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Soziologe über Polarisierung
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Weshalb die Gesellschaft auseinander driftet

Carolin Henkenberens 15.09.2019 6 Kommentare

Vögel fliegen nach links und rechts. In der Mitte fliegt ein einzelner Vogel zwischen den beiden Gruppen hindurch.
Die Gesellschaft driftet auseinander - und redet teilweise nicht mehr miteinander, sondern nur übereinander. (Lightwise)

Herr Groh-Samberg, die Polarisierung oder auch Spaltung der Gesellschaft ist längst ein politischer Kampfbegriff, es gibt viele Studien dazu. Wie groß ist das Problem Ihrer Einschätzung nach in Deutschland?

Olaf Groh-Samberg: Ich denke, dass es ein zunehmendes Problem ist – auch in Deutschland. Es ist zwar in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern noch gravierender. Aber wir sehen in Deutschland, dass es eine ziemliche Besorgnis darüber gibt, dass die zentrifugalen Kräfte zu groß werden.

Was meinen Sie mit zentrifugalen Kräften?

Damit meine ich einerseits soziale und ökonomische Ungleichheiten, die zunehmen, aber auch regionale Disparitäten und politische Konflikte. Die Ungleichheiten sind so groß, dass die unterschiedlichen Gruppen offenbar nicht mehr richtig miteinander ins Gespräch kommen, weil sie sich lebensweltlich und auch wertemäßig immer weiter voneinander entfernen, sodass Dialog und Vermittlung schwieriger werden.

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Damit haben Sie bereits die Ursachen von Polarisierung angesprochen. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung von 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland positiv in die Zukunft blickt. Aber: Anhänger von AfD (83 Prozent) und Linke (53 Prozent) mehrheitlich nicht. Ist Polarisierung also immer auch Ausdruck von Unzufriedenheit in der Bevölkerung?

Es gibt natürlich sehr unterschiedliche Formen von Polarisierung. Eine wichtige Frage ist, wie stark die Polarisierung in Deutschland mit sozialen Ungleichheiten zusammenhängt, also bei Einkommen, Bildung und Lebensstandard. Darüber gibt es abweichende Auffassungen, weil Polarisierung auch viel mit Wertefragen zusammenhängt und mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Modernisierung. Ich persönlich glaube, dass Polarisierung immer etwas mit sozialen Ungleichheiten zu tun hat.

Woran machen Sie das fest?

Es gibt zwar viele moralische Streitfragen, etwa Abtreibung oder Tempolimit oder Zuwanderung. Aber diese Streits bedrohen nach meiner Einschätzung erst dann den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn unterschiedliche Gruppen über unterschiedliche Ressourcen verfügen, um ihre Wertvorstellungen durchzusetzen. Durch das Machtungleichgewicht haben einige das Gefühl, sie seien von gesellschaftlichen Beteiligungsprozessen ausgeschlossen. Sie fühlen sich bevormundet, nicht gehört und nicht gesehen. Das lässt Konflikte erst gesellschaftlich prägend werden.

Einige behaupten ja, es gebe keine Meinungsfreiheit mehr in Deutschland.

Wenn bestimmte Gruppen von Lügenpresse reden oder finden, dass nur einseitig berichtet werde, ist das ein Ausdruck dafür, dass Eliten und Meinungsführer die Weltsichten einfacher oder auch prekärer sozialer Schichten nicht mehr verstehen. Dass es eine gewisse Entfremdung gibt zwischen jenen, denen es gut geht, und den anderen. Nur, das Paradoxe ist ja: Diejenigen, denen es nicht so gut geht, prangern nicht vor allem soziale Ungleichheit an. Bestimmten politischen Akteuren gelingt es, die Unzufriedenheit zu mobilisieren und in eine andere Richtung zu lenken.

Migration oder Klimapolitik sind also eher Ausweichthemen und nicht Ursache der Polarisierung?

Meine Argumentation geht in diese Richtung. Ich würde sagen, es gibt soziale Ungleichheiten, die sich oft indirekt in anderen Themen ausdrücken. Das heißt natürlich nicht, dass diese Fragen für sich genommen nicht auch strittig sind.

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Glauben Sie, der Dialog mit Menschen, die sich benachteiligt fühlen, ist entscheidend?

Wie man damit umgehen sollte, ist eine ganz schwierige Frage. Wenn Polarisierung auch viel mit sozialer Ungleichheit zu tun hat, dann sollte man Wertekonflikte auch unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Man darf Unzufriedenheit nicht ignorieren, sollte die politische Diskursverschiebung nach rechts aber nicht mitmachen.

Seit 2015 sind viele zu uns gekommen, die schlecht Deutsch sprechen oder deren Kinder schlechtere Bildungschancen haben als die von Nichteinwanderern. Öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich damit weiter?

Das ist schwer zu prognostizieren. Akut sieht man, dass die Menschen, die zu uns gekommen sind, den Anteil an Armut erhöhen. Wenn man sie lässt, werden sie sich aber schnell auch integrieren. Aber: Auch die Perspektiven von Menschen, die hier schon lange in prekären Verhältnissen leben, sind sehr schlecht. Sie haben sich sogar verschlechtert. Ausstiege aus der Armut sind systematisch schwieriger geworden für Familien, in denen nicht so viel ökonomisches und kulturelles Kapital vorhanden ist. Nur wenn man die sozialen Aufstiegschancen verbessert, verbessert man auch die Integrationschancen von Geflüchteten und Migranten.

Soziologe Olaf Groh-Samberg von der Universität Bremen
Soziologe Olaf Groh-Samberg von der Universität Bremen (Lukas Klose)

Was lässt sich gegen die Ungleichheit, auch mit Blick auf Bremen, tun?

Die Lösungen sind nicht unbekannt. Es geht erstens um eine Beschränkung der Lohnungleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Da hilft der Mindestlohn, der muss nur auch konsequent umgesetzt werden. Das zweite ist Bildung. Davon reden wir aber seit zehn Jahren. Auch in Bremen hat man erkannt, dass man kompensatorische Förderung betreiben muss, also gezielt investieren muss in benachteiligte Stadtteile und Schulen. Man kann hoffen, dass die etwas verbesserten Haushaltsbedingungen in Bremen dazu führen, dass nicht immer nur geredet, sondern es auch in die Tat umgesetzt wird. Die Wohnfrage und Mietenbegrenzung sind weitere Aspekte, genauso wie eine progressivere Besteuerung bei Reichtum und Vermögen. In den 90er- bis 2000er-Jahren wurde tendenziell von unten nach oben umverteilt – das muss dringend korrigiert werden.

Welchen Anteil an der Polarisierung haben politische Amtsträger mit ihrer Sprache?

Sprache spielt eine große Rolle. Die neoliberale Rhetorik der 80er- und 90er-Jahre wollte uns nahe bringen, dass wir zu viel Wohlfahrtsstaat haben und mehr Markt brauchen. Jetzt hat man erkannt, dass das nicht der richtige Weg war. Genau solche Verschiebungen erleben wir heute in Bezug auf Migration und Menschenrechte. Ich glaube, dass das gefährlich ist. Wenn man solche Diskursverschiebungen zulässt, legitimiert man damit reale Veränderungen, die sich nur noch ganz schwer korrigieren lassen. Die Politik muss natürlich auch aufpassen, dass sie Dinge nicht nur schönredet und diejenigen alleine lässt, die mit den Schattenseiten der Modernisierung zu kämpfen haben.

Kann Polarisierung auch etwas Positives sein – weil man endlich mal wieder streitet?

Streit heißt ja, man reagiert aufeinander. Das passiert gerade nicht. Es sind Lager, die über den anderen sprechen statt miteinander. Wir haben eine Verhärtung der Fronten.

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Seit der Europawahl wird auch in der CDU und SPD viel über das Thema Klimaschutz diskutiert. Die CDU arbeitet ihre Einwanderungspolitik auf. Ist das nicht ein gutes Zeichen, dass die großen Streitthemen aufgegriffen werden?

Die Veränderung, die wir in Sachen Klimaschutz erfahren, ist in großem Maße ein Effekt von Greta Thunberg. Diese ökologische Bewegung ist sehr schön und wichtig. Ich habe mich aber oft gefragt: Warum gibt es keine Greta-Thunberg-Bewegung gegen soziale Ungleichheiten?

Und was denken Sie, warum nicht?

Ich glaube nicht, dass es einer einzelnen Person gelingen könnte, mit ihrer Authentizität so eine Bewegung ins Leben zu rufen. Das Thema soziale Ungleichheiten ist irgendwie schwieriger zu bearbeiten. Wer die Umwelt schützen will, verzichtet auf Plastik oder Fleisch. Aber was tut jemand, der gegen Ungleichheit kämpft? Gerade die Besserqualifizierten, die akademischen Mittelschichten, sind leistungsorientiert und haben ein Bewusstsein für Gleichheit.

Sie verschärfen aber ungewollt die Ungleichheit, weil sie viel in Bildung investieren, erfolgreich damit sind und die Qualifizierungsstandards für untere Schichten erhöhen. Das gleiche gilt für den Umweltbereich. Bestimmte Gruppen verzichten auf Plastik oder Discounterfleisch, weil es ihnen leichter fällt. Damit diskriminieren sie aber vielleicht ungewollt diejenigen, die sich das freilaufende Biohuhn nicht leisten können. Sie sehen nicht, dass da auch eine ökonomische Komponente hinter steckt.

Dann wiederum steht der Vorwurf im Raum, dass Fleischverzicht eine elitäre Diskussion sei.

Genau. Das sind die Spiralen der Polarisierung, in denen wir uns bewegen und aus denen wir auch nicht raus kommen, wenn wir nur über Klimaschutz oder Migration allein reden. Ich will keine der Fragen diskreditieren. Aus der eigentlichen Polarisierung kommen wir aber nur heraus, wenn wir Ungleichheit thematisieren – und zwar vordergründig.

Das Gespräch führte Carolin Henkenberens.

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Zur Person

Olaf Groh-Samberg ist Professor für Soziologie am Socium, dem Forschungszentrum für Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Er arbeitet unter anderem zur Soziologie der Armut.

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Dieser Text erscheint im Zuge der bundesweiten Aktion „Deutschland spricht“, die Menschen miteinander in den Dialog bringen will. Der WESER-KURIER und weitere Medien rufen ihre Leserinnen und Leser dazu auf, sieben Fragen zu beantworten. Etwa: Haben Frauen in Deutschland die gleichen Chancen wie Männer? Oder: Leben die Alten auf Kosten der Jungen? Ein Zufallsmechanismus teilt Ihnen nach der Anmeldung eine Gesprächspartnerin oder einen Gesprächspartner zu, die oder der ganz anders geantwortet hat als Sie. Beide können daraufhin ein Treffen vereinbaren.

Was das bringt? Probieren Sie es doch einfach aus. Noch bis zum 14. Oktober können Sie sich unter www.weser-kurier.de/deutschlandspricht anmelden. Dazu benötigen Sie eine Email-Adresse und eine Handynummer. Wer Hilfe bei der Anmeldung benötigt, kann uns eine Nachricht mit seiner Telefonnummer an onlineredaktion(at)weser-kurier.de schreiben.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
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Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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