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Wie Rettungskräfte Übergriffe bei Einsätzen erleben

Sabine Doll 15.11.2018 4 Kommentare

Michael Freyhoff arbeitet seit gut 20 Jahren im Rettungsdienst.
Michael Freyhoff arbeitet seit gut 20 Jahren im Rettungsdienst. "Bespucken und Beleidigungen gehören inzwischen zum Alltag bei Einsätzen", sagt er. (Frank Thomas Koch)

Michael Freyhoff arbeitet seit 18 Jahren hauptberuflich im Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Bremen. Menschen in Not helfen, Leben retten, tagsüber und auch nachts im Einsatz – für den Bremer ist das nicht nur ein Beruf, sondern eine Haltung. In den gut zwei Jahrzehnten im Rettungsdienst hat er viele dramatische Situationen erlebt, die auch an professionellen Rettern nicht spurlos vorübergehen. Wenn eine Wiederbelebung nicht erfolgreich ist, wenn Kinder betroffen sind, wenn die Retter zu Unfällen mit vielen Verletzten gerufen werden.

„Diese Situationen sind belastend, doch sie gehören auch zum Beruf. Seit einigen Jahren erleben wir aber eine Entwicklung, die gleichermaßen erschreckend und gefährlich ist“, sagt Freyhoff. „Immer häufiger geraten Kollegen bei Einsätzen in Situationen, in denen sie angepöbelt, bedroht oder sogar angegriffen werden.“ Von fremden Menschen, die sich am Einsatzort befinden und mit dem Notfall nichts zu tun haben, von Autofahrern, die sich durch den geparkten Rettungswagen gestört fühlen, von Betrunkenen, die aggressiv sind, von Angehörigen, die sie bedrängen und auch von den Patienten selbst, zählt der Rettungsassistent auf.

Freyhoff: „Bespucken und Beleidigungen gehören inzwischen zum Alltag, darüber regt man sich fast schon nicht mehr auf. Aber auch körperliche Übergriffe wie Schubsen, Treten, Schlagen, Beißen oder ein vorgehaltenes Messer kommen vor. Das Erschreckende daran: Das geht durch alle gesellschaftlichen Schichten – und nimmt zu.“

Innenbehörde geht von weit größerem Ausmaß aus

Bundesweit kommt es immer häufiger zu Gewalt gegen Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte. Bremen macht da keine Ausnahme, wie ein Bericht des Senats von Anfang November zeigt (wir berichteten). 2014 wurden danach 490 Übergriffe für diese drei Gruppen registriert, 2017 waren es 781 Attacken. Die Innenbehörde geht von einem weit größeren Ausmaß aus.

„Das Dunkelfeld dürfte gewaltig sein“, sagt auch der Direktor des Instituts für Rechtspsychologie an der Universität Bremen, Dietmar Heubrock. Seit Mai dieses Jahres leitet er ein Projekt bei der Berufsfeuerwehr Bremen. Ziel ist ein Schulungs- und Trainingsprogramm für Feuerwehr-Rettungskräfte, damit sie künftig besser auf potenzielle Übergriffe vorbereitet sind, Gefahren frühzeitig erkennen und sich schützen können. Die Uni-Forscher haben die Rettungskräfte nach ihrer Arbeit und Übergriffen befragt – und sie in 24-Stunden-Schichten begleitet. Die Bestandsaufnahme zeigt auch aus Sicht des Uni-Professors ein erschreckendes Bild: „Spucken, Beschimpfungen, Schubsen, Drohgebärden wie eine durchgeschnittene Kehle oder eine mit den Fingern geformte Waffe am Kopf werden von den Rettungskräften schon gar nicht mehr gemeldet, obwohl sie als extrem belastend wahrgenommen werden.“

Gesellschaftliche Entwicklung

Bei den Übergriffen beschreibt Heubrock zwei Muster: So spielten einerseits Alkohol- und Drogenkonsum im öffentlichen Raum eine Rolle. Gefährliche Situationen gebe es immer wieder auch bei Einsätzen in Haushalten: Die Rettungskräfte würden durch Angehörige oder andere Personen bedrängt, teilweise sogar mit Flaschen, Glasscherben oder Messern bedroht – weil eine Reanimation unbedingt fortgesetzt werden soll, weil das kranke Familienmitglied in eine bestimmte Klinik gefahren werden soll, weil angeblich nicht genug getan wird.

„Rettungskräfte sind in ihrer Arbeit patientenorientiert. Hingehen, retten, bergen, helfen. Eigensicherung und Selbstschutz spielen eher eine untergeordnete Rolle“, betont Heubrock. Die Forscher arbeiten in dem Trainingsprogramm mit den Rettungskräften an einem sogenannten Gefahrenradar: Wenn sie etwa zu einem Einsatz in eine Wohnung gerufen werden, sollen sie den Einsatzort nach gefährlichen Gegenständen checken, diese beseitigen und die Angehörigen möglichst durch bestimmte Kommunikationsstrategien beschäftigen und vom Notfalleinsatz fernhalten.

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In Rollenspielen werden Situationen nachgestellt und gefilmt. Danach wird besprochen, was verbessert werden kann. Heubrock: „Die Empfehlungen entwickeln wir gemeinsam mit den Rettungskräften.“ Eine Empfehlung für Einsätze im öffentlichen Raum – auf der Straße oder in Lokalen – lautet: In potenziell gefährlichen Situationen sollte der Patient, wenn möglich, in den Rettungswagen gebracht und dort erstversorgt werden. Sei das nicht möglich, sollten Umstehende möglichst immer im Blick behalten werden. Weil solche potenziell gefährliche Situationen sehr häufig vorkämen, werde zu den Einsätzen ohnehin oft parallel die Polizei alarmiert. Als ­Rückendeckung.

Die Zunahme verbaler und körperlicher Übergriffe hängt laut Heubrock mit einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zusammen: „Brutalität und Gewalt im öffentlichen Raum haben deutlich zugenommen. Und: Der Individualismus in der Gesellschaft nimmt zu. Was man selbst haben und machen möchte, ist wichtiger als Empathie für andere.“ Beispiel dafür sei etwa, wenn ein Autofahrer ausfallend wird, weil ein Rettungswagen wegen eines Notfalls eine Einfahrt zugeparkt habe oder eine Fahrspur blockiere.

Im vergangenen Jahr ist der Strafrahmen für Übergriffe auf Rettungskräfte und Polizisten ausgeweitet worden. Heubrock: „Eine höhere Strafandrohung nützt aber nur etwas, wenn es auch zu einer Verhandlung kommt und die Strafe auch ausgesprochen wird. Rettungskräfte haben uns berichtet, dass Verfahren von der Staatsanwaltschaft oft im Vorfeld bereits eingestellt würden – wegen Geringfügigkeit oder weil kein öffentliches Interesse bestehe.“

Verfahren schon im Vorfeld eingestellt

Deshalb würden Übergriffe gar nicht erst bei Vorgesetzten gemeldet, geschweige denn angezeigt. Der Rechtspsychologe beschreibt den Fall eines Rettungsassistenten, der von einer mit HIV und Hepatitis C infizierten Person bespuckt worden sei. Heubrock: „Der Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft war schon da, bevor der Rettungsassistent überhaupt wusste, ob er infiziert und damit gesundheitlich geschädigt ist.“

Michael Freyhoff ist Rettungssanitäter und Mitglied eines Teams zur Psychosozialen Notfallversorgung beim DRK Bremen. Dieses Team wurde vor rund 20 Jahren eingerichtet, um Rettungskräfte bei der Bewältigung traumatischer Erlebnisse zu unterstützen. Nach Unfällen und anderen Einsätzen mit Verletzten und Toten. Zunehmend sind sie inzwischen auch Ansprechpartner für Kolleginnen und Kollegen, die bei „ganz normalen“ Einsätzen bepöbelt, beschimpft, bespuckt und attackiert wurden. Am Sonnabend lädt das Bremer DRK zu einem Symposium ein: Der Hauptteil der Veranstaltung, die mit 300 Teilnehmern zum bundesweit größten Fachtreffen zählt und regelmäßig in Bremen stattfindet, widmet sich nach wie vor traumatischen Erlebnissen nach Unfällen und anderen Unglücken. Neu auf der Tagesordnung: Gewalt gegen Rettungskräfte – Uni-Professor Heubrock gibt einen Bericht zur aktuellen Lage.


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...
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