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Präses der Handelskammer im Interview
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„Warum nicht vier Türme?“

Lisa Boekhoff 11.05.2019 7 Kommentare

Libeskind am Brill ist für Bremen eine einmalige Chance, meint Janina Marahrens-Hashagen.
Libeskind am Brill ist für Bremen eine einmalige Chance, meint Janina Marahrens-Hashagen. (Studio Libeskind frei)

In dieser Woche sind die Ergebnisse der Sonntagsfrage von Radio Bremen veröffentlicht worden. Was haben Sie beim Blick darauf gedacht?

Janina Marahrens-Hashagen: Dass es sehr spannend wird. Das ist ein offenes Rennen.

In Ihrer Funktion dürfen Sie nicht direkt Partei ergreifen. Dennoch möchte ich Sie fragen, wie Sie den Wahlkampf einschätzen.

Der Wahlkampf wird sehr intensiv geführt. Was mich persönlich freut: Das Thema Bildung, Schule und Ausbildung steht besonders auf dem Zettel. Da gucke ich mir schon die unterschiedlichen Parteien an, wie sie dieses Thema wirklich anfassen wollen. Wir brauchen für die Unternehmen ausbildungsfähige Schüler, und wir müssen den jungen Menschen ein Fundament mitgeben und ihnen vernünftige Schulen bieten.

Wie ist Ihrer Ansicht nach der Zustand der Berufsschulen?

Ich war gerade in Bremerhaven in einer Berufsschule. Der Zustand war marode: Unter ökologischen Gesichtspunkten müsste man das Gebäude aus den 50er-Jahren eigentlich grundlegend erneuern. In Bremen gibt es ebenfalls Schulen in unglaublich schlechter baulicher Verfassung. In Bremerhaven war ich begeistert, dass es in der Berufsschule trotz der schlechten Rahmenbedingungen so viel Engagement gibt. Wir müssen das wirklich anders machen: Es müssen Neubauten her, damit die Schüler eine vernünftige Lernumgebung haben. Ich begrüße die Idee eines Campus für Blumenthal. Wenn wir nicht mehr Geld in die Ausstattung der Schulen stecken, verlieren wir als sechstgrößter Industriestandort den Anschluss.

Sehen Sie, dass es im Bereich Bildung vorangehen wird – egal wer das Ruder übernimmt?

Alle Parteien sehen die Notwendigkeit, dass wir dieses Thema wirklich anfassen müssen. Sonst laufen wir hier in einen sich weiter verschärfenden Fachkräftemangel. Wir müssen die Jugendlichen für die Berufe interessieren und Wirtschaft in die Schule bringen. Bildung muss auf der politischen Agenda ganz oben stehen.

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Also mit großem Abstand vor Verkehr und Stadtentwicklung?

Bildung braucht das entsprechende politische Gewicht. Aber selbstverständlich gibt es viele andere bedeutende Themen. Den Infrastrukturausbau beispielsweise. Ich habe Mitarbeiter, die jeden Tag aus dem Fenster schauen, ob sie den Heimweg antreten können oder es sich schon wieder staut.

Kritik an der Baustellenkoordination gab es in der Vergangenheit immer wieder.

Das Amt für Straßen und Verkehr (ASV) müsste grundsätzlich neu strukturiert werden. Ich bin ehrlich gesagt sehr enttäuscht: Wir haben Vorschläge gemacht, um die desolate Verkehrssituation an der Lesumbrücke zu entlasten. Doch es passiert nichts. Nicht einmal die Ampelschaltung auf der Umgehung wurde geändert, wie wir es vorgeschlagen hatten.

Die CDU liegt derzeit knapp vor der SPD. Allerdings ist der Vorsprung kleiner als die statistische Ungenauigkeit bei Umfragen. Eine Wechselstimmung, wie sie die CDU behauptet, sieht doch anders aus. Die Parteien sind gleich auf.

Früher waren sie es ja aber traditionell nicht. Das heißt schon, dass es ein Wechselsignal gibt.

Was muss im Feld Bildung passieren?

Das fängt bei der frühkindlichen Bildung an. Wir müssen die Kinder befähigen, ihre Schullaufbahn zu machen. Wir brauchen mehr Kitas. In meinem Unternehmen arbeiten zur Hälfte Frauen. Sie wollen ihr Kind gut versorgt sehen, wenn sie wieder in den Beruf einsteigen. Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss die Umgebung stimmen. Es nützt auch nichts, in Blumenthal zu wohnen und einen Kitaplatz in Gröpelingen zu bekommen, damit die Zahlen erfüllt werden.

Von solchen Fällen wissen Sie?

Ja, sogar aus dem eigenen Unternehmen.

Wenn Sie sich anschauen, was die Parteien in Bremen ihren Wahlprogrammen folgend für die Wirtschaft vorhaben, gibt es da Ansätze, die Sie besonders überzeugen – oder nicht?

Die Unternehmen sind auf eine gute Infrastruktur angewiesen. Staus fressen Zeit und Geld und belasten die Umwelt. Die Gewerbeflächenpolitik muss auf mehr Vorratshaltung ausgelegt werden. Dabei dürfen die kleinen und mittelständischen Betriebe nicht vergessen werden. Aus unserer Sicht sind 150 Hektar Reservefläche für Gewerbe notwendig. Wir können uns als wachsende Stadt nur weiterentwickeln, wenn die Unternehmen wachsen können und wir zweitens bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Die „wachsende Stadt“ ist das Ziel des Senats – und das der Handelskammer. Sehen Sie da die richtigen Weichen gestellt?

Das Ziel von jährlich 2500 neuen Wohnungen ist ambitioniert, aber richtig. Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Wir gucken jetzt mal, wie der Volksentscheid zur Rennbahn ausgeht. Aus unserer Sicht wäre es wichtig, dass dort gebaut wird.

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Ich finde das schade. Wir als Handelskammer sind für die Bebauung, denn wir wollen doch die Menschen hier in der Stadt behalten und sie nicht ins Umland abwandern lassen.

Die CDU hat dagegen das Projekt Neustädter Hafen nicht aufgegeben, um Wohnraum an der Weser zu schaffen.

Wirtschaft sollte nicht gegen Wohnen ausgespielt werden. Wir sind eine Stadt, die von den Häfen abhängig ist. Das halte ich nicht für das richtige Konzept. Die Handelskammer steht auch weiter hinter dem OTB.

Sehen Sie, dass die Stadtentwicklung nun vorankommt?

Libeskind am Brill ist für Bremen eine einmalige Chance. Wir müssen auch mal mutig sein: Warum nicht vier Türme? Immer nur quadratisch, eckig, Bauhaus – das ist doch langweilig. Dass Herr Zech jetzt das Parkhaus gekauft hat, freut die Einzelhändler. Denn nun tut sich etwas in der Innenstadt. Wir hielten es für ausgesprochen schädlich, wenn die 1000 Stellplätze des Parkhauses-Mitte einfach wegfielen. Der Weg in die Innenstadt muss für die Kunden einfach sein. Ich bin Bremen-Norderin und werde nicht mit dem Fahrrad in die Stadt fahren. Wenn die Stadt jetzt noch die Straßenbahn in die Martinistraße verlegt, schafft das zusätzlich Aufenthaltsqualität. Unser Zentrum wird durch die Straßenbahn zerschnitten.

Wie sollte sich Bremens Image verändern?

Wir sollten nicht immer alles schlecht reden. Ich habe viele ausländische Kunden. Wenn sie nach Bremen kommen, sind sie begeistert! Vielleicht sollten wir uns eine andere Sicht auf unsere Stadt zulegen.

Unternehmen werben für sich gerne mit Geschichten. Was wäre die Erzählung für Bremen?

Weltoffen, freundlich – da lassen sich viele Dinge sagen. Als Hansestadt gelten wir als Vorreiter der europäischen Idee. Die Stadt muss sagen: Das haben wir zu bieten. Wir suchen doch dringend Fachkräfte. Dann müssen wir den Menschen auch zeigen, wie lebenswert unser Bundesland ist. Ein Hemmnis ist dann erneut die Bildung, wenn die Familie nachziehen soll. Da kommen Zweifel auf. Zwischen Nord und Süd gibt es große Unterschiede. Schon über die Landesgrenze hinweg zeigen sich Unterschiede in der schulischen Bildung. Das dürfen wir nicht akzeptieren.

Die Fragen stellte Lisa Boekhoff.

Zur Person

Janina Marahrens-Hashagen ist seit Januar Präses der Handelskammer. Seit 20 Jahren leitet sie die Firmengruppe Marahrens mit Sitz in Bremen-Nord. Die Gruppe ist spezialisiert auf die Herstellung von Schildern.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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