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Reportage über den Stadtteil
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Zurück nach Huchting: Eine Woche in der alten Heimat

Alice Echtermann 01.09.2018 3 Kommentare

Alice Echtermann (26) hat die ersten 19 Jahres ihres Lebens in Huchting verbracht. Danach zog sie erst in die Neustadt und dann nach Arsten.
Alice Echtermann (26) hat die ersten 19 Jahres ihres Lebens in Huchting verbracht. Danach zog sie erst in die Neustadt und dann nach Arsten. (Shirin Abedi)

Früher sagten wir immer: Wir kommen aus Huchting, aus dem Getto. Das war gar nicht negativ gemeint. Wir hatten uns das angewöhnt, weil ohnehin alle so dachten. Viele glauben ja, hier könne man nachts nicht allein auf die Straße gehen. Tatsächlich erinnere ich mich, dass ich oft von der Straßenbahn nach Hause lief und meinen Schlüssel als Waffe umklammerte, falls mich jemand überfallen sollte. Ich kenne aber niemanden, dem so etwas wirklich passiert ist. Das ist nicht der Grund, weshalb ich vor sieben Jahren aus Huchting wegging.

Der Ort, an dem man seine Kindheit verbracht hat, lässt einen nicht los. Sein Name ist es, bei dem man aufhorcht, wenn er in den Nachrichten fällt. Passiert etwas Schlimmes heißt es oft: Huchting mal wieder. Dann denke ich: Das ist nicht richtig so, Huchting ist auch anders. Der Stadtteil verdient es, dass man genauer hinschaut. Aber kenne ich Huchting nach all den Jahren überhaupt noch?  

Dies ist die Geschichte eines Experiments: eine Woche in der alten Heimat. Eine Gästewohnung im Gewoba-Block, Brüsseler Straße 1. Einkaufen bei Netto, Mittagspause im Einkaufszentrum Roland-Center, endlose Spaziergänge durch Wohnviertel. Ich kenne viele Gründe, Huchting zu verlassen. Was ich suche, ist die Antwort auf die Frage: Warum bleiben?

Montag

Sie haben meine alte Schule abgerissen. Das ist mein erster Gedanke, als ich mit dem Auto vor einem Bauzaun parke. Wo in meiner Erinnerung das Hauptgebäude stand, gibt es nur noch verdorrtes Gras, Sand und Unkraut. Es ist lange her, dass ich die Schule an der Hermannsburg gesehen habe. Mehr als zehn Jahre. Nach meiner Schulzeit habe ich Huchting verlassen und bin in die Neustadt gezogen, rein ins Stadtleben. Nun passen die Erinnerungen nicht mehr zur Realität. So sehr ich es versuche, ich kann mir das alte Gebäude nicht vor Augen rufen. Ich wünsche mir plötzlich, ich hätte damals ein Foto gemacht.

Der Bauzaun und die Container sind der erste Eindruck, den man beim Besuch der Oberschule Hermannsburg bekommt.
Der Bauzaun und die Container sind der erste Eindruck, den man beim Besuch der Oberschule Hermannsburg bekommt. (Alice Echtermann)

An der Straße stehen viele Schüler, denn die Schule gibt es noch, auch wenn es auf den ersten Blick anders wirkt. Auf dem Weg zum Schulhof frage ich zwei Mädchen nach dem Weg zur Schulleitung. Sie deuten auf eine zweistöckige Reihe weißer Container. Dort im ersten Stock sitzt Schulleiter Achim Kaschub in seinem Büro. Durch das gekippte Fenster dringen das Geschrei und das Lachen der Jugendlichen herein. Seit fünf Jahren stehen die provisorischen Bauten an der Oberschule, die ich noch als Integrierte Gesamtschule Hermannsburg kannte. Das Hauptgebäude war baufällig und musste abgerissen werden. Die Übergangslösung war eigentlich für maximal zwei Jahre vorgesehen, sagt Kaschub. Doch nun hat die Schule seit fünf Jahren keine Turnhalle, Mensa oder Fachräume. Das macht sich bemerkbar: Eltern, denen eine gute Bildung wichtig ist, hätten ihre Kinder in den vergangenen Jahren lieber auf andere Schulen geschickt, erzählt der Schulleiter.

Erst seit wenigen Wochen tut sich etwas. Im Frühjahr 2020 sollen die Container verschwinden und der Neubau fertig sein. Bürgermeister Carsten Sieling hat versprochen, zur Grundsteinlegung zu kommen. Und die Zahl der Eltern, die ihre Kinder auf diese Schule schicken wollen, sei auch schon wieder gestiegen, sagt Kaschub. Er lächelt viel, bemüht sich um positive Formulierungen. Aber seine Augen wirken müde. Die Hermannsburg hat wie alle Schulen in Huchting mit großen Herausforderungen zu kämpfen – und sollten die bildungsnahen Kinder, wie Kaschub sie nennt, fernbleiben, könne die Schule ihr Niveau nicht halten. 

(Alice Echtermann)

Ich habe die Hermannsburg mit einer Empfehlung für die gymnasiale Oberstufe verlassen. Ich berichte Kaschub von einem Deutschlehrer auf dem Gymnasium, der erstaunt war, dass ich mithalten konnte. Immerhin kam ich ja von der Hermannsburg. Der Schulleiter lacht: „Ich glaube, dass alle unsere Schüler mithalten können. Aber wir sind natürlich alles andere als perfekt.“ Die Schlüsselworte lauten Inklusion und Integration. Laut Kaschub hat jedes fünfte Kind an der Hermannsburg speziellen Förderbedarf. Dazu kämen zehn Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die einen Vorkurs besuchten, und ungefähr 70 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund. „Wir haben im Umgang mit dieser Vielfalt viel mehr Übung als andere Schulen“, sagt er. „Wir sehen das als Gewinn.“

Der Schulleiter selbst wohnt in Findorff. An Huchting gefällt ihm, dass es hier so viele Menschen und Institutionen gibt, die sich um Jugendliche kümmern. Der Sportverein TuS Huchting, die Stadtteilfarm, der Kulturladen. „Das gibt es in dieser Häufung in Findorff nicht.“ Vielleicht auch, weil dort die Familien besser allein klarkommen. Kaschub sagt, er würde seine eigenen Kinder – er hat vier – ohne Bedenken in Huchting auf die Schule schicken: „Ich weiß, ich müsste hier keine Angst um sie haben.“ Angst, dass sie nicht genügend Bildung bekommen, oder Angst, dass ihnen etwas zustößt? Er antwortet: beides.

Der Gastwirt: Guido Pascher
Guido Pascher will etwas tun gegen die Langeweile in Huchting. Seine Kneipe liegt auf dem Gelände des TuS Huchting, neben der Bezirkssportanlage, mitten im Grünen. Der Sportverein bekomme viel Zulauf, sagt er. Erst kürzlich wurde eine weitere Sporthalle mit Fitnessgeräten gebaut. „Wir müssen etwas machen hier in Huchting“, sagt Pascher.
Der 53-Jährige ist in Huchting groß geworden. Eine Zeit lang lebte er in Stuttgart, kam aber zurück, um seine Eltern zu pflegen. Vor etwa acht Jahren stieg er als Partner bei der Kneipe auf der Sportanlage ein und übernahm sie 2016 selbst. Seitdem führt er das Guido’s nach seinen Vorstellungen. Er organisiert Turniere, das große Osterfeuer und erst vor wenigen Monaten hat er seinen Biergarten eröffnet. Auf der Terrasse mit Bierbänken und Sonnenschirmen will Pascher Sportevents übertragen und Musik spielen. Die meisten Stammkunden sind über 40 Jahre alt, aber nun hofft er auch auf jüngeres Publikum. „Das hier soll ein Treff sein für jedermann. Die Leute sollen wieder ein Ziel haben, wo sie hingehen können. Wo Ruhe ist. Ich will hier keinen Stress haben.“
Das Nachtleben in Huchting sei nicht mehr wie früher, erzählt er. In seiner Jugend habe es hier gut 20 Kneipen gegeben, er und seine Freunde zogen von Theke zu Theke und spielten Darts. Heute gebe es nur noch vier Kneipen, seine eigene eingerechnet. „Abends gehen die Leute nicht mehr auf die Straße, ab zehn Uhr klappen sie die Bürgersteige hoch“, sagt Pascher. Manche hätten Angst, für andere gebe es schlicht keine Angebote. Auf der Sportanlage sieht er jedoch die Möglichkeit für mehr Miteinander. Der Sport verbindet die verschiedenen Nationalitäten in Huchting, und das „Guido’s“ ist so etwas wie neutrales Gebiet. Bei Schnitzel und Bier hat Pascher ein offenes Ohr für jeden, er ergreift keine Partei. Er wolle einfach nur Ruhe und Frieden, sagt er. Es gebe genug Probleme auf der Welt. Sein Credo: „Kein Mensch wird schlecht geboren, das ist immer das Umfeld, das einen bestimmt.“
Die Sozialarbeiterin: Inga Jorek
Kinder und Familien stehen im Mittelpunkt von Inga Joreks Arbeit im Quartiersbildungszentrum (QBZ). Solchen Zentren entstehen dort, wo ein besonderer Bedarf ist, erklärt sie. Zum Beispiel in Blockdiek oder eben in der Robinsbalje in Huchting. Seit 2016 leitet die junge Frau das QBZ für die Hans-Wendt-Stiftung. Davor arbeitete die gebürtige Bremerin sechs Jahre in der Familienhilfe. Sie wohne nicht in Huchting, kenne aber die Situation, weil sie oft Familien zu Hause aufgesucht habe, sagt sie.
Eine hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Isolation sind nur einige der Probleme des Quartiers. Joreks Aufgabe ist es, die Bildungschancen hier zu verbessern. Oft entsteht der erste Kontakt über Deutschkurse, zum Beispiel „Mama lernt Deutsch“. Tagsüber ist das QBZ ein offener Treffpunkt. Häufig stehen Kinder vor Joreks Bürotür und wollen ihre Hilfe bei irgendetwas, einem Streit, einer Frage. Der Schulhof der Grundschule direkt hinter dem Gebäude ist ab 16 Uhr für alle geöffnet. Familien machen dort Picknick, Kinder nutzen ihn als Spielplatz.
„Es geht hier nicht um das fünfte Malangebot oder den achten Kochkurs“, sagt Jorek. Oft habe man ja tolle Ideen, wie alles besser werden könne – nur leider seien das dann nicht die Ideen der Betroffenen. Im QBZ versuchten sie, auf die Wünsche der Menschen einzugehen. Der Kontakt zu Frauen und Kindern sei dabei einfacher als der zu Jugendlichen oder erwachsenen Männern. Genau diese Gruppen stehen jedoch oft im Mittelpunkt der Konflikte, die der Robinsbalje ihren schlechten Ruf geben.
Manchmal kämen die Bewohner durchaus zur Sprechstunde, um einen Streit zu klären, sagt Jorek. Aber über die Lösung von Konflikten, zum Beispiel mit einem Täter-Opfer-Ausgleich, werde ja selten berichtet. Ein Problem aber bleibt: „Es gibt wahnsinnig viele Jugendliche, aber ich sehe sie fast nie hier.“ Zu den Kursen kämen stets nur Kinder. Nach dem 13. Lebensjahr schienen sie plötzlich alle zu verschwinden. „Wir erreichen die Leute hier – aber vermutlich noch nicht genug.“
Die Politikerin: Yvonne Averwerser
Yvonne Averwersers erster Kontakt zu Huchting war ein Neujahrsempfang der CDU Bremen. Damals machte sie die Pressearbeit für ihre Partei und hatte den Eindruck, von der Innenstadt ins Nirgendwo zu fahren. 2005 zog sie mit ihrer Familie selbst dorthin, auf der Suche nach einem bezahlbaren Haus mit Garten. Inzwischen hat die 48-Jährige den Stadtteil lieb gewonnen. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie mit ihren zwei Kindern nach Grolland. „Ich habe keinen Moment überlegt, aus Huchting wegzuziehen. Aber natürlich musste ich mir anhören: ‚Jetzt ziehst du ja nach Grolland.‘“ Averwerser lacht. Die Huchtinger und die Grolländer, das sei wie mit den Saarländern und den Pfälzern, sagt sie, da gebe es eine Art Rivalität. Kirchhuchting und die anderen Ortsteile seien stärker abgehängt von der Innenstadt. Ein Teil Bremens, den gefühlt niemand haben wolle.
Averwerser ist dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. Sie ist stellvertretende Beiratssprecherin. Während sie spricht, klopft sie energisch mit der Hand auf den Tisch und strahlt Ungeduld aus. In Huchting würden die Dinge oft nur an der Oberfläche verbessert, sagt sie. Man saniere Häuser, aber an den Grund der Probleme der Menschen gehe niemand heran. Sie habe schon vor Jahren verlangt, dass die Situation an der Robinsbalje genau analysiert werde. Huchting habe viel Geld zur Verfügung, es gebe viele Maßnahmen, aber eine richtige Evaluierung finde nicht statt. So gut die Vernetzung auch sei – die Zahlen, zum Beispiel zur Arbeitslosigkeit, würden nicht besser.
Sie habe auch große Bedenken gehabt, was die Aufnahme der Flüchtlinge in Huchting betraf. Die Stimmung sei „ziemlich krawallig“ gewesen, das hätte auch schiefgehen können. Zum Glück habe alles gut funktioniert – „toi, toi, toi“ – aber mit den Folgen stehe man alleine da. Und ein großes Problem der Huchtinger sei, dass sie mit allem allein klarkommen wollten. Veränderungen seien schwierig, aus Sturheit, Stolz oder Angst um den eigenen Ruf. „Huchting ist wie ein gallisches Dorf.“
Der Ortsamtsleiter: Christian Schlesselmann
Es knistert unter der Oberfläche. So drückt Christian Schlesselmann es aus, wenn er über Veränderungen und Bauprojekte in Huchting spricht. Gerade in Kirchhuchting stehe vieles in den Startlöchern, sagt er und verspricht: Die brachliegenden Flächen werden nicht mehr lange bleiben. Auf dem Gelände der ehemaligen Schule am Willakedamm werde man hoffentlich 2019 anfangen zu bauen. Dort sollen Wohnhäuser, Gewerbe und temporär eine neue Schule entstehen. Und dann sind da noch der ehemalige Hof der Familie Osmers, auf dem hüfthohes Unkraut wächst, und der alte Dorfkrug, die geschlossene Traditionskneipe. Dazu könne er nichts Konkretes verraten, sagt Schlesselmann, aber die Verhandlungen liefen für eine Erweiterung der dortigen Grundschule. Er freue sich, wenn er Ergebnisse präsentieren könne.
Es ist ein schwieriges Thema für den 49-Jährigen. Er weiß, dass viele Huchtinger nicht verstehen, weshalb Bauprojekte so lange dauern. Er finde es auch gut, wenn die Leute sich beschwerten, sagt er. Das zeige ihr Interesse, und nur so könne sich etwas verändern. Und er will verändern, will gestalten. Er habe Pläne für weniger Müll und mehr Aufenthaltsqualität, sagt er. Es liege ihm am Herzen. Was die Bauprojekte angeht, seien die Prozesse leider sehr komplex, es gebe viele verschiedene Interessen.
Schlesselmann ist parteilos und seit Anfang 2016 Ortsamtsleiter. So lange wohnt er auch mit seiner Familie in Huchting. „Wir wollten einen Neuanfang“, sagt er. „Ich habe für mich den richtigen Stadtteil erwischt.“ Der menschliche Kontakt, die Sportangebote, die familiäre Atmosphäre und das viele Grün – das passe einfach alles.
Und das, obwohl seine Ankunft in eine politisch schwierige Phase fiel. Damals war die Aufnahme der Flüchtlinge das beherrschende Thema in Huchting. Die Debatten hätten sich beruhigt, sagt Schlesselmann. Die Sorgen seien unbegründet gewesen, trotzdem gebe es noch bei einigen Leuten Bedenken oder Ängste. Auch darum müsse man sich kümmern.
Fotostrecke: Huchtinger Stimmen: Das bewegt den Stadtteil

Als ich wieder im Auto sitze, denke ich darüber nach, warum ich damals aus Huchting wegwollte. Als ich klein war, liebte ich es. Ich spielte im Park links der Weser, schlug mich durchs Unterholz und kletterte auf Bäume. Ich machte Leichtathletik, spielte Tennis und ging nachmittags mit einer Freundin ins Einkaufszentrum Roland-Center. Wir aßen Eis und lästerten über die Leute, die vorbeikamen. Aber später fehlte etwas. Zum Beispiel eine Bar, in der ich mit Freunden Cocktails trinken konnte. In Huchting konnte man nur abhängen, und das war mir irgendwann nicht mehr genug.

Huchting ist ein Dorf. In fast jedem Gespräch höre ich diesen Satz. Mal ist er positiv gemeint; im Sinne von grün, ruhig, ein Ort, an dem man seine Nachbarn kennt. Mal negativ; ein Ort, wo nach Herzenslust getratscht wird, wo tote Hose ist. Der Satz stimmt natürlich nicht: Seit 1945 ist Huchting ein Bremer Stadtteil. Doch den dörflichen Charakter hat es sich bewahrt. Huchting ist ein Ort, der zwar alles hat – Ärzte, Supermärkte, sogar das Roland-Center –, aber der irgendwie abgetrennt ist von Bremen. Räumlich durch den Park links der Weser, aber auch im Denken der Bewohner.

Die Kirchhuchtinger Landstraße, die später zur Huchtinger Heerstraße wird, ist die Hauptverkehrsader Huchtings.
Die Kirchhuchtinger Landstraße, die später zur Huchtinger Heerstraße wird, ist die Hauptverkehrsader Huchtings. (Dustin Weiss)

Ich biege ein auf die Kirchhuchtinger Landstraße, die Hauptstraße Huchtings. In meinen Ohren klingt noch Achim Kaschubs Stimme: „Wir haben hier ganz viele Jugendliche, die kaum den Stadtteil verlassen. Die fahren das erste Mal in der fünften Klasse mit uns in die Innenstadt.“ Das kann ja nicht gut gehen, denke ich. Was gibt es denn schon in Huchting? Hier an der Straße reihen sich Dönerläden, Pizzerien, Frisöre und Spielhallen auf. Es gibt Supermärkte, türkische Gemüseläden, Shishabars. Es gibt viel in Huchting, aber es gibt nicht genug. Vor allem nicht für junge Menschen, die etwas erleben wollen. Und wer Langeweile hat, kommt leicht auf dumme Gedanken.

2006, ein Jahr bevor ich aufs Gymnasium wechselte, brannten in Huchting nachts die Autos. Die Nachrichten zu dieser Zeit waren voller Berichte aus Frankreich, wo junge Leute die Vororte von Paris, die Banlieues, verwüsteten. In Huchting gab es einige, die sich daran gern ein Beispiel nahmen. Spätestens da wurde Huchting für den Rest von Bremen der sozial abgehängte Vorort, das Getto. Und kaum etwas hält sich hartnäckiger als ein schlechter Ruf. Zu allem Überfluss ging das Ganze 2011 von vorne los. Man vermutete einige wenige Jugendliche dahinter, frustriert und gelangweilt. 

Armut und Kriminalität?

Auf der Suche nach Gründen landet man schnell bei Statistiken. Huchting ist ein armer Stadtteil, vergleichbar mit Gröpelingen oder Blumenthal. Ende 2016 lebten hier laut Statistischem Landesamt 30 340 Menschen. 43,8 Prozent hatten einen Migrationshintergrund. Die Arbeitslosenquote lag Mitte 2017 bei 15,8 Prozent. Die Armut trifft vor allem die Kinder: Etwa 43 Prozent der Unter-15-Jährigen lebten von Sozialhilfe. Und die Zahlen wären sogar noch höher, wenn Grolland nicht wäre. Der Ortsteil ist in fast jeder Hinsicht eine Ausnahme. Er ist so anders, dass ich als Kind dachte, er wäre ein eigener Stadtteil. In der Armutsstatistik zieht Grolland den Schnitt nach oben, denn dort liegt die Quote der leistungsberechtigten Kinder bei nur 6,1 Prozent. In den Ortsteilen Kirchhuchting, Mittelshuchting und Sodenmatt sind es 44,5 bis 47,5 Prozent.

Dennoch: Die oft gezogene Verbindung von Armut und hoher Kriminalität ist zumindest statistisch nicht haltbar. Straftaten kommen in Huchting nicht häufiger vor als in anderen Stadtteilen – im Gegenteil. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik lag die Häufigkeit der angezeigten Delikte 2017 bei 65 pro 1000 Einwohnern. Damit liegt Huchting auf Platz drei der ruhigsten Stadtteile, hinter Oberneuland und Schwachhausen.

Das Einkaufszentrum Roland-Center ist so etwas wie der inoffizielle Mittelpunkt des Stadtteils.
Das Einkaufszentrum Roland-Center ist so etwas wie der inoffizielle Mittelpunkt des Stadtteils. (Dustin Weiss)

Aber über Huchting wird ja nur berichtet, wenn mal wieder etwas Schlimmes passiert ist – unzählige Male werde ich diesen Satz in dieser Woche hören. Das erste Mal sagt ihn Torsten Diekmann, an diesem Montag auf dem Polizeirevier Huchting. In seinem Büro wirkt der 58-Jährige mit Glatze und tätowierten Armen irgendwie fehl am Platz – er ist eher der Typ für den Einsatz auf der Straße.

Seiner Meinung nach haben viele Bremer durch die Medien ein verzerrtes Bild von Huchting. Drogengeschäfte, Fehden zwischen ausländischen Familien, Schießereien auf der Straße, ja, das alles gebe es. Doch das seien einzelne Vorfälle, die selten Außenstehende beträfen. „Wer sich hier in Huchting auskennt, der weiß: Hier wird keiner einfach auf der Straße zusammengeschlagen.“ In den zwölf Jahren, die er in Huchting wohnt, habe er den Stadtteil nie als unsicher erlebt. Die Vorfälle, mit denen man Schlagzeilen mache, seien fast immer Konflikte zwischen Familien, Verletzungen der Ehre oder Geschäfte, die nicht nach Wunsch verliefen. „Oftmals geht es um libanesische Großfamilien, die hier machen, was sie wollen, die hier ihre Parallelgesellschaft haben.“ Dass das ein Problem ist, streitet Diekmann natürlich nicht ab. Viele Huchtinger hätten auch keine Lust mehr, das Treiben dieser Menschen in ihrem Stadtteil zu tolerieren. Denn es trage dazu bei, dass bei einem Vorfall alle verächtlich sagten: „Ach, wieder Huchting.“

Einfamilienhäuser am Hohenhorster Weg. Ruhige Wohnstraßen mit schönen Gärten sind in Huchting an vielen Ecken zu finden.
Einfamilienhäuser am Hohenhorster Weg. Ruhige Wohnstraßen mit schönen Gärten sind in Huchting an vielen Ecken zu finden. (Alice Echtermann)

Nach 34 Jahren im Streifendienst, davon elf Jahre in Huchting, ist Diekmann vor einem halben Jahr Kontaktpolizist geworden. Seitdem fährt er meist mit dem Fahrrad durch den Stadtteil. Das hat den Vorteil, dass er viele Leute trifft. „Sie können mit mir in jede Kneipe hier gehen, in jedes Lokal, in jede Teestube, ohne dass mir einer ans Hemd will. Weil ich die Leute kenne.“ Wer nicht anonym sei, mache keinen Blödsinn – oder zumindest weniger Blödsinn, fügt er hinzu.

Die Jugendlichen in Huchting bereiten Diekmann besonders Kopfzerbrechen. Es gebe für sie zu wenig Aufenthaltsbereiche, „wo die einfach mal hinfahren können, sich treffen, auch mal laut sein.“ So ein Platz müsse natürlich von der öffentlichen Hand gereinigt werden, damit es keinen Ärger mit den Anwohnern gebe. Es sei utopisch, zu denken, die Jugendlichen würden den Ort selbst sauber halten.

Kürzlich habe es auch Probleme mit einer Gruppe Teenager im Roland-Center gegeben, erzählt er. 13- oder 14-jährige Jungs, alte Bekannte. „Die haben schon im Jugendtreff Hausverbot und jetzt im Roland-Center, weil sie sich einfach nicht an Regeln halten.“ ­Diekmanns Stimme verrät eine gewisse Ratlosigkeit. „Die spielen auch nicht. Spielen ist für sie, andere Leute zu ärgern. Oder etwas kaputtzumachen. Und dann frage ich mich, wo kommt das her? Wie kommt man an sie ran?“

(Alice Echtermann)

Huchting lässt so manchen ratlos zurück. Es ist ein Stadtteil mit vielen Konflikten. Hier liegen gutbürgerliche Verhältnisse und Armut direkt nebeneinander. Dennoch gibt es dieses Gefühl: Wir, die Huchtinger. Wir gegen den Rest, der uns nicht versteht. Auch in meinem Freundeskreis stelle ich das manchmal fest. Obwohl kaum noch jemand in Huchting lebt, verhalten wir uns wie eine eingeschworene Gemeinschaft.

Die berüchtigte Straße

Am Abend besuche ich eine Schulfreundin, die in Huchting geblieben ist – zumindest eine Zeit lang. Inzwischen lebt sie hinter der Grenze zu Stuhr. Wir bestellen Pizza und sie erzählt, wieso sie es nicht mehr ausgehalten hat. Nicht generell in Huchting, sondern in der Straße, in der sie bis vor Kurzem wohnte.

Vor etwa einem Jahr zog sie mit ihrem Freund in eine Wohnung an der Robinsbalje. Eine Straße, von der man sagt, dass niemand freiwillig dorthin geht. Die Robinsbalje endet an einem Wendehammer. Darum gruppiert sich eine Handvoll Häuser in mehr oder weniger marodem Zustand. Dort wohnte Sandra mit ihrem Freund. Die Wohnung war günstig und frisch renoviert, also war das junge Paar dort eingezogen. „Schau dir das an“, sagt Sandra und hält mir ihr Smartphone vor das Gesicht. Sie hat vom Fenster aus gefilmt, wie Ratten zwischen den Müllcontainern vor ihrem Hauseingang herumhuschen. Nicht nur eine oder zwei – Dutzende Ratten.

Sandra hat immer noch Ärger mit ihrem ehemaligen Vermieter, deshalb möchte sie ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen. Ständig sei vor ihrem Haus und im Hausflur alles voller Müll gewesen, erzählt sie. Die Nachbarn hätten die Haustür unten so gut wie nie zugezogen, alles war offen, und nachts hätten sich irgendwelche Leute Autorennen auf der Straße geliefert. Bei jedem Geräusch sei sie hochgeschreckt, sagt die 28-Jährige. Seit sie in Stuhr wohne, schlafe sie besser.

Wohnhäuser an der Robinsbalje, direkt am Wendehammer.
Wohnhäuser an der Robinsbalje, direkt am Wendehammer. (Alice Echtermann)

In den Häusern an der Robinsbalje leben viele Menschen mit Migrationshintergrund, ein großer Teil aus den Balkanländern, hat mir Kontaktpolizist Torsten Diekmann erklärt. „Die Nachbarn waren alle immer freundlich“, sagt Sandra. Das war nicht das Problem, aber normal war das Leben dort eben auch nicht. Immer wieder sei die Polizei im Einsatz am Wendehammer gewesen. Einmal hätte ein Mann unten auf der Straße mit einem Schwert herumgefuchtelt. Wenn sie davon erzählt, lacht Sandra, weil es so absurd ist, aber länger bleiben konnte sie an der Robinsbalje nicht. Die Wohnung, die sie mit ihrem Freund bewohnte, war unfertig saniert worden. Monatelang konnte das Paar seinen Balkon und den Keller nicht nutzen, der Vermieter habe sich nicht gekümmert. Erst als sie kündigte, erfuhr Sandra, dass die Wohnung längst verkauft worden war.

Müll, marode Immobilien, Verwahrlosung – solche Geschichten über die Robinsbalje sind mir nicht neu. Wer das Getto in Huchting suchen will, der wird es dort finden.

Dienstag

Auf den ersten Blick sehen die Häuser nicht anders aus als im Rest von Huchting. Nur ein wenig grauer, der Putz fleckiger, die Balkone rostiger. Statt Blumenkästen haben manche Bewohner hier große Stofflaken aufgehängt, die den Blick aufs Innere der Wohnungen verdecken. Am Dienstagmittag wirkt die Robinsbalje wie ausgestorben. Die Sonne brennt vom blauen Himmel auf braune Rasenflächen.

Dort, wo die Straße eine Kurve macht, liegt auf der linken Seite der Kindergarten. Rechts stehen ein paar große Müllcontainer, zwischen denen loser Unrat herumliegt. Auf einem niedrigen Gartenzaun sitzt eine ältere Frau mit Kopftuch, das Gesicht zum Boden gesenkt. Sie schaut nicht auf, als wir auf dem Fahrrad vorbeifahren.

Eine Szene in der Straße Robinsbalje. Nach Ansicht vieler Huchtinger gibt es in dem Quartier ein Problem mit Müll.
Eine Szene in der Straße Robinsbalje. Nach Ansicht vieler Huchtinger gibt es in dem Quartier ein Problem mit Müll. (Alice Echtermann)

Eine gute Stunde sind Inga Neumann und ich schon mit dem Rad im Stadtteil unterwegs. Getroffen haben wir uns mittags im Bürger- und Sozialzentrum, wo die Quartiersmanagerin vom Amt für Soziale Dienste ihr Büro hat. Spricht Neumann über das, was die Menschen in Huchting bewegt, redet sie mit sanfter Stimme und ist stets bedacht, alle Seiten zu betrachten und nicht zu urteilen. In der Stadtteilgruppe gehe es meistens um das Thema Wohnen, sagt sie. Wie ist die Nachbarschaft, wer räumt im Winter den Schnee weg und wer sorgt dafür, dass kein Müll herumliegt?

Die Stadtteilgruppe ist ein öffentliches Treffen, das das Quartiersmanagement organisiert und bei dem sich die Huchtinger austauschen. Dort werden auch soziale oder kulturelle Projekte angestoßen, die über das Programm „Wohnen in Nachbarschaften“ (Win) finanziert werden. Huchting ist eines von elf aktiven Win-Gebieten in Bremen. Seit 20 Jahren werden so Quartiere mit Entwicklungsbedarf gefördert, zum Beispiel auch Tenever, Kattenturm oder Blumenthal. Huchting war von Anfang an dabei, insgesamt wurden hier laut Sozialbehörde seit 1998 gut drei Millionen Euro investiert.

Unterwegs auf dem Fahrrad durch Huchting mit Inga Neumann.
Unterwegs auf dem Fahrrad durch Huchting mit Inga Neumann. (Alice Echtermann)

„Ich glaube, es ist wichtig, wie die Stimmung und die Atmosphäre im Stadtteil sind“, sagt Neumann. Huchting sei ein reines Wohnquartier, es gebe wenige Arbeitsplätze und wenige kulturelle Anreize. „Das spüren die Menschen natürlich. Ich bin mir sicher, dass viele außerhalb von Huchting Angebote wahrnehmen. Aber ich weiß von einigen, die das eben nicht machen. Wo der Stadtteil das Zuhause ist.“ Sie wolle das gar nicht werten, sagt Neumann, das habe ja auch etwas Schönes.

Auf unserer Radtour hat Neumann immer wieder auf gepflegte Grünflächen und Spielplätze zwischen den Häusern gezeigt. Auf Bewohnertreffs, in denen es Cafés und Angebote vor allem für ältere Menschen gibt. Huchting sei ein schöner Ort, mit dem sich die Menschen identifizierten, sagt sie. Deshalb gebe es viele Alteingesessene. Diese Menschen sind allerdings nicht die, mit denen sie vor allem zu tun hat. Ihr Fokus liegt auf denen, die nicht von allein in den Sportverein gehen oder kulturelle Angebote nutzen. Oft seien das diejenigen, die keine Arbeit haben. Oder Zugezogene, die kaum Deutsch sprechen. Solche Menschen, wie sie an der Robinsbalje wohnen.

(Alice Echtermann)

Als wir uns dem Wendehammer nähern, werden die Gebäude ringsum immer unansehnlicher. „Je höher die Hausnummer, desto größer das Problem“ – das hat Kontaktpolizist Torsten Diekmann am Montag über die Robinsbalje gesagt. Und es stimmt. Am Anfang der Straße wirkt alles noch gepflegt, doch im Wendekreis bietet sich ein trostloser Anblick. Vor den Hauseingängen hat sich niemand die Mühe gemacht, Gärten anzulegen. Bei einer Tür fehlt komplett die Glasscheibe. „Der Wendehammer ist für viele, die sich hier nicht auskennen, nachts ein Angstort“, sagt Neumann. „Aber tagsüber, wenn man etwas später kommt, spielen hier überall Kinder.“

Vor einigen Jahren hat sie hier eine Bewohnerbefragung gemacht. Sie sprach die Menschen an und wurde zum Tee hereingebeten. „Wir haben viele nette, herzliche Menschen kennengelernt.“ Die Wohnungen seien jedoch oft in sehr schlechtem Zustand, feucht, schimmelig. Die Menschen wüssten nicht, wohin sie mit ihren Sorgen gehen sollen. Vor einiger Zeit habe das Sozialamt beschlossen, die Wohnungen in zwei bestimmten Blöcken an der Robinsbalje nicht mehr zu belegen. „Aber dann belegt sie eine andere Behörde, wenn Wohnungsnot ist“, sagt Neumann.

Eine Häuseransicht in der Robinsbalje.
Eine Häuseransicht in der Robinsbalje. (Alice Echtermann)

Wo noch günstiger Wohnraum vorhanden ist, zieht es diejenigen hin, die wenig haben. Dabei wurde bereits viel für die Robinsbalje getan: Ein Quartiersbildungszentrum (QBZ) soll die Bildungschancen der Kinder verbessern, bietet Angebote für Schüler und deren Familien. Hier kommen verschiedene Organisationen zusammen: die Grundschule, die Kita, das Gesundheitsamt, das Haus der Familie, alles unter der Leitung der Hans-Wendt-Stiftung. Doch an der Wohnsituation der Menschen kann das QBZ nichts ändern. Es sei schwierig, an der Robinsbalje etwas zu bewegen, erklärt Neumann. Man wisse, dass hier Geld hin- und hergeschoben werde. Anders als die meisten Häuser in Huchting, die von der Gewoba verwaltet werden, sind die Wohnungen fast alle in Privatbesitz und die Besitzverhältnisse undurchsichtig. Manchen Eigentümern geht es nur um den Gewinn aus den Mieteinnahmen. Doch die Behörden kämen nicht an sie heran, wenn sie nicht verkaufen wollten, sagt Neumann. „Wir sind froh, dass wir die Gewoba in den anderen Quartieren haben.“

Mittwoch

Als ich meine Woche in Huchting geplant habe, schrieb ich mehrere Wochen vorher einen Beitrag in einer Facebook-Gruppe namens „Wir sind Huchting“. Eine sehr aktive Gruppe mit mehr als 2700 Mitgliedern, über die sich Huchtinger und Ex-Huchtinger austauschen, gegenseitig helfen und Klatsch verbreiten. Ich fragte sie, wohin ich ihrer Meinung nach gehen und mit wem ich sprechen sollte. Ich bekam mehr als 70 Vorschläge – vom Ortsamt über die Bezirkssportanlage bis hin zu den Kneipen. Ich solle mit der Gewoba über die Vermüllung des Stadtteils sprechen, schrieb einer. Ein anderer riet mir, zum Roland-Center zu gehen und mir Gedanken über Flüchtlingspolitik zu machen. Und dann war da Christa Bruns, die mich zum Frühstück einlud. Einmal pro Woche trifft sie sich mit anderen Frauen in einem Bewohnercafé im Ortsteil Sodenmatt.

Und so sitze ich am Mittwoch um kurz nach 9 Uhr an einem Tisch mit acht Frauen. Vor mir stehen ein gekochtes Ei und eine Tasse Kaffee, und ich komme kaum zu Wort. Diese Frauen sind eine energiegeladene Gruppe, ihr Gelächter ist ohrenbetäubend in dem kleinen Raum.

Ingrid Fleischer, Heidemarie Damberg und Petra Gredler (von links) treffen sich immer mittwochs mit anderen Frauen zum Frühstück.
Ingrid Fleischer, Heidemarie Damberg und Petra Gredler (von links) treffen sich immer mittwochs mit anderen Frauen zum Frühstück. (Dustin Weiss)

Auf meine Frage, wie lange sie sich hier schon jede Woche treffen, bricht eine Diskussion aus, denn keine weiß es so genau. Sie hangeln sich am Alter von Kindern und Enkelkindern entlang, bis sie sich einig sind: Es müssen schon mindestens 27 Jahre sein. Denn Doris Jünemann erinnert sich, 1991 eine Anzeige für das Frauenfrühstück in der Zeitung gesehen zu haben. Das war nach ihrer Scheidung, als sie sich einsam fühlte. Jünemann ist mit 78 die Älteste der Runde, die jüngste ist Carola Thode mit 48 Jahren.

Die acht Frauen haben ganz unterschiedliche Geschichten, aber eines gemeinsam: Sie suchten Kontakt. Manche, wie Heidemarie Damberg, die alle Heidi nennen, sind neu nach Huchting gezogen und kannten niemanden. Fast alle sind allein, geschieden oder verwitwet, die Kinder erwachsen und aus dem Haus.

„Jeder hat mich für verrückt erklärt: Wie kannst du nach Huchting ziehen“, erzählt Damberg. Sie kam nach dem Tod ihres Mannes her. Sie wollte dem Stadtteil eine Chance geben. „Es kommt drauf an, wo man hingeht. Ich wohne am Neuen Damm, und der ist noch recht sauber und ordentlich. Ich muss sagen, ich fühle mich hier eigentlich wohl.“ Am Anfang war das anders, weil sie zurückgezogen lebte. Dann lernte sie die Frauen von der Frühstücksgruppe kennen. Auch da war die 68-Jährige zunächst skeptisch. „Wenn alle schon so lange dabei sind, fühlt man sich als Neue erst mal unwohl.“ Davon ist jetzt nichts mehr zu spüren – Dambergs raue, tiefe Stimme dröhnt am lautesten von allen über den Tisch. „Heute kann ich sagen: Es war genau richtig, was ich gemacht habe“, sagt sie. Sie bezeichnet sich als „Neu-Huchtingerin“, obwohl sie jetzt seit sieben Jahren hier lebt.

Huchting von oben. Deutlich zu erkennen sind der Sodenmattsee und die B75.
Huchting von oben. Deutlich zu erkennen sind der Sodenmattsee und die B75. (Karsten Klama)

Anzukommen und Anschluss zu finden in Huchting ist nicht schwer, wenn man an die richtigen Menschen gerät. Und die Frauenrunde am Mittwoch ist ganz richtig. „Hier findet man Geselligkeit, kann Unternehmungen machen und hat nicht das Gefühl, so allein zu sein“, sagt Damberg.

Immer wieder kommen neue Frauen zu der Gruppe, andere gehen weg, manche sterben. Petra Gredler ist unter den acht Frauen die einzige, die in Huchting aufgewachsen ist. Hier lernte sie ihren Ehemann kennen, der wohnte gleich um die Ecke. „Wir sind eigentlich immer hiergeblieben“, erzählt die 58-Jährige. „Seitdem mein Mann gestorben ist, bin ich hier in der Frühstücksgruppe. Und ich möchte hier nicht weg. Ich bleib’ in Huchting.“ Sie sagt das ein wenig herausfordernd, als würde sie meine nächste Frage schon vorausahnen: Warum? „Weil ich mich hier einfach wohlfühle. Es ist viel gesagt worden, der Stadtteil sei gar nicht mehr so schön. Ich muss sagen: Für mich ist er gut.“ Auch wenn es sicher Ecken gebe, in denen sie nicht wohnen wolle. „Es ist auch richtig runtergekommen“, sagt Jünemann. Sie wohnt seit 40 Jahren in Huchting. Schmutziger sei es geworden.

Der Sodenmattsee in Huchting ist ein sehr beliebter Treffpunkt, vor allem im Sommer.
Der Sodenmattsee in Huchting ist ein sehr beliebter Treffpunkt, vor allem im Sommer. (Alice Echtermann)

Von ganz allein wendet sich das Gespräch nun zu dem Thema, das viele Huchtinger beschäftigt. „Früher gab es hier nicht so viele ausländische Mitbürger“, sagt Lieselotte Arndt. Damals hätten in ihrem Haus nur Deutsche gelebt, alles ältere Leute. Dass Huchting sich verändert, da sind sich alle einig, liegt an den zugezogenen Menschen. „Die haben eine andere Mentalität. Die sind nicht so pingelig wie die Deutschen. Die grillen am See und lassen alles liegen“, meint Jünemann. Aber freundlich seien sie, hätten Respekt vor alten Leuten. „Da muss ich jetzt mal einhaken“, ruft Damberg dazwischen. Es störe sie, dass alle die Schuld für den Müll den Ausländern gäben. „Ich gehe seit 40 Jahren am Sodenmattsee baden, ich kann das schon beurteilen“, beharrt Jünemann. „Das glaube ich dir“, sagt Damberg, „aber fahr’ mal ins Ausland und guck’ dir an, wie sich manche Deutsche da benehmen!“

Die Diskussion nimmt immer mehr an Fahrt auf, es geht noch um das Tragen von Kopftüchern und das trotz allem gute Verhältnis zu den Nachbarn mit Migrationshintergrund. Fast jede der Frauen weiß zu dem Thema noch eine positive Geschichte zu erzählen. Es scheint ihnen wichtig zu sein, zu betonen, dass sie mit Ausländern kein Problem haben.

Donnerstag

Sana Jassin war acht Jahre alt, als sie nach Huchting kam. Kurz vor ihrem neunten Geburtstag zog ihre Familie in die Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Hotel Zum Landgrafen. Anfang der 1990er-Jahre lebten hier außer ihnen kaum Syrer; sie wohnten vor allem zusammen mit Geflüchteten aus den Balkanländern. „Zuerst war es schon schwierig. Man konnte sich gar nicht unterhalten – aber Kinder haben ihre eigene Sprache“, sagt die junge Frau. Sie liefen über die Flure und verabredeten sich zum Spielen. Jassin erinnert sich gerne an diese Zeit. „Ich sage immer: Meine schönste Kindheit hatte ich im Landgrafen.“

(Alice Echtermann)

Am Donnerstagmorgen sitzt die 32-Jährige in ihrem Büro in einer anderen Flüchtlingsunterkunft – dem Übergangswohnheim am Wardamm in Huchting. Sie trägt eine weiße Bluse mit Spitze und die langen, dunklen Haare fallen ihr glatt über die Schultern. Hier ist sie keine Bewohnerin, sondern die Leiterin. Wenn sie von ihrer Kindheit in Huchting erzählt, klingt alles wie ein großes Déjà-vu. Das Heim ihrer Familie wurde in den 1990ern betreut von der Arbeiterwohlfahrt Bremen (Awo), Jassins jetzigem Arbeitgeber. Sie wohnt immer noch in Huchting und der Hausmeister am Wardamm sei derselbe Mann, der während ihrer Kindheit im Landgrafen arbeitete, erzählt die junge Frau und lacht. „Als ich hier meinen ersten Tag hatte, schaute er mich an und fragte: ‚Bist du die kleine Sana?‘“ Für Jassin hat es etwas von Schicksal, wie sich die Dinge gefügt haben.

Das Huchting ihrer Kindheit ist nicht der multikulturelle Ort von heute. An ihrer Schule kannte sie damals nur zwei andere Mädchen mit ähnlicher Herkunft. Für sie hat sich der Stadtteil aber zum Positiven gewandelt. „Ich weiß noch: Meine Eltern mussten früher zum Flughafen fahren, um einen türkischen Laden zu besuchen. Mittlerweile haben wir vier oder fünf. Es ist viel Leben hier reingekommen.“

Die Veränderung ist sichtbar und mit Zahlen belegbar: Ende 2016 lag in den Ortsteilen Mittelshuchting, Kirchhuchting und Sodenmatt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund laut Statistischem Landesamt bei etwa 46 bis 48 Prozent. Bei den Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren waren es bis zu 75 Prozent. Die Entwicklung beschleunigte sich durch den Zuzug von Flüchtlingen. Derzeit gibt es in Huchting drei große Übergangswohnheime. Zudem beherbergt der Landgraf seit 2016 wieder unbegleitete Minderjährige. Der Widerstand vieler Huchtinger dagegen war groß – in den Beiratssitzungen redeten sie sich die Köpfe heiß. Sie befürchteten, dass mit den jungen Flüchtlingen noch mehr Probleme in den Stadtteil kämen.

Das große, neue Übergangswohnheim an der Obervielander Straße war vielen Anwohnern anfangs ein Dorn im Auge.
Das große, neue Übergangswohnheim an der Obervielander Straße war vielen Anwohnern anfangs ein Dorn im Auge. (Alice Echtermann)

Was das Heim am Wardamm angeht, habe es bisher keine Schwierigkeiten gegeben, sagt Jassin. Gegen Berührungsängste der Huchtinger hat sie ein Mittel: Sie lädt einfach jeden zu sich ein. Als sich einige Nachbarn über Müll an der Straße beschwerten, etablierte sie regelmäßige Aufräumaktionen. Viele Bewohner wüssten eben nicht, wie man Abfall richtig entsorgt. „In Syrien zum Beispiel ist die Mentalität anders, dort wird alles auf einen Haufen geschmissen.“ Deshalb sei die Zeit im Übergangswohnheim so wichtig. „Die Integration beginnt hier – in der eigenen Wohnung ist es eigentlich schon zu spät.“ Falls es in ihrer Kindheit auch solche Konflikte gab, erinnert sich Jassin wohl nicht mehr daran. Sie kam gut in Huchting an, obwohl es viel weniger Hilfsangebote gab. Vorkurse in den Schulen existierten damals nicht. Jassin bekam zweimal die Woche Deutschnachhilfe von einem Lehrer, der sich dafür freiwillig gemeldet hatte, und an den sie sich nur als „Herr Tom“ erinnert. „Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich die Sprache so schnell gelernt habe.“ 

Wer hier ankommt, will bleiben

Als sie das erzählt, muss ich an ein Mädchen aus meiner Grundschule denken. Sie kam zu uns, als ich in der zweiten Klasse war, sprach kaum ein Wort Deutsch und wohnte am Wardamm. Da war das Übergangswohnheim schon ein paar Jahre alt; es wurde in den 1990ern gebaut und beherbergte vor allem Flüchtlinge aus dem Kosovo-Krieg, zu denen auch meine Mitschülerin zählte. Ich frage mich, was sie heute macht. Ich weiß nur, dass ihr Vater immer noch in Huchting wohnt; ab und zu sehe ich ihn auf dem Fahrrad vorbeifahren, wenn ich meine Eltern besuche.

Heute leben am Wardamm vor allem Syrer, Afghanen und Menschen aus afrikanischen Ländern. Das Wohnheim liegt abgelegen an einer Straße, die nach Landstraße aussieht und von Mittelshuchting nach Grolland führt. Am Anfang seien viele Bewohner enttäuscht, so weit weg von der Innenstadt zu wohnen, sagt Jassin. „Aber wir sagen den Leuten dann, dass es hier auch Schulen, Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten gibt. Man hat hier eigentlich alles.“ Und am Ende wollten fast alle in Huchting bleiben. Wer einmal an einem Ort angekommen ist, wo die Kinder zur Schule gehen, möchte nicht wieder entwurzelt werden. Eine Wohnung zu finden, sei jedoch selbst hier nicht mehr so leicht, sagt Jassin. Die Wohnraumvermittler der Awo können die Wünsche der Bewohner nicht immer erfüllen.

Die 32-Jährige kann gut verstehen, dass die Geflüchteten dauerhaft in Huchting bleiben wollen. Ihrer Familie ging es genauso. Die erste Wohnung nach dem „Landgrafen“ war in Gröpelingen, aber sobald sich die Gelegenheit bot, zogen sie wieder in den Stadtteil, der ihre Heimat geworden war. Bis heute vermisst Jassin hier nichts – hier hat sie ihre Arbeit, ihre Eltern und ihre eigenen zwei Kinder. Huchtings schlechten Ruf kann sie nicht nachvollziehen. Wenn sie von ihrem Wohnort erzähle, reagierten die Leute oft betroffen. „Ich sage dann immer: ‚Wieso?‘ Die Straße, in der ich wohne, ist eine Sackgasse. Da sind alle Rentner, es ist friedlich und nett. Alle sind total hilfsbereit.“ Zu einem älteren deutschen Ehepaar habe sie fast so ein gutes Verhältnis wie zu ihren Eltern. Da sie alleinerziehend sei, passten die beiden oft auf ihre Kinder auf. Für Jassin steht fest: „Ich möchte hierbleiben. Ich kann mir gar nicht vorstellen wegzuziehen.“  

Einmal Huchting, immer Huchting?

So einfach ist es sicher nicht. Doch an diesem Tag treffe ich nur Menschen, die hier so tief verwurzelt sind, dass ein Leben woanders für sie nicht infrage kommt. So wie das Ehepaar Puggé, das ich am Nachmittag besuche. Renate Puggé hat fast ihr ganzes Leben in diesem Stadtteil verbracht – sie ist 78 Jahre alt. Mit ihrem Mann Bernd wohnt sie seit 54 Jahren in derselben Wohnung in einem der großen Gewoba-Komplexe, die typisch für den Stadtteil sind. Als das Ehepaar hier einzog, waren die Häuser neu. Erbaut am Rande des Nichts, wo es vorher nur Felder und Wiesen gab. Ab 1954 begann in Huchting das große Bauen. Die Bevölkerung wuchs bis 1970 von 5000 auf mehr als 30.000. Der Stadtteil wurde zu großen Teilen auf den Grundstücken der Landwirte erbaut, die mit dem Verkauf ihres Landes wohlhabend wurden. Alte Familiennamen wie Osmers oder Lampe sind den Menschen hier noch heute ein Begriff.

(Alice Echtermann)

Renate Puggé ist in Huchting aufgewachsen. „Wir sind evakuiert worden und 45 auf so einem offenen Lastwagen hier nach Bremen-Huchting gekommen“, erzählt sie. Damals war sie ein Kind, und der Krieg war gerade vorbei. Eine Nacht verbrachte ihre fünfköpfige Familie in einer Turnhalle. Danach zogen sie in ein Haus in Kirchhuchting, in dem eine alleinstehende Lehrerin lebte. Ihre Mutter ging mit den drei Kindern bei den Bauern für Lebensmittel betteln. „Die Frau, bei der wir wohnten, stand in der Küche und briet sich ihre Spiegeleier in Butter. Und meine Mutter stand daneben und briet sich Kartoffelschalen in Fahrradöl“, sagt Renate Puggé. „Da können Sie sich vorstellen, wie sie gelitten hat. Das richtige Essen hat sie für uns gelassen.“

Anfang der 1950er-Jahre zog die Familie nach Rablinghausen, wo Renate Puggé ihren späteren Mann Bernd kennenlernte. Als sie heirateten, war sie 17 und er 19 Jahre alt. Gemeinsam zogen sie ein paar Jahre später zurück nach Huchting. Schon damals hatten sie drei Kinder. Hier bekamen sie noch einmal drei – mit acht Personen lebten sie in derselben Wohnung, die sie heute noch bewohnen. Drei Kinder pro Zimmer, maximal 15 Quadratmeter, die Eltern schliefen im Wohnzimmer. 

So sah die St.-Georg-Kirche in Huchting im Mittelalter aus. An ihrer Stelle wurde 1878/79 eine neue Kirche im neugotischen Stil erbaut, die dort bis heute steht.
1910: Der Hof der Familie Budde am Alten Dorfweg in Kirchhuchting.
1942: Dieses Foto nahm die damals 19-jährige Erika Bodan nach dem Krieg in Huchting auf. Die zusammengesetzte Aufnahme zeigt den Huchtinger Dorfkern. Die Bilder dokumentieren die Folgen des Luftangriffs in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1942. Links vorne steht das Haus des Schusters Bogdan, rechts das abgebrannte Strohdachhaus der Familie Döpping, dahinter das Gasthaus der Familie Osmer.
Erika Bogdans Fotos wurden dem ehrenamtlichen Huchting-Archiv zur Verfügung gestellt. Seine Mitglieder arbeiten seit vielen Jahren die Geschichte Huchtings auf. Hier erfahren Sie mehr darüber. 
Der Hof der Huchtinger Familie Lampe in einer undatierten Archivaufnahme.
Fotostrecke: Huchting - vom Dorf zum Bremer Stadtteil

Wenn das Ehepaar vom alten Huchting erzählt, ist es nicht leicht zu folgen. Die Häuser, an die sie sich erinnern, stehen fast alle nicht mehr. Die Menschen sind gestorben, Straßen verlaufen auf neuen Strecken „Huchting war wirklich ein Dorf früher“, sagt Renate Puggé. Die Fußwege waren Schlacke, die Straßen Kopfsteinpflaster. Zu beiden Seiten des Stadtteils verliefen Gräben, der Bauer holte den Müll mit einem Pferdewagen ab. Wenn irgendwas passierte, wusste es ganz Huchting. Und in die Innenstadt fuhr man fast nie; es gab ja noch keine Straßenbahn. „Das war was Besonderes, wenn du nach Bremen fuhrst.“ Renate und Bernd Puggé erinnern sich gerne an die Zeiten, als es in Huchting noch eine Post, eine Kegelbahn und sogar ein Kino gab.

Als sie die Kegelbahn erwähnen, weckt das verschwommene Erinnerungen bei mir, an einen Kindergeburtstag im Dorfkrug. Die alten Kneipe neben der St.-Georg-Kirche steht mitten im historischen Kern von Kirchhuchting und wurde 1897 von der Familie Mahlstedt gebaut. Heute kann ich mich nicht erinnern, wie es dort genau aussah. Das Bild, das ich jetzt im Kopf habe, ist das einer graffitibeschmierten Fassade mit vernagelten Fenstern. Es gab mal Pläne, dort eine Autowaschanlage zu bauen, die jedoch durch den Bremer Senat blockiert wurden. Die Anlage würde eine Wiederbelebung des historischen Dorfplatzes unmöglich machen, hieß es. Außerdem gelte es, das Umfeld der denkmalgeschützten Kirche zu bewahren. Der Beirat Huchting hat derweil eigene Pläne für das Grundstück; er würde dort gerne ein Gebäude für die benachbarte Grundschule bauen. Wann es damit losgehen wird, ist jedoch unklar. 

Der alte Dorfkrug in Kirchhuchting ist seit Jahren geschlossen.
Der alte Dorfkrug in Kirchhuchting ist seit Jahren geschlossen. (Dustin Weiss)

Der Verfall, der nicht nur am Dorfkrug sichtbar ist, macht viele alteingesessene Huchtinger traurig. Dennoch hatten die Puggés nie das Gefühl, dass ihnen etwas fehlte. In Huchting leben viele Familien und ältere Menschen. Immerhin 29,4 Prozent sind hier über 60 Jahre alt und 18 bis 20 Prozent Kinder und Jugendliche. Es gibt mehrere Altersheime, Häuser mit betreutem Wohnen, eine ziemlich gute Versorgung mit Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten – in dieser Hinsicht ist es mal kein Problemstadtteil.

Das Ehepaar Puggé hinterlässt Eindruck bei mir. Nicht nur, weil mich ihre Geschichten vom alten Huchting faszinieren. Sie sind so aktiv und offen, machen weite Radtouren und vermitteln bei Konflikten in der Nachbarschaft. Da sei zum Beispiel diese afrikanische Frau, erzählt Renate Puggé. Eine sehr freundliche Frau, die jedoch leider auch ein Müllproblem gehabt habe. Und zwar habe sie die Windeln ihrer Kinder immer vom Balkon geworfen. Also ging Puggé hin und schmiss sie kurzerhand wieder hoch. Anschließend sagte sie dem Hausmeister Bescheid, dass er die Familie aufklären solle. Danach war Ruhe.  

Das Misstrauen sitzt tief

Nicht alle Menschen gehen die Probleme in Huchting so gelassen an wie die Puggés. Es gibt auch die anderen Leute. Manche haben negative Erfahrungen gemacht, zum Beispiel in der Schule, wo Jugendliche mit Migrationshintergrund auffällig wurden. Andere haben selbst nie Schlimmes erlebt, aber viele Geschichten gehört. Ein generelles Misstrauen gegenüber Ausländern ist in Huchting oft spürbar. Wobei in den Topf „Ausländer“ alle geworfen werden – inklusive Flüchtlingen und Deutschen mit Migrationshintergrund.

Kontaktpolizist Torsten Diekmann hat es am Montag so formuliert: „Das sind keine Vorurteile, die Leute werden damit hautnah konfrontiert.“ Sie sähen, dass ihre Rente nicht steige, obwohl sie jahrelang dafür arbeiteten. Und dann kämen „diese Leute“ und nähmen alles, arbeiteten nicht und führen trotzdem dicke Autos. „Das ärgert die Leute dann. Daher kommt eine Unzufriedenheit, und über diese Unzufriedenheit kommt so eine Art – ja, Ausländerfeindlichkeit kann man es eigentlich nicht nennen. Es ist eher personenbezogen.“

Manche Huchtinger fühlen sich nur unwohl, wenn Menschen mit südländischem Aussehen in die Wohnung nebenan ziehen. Andere sagen offen, das sei alles nicht gut für den Stadtteil. Einfach nicht richtig, wenn die Ausländer alles „unterwandern“. Und wenn das Aufnahmegerät und der Block nicht auf dem Tisch liegen, sagen sie sogar noch mehr, reden von Überfremdung und Muslimen mit Messern und wie gut es sei, dass es jetzt die AfD gebe. Huchting ist traditionell SPD-Gebiet, aber sowohl bei der Bürgerschaftswahl 2015 als auch der Bundestagswahl 2017 erzielte die AfD hier eines ihrer besten Ergebnisse in Bremen. 2017 bekam die Partei in Kirchhuchting, Mittelshuchting und Sodenmatt 13,5 bis 15,4 Prozent der Zweitstimmen. In ganz Bremen waren es 8,3 Prozent.

(Alice Echtermann)

Einer von denen, die das wachsende Misstrauen in Huchting zu spüren bekommen, ist Hakan Kaleburun. „Der Rassismus in Huchting ist so schlimm wie noch nie“, sagt er. „Schreiben Sie ruhig, dass der Typ vom Shilax das gesagt hat.“ Das Shilax ist die neue Shisha­bar in Huchting. Dort habe ich mich am Donnerstagabend mit Kaleburun verabredet. Wie er mir so gegenübersitzt, muskulös, mit schwarzem Vollbart, kann ich mir vorstellen, dass er oft mit Vorurteilen konfrontiert wird. Vor drei Jahren hat er seine Bar eröffnet. Die Bezeichnung „Shishabar“ mag der 32-Jährige eigentlich nicht – damit sei ein negativer Ruf verbunden. „Wir sind ein seriöser Laden, und wir sind kein türkischer Kulturverein. Bei uns gibt es keine Spielautomaten, keine Zockerei.“

Es ist nach 18 Uhr, die Luft ist immer noch lau, der Himmel wolkenlos. Der süße Tabakgeruch aus den Wasserpfeifen weht über die Kirchhuchtinger Landstraße. Auf dem Platz vor dem Haus stehen Palettenmöbel und Sonnenschirme. Es ist ein ungewohnter Anblick für Huchting.

Kaleburun ist ein Kind türkischer Gastarbeiter und in Huchting groß geworden. Jetzt kaufen seine Brüder und er hier Immobilien. Am Anfang habe er es schwer mit dem Shilax gehabt, erzählt er. Er habe jahrelang für den Laden gespart, machte viel Werbung in ganz Bremen. Er richtete auf der Terrasse eine Ecke extra für Pärchen und Frauen ein, damit die Kundschaft nicht nur aus Männern besteht. Doch das Misstrauen sitzt tief. Vor etwa zwei Jahren gab es eine Messerstecherei in der Nähe seiner Bar – nicht darin, sondern auf der anderen Straßenseite, wie Kaleburun betont. Der angestochene Mann habe sich in die Bar gerettet, wo ihm geholfen worden sei. Dennoch habe am nächsten Tag in der „Bild“ gestanden, die Auseinandersetzung hätte im Shilax stattgefunden. Das hätte für die Bar fast das Aus bedeutet, sagt er. Alle hätten es gelesen, viele hätten daher Angst bekommen. „Das erste halbe Jahr konnte ich hier die nur noch die Fliegen Lambada tanzen sehen“, sagt Kaleburun.

Palettenmöbel und Sonnenschirme direkt an der Hauptstraße: Das
Palettenmöbel und Sonnenschirme direkt an der Hauptstraße: Das "Shilax" wurde vor drei Jahren eröffnet. (Alice Echtermann)

Ein schlechter Ruf ist schwer auszuräumen – sei es für eine Bar oder einen ganzen Stadtteil. Es habe auch andere Probleme mit den Nachbarn gegeben, Beschwerden über Ruhestörung und die Tatsache, dass die Shilax-Gäste die Straße zuparken. Inzwischen komme er aber mit allen gut klar, versichert Kaleburun. Einer Nachbarin habe er bei ihrem Gartenzaun geholfen, einem anderen Blumen und Schokolade geschickt.

Er gibt sich offenbar Mühe, es sich nicht zu verscherzen. Denn er hat noch Pläne: Seine Familie hat das Haus neben dem Shilax ebenfalls gekauft. Solange die meisten Huchtinger denken können, war dort der Farbenladen Unruh, ein Traditionsgeschäft. Die Nachricht vom Verkauf verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch den Stadtteil. Ende Juli schlossen sich die Türen, der Sohn des alten Inhabers will das Geschäft in Moordeich wieder eröffnen. Dass ausgerechnet Türken Unruh kauften, fassten manche nicht gut auf, sagt Kaleburun. Er zuckt mit den Achseln. Wenn er sich an eines gewöhnt hat in Huchting, dann, dass die Leute ohnehin reden. Er will neben seiner Bar eine weitere Gastronomie eröffnen, vielleicht einen Burgerladen. „Wir haben uns hier festgesetzt“, sagt er und lächelt. Er hat nicht mehr vor, Huchting zu verlassen.

Wer an Huchting denkt, denkt oft nur an Hochhäuser. Aber der Stadtteil ist auch weitläufig und grün.
Wer an Huchting denkt, denkt oft nur an Hochhäuser. Aber der Stadtteil ist auch weitläufig und grün. (Alice Echtermann)

Vor 48 Jahren kamen seine Eltern aus der Türkei nach Bremen. Er selbst wuchs in der Amsterdamer Straße auf – früher eine der schlimmsten Ecken in Huchting. Den Ruf, den heute nur noch die Robinsbalje hat, hatte vor einigen Jahren auch das sogenannte Holländische Viertel, in dem alle Straßen nach Orten in den Niederlanden heißen. „Wir nannten uns ‚Getto-Boys‘“, erinnert sich Kaleburun und schmunzelt. „Getto war aber nie als Beleidigung gemeint. Mehr so: Das ist unser Viertel, hier wohnen wir.“

Ich erkenne bei Kaleburun nostalgische Züge, die ich auch an mir selbst manchmal beobachte. Nur dass er anders als ich in Huchting geblieben ist. Wenn er von seiner Kindheit erzählt, schleicht sich ein weicher Ton in seine Stimme. „Wir waren eine Nachbarschaft, Deutsche, Russen, Polen, Türken, Kurden – wir haben da alle zusammen gewohnt“, erzählt er. „Da wurde nicht nach Nationalität oder Religion getrennt, sondern nach Stadtteil. Wir waren die Huchtinger. So ein Volk für sich.“

Und dann sagt Kaleburun etwas, das mich überrascht: Die vielen Zugezogenen veränderten Huchting. Menschen aus Ländern wie Bulgarien, Rumänien und natürlich die Flüchtlinge. „Das Gute ist ja: Ich kann so was sagen, ohne als Nazi zu gelten, denn ich bin ja kein Deutscher.“ Als in der Nähe der Wohnung seiner Mutter ein Flüchtlingsheim eröffnete, hätten sein Bruder und er ihr erst einmal eine Alarmanlage und einen hohen Zaun gekauft. „Bis jetzt ist nichts passiert – aber man hat automatisch ein mulmiges Gefühl. Die Angst, die viele Deutsche haben, haben wir als Migranten auch.“ Das sagt der, der selbst weiß, wie es ist, vorschnell beurteilt zu werden. Wenn in der Türkei in seinem Stadtteil 70 Prozent Deutsche leben würden, meint er, würde er sicher auch sagen: „Krass, wie sich das hier verändert hat.“

Aber wer hat sich mehr verändert – Huchting oder Kaleburun? Der ehemalige „Gettoboy“ wohnt jetzt mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in einem Haus an der Varreler Bäke, einer der idyllischsten Ecken von Huchting. „Aber immer noch in Huchting. Ich bin noch Huchtinger“, betont er.

Wenn Kaleburun eine Runde um Huchting joggen geht, hat die Kreisform des Stadtteils für ihn etwas Beruhigendes. Wie eine geschlossene Einheit. Hier kennt man sich. Er sei oft in Deutschland unterwegs und sehe viele schöne Städte, erzählt er. „Aber egal, wo ich bin, ich vermisse Huchting.“ Und wenn ihn die Leute dann fragen, was an Huchting so toll ist, antwortet er: „Huchting ist ein Loch – aber es ist mein Loch.“

Freitag

Als ich im Auto sitze und die Huchtinger Auffahrt der B 75 im Rückspiegel kleiner wird, atme ich erst einmal durch. Diese Woche in Huchting hat mich wieder daran erinnert, warum ich gegangen bin. Es war schon immer so, dass sich in diesem Stadtteil jeder kannte. Man bewegte sich im Kreis, sah immer dieselben Gesichter. Vielen gibt das ein Gefühl der Geborgenheit – so unterschiedlichen Menschen wie Hakan Kaleburun und der 78-jährigen Renate Puggé. Mir gab Huchting aber irgendwann ein Gefühl der Enge. Als ich dann woanders lebte, erwischte ich mich dabei, wie ich diesen Ort mit der Zeit verklärte. Dazu neigen viele Huchtinger, glaube ich. Andere reden den Stadtteil gerne schlecht. Beides hilft aber niemandem. Die Woche in meiner alten Heimat hat mir wieder die Augen dafür geöffnet, wie Huchting wirklich ist.

Nirgends wird das deutlicher als an der Robinsbalje. An diesem Morgen war ich noch einmal dort – dieses Mal nicht im Problem-Wendehammer, sondern am Anfang der Straße, in meiner alten Grundschule. Hier sieht man, wie Licht und Schatten in Huchting nebeneinander existieren. Bei der Oberschule Hermannsburg erkannte ich am Montag nichts wieder, weil der Verfall das Schulgebäude dahingerafft hatte. Die Schule an der Robinsbalje erkenne ich kaum, weil sie so viel schöner geworden ist. Die Fassade ist bunt, auf dem Schulhof stehen Spielgeräte und ein neues Gebäude mit großen Glasfenstern beherbergt die Mensa und das Quartiersbildungszentrum.

(Alice Echtermann)

Die Schulleiterin gibt mir eine Führung durch die Räume. Gebke Bode-Kirchhoff war früher die Klassenlehrerin meines Bruders. Sie unterrichtet seit 30 Jahren in Huchting, und ihre Hingabe für diese Schule ist spürbar. „Mein Herz hing immer an der Robinsbalje“, erzählt sie, „weil ich hier eigentlich die Hälfte meines Lebens verbracht habe. Hier bin ich so verbunden und verwurzelt, hier kenne ich die ganze Entwicklung.“

Die Wände der Klassenzimmer mit den winzigen Stühlen sind gepflastert mit Plakaten und Bildern der Kinder. Es ist ein fröhlicher Ort. Auf meine Frage, was das Besondere an der Grundschule sei, sagt Bode-Kirchhoff: „Die Robinsbalje ist bunt.“ Die überwiegende Mehrheit der Schüler habe einen Migrationshintergrund. „Es gibt unterschiedliche Vorstellungen, wie man miteinander umgeht, wie Konsequenzen und Regeln aussehen.“ Die Schule müsse sehr viel Erziehungsarbeit leisten, dafür reichten vier Jahre Grundschule eigentlich nicht aus. Es sei eine Herausforderung. „Es gibt hier eben keinen Unterricht vom Band“, sagt sie.

Bode-Kirchhoff wünscht sich, dass die Vorurteile gegenüber dem Quartier abnehmen. Sie und ihre Kollegen verbringen hier so viel Zeit, dass es für sie eine Art Heimat geworden ist. Deshalb sei es ihnen wichtig, die Schule zu einem schönen Ort zu machen. „Wenn man sich in seinem Umfeld wohlfühlt, ist man leistungsbereiter und stärker.“

Endlose Weite: Der Park links der Weser ist ein Naturschutzgebiet und die grüne Lunge des Stadtteils.
Endlose Weite: Der Park links der Weser ist ein Naturschutzgebiet und die grüne Lunge des Stadtteils. (Dustin Weiss)

Und ich denke: Das gilt wohl für ganz Huchting. Aus diesem Grund ärgern sich die Menschen über Verfall und Müll – es ist ihr Zuhause, nicht einfach nur der Ort, an dem sie wohnen. Es ist ihnen nicht egal. Deshalb ist Huchting auch kein Getto. Ja, es gibt Ruinen und brachliegende Flächen. Und auch sonst ist die Architektur kein Highlight. Aber wie hat der Schulleiter an der Hermannsburg, Achim Kaschub, bei unserem Gespräch am Montag so schön gesagt: „Huchting ist vielleicht von der Bebauung austauschbar – aber das kann man von den Menschen nun nicht sagen.“

Diese Huchtinger! Sie können anstrengend sein, einem den letzten Nerv rauben, sie sind eigensinnig, misstrauisch. Sie halten zusammen und sträuben sich gegen Veränderungen. Aber sie sind auch gastfreundlich und lebenslustig. Sie helfen sich gegenseitig durch schwere Phasen, wie die Frauen in der Frühstücksgruppe. Andere – egal ob Lehrer, Polizist oder Sozialarbeiter – engagieren sich und opfern ihre ganze Zeit und Energie, damit es im Stadtteil vorangeht. Sie bleiben hier, weil es ihnen tatsächlich an nichts fehlt.

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Leserkommentare
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
onkelhenry am 19.10.2019 17:00
Hallo @Suzi ....

Was Sie da immer so verstehen ;-)

Das erklärt auch, warum Sie so oft falsch liegen!

Ja zu ...
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