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Abschied vom Überseemuseum
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Roder: „Ich wollte keine Überpädagogisierung“

Volker Kölling 22.04.2017 0 Kommentare

Hartmut Roder
Hartmut Roder an dem Ort, an dem er sich 26 Jahre lang sehr wohlgefühlt hat: im Überseemuseum. Besonders gerne erinnert er sich an die Piraten-Ausstellung. (Christina Kuhaupt)

So kurz vor der Außerdienststellung von Ihnen am Bremer Überseemuseum – was waren in der Rückschau die tollsten Momente?

Hartmut Roder: Das waren die Gesellenstücke, die Lehrstücke. Das war schon etwa im Jahr 1996: Ich habe hier im Hause die Ursprungsausstellung, die das Überseemuseum 1896 bekannt gemacht hat, hier rekonstruiert, „Hansestadt am Fluss“ mit vormals 300 Exponaten ist jetzt auf 30 000 Exponate angewachsen. Und das in einer Art und Weise, die es so bis dahin noch nie gegeben hatte. Die Objekte stehen vorne. Es sollte keine Leselast, sondern eine Sehlust sein. Das war auch der Durchbruch für mich.

„Das Exponat nach vorne“ blieb auch ihr Leitmotiv bei der Arbeit, oder?

Ja, ich wollte keine Überpädagogisierung des Angebots. Es ging darum, Deutungsangebote zu machen. Und diese müssen durch die Anordnung und die Collage der Exponate deutlich werden. Texte gehören in den Hintergrund und dienen nur zur Erläuterung des Exponats. Alles andere ist zu viel.  Es ging auch darum, die Leseoperation absichtlich von den Besuchern wegzuhalten. Auf Extrapulten konntest Du dann alles nachlesen.

Diese Art von Schau brachte aber auch böses Blut. Im Fockemuseum bekam man beim Namen Roder zu hören: Der ist nicht wissenschaftlich genug.

Ja, das waren Mitbewerber, die sagten: Der ist zu populär und außerdem gräbt er aufgrund seiner vielfältigen Kontakte in die Bremer Wirtschaft uns möglicherweise das Sponsoren-Wasser ab. Für die Wissenschaftler-Szene war das nicht seriös genug. Und meine Doktorarbeit wollte natürlich von denen auch keiner mehr lesen. Das ist ein Brocken von Wissenschaftlichkeit aus dem Jahre 1982.

Welches Thema hatte die Doktorarbeit?

Der Deutschnationale Gewerkschaftsbund am Ende der Weimarer Republik, sprich: Warum haben die liberalen und konservativen bürgerlichen Parteien mit ihren Arbeitnehmerflügeln damals den Nationalsozialismus nicht verhindert. Das war die Kardinalfrage für mich. Ich bin dabei besonders der nichtsozialistischen Arbeiterbewegung nachgegangen.

Der junge Roder war politisch ein ganz schön linker Vogel, oder?

Natürlich, der junge Roder kommt aus der 68er-Bewegung. Ich komme aus der Ecke des AUSS, des Aktionszentrums Unabhängiger Sozialistischer Schüler. Das war bei uns in Flensburg die Gruppe, die alle möglichen Aktionen durchführte, auch Streiks. Wir schafften es damals, dass auch die Wirtschaftsgymnasien voll anerkannte Abiture bekamen. Es war eine Umbruchzeit.

Da kommt ein junger Doktor – in Bremen als Historiker promoviert – frisch von draußen und wirft einen Blick auf die Strukturen dieser Stadt. Ich habe ein typisches Roder-Zitat aus einem Vortrag noch im Kopf: Diese Stadt ist wegen ihrer geringen Größe und mangelhafter Strukturen nie in der Lage gewesen, wirklich qualifizierte Eliten hervorzubringen. Hört sich wissenschaftlich an, ist aber doch eine schallende Ohrfeige für das Establishment hier, oder?

Ein wenig vielleicht, aber es ist so banal: Der Elitentausch im 19. und 20. Jahrhundert hier war unglaublich gering. Man lebte in seinem eigenen Mief, kochte in seinem eigenen Saft, heiratete nur untereinander. Und das hat Bremen zum ständigen Zuspätkommer gemacht: Zu spät die Weserkorrektion, zu spät der Anschluss an den Deutschen Zollverein, zu spät Hafenbau und so weiter und so weiter. Das war ja ein herrschaftliches Kalkül der damals herrschenden Kaufmannselite, die gleichzeitig Senatoren waren. Die haben jeweils gesagt: Das brauchen wir nicht. Wir brauchen hier keine Verarbeitung, keine Loco-Quote. Wir holen die Waren hier rein und sie gehen gleich wieder raus. Alles andere kostet Geld.

Bremen – eine Elendsecke? Wie kommt es dann, dass Sie so lange hiergeblieben sind?

Nein, so schlimm war und ist es wahrlich nicht. Diese Stadt hatte immer auch eine liberale und experimentierfreudige Seite mit entsprechend tollen Leuten und ist ja eigentlich auch sehr reich. Für mich gab es interessante und reizvolle Aufgaben. Ich war noch fünf Jahre an der Hochschule Bremen im Fachbereich Allgemeine Wissenschaften mit dem Spezialgebiet „Schiffbau und Schifffahrtsgeschichte“. Wir machten Ausstellungen und ich lernte, Bücher zu schreiben. Dabei habe ich schon immer für den Leser geschrieben. Ein Wissenschaftler muss doch in drei Sätzen sagen können, worum es geht und die dann gerne auch noch einmal in 30 Sätzen erläutern und dazu in 300 Sätzen vertiefen können.

Und es kamen auch regelmäßig 300 Sätze?

Ja, die wissenschaftliche Gemeinde hier hat mich immer mal wieder gefragt, ob ich zum Beispiel für das Bremische Jahrbuch oder das Jahrbuch der Wittheit etwas schreibe, aber ich war sehr sparsam. Diese Einstellung war aber auch mein Link zum Museum: Früher gingen da neben den stolzen Bremer Patrioten nur die paar Menschen mit Abitur rein. Heute machen fünfzig Prozent der Schüler Abitur, aber sie kommen nicht mehr auf dieses Niveau. Und außerdem muss ich auch aufgrund der vielfältigen Informationsmöglichkeiten Ausstellungen, Programme, Events und so weiter für alle anbieten. Das heißt: Ich muss in den Ausstellungen populär bleiben, ich muss Informationen ausdünnen und entsprechend zielgruppengerecht aufbereiten. Ich habe eine „Catch All“-Situation: Ich will möglichst viele ansprechen und einfangen. Und das war genau mein Ding.

Stichwort Ausstellungen – welche haben Ihnen eigentlich am meisten Spaß gemacht?

Die Ausstellungen von Schokolade, über Wein und über Bier. Die Resonanz der Bürger war enorm. Ich habe in den vergangenen 17 Jahren wohl die meistbesuchten Ausstellungen hier gemacht: Piraten etwa mit 185 000 Besuchern. Da war für mich ein Wendepunkt, weil ich von dem Zeitpunkt an zunehmend in den Medien präsent war – bis heute. Dann kam Schokolade. Das hat auch deshalb wie Wein und Bier viel Spaß gemacht, weil wir diese Ausstellungen mit den bremischen Unternehmen zusammen auf die Beine gestellt haben. Die waren unterschiedlich engagiert, gaben mal Ausstellungsstücke, aber immer machten sie die Programme von uns mit. Und das machte die Idee aus: Ein Museum fokussiert mal etwas, aber wir gehen dann eben auch in die Betriebe und gucken uns dort um. Das ist ein anderer Ansatz, als ihn die Museen heute wieder pflegen, die sich meist reduzieren auf ihre Ausstellungshallen.

Klingt nach Kritik an der jetzigen Konzeption des Übersee-Museums.

Ich verfolge einen erweiterten Ansatz auch für dieses Haus. Wir sind ein Übersee-Museum. Das dürfen wir niemals vergessen. Wir sind hier kein regionales bremisches Lokalmuseum. Dann müsste und dürfte ich nur die bremischen Probleme thematisieren. Ein Übersee-Museum muss sich die Fragen der Welt und globalen Prozesse zum Thema machen – auch, um den Bürgern die Ängste etwa vor Migration zu nehmen und sie hinter die Kulissen schauen zu lassen.

Zur Person

Hartmut Roder wurde am 25. Oktober 1951 in Bad Oldesloe geboren und wuchs in Gelting an der Flensburger Förde auf. Er studierte in Kiel, machte den Doktor in Geschichte in Bremen und kam vor 26 Jahren als Leiter der Abteilung Handelskunde zum Bremer Übersee-Museum. Roder ist in zweiter Ehe verheiratet mit der Schauspielerin, Sängerin und Entertainerin Mary C. Bernet. Roder hat aus seiner ersten Ehe eine erwachsene Tochter.

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Leserkommentare
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
onkelhenry am 19.10.2019 17:00
Hallo @Suzi ....

Was Sie da immer so verstehen ;-)

Das erklärt auch, warum Sie so oft falsch liegen!

Ja zu ...
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