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Tumulte binden Kräfte der Bremer Polizei
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Wenn Großfamilien streiten

Ralf Michel 14.09.2019 16 Kommentare

Auch banale Konflikte können sich schnell zu gefährlichen Auseinandersetzungen entwickeln. Diese ziehen oft einen Großeinsatz der Polizei nach sich.
Auch banale Konflikte können sich schnell zu gefährlichen Auseinandersetzungen entwickeln. Diese ziehen oft einen Großeinsatz der Polizei nach sich. (Christian Kosak)

Der Auslöser der Streitigkeiten ist oft banal. Ein Jugendlicher lehnt sich gegen einen Wagen, auf einer Hochzeitsfeier reißt jemand einer Frau eine Kette aus der Hand, beim Autokauf geraten Verkäufer und Käufer aneinander, zwei Frauen streiten sich vor ihrer Haustür ... Und doch enden diese Auseinandersetzungen mit einem Großeinsatz der Polizei. Weil verbale Scharmützel zu gefährlichen Konflikten eskalieren, mit Messern, Eisenstangen oder sogar Pistolen. Und weil sich innerhalb von Minuten eine Vielzahl von Personen am Ort des Geschehens versammelt. Familienangehörige, Freunde und Bekannte, Neugierige. Die Bremer Polizei hat inzwischen einen eigenen Begriff für diese Vorfälle, sie spricht von „Tumultlagen“.

„Das Mobilisierungspotenzial dieser Leute ist enorm“, sagt Jörg Meier, stellvertretender Leiter der Direktion Einsatz der Bremer Polizei. „Das geht unglaublich schnell. Entweder sind sie ohnehin schon in der Nähe, oder sie werden über Handy herbeigerufen.“ Das Ganze schaukele sich dann emotional hoch. „Die stacheln sich gegenseitig an, und die Erregungskurve geht sofort steil nach oben.“ Wobei häufig der Migrationshintergrund der Beteiligten und insbesondere deren Ehrbegriff wichtige Faktoren seien, versucht sich Meier an einer Erklärung dieses Phänomens. Die Familienehre sei in diesen Kulturkreisen ganz anders belegt. „Sie sehen sich in der Pflicht, diese Ehre zu retten oder andere dabei zu unterstützen.“

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Der Polizei bereiten die Tumultlagen in vielfacher Hinsicht Probleme. Das beginne schon bei der Einschätzung der Lage, erläutert Meier. „Oft bekommen wir einen Hinweis, der sich gar nicht so dramatisch anhört. Ein Streit in der Familie, eine Körperverletzung.“ Entsprechend werde zunächst nur ein Streifenwagen vorbeigeschickt, vielleicht auch zwei. „Doch wenn die dann ankommen, stehen da plötzlich 100 Leute.“

Das Problem, das daraus folgt: Wie innerhalb kürzester Zeit ausreichend Einsatzkräfte vor Ort bringen? Über die Leitstelle der Polizei werden die Streifenwagen für diese Einsätze zusammengezogen. Zur Unterstützung steht eine Eingriffseinheit in Gruppenstärke bereit. „Und wenn es ganz eng wird, können wir auch Hilfe aus dem niedersächsischen Umland anfordern.“

Sprachprobleme erschweren die Verständigung

In der Regel sei die Lage vor Ort unübersichtlich, berichtet Meier. Kaum auszumachen, worum es eigentlich geht. Hinzu kämen Sprachprobleme, die die Verständigung erschwerten. „Die Kollegen wissen oft gar nicht, auf welcher Eskalationsstufe sich das Ganze eigentlich befindet.“ Und dass sich viele der Betroffenen nicht im Unrecht fühlten und überdies ohnehin keine besondere Sympathie für Polizisten hegten, würde die Sache auch nicht einfacher machen.

Entscheidend für den Erfolg in solchen Situationen sei die Manpower der Polizei, erklärt der stellvertretene Direktionsleiter: „Das einzige probate Mittel, um diesen Tumultlagen zu begegnen, ist es, schnell und konsequent mit ausreichend Leuten dagegen anzugehen.“ Ein anderer Schlüssel zum Erfolg sei es, sich nicht „in diese emotionale Kette reinziehen zu lassen“.  Distanz wahren und möglichst sachlich vorgehen, betont Meier und bricht eine Lanze gerade für seine jüngeren Kollegen. Die gingen angesichts der Beleidigungen und Bedrohungen, die ihnen häufig entgegengebracht würden, erstaunlich abgeklärt und souverän vor. „Was das aber auf Dauer mit diesen Beamten macht, ist eine andere Frage.“

Mit dem Erscheinen der Polizei löse sich der Tumult in den meisten Fällen schnell auf, sagt Meier. Damit ist der erste Ansatz der Polizei, die Konfliktbereinigung, erfüllt. Der zweite Ansatz lautet, die Personalien festzustellen und Tatbeteiligte zu ermitteln. Letzteres sei allerdings ein schwieriges Unterfangen. „Innerhalb der Großfamilien will keiner aussagen.“ Sogar die medizinische Versorgung von Verletzten werde manchmal abgelehnt. „Das regeln sie alles lieber untereinander.“

Doch hier gebe es natürlich kein Ermessen. „Auch wenn es schwierig ist. Wir können davor nicht die Augen verschließen, schließlich haben wir eine Strafverfolgungspflicht.“ Die Feststellung der Personalien sei außerdem wichtig, um allgemeine Lagebilder erstellen zu können. Wer fällt wo häufiger auf? Wo sind besondere Kontrollorte, wie sind die Familienstrukturen? 

Die Polizei ist nur ein Teil der Kette

Anzeigen werden auch geschrieben. Meist wegen Bedrohung, Sachbeschädigung, gefährlicher Körperverletzung, Verstoßes gegen das Waffengesetz oder Raubes. Und natürlich immer wieder wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte. Was daraus wird? Meier zuckt mit den Schultern. „Wir als Polizei sind ja nur ein Teil der Kette.“

Insgesamt ein schwieriges Thema, diese Tumultlagen, fasst Jörg Meier aus Sicht der Polizei  zusammen. „Das bindet viele unserer Einsatzkräfte, zum Teil auch über einen längeren Zeitraum.“ Zahlen hierzu gebe es nicht, aber in der Statistik der Polizei falle auf, dass sich die durchschnittliche Einsatzdauer sowie die Zahl der eingesetzten Mittel schon seit Jahren erhöhe. „Und dazu tragen Tumultlagen sicher maßgeblich bei.“

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Eine wirkliche Handhabe dagegen habe man nicht. Auch nicht, die Auslöser der Tumulte für den Einsatz der Polizei zur Kasse zu beten, greift Meier eine populäre Forderung auf. „Wir prüfen bei jedem Einsatz, ob wir eine Kostenrechnung schreiben können. Aber sobald es um strafbare Handlungen geht, ist das nicht möglich. Dafür sind wir als Polizei schließlich da.“


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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