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Von Menschen, die fliehen, und Menschen, die helfen

Annette Wagner 19.06.2018 0 Kommentare

Gerettet, aber traumatisiert: Diese Flüchtlinge wurden vor der spanischen Küste aus Booten geborgen und warten nun in Malaga darauf, was weiter mit ihnen passiert.
Gerettet, aber traumatisiert: Diese Flüchtlinge wurden vor der spanischen Küste aus Booten geborgen und warten nun in Malaga darauf, was weiter mit ihnen passiert. (Reuters)

Hier dürfe man Angst haben. „Und es ist ein Ort, an dem man die Angst gemeinsam durchsteht“, beschreibt die therapeutische Leiterin Ingrid Koop den Auftrag des Beratungszentrums Refugio in Bremen. Refugium bedeutet Zufluchtsort. Die Menschen, die hier seit fast 30 Jahren beraten und behandelt werden, sind vor Krieg oder Bürgerkrieg geflohen, haben Verfolgung, Folter und Gewalt erlebt. Um ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten, die seelischen Verletzungen zu heilen, brauchen sie einerseits erfahrene Therapeuten – andererseits Menschen, die ihre Herkunftssprache sprechen und möglichst aus dem eigenen Kulturkreis kommen.

Andererseits ist eine dritte Person im therapeutischen Kontext schwer vorstellbar, wenn es um höchst private und sensible Themen geht. Was bei Refugio einst „als Notlösung, als blanker Pragmatismus“ begann, erkannte Ingrid Koop für die Arbeit mit Geflüchteten bald als heilsames Setting: „Flüchtlinge, die Gewalt erfahren haben, fühlen sich oft herausgefallen aus der menschlichen Gemeinschaft. Andere Menschen haben ihnen Böses angetan. Da ist es grade gut, wenn diese Erlebnisse nicht im Intimen verbleiben. Zu dritt sind wir eine Kleingruppe, die kleinste Form menschlicher Gesellschaft.“

Der erste Schritt zur Rückkehr ins Leben

Gelingt es dem Klienten, diese Dreiergruppe vertrauensvoll anzunehmen, sei der erste Schritt zur Rückkehr ins Leben getan. Die Anwesenheit eines Landsmannes oder einer Landsfrau schafft Vertrauen und ermutigt. Klar ist für die psychologische Psychotherapeutin: „Die Übersetzerinnen bauen Brücken und Vertrauen auf, ich führe Regie im Gespräch.“

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Beide Sprachmittlerinnen wirken herzlich und aufgeschlossen – und sind nicht nur sprachlich, sondern auch biografisch für ihre heikle Aufgabe prädestiniert. Draginja Edle von Schickh erzählt: „Damals kam ich aus dem Krieg in Ex-Jugoslawien nach Bremen. Ich war auch heimatlos. Ich kann mitfühlen. Es war wichtig für mich, dass ich bei Refugio Hilfe bekam. Jetzt bin ich selbst so weit, anderen Menschen zu helfen.“ Senaa Al-Khaffaji, syrisch-irakischer Herkunft, wohnte bis zu ihrem siebten Lebensjahr in Bagdad, hat dort den Krieg zwischen Iran und Irak erlebt: „Ich weiß ganz genau, was Krieg mit Menschen macht, wie als Kind die Angst in einem wächst. Wenn nachts die Kampfflugzeuge kamen, bin ich unter die Kommode gekrabbelt.“ Die Familie floh damals nach Damaskus, vor 20 Jahren zog sie berufsbedingt nach Bremen um.

Wörtlich übersetzt bedeutet Trauma Wunde. Ahmad*, ein aufgeschlossener junger Syrer, erzählt, wie seine Kriegserlebnisse ihn traumatisiert haben. Er lebt erst seit knapp drei Jahren in Bremen, spricht aber fließend Deutsch. Er hat guten Kontakt zu seinen Nachbarn, eine deutsche Freundin, einen internationalen Freundeskreis. Auch Arbeit hat er gefunden: als Nachtwächter in einer Unterkunft für minderjährige Geflüchtete. Nur schlafen kann Ahmad nicht.

Sind bei Refugio Bremen als Sprachvermittlerinnen tätig: Senaa Al-Khaffaji (links) und Draginya Edle von Schickh.
Sind bei Refugio Bremen als Sprachvermittlerinnen tätig: Senaa Al-Khaffaji (links) und Draginya Edle von Schickh. (Annette Wagner)

Seine Worte kommen ungewohnt schroff: „Ihr könnt das nicht verstehen! Krieg heißt nicht nur: Boom – eine Bombe geht hoch! Baff – jemand schießt auf dich. Trauma ist, wenn Menschen plötzlich weg sind, und du konntest dich nicht von ihnen verabschieden.“ Ein guter Freund aus Damaskus sei eines Tages spurlos verschwunden. Ahmad hatte einen kurzen Mittagsschlaf gemacht, überhörte das Handy, als dieser ihn zu erreichen versuchte. „Ich habe ihn zwei Jahre lang überall gesucht. Ohne Erfolg. Ich trage die Schuld in mir, ich komme nicht raus aus dieser schwarzen Box.“

„Ich lebe gerne in Bremen, bin hier angekommen“

Ein halbes Jahr hat Ahmad auf einen Therapieplatz bei Refugio gewartet, im vergangenen Monat hatte er endlich das erste Gespräch. Der Psychologe, ein Deutscher, sei ihm ganz sympathisch. Er erhofft sich Aufschluss über kulturelle Unterschiede, die ihn immer wieder verwirren. Wie verbindlich sind Freundschaften hier in Deutschland? Wann ist jemand ein Freund, wann nur ein Kumpel? So bald es irgendwann um schwierigere Dinge gehe, wolle er einen arabischsprachigen Dolmetscher dabei haben, ob Mann oder Frau, sei egal. „Hauptsache jemand, der mich wirklich versteht. Ich lebe gerne in Bremen, bin hier angekommen. Aber in meiner Heimatsprache fühle und denke ich ganz anders, auf Arabisch bin ich ein anderer Mensch.“

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Sprachmittler in der Therapie müssen kultursensibel und einfühlsam, zugleich aber auch abgrenzungsfähig sein: In der vier Tagesmodule umfassenden Refugio-Fortbildung lernten beide Frauen auch, hochkommende Erinnerungen und Gefühle professionell zur Seite zu stellen. Während sie den Geflüchteten helfen, ihre Geschichte zu erzählen, müssen sie sich selbst schützen. Wenn Draginja Edle von Schickh ein Thema zu nahe geht, wendet sie eine der Techniken aus dem Kurs an: „Ich stelle mir dann eine Glasscheibe zwischen mir und dem Patienten vor. Ich sehe und höre genau hin und übersetze empathisch – aber das Erzählte kann mich nicht verletzten.“

Neben Theorievermittlung gehören auch Selbsterfahrung und Rollenreflexion zur Weiterbildung: Was ist Psychotherapie? Welche Krankheitsbilder führen zu welchen Symptomen? Wie funktionieren Gruppendynamiken und Übertragungsprozesse? Schieflagen im therapeutischen Gespräch müssen sofort korrigiert werden. Ingrid Koop zu den Refugio-Prinzipien: „Wer hier beraten wird, muss sich hundertprozentig darauf verlassen können, dass Neutralität gewahrt wird: bezüglich Weltanschauung, Religion, Parteipolitik, Gleichberechtigung.“

„Dolmetschende sind schließlich keine Sprachcomputer, sondern Menschen“

Nur einmal in den 29 Jahren, die es Refugio Bremen als größtes psychosoziales Beratungszentrum Norddeutschlands gibt, hat Ingrid Koop einen Dolmetscher rausgeworfen: „Der hat mitten in der Therapiestunde angefangen, mit dem Patienten über dessen Scheißpartei zu diskutieren, dass die politisch alles falsch mache. Das geht natürlich gar nicht“. Wenn indes eine Übersetzerin doch mal zu weinen beginnt, während eine Klientin erzählt, wie sie ihr ungeborenes Kind auf der Flucht verlor, weil sie das gleiche Schicksal durchlitten hatte, dann sei das eben so. „Dolmetschende sind schließlich keine Sprachcomputer, sondern Menschen“.

Im Regelfall signalisieren die Übersetzerinnen der Therapeutin diskret, wenn etwas sie persönlich stark irritiert: Dann wechseln sie von der Ich-Form zum distanzierenden „Er sagt gerade, dass ...“. In Senaa Al-Khaffaji regte sich einmal heftiger Widerspruch, als ein Vater sich weigerte, seine Tochter einzuschulen. Der Satz „Mädchen brauchen keinen Schulunterricht“ wollte nicht über ihre Lippen kommen. An anderen Stellen bleibt für sie aufgrund ihrer Herkunft ein Restchen Scham: „Offen über Sexualität zu reden, das ist für Menschen aus der arabischen Welt und mit islamischer Religion nun mal ein empfindliches Thema. Ich übersetze dann zwar Wort für Wort, aber manchmal werde ich noch ein bisschen rot.“

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„Ich habe über die Jahre viel von unseren Sprachmittlern gelernt“, sagt Ingrid Koop, „meine blinden Flecken sind kleiner geworden“. Zwei Dutzend Dolmetscher arbeiten derzeit für Refugio Bremen, Männer und Frauen zu gleichen Teilen. 450 Menschen hat Refugio Bremen 2017 dabei geholfen, seelische und psychosomatische Erkrankungen zu bearbeiten. Tendenziell käme es für den Gesundungsprozess gar nicht so sehr darauf an, wie extrem die Folter oder die Bombardierung war, sondern darauf, wie die Leute aufgenommen werden. Wie geht’s weiter? Wie ist der letzte Abschnitt des traumatischen Prozesses? „Erfahren sie in Bremen äußere Sicherheit, Schutz? Können sie erst mal bleiben? Gibt es tragfähige Beziehungen?“ Für viele Geflüchtete sind Therapeutinnen wie Ingrid Koop und Dolmetscherinnen wie Senaa Al-Khaffaji und Drajina Edle von Schickh die einzigen verlässlichen Menschen.

Auch Hossam*, ein freundlicher, hilfsbereiter Krankenpfleger aus Homs in Syrien, der alleine in einer Wohnung lebt, bräuchte dringend eine Therapie. In einer Notunterkunft half er ehrenamtlich in der Kleiderkammer und kümmerte sich unter anderem liebevoll um die aufgeschürften Knie der herumtobenden Kinder. Die 150 Geflüchteten im Sammellager hatten sich schnell nach Herkunftsstädten, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten gruppiert. Hossam kam – und blieb – allein. Er vermisste seine zehn Geschwister schrecklich, fürchtete andauernd um deren Leben. Inmitten der Menschen im Matratzenlager war er einsam, keiner sprach mit ihm. Wenn die Männer mal einen Lagerkoller bekamen, sprühten sie ihm in der Dusche Deo in die Augen. Hossams Traumatisierung ging nach seiner Ankunft weiter.

Ahmad ist bange vor seiner nächstem Therapiesitzung: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit dem Erzählen. Mit meiner toten Freundin, die 2013 beim Bombenattentat auf die Universität von Aleppo starb, weil sie mich dort besuchen wollte? Oder mit dem verschwundenen Freund?“ Zwei Schicksale, die der traumatisierte Geflüchtete sich schuldhaft anlastet. Ahmads Handy ist jetzt Tag und Nacht an, der Akku immer geladen. Er ist angekommen in Bremen, ist in Sicherheit. Doch seine Seele braucht dringend Hilfe, um zu heilen. Die Brückenbauerinnen von Refugio stehen bereit.

* Namen geändert


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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