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Entwicklung der Bremer Innenstadt
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Senatsbaudirektorin Iris Reuther hat einen Plan

Jürgen Hinrichs 12.11.2017 20 Kommentare

Stadtrundgang mit Senatsbaudirektorin  Dr. Iris Reuther
Senatsbaudirektorin Iris Reuther erklärt den Brill der Zukunft. Im Hintergrund Chefreporter Jürgen Hinrichs. (Frank Thomas Koch)

Die Senatsbaudirektorin verspätet sich, das ist nicht schön, hat aber einen guten Grund, wie sich herausstellt. Als Iris Reuther ins Foyer kommt, um ihre Gäste zu begrüßen, mit denen sie sich zu einem Gang durch die Innenstadt verabredet hat, trifft dort wenig später ein Mann ein, der gerade noch mit ihr zusammengesessen hat und den sie offenbar nicht brüsk verabschieden wollte.

Es ist Kurt Zech, und das passt in diesem Moment so gut, dass es schon kurios ist. Mit Zech, hat man das Gefühl, steht und fällt alles, wenn in den nächsten Monaten über die Zukunft der Innenstadt entschieden wird. Er plant dort Großes, den Kern im Kern, die City-Galerie.

Ein kurzer Gruß, „Hallo, Herr Zech!“, und ein schnelles „Auf Wiedersehen“, denn nun soll es losgehen: Mit der Senatsbaudirektorin von ihrem Dienstsitz im Siemenshochhaus zu den neuralgischen Punkten der City. Eine Bestandsaufnahme und der Blick in die Zukunft, die so spannend werden könnte, wie lange nicht mehr in Bremen.

Vom Guten nie genug

Der Senator fürs Große und Ganze, als politischer Kopf der Behörde. Sein Bau-Staatsrat für die Verwaltung. Und die Senatsbaudirektorin für die konkrete Planung, für Gesicht und Anmutung der Stadt. So ungefähr ist die Aufgabenteilung. Iris Reuther kann deshalb am besten sagen, welche Linie Bremen bei der Stadtentwicklung verfolgt.

Sie hat einen Plan, muss einen haben, geht genauso aber auch ins Detail. Hier zum Beispiel, das Haus an der Ecke von Bahnhofstraße und Herdentorsteinweg. Ein Bau des Berliner Architekten Max Dudler. Sandstein, schmale Fenster, strenges Raster. Ein typischer Dudler. Famos, findet Reuther.

Dass auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit dem Contrescarpe-Center ein Gebäude mit ähnlichen architektonischen Bezügen steht und in Sichtweite vor dem Bahnhof noch eines dieser Ausprägung aus dem Boden wächst, ein zweiter Dudler-Bau, stört sie nicht, im Gegenteil: Vom Guten nie genug.

„Wir erleben jetzt schon, wie sich der Neubeginn auf dem Bahnhofsvorplatz positiv auf die Umgebung auswirkt“, sagt die Senatsbaudirektorin. Hauseigentümer drumherum, die nicht zurückbleiben wollen und selbst Geld in die Hand nehmen. Für eines der Gebäude am Breitenweg gibt es bereits konkrete Pläne, erzählt Reuther.

Es soll aufgestockt werden, nicht, um weitere Büros unterzubringen, sondern damit dort gewohnt werden kann. Wohnen mitten in der Stadt, großes Thema, lange vernachlässigt, jetzt steht es auf der Agenda. In der City ist dann auch nach Ladenschluss noch Leben und mehr Menschen als bisher können sich den Wunsch erfüllen, möglichst zentral zu wohnen.

„Ein Boulevard wäre schön“

Der Herdentorsteinweg führt ins Innerste der Innenstadt. Mit den Wallanlagen links und rechts ein großartiges Entree, meint Reuther, sagt aber gleichzeitig, dass an der Stelle etwas getan werden muss. Eine neue Ordnung, die mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer schafft. Später wird sie das auch über die Bürgermeister-Smidt-Straße sagen („ein Boulevard wäre schön“) und über die Martinistraße, die zur Weser hin nicht länger als Barriere wirken dürfe.

Stadtrundgang mit Senatsbaudirektorin  Dr. Iris Reuther
Im Plan der Senatsbaudirektorin sind die wesentlichen Punkte markiert. (Frank Thomas Koch)

Während an der Wall-Kreuzung der Verkehr pulst, sinniert Reuther über Mobilität. Autos, ja, immer noch, aber elektrisch angetrieben und in der City nicht mehr auf so vielen Fahrbahnen unterwegs. Fahrräder, ja, immer mehr, „und dann muss man auch über Abstellmöglichkeiten nachdenken“. Ein Blick nach links zum Wall.

Durch die Bäume schimmern die verhängten Fassaden der Brandruinen. Zweieinhalb Jahre her, dass durch das Feuer bei Harms am Wall drei Häuser vernichtet wurden. Abgerissen sind sie bis heute nicht, vom Neubau noch gar nicht zu reden. Kommt es endlich soweit, sieht Reuther die Chance für einen wirksamen Durchstich: eine Passage wie vorher, aber so gebaut, dass sie direkt auf die Museumstraße führt. „Das wäre der kürzeste Weg zum Domshof.“

Historischer Grundriss ist Gold wert

Da sind die Bauten, die Plätze und, fast wichtiger, die Wege. Solche von früher und die von heute. Das mischt und überformt sich, mal zum Guten, mal nicht. „Wenn wir über die Innenstadt nachdenken, müssen wir den historischen Grundriss beachten, der ist Gold wert“, sagt Reuther.

Sie hat einen Plan von der City dabei, besser noch wären jetzt Bauklötze, die kann man verschieben oder sie ganz vom Feld nehmen. Klötze wie das Parkhaus-Mitte, Karstadt, Kaufhof und C&A. Was für Möglichkeiten gibt es bei diesem Wechselspiel, alte Wegebeziehungen aufzugreifen, die damals gut funktioniert haben? Die Pelzerstraße zum Beispiel war ja nicht immer nur ein Stummel.

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Das ist der Hotspot, an dieser Stelle. Hier will Kurt Zech zaubern. Das Parkhaus Mitte abreißen, Karstadt verändern, den Kaufhof auch, und wer weiß, was sich dann noch ergibt. Doch so einfach wird das nicht gehen. Nicht so wie beim Zauberer, der in den Hut greift, und das Kaninchen herauszieht. Abriss und Neubau werden Jahre dauern.

Zech hat zwar gesagt, möglichst schon im Jahr 2021 fertig sein zu wollen, das sollte aber wohl eher dafür sorgen, dass von Anfang an Tempo reinkommt, denn realistisch ist der Termin nicht. So oder so wird es links und rechts von der bisherigen Lloyd-Passage und auch davor und dahinter eine riesige Baustelle geben. Iris Reuther nimmt ein oft benutztes Bild dafür: „Das ist eine Operation am offenen Herzen.“ Nützt ja nichts, sagt sie, „das muss man einmal aushalten“.

Eine ganz andere Prägung für den Lloydhof

Die Senatsbaudirektorin steht auf dem Hanseatenhof und schaut auf das Bremer Carree: „Ein doofes Haus.“ Immerhin werde die Fassade jetzt noch einmal überarbeitet. Unglücklich, findet sie, wie sich das Carree zum Ansgarikirchhof  hin abschottet. Unglücklich auch, wie das der Lloydhof tut, dieses „hässliche Entlein“, sagt Reuther.

„Dieser Platz hat doch Charme, den müsste man ganz anders nutzen.“ Das Bremer Carree hat unlängst einen neuen Eigentümer bekommen, beim Lloydhof steht das kurz bevor. Auch an diesem Ort tut sich also was. Der Lloydhof allein wird eine ganz andere Prägung bekommen, wenn der Investor seine Pläne wahr macht.

Er nennt sein Konzept „Das Lebendige Haus“: Wohnen, Arbeiten, Shoppen und Genießen auf einem anderen Niveau als bisher. Unter anderem sollen Fünf-Sterne-Apartments entstehen, die man für einen Tag, eine Woche oder einen Monat mieten kann.

Eine hohle Gasse

Vor dem Lloydhof, und die Augen nach links. Dort tut sich eine hohle Gasse auf, ein Weg, die Wandschneiderstraße. Kaum jemand, der diesen Durchgang  benutzt, er wird gar nicht richtig wahrgenommen. Schaut man hinein, ist am Ende die Bürgermeister-Smidt-Straße zu sehen, dahinter die historische Fassade des Sparkassengebäudes am Brill.

Stadtrundgang mit Senatsbaudirektorin  Dr. Iris Reuther
Ein Verkehrsmix am Wall, der nach Ansicht von Reuther neu geordnet werden muss. (Frank Thomas Koch)

Neben dem Kaufhaus-Komplex und den Gebäuden am Hanseaten- und Ansgarikirchhof ist das der dritte Pol der geplanten Entwicklung. Die Sparkasse verlässt den Standort und gibt ihn für eine andere Nutzung frei. Der vierte Pol wird das sein, was der Unternehmer Christian Jacobs im Bereich Obernstraße und Langenstraße vorhat.

Am Stammsitz der Bremer Kaffee-Dynastie wird abgerissen und neu gebaut, in wenigen Monaten schon. Es entsteht der Jacobshof. Hinzu kommt die historische Stadtwaage, für die Jacobs ein Restaurant plant. Am Kontorhaus auf der anderen Seite der Langenstraße ist er auch dran.

Bäume und Geschäfte links und rechts

Und dann ist es ja nicht mehr weit bis zur Weser, gar nicht weit – schwupps ist man drüber hinweg, am Eingang zur Neustadt. Dort hat Jacobs zusammen mit dem Projektentwickler Justus Grosse den bisherigen Sitz von Mondelez erworben, darunter auch den Büroturm. Das ist dann schon der fünfte Pol.

Aber gemach, jetzt ist beim Spaziergang gerade noch die Bürgermeister-Smidt-Straße dran. „Meine Lieblingsstraße“, betont Reuther. Nicht, weil sie so schön ist, denn das ist sie nicht. Sondern weil sie Potenzial hat. „Die kann man zu einer guten Stadtstraße machen.“ Für beide Richtungen nur noch eine Fahrspur, stattdessen mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer.

Gerne auch ein paar Bäume und Geschäfte links und rechts. Ein Boulevard eben. Eine Haltestelle noch für die Straßenbahn, dort, wo die Wandschneiderstraße zum Ansgarikirchhof führt – und schon, sagt Reuther, hätte man an der Stelle einen schönen Lauf. Für das Areal der Sparkasse stellt sie sich einen Mix aus Wohnen, Büros und Läden vor; kein City-Center, bewahre!

Eine iIsko im Tunnel

Der Brill könnte von einem Verkehrsknotenpunkt zu einem Platz werden. Und dann wäre es vielleicht mal soweit: eine vernünftige Anbindung zum vernachlässigten Stephaniviertel. „Wenn man die Augen zukneift, kann man sich den Brill als einen schönen Ort vorstellen, er hat diese Möglichkeiten.“ Im Tunnel, den es noch gibt und der nur eingemottet wurde, eine Disko, das wär‘s, geplant war das ja schon mal: „Cool!“, sagt Reuther.

Wenn man an der Kreuzung die Augen wieder aufmacht, blickt man zur einen Seite in die Martinistraße. „Die ist wichtig für die Erreichbarkeit der Innenstadt, gleichzeitig aber auch ein Hindernis.“ Stadt am Fluss, das alte Motto der Stadtplaner, die Martinistraße macht es kaputt. „Wir brauchen mehr und bessere Übergänge zur Schlachte, am besten gleich ganze Korridore.“

Das Gebiet anders denken, weg von der Straße. Es zu dem machen, was die Senatsbaudirektorin „Martinivorstadt“ nennt. Ein Schlüssel dafür könne die Entwicklung des Pressehauses sein. Pläne dafür kursierten bereits. Noch so ein Thema, ein letztes, dann ist der Spaziergang vorbei.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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