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Wie Bremer Lehrer unter dem Fachkräftemangel leiden

Kristin Hermann 21.08.2017 19 Kommentare

Lehrerin
Sandra Hoffmann ist sich nicht mehr sicher, ob sie ihr Leben lang als Lehrerin arbeiten will. Sie hat Angst vor den zunehmenden Anforderungen, die an die Pädagogen gestellt werden. (Frank Thomas Koch)

Sandra Hoffmann steht ganz am Anfang. Sie will Lehrerin werden. Und doch fragt sie sich mit Ende 20 schon jetzt, ob es das Richtige ist. Seit etwa zwei Wochen hat sie die Leitung einer Klasse in Bremen übernommen. An welcher Schule genau und wie sie wirklich heißt, will Hoffmann nicht sagen – für den Fall, dass sie doch bis zu ihrer Rente als Lehrerin arbeitet. Sie hat Angst, dass ihre Offenheit ihr mögliche Chancen nehmen könnte. 

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Die junge Frau gehört zu jenen Studierenden im Land Bremen, die als Klassenleitung eingesetzt werden, obwohl sie weder ihre Masterarbeit beendet, noch ein Referendariat gemacht haben. 14 Stunden in der Woche hat sie übernommen – unbefristet. Den Job der Klassenlehrerin teilt sie sich mit einem Quereinsteiger. „Diese Person hat noch weniger Erfahrung, als ich. Also bin ich hauptsächlich auch die Ansprechpartnerin für die Eltern“, sagt Hoffmann.

22 unterschiedliche Lehrpläne

Sie arbeitet an einer Grundschule. In den Klassen wird jahrgangsübergreifend unterrichtet. Außer in Mathe und in Deutsch sitzen alle Kinder zusammen im Klassenraum. Hinzu kommen geflüchtete Schüler mit mangelnden Sprachkenntnissen und einige Kinder, die gesundheitlich eingeschränkt sind oder verhaltensauffällig. „Es ist eine völlig heterogene Gruppe“, sagt Sandra Hoffmann. Frontalunterricht sei bei dieser Konstellation so gut wie gar nicht möglich. Dadurch muss die angehende Lehrerin 22 unterschiedliche Lernpläne erstellen – sogenannte Wochenpläne, die die Schüler Stück für Stück durcharbeiten.

Es ist nicht allein der Unterricht, der die Studentin belastet. Es sind die Konferenzen, die Eltern, die vielen Dinge, die sie sich erarbeiten muss und bei denen sie nur wenig Unterstützung erfährt. „Eigentlich habe ich eine 14-Stunden-Stelle“, sagt sie. „Doch effektiv arbeite ich das Doppelte in der Woche.“ Hilfe erhält Sandra in den ersten vier Wochen von einer Sozialpädagogin, damit sie sich um die Eingewöhnung der Erstklässler kümmern kann. Danach ist sie auf sich alleine gestellt. Sie wisse auch nicht, ob sie den Eltern sagen solle, dass sie noch keinen Abschluss hat. Die Schulleitung habe diesbezüglich keine konkrete Ansage gemacht. 

Lehrer
Dicht an dicht im Klassenzimmer. Viele Lehrer fühlen sich von den gestiegenen Anforderungen zunehmend überfordert. (Wolfram Kastl, picture alliance / Wolfram Kastl/dpa)

Die Masterarbeit leidet unter der Belastung

Vorbereitet hat sie auf diese Situation niemand, sagt Hoffmann. Sie habe vorher schon an der Schule gearbeitet, doch als Not am Mann war, habe man Hoffmann einfach die Leitung einer gesamten Klasse übertragen. „Ich weiß, dass ich stark bin und die Sachen meistere, aber trotzdem fühle ich mich verloren“, sagt sie. Schlaflose Nächte bereitet Hoffmann vor allem der Fachunterricht in Mathe, der nun auf sie zukommt. „Das habe ich nicht studiert und mir graut davor“, sagt sie. Zwar könne sie sich mit Fragen an die Schulleitung und die Kollegen wenden, doch die Überforderung bleibt. Hoffmann merkt, dass ihr das Referendariat fehlt. Sie kann selbst nicht nachvollziehen, wie Referendare bei regelmäßigen Unterrichtsbesuchen Tipps für Verbesserungen bekommen, sie selbst aber ohne richtige Kontrolle unterrichten soll. „Eigentlich stehe ich doch noch eine Stufe unter ihnen“, sagt sie.

Hoffmann steckt ihre gesamte Freizeit in den Job: „Ich kann abends kaum abschalten. Und ich überlege, will ich das wirklich mein ganzes Leben lang machen?“ Vor der Klasse muss sie abliefern, doch Zuhause hat die angehende Pädagogin auch schon die eine oder andere Träne verdrückt. „So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe Angst davor, dass ich irgendwann keine Lehrerin mehr sein will“, sagt sie. Aus Erzählungen ihrer Kommilitonen weiß sie, dass sie mit ihren Vorbehalten nicht alleine da steht. „Bei den steigenden Anforderungen machen wir uns natürlich auch Gedanken darum, was passiert, wenn man erst einmal eine Vollzeitstelle antritt. Zugleich muss man natürlich auch an seine Rente denken.“

Nicht nur ihr Privatleben, sondern auch Hoffmanns Masterarbeit leidet unter der neuen Situation. Eigentlich wollte die Studentin damit Anfang 2018 fertig sein. Den Termin wird sie nicht einhalten können.

"Für den Fachunterricht bleibt zu wenig Zeit"

Marlies Grimm steht kurz vor ihrer Rente. Sie hat nicht mehr viel zu verlieren, sagt sie und deshalb erzählt sie. Grimm arbeit seit knapp 15 Jahren als Lehrerin, seit mehreren Jahren ist sie an der Wilhelm-Olbers-Schule in Bremen Hemelingen angestellt. Wenn die 61-Jährige auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zurückblickt, stört sie vor allem die zunehmende Präsenzzeit für Lehrkräfte außerhalb des Unterrichts. „Wir dokumentieren und konferieren um die Kinder herum, aber für den eigentlich Fachunterricht bleibt kaum noch Zeit“, sagt sie. 

"Viele haben kein sicheres Gefühl mehr für ihre Muttersprache", kritisiert Lehrerin Marlies Grimm. (dpa)

Grimm meint damit die vielen Konferenzen, Dienstbesprechungen und Arbeitsdokumentationen, die sie und ihre Kollegen zusätzlich zum Unterricht bewältigen müssen. „Viele dieser Termine ließen sich auch mit einer einfachen E-Mail klären. Stattdessen fehlt uns die Zeit für die Vor- und Nachbereitung der Schulstunden.“ Die Arbeitsbelastung für Lehrer sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und auch das Konzept der Betreuung würde sich ständig ändern.„Allein in meiner Zeit habe ich zwei Strukturreformen mitgemacht“, sagt Grimm. Viele ihrer Kollegen hätten noch immer mit dem Wandel von der Halbtagsschule zur Ganztagsschule zu kämpfen.

Lehrerin Marlies Grimm
Marlies Grimm stören die vielen Konferenzen im Schulalltag. Wenn es nach der 61-Jährigen geht, sollten sich Lehrer wieder mehr auf ihren Fachunterricht konzentrieren können. (Frank Thomas Koch)

"Kein Beruf, den man einfach an den Nagel hängen kann, wenn Schluss ist"

Laut ihres Arbeitsvertrages arbeitet die 61-Jährige 17 Stunden in der Woche an ihrer Schule – doch ihr Eindruck sei eher der einer Vollzeitstelle. „Ich habe großen Respekt vor den Kollegen, die seit 40 Jahren in Vollzeit arbeiten.“ An vielen Tagen halte sie sich länger in der Schule auf, als sie eigentlich müsste. „Das ist ja auch kein Beruf, den man einfach an den Nagel hängen kann, wenn Schluss ist. Es hat viel mit Empathie und Sorge um Schüler zu tun“, sagt sie. Grimm unterrichtet Schüler bis zur zehnten Jahrgangsstufe.

Dass die 61-Jährige erst seit 15 Jahren in dem Beruf arbeitet, den sie eigentlich studiert hat, hängt mit dem Einstellungsstopp zusammen, den es vor einigen Jahren im Bildungsbereich gab, sagt sie. Grimm hat Englisch und Kunst studiert und musste dann als Honorardozentin anfangen. „Denn genau als ich fertig war, wurde nicht mehr eingestellt.“ Ein Fehler, den Bremen jetzt zu spüren bekäme: „Es gibt viele junge Kollegen und viele, die kurz vor der Rente stehen. Aber häufig fehlt der Mittelbau.“ 

Standards für die Schüler werden runtergefahren

Die Lehrerin findet, dass Bremen in Sachen Bildung viel falsch macht. „Das Sportstudium wurde an der Universität eingestellt, genauso wie das Fach Sonderpädagogik. Dabei sind das alles Sachen, die gerade in der Ganztagsschule dringend benötigt werden“, sagt die Lehrerin. Es werde viel zu wenig Geld in das System investiert. „Dadurch bekommt man aktuell eher den Eindruck, dass die Kinder in den Klassen nur aufbewahrt werden“, sagt Grimm. 

Viele ihrer Stunden verbringt die Englischlehrerin mit der Leitung einer zehnten Klasse. Da es eine inklusive Klasse ist, nehmen Schüler aller Leistungsbereiche und vieler unterschiedlicher Nationen teil. „Viele haben kein sicheres Gefühl mehr für ihre Muttersprache und kommen mit einem Sammelsurium verschiedener Sprachen in die Schule. Das müssen wir irgendwie auffangen.“ Grimm kritisiert auch, dass durch die inklusiven Klassen und immer weniger Noten die Standards für die Schüler runtergefahren werden. „Was hilft das alles, wenn sie nach ihrem Schulabschluss in der Universität oder bei ihrem Arbeitgeber vor die Wand fahren?“, sagt sie.

Marlies Grimm will mit ihren Erzählungen nicht erreichen, dass der Eindruck entsteht, ihre Arbeit bereite ihr keine Freude mehr. „Ich liebe meinen Beruf sehr. Ich hätte gerne mehr Zeit für das Wesentliche, damit man die Schüler besser unterstützen kann“, sagt sie. Das wünsche sie sich auch für die jüngeren Kollegen, die gerade erst anfangen. Sie habe das Gefühl, dass mit den angehenden Lehrern gerade sämtliche Löcher gestopft würden, anstatt sie behutsam auf den Schulalltag vorzubereiten. 

Schule in Zahlen

An den 139 allgemeinbildenden Schulen der Stadt Bremen werden 53.130 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. 269 Lehrkräfte wurden zum neuen Schuljahr eingestellt (davon 24 Sonderpädagogen sowie 55 Sprachförderlehrkräfte). 148 Lehrkräfte sind in Pension gegangen oder haben die Schulen aus anderen Gründen verlassen. Nach Angaben der Bildungsbehörde konnten zum Schulbeginn 50 vorhandene Stellen im allgemeinbildenden Bereich nicht mit ausgebildeten Lehrern besetzt werden. Diese Stellen wurden in Absprache mit den betroffenen Schulleitungen umgewandelt, um die Möglichkeit zu eröffnen, Master-Absolventen sowie Kräfte mit 1. Staatsexamen über die Stadtteilschule einzustellen und die Unterrichtsversorgung zu sichern. So konnten von den 50 offenen Stellen 37,5 besetzt werden, so die Bildungsbehörde. Im allgemeinbildenden Bereich blieben damit 12,5 Stellen unbesetzt. Über die Stadtteilschule, die sich unter anderem um Lehrervertretungen kümmert, sind derzeit etwa 700 Personen angestellt, darunter viele Masterstudenten. Diese dürfen in Bremen maximal elf Wochenstunden unterrichten. In Ausnahmefällen dürfen Masterstudenten Klassenleitungen in Grundschulen übernehmen. Die Regelfrequenz in der Grundschule beträgt 24 Schüler pro Klasse, in der Oberschule 25 Schüler, im Gymnasium 30 Schüler. In Ausnahmefällen dürfen die Klassengrößen angepasst werden. Von der Überschreitung der Regelfrequenzen sind nach Behördenangaben besonders Schulen im Bremer Norden betroffen.


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Leserkommentare
alterwaller am 22.10.2019 10:39
Da sollen also die, die sich Privatschule nicht leisten können die Schulen der "FDP-Klientel" pampern ? Passt zu Bremen und der Partei.
Neal am 22.10.2019 10:36
Parken und fahren wie es dem/der Fahrer/in gerade in den Sinn kommt, ist ja nicht nur zum Freimarkt ein Problem.
Wir brauchen a) eine besser ...
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