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Trauma nach der Flucht

Sabine Doll 01.11.2018 0 Kommentare

Olaf Woggan
Olaf Woggan. (Christina Kuhaupt)

Krieg, Folter und Tod – viele Geflüchtete, die nach Deutschland gekommen sind, haben unterschiedlichste Formen von Gewalt in ihren Herkunftsländern erlebt. Die Folgen dieser Erfahrungen führen sehr häufig zu Traumatisierungen, die sich als körperliche oder psychische Beschwerden bemerkbar machen. Das Wissenschaftliche Institut der Krankenkasse AOK (Wido) und die AOK Bremen/Bremerhaven haben jetzt erstmals umfassende Daten zum Gesundheitsstatus von geflüchteten Menschen erhoben und ausgewertet.

Die Ergebnisse des Wissenschaftlichen Instituts basieren auf einer Befragung der Betroffenen – die Zahlen der Krankenkasse im kleinsten Bundesland stammen aus der Versicherten-Statistik: „Die AOK Bremen/Bremerhaven ist die einzige Krankenkasse, die reale Daten zum Gesundheitsstatus von Geflüchteten über solch einen langen Zeitraum hat“, betont der Vorstandsvorsitzende der Kasse, Olaf Woggan, im Gespräch mit dem WESER-KURIER.

Mehr als drei Viertel aller Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak sind danach gleich mehrfach traumatisiert, wie das Wido in der bundesweiten Befragung von 2021 Menschen mit Fluchthintergründen erhoben hat. Im Vergleich zu Geflüchteten ohne Gewalterfahrungen gibt diese Gruppe mehr als doppelt so häufig körperliche und psychische Beschwerden an.

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Diese reichen etwa von Unruhe, Mutlosigkeit, Bedrückung, Schlafstörungen und Erschöpfung bis hin zu Rückenleiden oder Kopfschmerzen. Rund 75 Prozent der Befragten ab einem Alter von 18 Jahren berichteten, Gewalt in unterschiedlichen Formen persönlich erlebt zu haben. Bei rund 60 Prozent waren das Kriegserlebnisse, bei rund 40 Prozent Angriffe durch Militär oder Bewaffnete – bei jedem Dritten sind Angehörige oder nahestehende Menschen verschleppt worden, verschwunden oder gewaltsam ums Leben gekommen. Ein Drittel berichtete über mehr als drei Traumata. „Nur weniger als ein Viertel der Gefragten hat keine dieser traumatischen Erfahrungen selbst erlebt“, gibt der Report wieder.

Das hat Folgen für den Gesundheitszustand der Menschen: Die AOK Bremen/Bremerhaven hat die Diagnose-Daten von 8644 geflüchteten Frauen und Männern, die von 2014 bis 2016 von der Krankenkasse anlässlich  des „Bremer Modells“ betreut wurden und 2017 bei der AOK Bremen/Bremerhaven regulär versichert waren, mit den übrigen Versicherten aus dem vergangenen Jahr verglichen: Die Auswertung zeigt, dass der Anteil psychisch bedingter Diagnosen in der Gruppe der Geflüchteten zum Teil deutlich häufiger gestellt wurden als bei den 222 572 übrigen Versicherten aus dem Jahr 2017. Bei „Angst- und Zwangsspektrumsstörungen“ ist der Anteil mit 14,6 Prozent sogar doppelt so hoch (7 Prozent), bei „chronischem Schmerz“ sind es 15 gegenüber 8,8 Prozent und bei „akuten schwerwiegenden Belastungsreaktionen und sonstigen Anpassungsstörungen“ 11,8 zu 6,2 Prozent.

Ärzte und Therapeuten möglichst schnell in Gesundheitssystem integrieren

Woggan: „Die Daten sagen aus, dass sich Folgen von Traumatisierungen in psychisch bedingten Diagnosen widerspiegeln – in dieser realen Auswertung aber nicht in dem Ausmaß, wie es die Befragung nahelegt. Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung werden Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen deutlich häufiger diagnostiziert.“ Was die Statistik vor allem auch zeige: Zivilisationserkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes, die in der übrigen Bevölkerung deutlich häufiger vertreten seien, spielten bei der Gruppe der ehemaligen Asylbewerber eine untergeordnete Rolle. Versicherte mit Fluchterfahrung seien weniger krank – das liege auch daran, dass es sich im Schnitt um jüngere Menschen handele.

Nach der Statistik der Bremer AOK liegt der Altersschnitt in der Gruppe der Geflüchteten bei rund 26 Jahren gegenüber 44 Jahren in der Vergleichsgruppe. Das Gesundheitssystem ist auf die traumatisierten Geflüchteten nur schlecht eingestellt: Die Wartezeit auf eine Psychotherapie liegt im Schnitt ohnehin bei mehreren Monaten, dazu kommen Sprachbarrieren, es fehlt an Geld für Dolmetscher, und spezialisierte Behandlungszentren wie etwa Refugio in Bremen sind voll ausgelastet.

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Der Bremer AOK-Chef hält es für hilfreich, geflüchtete Ärzte und Therapeuten möglichst schnell und gezielt in das deutsche Gesundheitssystem einzugliedern. „Man muss genau hinschauen, wer in welcher Form ausreichend unterstützt werden muss, das ist eine humanitäre Pflicht“, so Woggan. „Sicher benötigt nicht jeder Traumatisierte psychotherapeutische Einzelbehandlung. Entlastend können auch Gesprächsgruppen, Betreuung durch Ehrenamtliche und niederschwellige Angebote sein.“ Strukturen wie ein gesicherter Aufenthaltsstatus, Arbeit, Familie und grundsätzlich stabile soziale Verhältnisse würden sich für viele sicher ebenfalls günstig auf die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse auswirken.

Zur Sache

Bremer Modell

In Bremen können geflüchtete Menschen unbürokratisch zum Arzt gehen und sich bei akuten Erkrankungen behandeln lassen, möglich macht dies das Bremer Modell. Für die ersten 15 Monate erhalten Asylbewerber eine Gesundheitskarte der AOK Bremen/Bremerhaven. Danach oder wenn das Asylverfahren früher abgeschlossen ist, können sie als reguläre Versicherte eine Kasse wählen. Die Ärzte rechnen über die Karte ab, die Kosten werden vom Land übernommen, die Kasse erhält eine Verwaltungskostenpauschale. Für Leistungen wie Reha, Zahnersatz oder Psychotherapie sind nicht enthalten, dafür müssen Anträge gestellt werden. Die Kasse übernimmt zusätzlich die Betreuung von Asylbewerbern in Hamburg. In anderen Bundesländern müssen Asylbewerber zunächst einen Behandlungsschein beim Sozialamt beantragen, um sich medizinisch behandeln lassen zu können. Auch die Behörden haben Vorteile durch das Modell: Sie sparen Kosten für teure Abrechnungssoftware und Personal.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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