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Von Tradition, Frische und Familie

Nicole Schulze-Aissen 03.05.2019 0 Kommentare

Treffpunkt für Jung und Alt: der Wochenmarkt in Geestemünde.
Treffpunkt für Jung und Alt: der Wochenmarkt in Geestemünde. (Nicole Schulze-Aissen)

Über den Konrad-Adenauer-Platz weht der verlockende Geruch von Kaffee und frisch gebackenem Brot. Es ist Sonnabendmorgen, sieben Uhr. Die ersten Frühaufsteher bummeln zwischen den bunten Ständen auf dem Wochenmarkt in Geestemünde und grüßen sich leicht verschlafen. Die Händler sehen wacher aus. Kein Wunder, sie sind schon seit gut zwei Stunden hier, haben ihre Stände aufgebaut und die frische Ware auf den Tischen ausgelegt. Der Markt in Geestemünde ist einer der zentralen Treffpunkte der Region – und das schon seit 1878.

„Good morning, einen Kaffee?“, kommt eine fröhliche Stimme von links. Es ist John Reinhardt, der an seinem Stand hier frischen Kaffee, Brownies und auch belegte Bagel verkauft. Der gebürtige Amerikaner ist seit gut sieben Jahren mit seiner Frau Michaela auf dem Wochenmarkt in Geestemünde und seitdem eine Institution. „Am Anfang mussten wir uns erst mal bei den anderen Händlern und vor allem den Kunden vorstellen“, lacht John unter seiner Wollmütze. „Aber das ist hier wie eine große Familie. Und wenn man erst mal dabei ist, halten alle zusammen.“

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Die Vertrautheit zeigt sofort der laute Ruf vom Stand gegenüber. Obst- und Gemüsehändler Olaf Dietzel hätte genauso gut Marktschreier werden können. Das Talent bringt ihm nicht nur Kunden ein, sondern auch einen Milchkaffee von John Reinhardt: „Hey, wo bleibt mein Kaffee?“ Postwendend macht sich John amüsiert und kopfschüttelnd an seiner Kaffeemaschine an die Arbeit. Olaf Dietzel und sein Bruder Marco sind eng mit dem Geestemünder Wochenmarkt verbunden. Schon seit 1970 verkauft das Familienunternehmen hier vom Apfel über den Spinat, Tomaten und Spargel bis zur Kokosnuss alles. Olaf und Marco Dietzel stehen als zweite Generation in ihren grünen Schürzen an dem langen Stand.

Zwischen den Marktständen wird das warme Sonnenlicht intensiver. Frische Orangen, Paprika, Bananen, Brokkoli und Tomaten leuchten förmlich um die Wette. An der Stirnseite des Platzes schiebt sich hinter dem Geestemünder Wasserturm langsam die Morgensonne in die Höhe. In seiner markanten gotischen Backstein-Optik mit Café und Terrasse ist der Turm eine weithin sichtbare Landmarke und ein Wahrzeichen für den Stadtteil Geestemünde. Am Fuß des Turmes startet Marktmeisterin Andrea Eichinger gerade ihre Runde über den gut fußballfeldgroßen Platz. Die 27-Jährige arbeitet für den Bremer Großmarkt, der auch den Geestemünder Wochenmarkt betreut. Sie ist seit 2015 Ansprechpartnerin für Kunden und Händler gleichermaßen.

Wie ein Kulturgut

„Wir haben hier sonnabends bis zu 3000 Besucher. Mittwochs sind es meist so um die 1000 Leute“, erzählt sie. „Neben dem großen Angebot der frischen Waren vom Brot über Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse bis zur Suppenküche oder Pflanzen, sind es vor allem die Händler selbst, die den Charme dieses Marktes ausmachen.“ Wer hier seinen Stand aufbaue, der sei mit Herzblut und Leidenschaft dabei – bei Wind und Wetter und zu jeder Jahreszeit. Insgesamt gibt es rund 50 Stände auf dem Geestemünder Wochenmarkt. Er ist ein echter Anziehungspunkt: Das Einzugsgebiet liegt rund 30 Kilometer rund um Bremerhaven.

Es wird voller auf dem Markt. Über die hellgrauen Pflastersteine werden Kinderwagen geschoben, Besucher schlendern mit Einkaufstaschen zwischen den Ständen und Bäumen entlang, Bekannte treffen sich und bleiben auf einen Wochenend-Plausch stehen. Auch Tanja und Maikel Neustadt hat es aus dem Umland hergezogen. Das junge Ehepaar lebt in der Gemeinde Loxstedt hinter der Bremerhavener Stadtgrenze.

„Das ist hier besonders bei gutem Wetter der Traum schlechthin“, schwärmt Tanja Neustadt und bewundert die lange Reihe bunter Frühlingsblumen am Stand eines Gärtners. „Die Leute sind fröhlich und freundlich. Wir trinken erst mal einen Kaffee und kaufen dann in aller Ruhe fürs Wochenende ein.“ Ihr Mann Maikel hat einen ganz besonderen Bezug zum Wochenmarkt in Geestemünde. „Hier haben schon meine Oma und meine Mutter gearbeitet“, erzählt er und lacht. Dann zeigt er auf die umstehenden Häuser. „Und meine halbe Familie wohnt hier: da vorn meine Mutter, da hinten mein Onkel und da drüben meine Tante. Der Markt ist für uns Tradition und wie ein Kulturgut. Hier ist die Welt noch in Ordnung.“

Rinderflüsterer aus Loxstedt

Zu diesem Gefühl tragen auch die vielen Direkterzeuger bei, die ihre frische Ware vom Feld, von der Wiese oder aus dem Stall hier anbieten. Einer davon ist Stefan Wisch. Der 26-jährige Gemüse-Bauer kommt extra aus Otterndorf bei Cuxhaven hierher und ist im Familienbetrieb bereits die vierte Generation. Er verkauft seine eigenen Bio-Produkte – vor allem Kohl, Obst und Eier. „Ich bin erst seit einem Jahr hier, aber meine Bio-Meile wird sehr gut angenommen“, sagt er. Seiner Erfahrung nach entdecken vor allem auch jüngere Leute wieder den Charme des Wochenmarktes und genießen die besondere Atmosphäre. „Haben Sie auch Lamm?“, fragt plötzlich eine Marktbesucherin. Stefan Wisch schüttelt freundlich lächelnd den Kopf und zeigt nach links. „Einmal den Gang runter, dann rechts und da ist ein Schlachter, der Lamm verkauft.“

Tatsächlich stammt auch an dem Stand alles aus eigener Produktion – von der Wurst bis zum Hüftsteak. Inhaber der Schlachterei, Jürgen Bitzer aus Loxstedt, ist mit seinen Charolaisrindern eine Art Legende – man nennt ihn auch den „Rinderflüsterer“. „Wir geben jedem unserer Rinder einen Namen – zum Beispiel Paul oder Johannes. Sie stehen die meiste Zeit des Jahres auf der Wiese und fressen frisches Gras. Wenn sie gerufen werden, kommen sie zum Gatter und kriegen ihre Streicheleinheiten“, sagt Katrin Wallat. Sie arbeitet seit vielen Jahren für die Traditions-Schlachterei und liebt deren besondere Philosophie.

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Immer mittwochs und sonnabends von 7 bis 13 Uhr gibt es den Wochenmarkt im Bremerhavener Stadtteil Geestemünde auf dem Konrad-Adenauer-Platz. Neben dem normalen Verkauf gibt es auch immer wieder mal Aktionen wie Live-Musik, den Grünkohlverkauf für einen guten Zweck, einen Kindertag oder das Weihnachtsbacken. Die Seele des Wochenmarktes sind jedoch die Händler selbst. „Good morning, June!“, ruft John Reinhardt gerade einer älteren Dame im Vorbeigehen zu. „Sie war mal Krankenschwester bei den US-Soldaten hier in Bremerhaven, kommt selbst aus den USA, ist nach dem Truppenabzug 1993 aber hiergeblieben“, erklärt er kurz.

So ist der Wochenmarkt in Geestemünde nicht nur ein Treffpunkt für Jung und Alt, sondern auch ein lebendiges Stück Stadtgeschichte. Es gibt hier immer wieder etwas Neues und Frisches. John stellt eine dampfende Tasse auf den Tresen seines Wagens: „Noch einen Kaffee? Ich geb‘ einen aus!“


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Leserkommentare
thowaei am 23.10.2019 14:25
In KEINEM Land der EU kann man aktuell mit 54 Jahren in Rente gehen. Slowenien ist diesbezüglich der Spitzenreiter mit einem Renteneintrittsalter von ...
gorgon1 am 23.10.2019 14:15
Absolut mein Meinung. !!!
Beste Grüße
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