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Wie ein Bremer die Fassaden der Stadt von Graffiti befreit

Justus Randt 04.08.2019 1 Kommentar

Putz, Edelstahl, Holz: die Wand der ehemaligen Post an der Brunnenstraße ist ein vielfältiges Einsatzgebiet für Jens Gilberg.
Putz, Edelstahl, Holz: die Wand der ehemaligen Post an der Brunnenstraße ist ein vielfältiges Einsatzgebiet für Jens Gilberg. (Koch)

„Früher habe ich gedacht, das kann jeder.“ Jetzt, 26 Jahre später, kann Jens Gilberg darüber grinsen, dass er sich da korrigieren muss. „Das war viel Learning by Doing“, sagt der Graffiticleaner. Sein Job ist es, Kritzeleien, Namenszeichen, sogenannte Tags, aber auch großflächig gesprühte Bilder zu beseitigen. Egal von welchem Untergrund: „Von Beton, Sandstein, Granit, Klinker machen wir das weg.“ Auch von beschichteten Untergründen, wenn auch mit anderen Methoden. Wo alles glatt oder wenigstens fest ist, kommt der „T3H“ zum Einsatz, ein professioneller Hochdruckreiniger, von dem Laien lieber die Finger lassen sollten, wenn sie nicht wollen, dass ihnen die Brocken um die Ohren fliegen: Annähernd kochendes Wasser und bis zu 300 bar Arbeitsdruck machen den Graffiti den Garaus.

Kürzlich erst, hinterm Staatsarchiv. „An der Waschbetonmauer dort haben wir offenbar Dauergäste“, sagt Antje von Horn. Außer der Bremer Stadtreinigung (DBS), deren Sprecherin sie ist, gibt es weitere öffentliche Auftraggeber, mit denen Jens Gilberg einen Vertrag hat. 20.000 bis 30.000 Euro, schätzt von Horn, koste es pro Jahr, Fassaden von Schmierereien zu reinigen. „Das schwankt, und wir können ja nur entfernen lassen, was uns gemeldet wird.“ Extremistische oder sexistische Sprüche oder Darstellungen würden möglichst sofort weggedampft, „sonst kann das schon  mal eine Woche dauern“.

Erst sind die Hausmeister gefordert

Insgesamt listet die Polizeistatistik 548 Sachbeschädigungen durch Graffiti im vergangenen Jahr für die Stadt Bremen auf. Zusammen mit Bremerhaven waren es 698. Dazu zählen auch die Tags und Farbspritzer an Autos – immerhin 48 der 50 Taten ereigneten sich in Bremen. Auch das Amt für Straßen und Verkehr beschäftigt Gilberg. Und Immobilien Bremen. Laut deren Sprecher Peter Schulz setzt die Anstalt öffentlichen Rechts erst einmal auf die Hausmeister mit einem Topf Farbe, wenn an Schulen oder anderen Bremischen Liegenschaften eingeschritten werden muss. Das ist immer dann der Fall, wenn Graffiti die Bausubstanz angreifen oder sexistische, rassistische oder ähnliche üble Botschaften enthalten. Im nächsten Schritt ist dann eine Vertragsmalerfirma gefragt. Wenn das nicht hilft, kommt Jens Gilberg.

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Der Hastedter hat auch viele private Hausbesitzer als Kunden. Im Steintor, wo er lange gelebt hat, begegnen ihm alte Bekannte, die seine kurze Kaffeepause für einen Plausch nutzen. Zum Beispiel darüber, wie der vor Jahren von Gilberg empfohlene Schutzanstrich für die Holzfassade wirkt. Dampfstrahlen und Chemieeinsatz sind nicht immer Mittel der ersten Wahl, Vorbeugung zahlt sich aus, gerade im südlichen Steintor, wo Graffiti besonders stark verbreitet sind.

Nicht alle, die Spaß am Sprühen haben, trauen sich offenbar, auch legal und vor Publikum zu Werke zu gehen – und dabei auch noch etwas zu lernen. Wie zum Beispiel kürzlich im Workshop „Vielversprühend“, den der Kultur- und Bildungsverein Kubo am Güterbahnhof angeboten hatte. Das Kulturressort hat im vergangenen Jahr aus dem Gesamtprojekt „Saubere Stadt“ 450.000 Euro bekommen, um Tunnel und Gebäudedurchgänge gestalten zu lassen. Acht sind schon fertig, am Käthe-Kollwitz-Tunnel in Burglesum und an der Unterführung Meta-Sattler-Straße in Utbremen wird noch gearbeitet. Der Wettbewerb für den elften Standort, teilt die Behörde mit, werde demnächst ausgeschrieben.

Nicht als Nachbar von früher in das Viertel gekommen

Auch wenn es nett ist – Jens Gilberg ist nicht als Nachbar von früher zum Plauschen ins Viertel gekommen. Der Hausmeisterdienst einer Immobilienverwaltung, die sich um die vor ein paar Wochen dichtgemachte Postbankfiliale an der Brunnenstraße kümmert, hat ihn gerufen.

Der Laden war früher schon beliebtes Ziel für Farbattacken. Selbst als noch die kabellose Überwachungskamera über dem Geldautomaten hing. Jetzt ist alles weg. Der Briefmarkenautomat links vom Eingang hat eine von giftgrünen Farbklecksen gesäumte Lücke hinterlassen. Rechts von der Tür, im Zentrum der großen Edelstahlplatte,  verschließt eine Holztafel die Öffnung, aus der früher das Bargeld kam. Zusammen mit der rau verputzten Wand ein ziemlicher Materialmix, der Untergrund.

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Gilberg soll das richten. Als Terminator, der mit Pistole, Lanze und viel heißem Wasser den Kampf gegen böse Hinterlassenschaften aufnimmt und beseitigt, was keinen Platz in der Welt der Wandbesitzer hat. In diesem Fall ist es überwiegend rot. Wolkig geschwungene schwarze Konturen, die Buchstaben sein könnten, flächig gefüllt. Offenbar um Missverständnisse über die Kernbotschaft auszuschließen, gab es noch ein Herzchen obendrauf.

Große Kunst kommt selten vor

„Ich sehe mir das gar nicht mehr genau an“, sagt Jens Gilberg. Nachdem er seinen „T3H“ angeworfen hat, geht alles ganz schnell. Schon ist das Rot ein blassrosa Rinnsal an der Wand und das flammende Herz eine erlöschende Linie in Aschgrau. „Dass ich richtige Kunstwerke wegmachen musste, ist vielleicht zweimal passiert und bestimmt schon 15 Jahre her.“ Fantasiegestalten seien das gewesen und eine abstrakte Landschaft. „Die Besitzer wollten das nicht.“ Jens Gilberg wird dieser Tage 65 und hat seine Firma verkauft. Aber so ganz aufhören will er nicht. Sich all das Wissen anzueignen über Materialien und Chemikalien, ob sie sich vertragen oder nicht, das war viel Arbeit. Auch Gefahren einschätzen zu lernen: Ist dem Filzstift Flusssäure beigemischt worden, damit sich das Tag in die Glasscheibe ätzt? „Da muss man aufpassen, dass man beim Entfernen nicht umkippt“, sagt Gilberg, „man lernt viel, und ich will das Wissen noch weitergeben.“ Druck machen, „meist sind es 150 bar“, ist das eine, aber man muss auch das Risiko einschätzen können.

Der Graffiticleaner übernimmt auch ganz andere Aufträge: „Das Aufwendigste war vor ein paar Jahren eine Fassade an der Bürgermeister-Kürten-Straße in Blumenthal – 15.000 Quadratmeter. Das waren Vorarbeiten für den Fassadenanstrich.“ Ähnlich an der alten Post: Gleich am Nachmittag soll der Maler kommen und einen neuen Anstrich aufbringen. „Die Farbe ist seit einem halben Jahr auf dem Markt und lässt sich noch besser reinigen, ohne zu verschmieren.“ Dann müssen Jens Gilbergs Kollegen später vielleicht nicht mehr so viel Druck machen.

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Leserkommentare
ManUD7 am 22.10.2019 07:37
Wieso wird die Bevölkerung aufgehetzt? Jahrelang sieht man doch nur noch Mais. Und dieser dient weitestgehend zum Betrieb der Biogasanlagen. Dafür ...
Mangaguide.de am 22.10.2019 07:30
Ein Punkt in Flensburg fuer den Halter war ja geplant, wurde aber leider wieder verworfen.

Alternativ koennte man ja auch Feuerwehr, ...
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