers Judenfeindlichkeit aufmerksam machen. (Alice Echtermann)

Aktion in mehreren Städten

Die Lutherstatue wurde nicht eigens für die Aktion in Bremen geschaffen: Anlässlich des Lutherjahres 2017 fuhren die Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung bereits mit der Skulptur durch Deutschland. Als Protest gegen den geplanten Feiertag in den norddeutschen Bundesländern stand sie bereits in Hamburg (27.2.) und Kiel (28.2.). Die nächste Station ist am Freitag, 2. März, in Hannover.

Nebenbei sammelt die Stiftung, die nach eigenen Angaben für Humanismus und Aufklärung eintritt, bei ihren Aktionen auch Spenden. Man vertrete einen "evolutionären Humanismus", heißt es auf der Webseite – man glaube an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Benannt ist die Stiftung nach dem italienischen Priester Giordano Bruno, der 1600 durch die kirchliche Inquisition verbrannt wurde. 

Die scharfe Religionskritik erregt auch auf dem Bremer Marktplatz die gewünschte Aufmerksamkeit. Viele Passanten bleiben sichtlich irritiert stehen. Ein älteres Ehepaar wirft einen Blick auf den Stand mit Flyern der Stiftung. In der Sache sei das alles über Luther ja bekannt, sagt der Mann. Er sei evangelisch, seine Frau sei nicht in der Kirche. Beim Lutherjahr hätten sie sich schon mehrfach über die Geschichte Martin Luthers informiert. Die Art der Darstellung der Statue stört die beiden, die zu Besuch in Bremen sind. "Ich finde das nicht angemessen", sagt der Mann. "Da werden Dinge aus dem Zusammenhang gerissen." Die judenfeindlichen Aussagen Luthers müssten im geschichtlichen Kontext gesehen werden. Es sei völlig in Ordnung, zum Nachdenken anzuregen - "aber das hier verletzt sicher viele Menschen".

Die Polizei Bremen nimmt die Personalien von Organisator Maximilian Steinhaus von der Giordano-Bruno-Stiftung auf.
Die Polizei Bremen nimmt die Personalien von Organisator Maximilian Steinhaus von der Giordano-Bruno-Stiftung auf. (Alice Echtermann)

Eine Polizeistreife nimmt die Personalien von Maximilian Steinhaus als Organisator auf. Die Stimmung ist leicht gereizt; man müsse die Situation ja nicht eskalieren lassen, sagt der Polizist. Die Stiftung habe die Aktion ordnungsgemäß angemeldet, versichert Steinhaus. Die Polizei Bremen bestätigt das später auf Nachfrage. Bei Demonstrationen sei es üblich, dass die Veranstalter noch einmal kontrolliert würden, sagt ein Polizeisprecher. Ihm sei nicht bekannt, dass es Beschwerden über die Aktion gegeben habe.

Nach einer kurzen Diskussion ist die Situation auf dem Marktplatz dann auch geklärt; die Demonstranten und der nackte Luther bleiben. "Die Polizei schickt später noch eine Schutzstreife vorbei, um zu verhindern, dass es zu Tumulten kommt", sagt Steinhaus mit einem Lächeln. Bis mindestens 19 Uhr wolle man noch ausharren und mit den Bremern darüber diskutieren, ob nicht doch ein anderer Feiertag besser wäre als der Reformationstag. Zum Beispiel der Tag der Menschenrechte - oder auch der Frauentag. 

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Leserkommentare
suziwolf am 23.10.2019 17:47
Diese
,langsame und (auch) demonstrierende‘ Dame
war sich sicherlich darüber im Klaren,
dass 15km/h für einen 🚴🏿‍♀️ ganz schön ...
FloM am 23.10.2019 17:45
"Da sind wir wir letztlich recht nah beieinander"
Häufig ist das so, wenn man erst mal mehr als 140 Zeichen miteinander ausgetauscht hat ...
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