Container zum Schrottpreis

Bremen stößt mobile Flüchtlingsheime ab

Hunderte Wohncontainer, die Bremen während der Flüchtlingskrise für Millionen Euro kaufte, sind praktisch wertlos. Der Markt ist überschwemmt, Händler zahlen nur Schrottpreise.
07.03.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremen stößt mobile Flüchtlingsheime ab
Von Jürgen Theiner
Bremen stößt mobile Flüchtlingsheime ab

So sah es bis zum Spätherbst in der Containersiedlung an der Marie-Mindermann-Straße aus.

Walter Gerbracht

Die Stadt muss bei der Nachnutzung von Wohncontainern für Flüchtlinge Millionenwerte abschreiben. Für die Behelfswohnungen, in denen nach 2015/16 zeitweilig mehrere Tausend Menschen in diversen Stadtteilen unterkamen, gibt es kaum noch einen Markt. Zwar konnte ein Teil der Container zwischenzeitlich für den Gebrauch an Schulen umgerüstet werden, doch der Rest wird für einen Bruchteil des Neuwerts verramscht. Das sieht man am Beispiel der inzwischen größtenteils abgebauten Container-Siedlung an der Marie-Mindermann-Straße in Katten­esch.

Noch im Herbst vergangenen Jahres standen dort gut 300 Container (einschließlich Flur- und Sanitärelemente), die im Zuge der Flüchtlingskrise zu einem Gesamtneuwert von 3,96 Millionen Euro angeschafft worden waren. Ein Gutteil der Stahlboxen wurde nie genutzt, da die Behelfssiedlung selbst zu Spitzenzeiten nur mit etwa 100 Menschen belegt war. 80 der Container hat das städtische Liegenschaftsmanagement Immobilien Bremen (IB) im Herbst vergangenen Jahres an einen ausländischen Bieter verkauft. Dem Neuwert von jeweils 13.000 Euro stand ein Erlös von 500 Euro pro Einheit gegenüber. Verlust mithin: rund eine Million Euro.

Lesen Sie auch

Die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Sandra Ahrens hatte schon vor dem Verkauf kritisiert, dass mit dem öffentlichen Eigentum wenig pfleglich umgegangen werde. Am Standort Kattenesch seien diverse Wohncontainer mit ausgebauten Türen und Fenstern längere Zeit Wind und Wetter ausgesetzt gewesen. „Das Mindeste wäre gewesen, diese Container mit Planen zu schützen. Der Substanzerhalt stand aber offenbar nicht im Vordergrund“, kritisiert Ahrens in der Rückschau.

IB-Sprecher Peter Schulz weist das zurück. Die geringen Verkaufserlöse der Container hätten nichts mit dem materiellen Zustand zu tun. Schulz: „Die bestehen letztlich aus Stahl und Kunststoff, da richtet ein bisschen Regen keinen Schaden an.“ Entscheidend sei vielmehr, dass „aufgrund des bisherigen Rückgangs der Zahlen von geflüchteten Menschen deutschlandweit ein Überangebot an Containern besteht, sodass der aktuelle Verkehrswert tatsächlich gegen Null tendiert“. Andere Kommunen hätten ihre nicht mehr benötigten Container teils sogar verschenkt, vielfach müssten die Stahlboxen auch noch entsorgt werden, wodurch zusätzliche Kosten entstünden. In Bremen sei es immerhin gelungen, einen nicht geringen Teil der Container an Schul- oder Kita-Standorten einzusetzen.

Schleswig-Holstein musste 800 Container verschenken

Dass der Markt für gebrauchte Wohncontainer ziemlich eingebrochen ist, bestätigt ein Händler, mit dem der WESER-KURIER sprach. Der Kaufmann aus dem Großraum Hamburg möchte nicht namentlich in Erscheinung treten, gibt aber einen Einblick in die aktuelle Situation. Dem Land Schleswig-Holstein etwa sei 2018 nichts anderes übrig geblieben, als 800 ausrangierte Container zu verschenken. Teilweise hätten sich Vereine aus den Vorräten bedient – mussten wenig später dann aber feststellen, dass örtliche Baubehörden in einigen Fälle die Anschlussnutzung auf Vereinsgrundstücken versagten.

Die Preise für die provisorischen Behausungen sind nach Darstellung des Händlers seit 2015 Achterbahn gefahren. Als die Nachfrage wegen des starken Zustroms von Flüchtlingen explodierte, taten das auch die Preise. „Die Kommunen kauften, was sie kriegen konnten. Da gelangten auch minderwertige Produkte aus Russland oder der Türkei auf den Markt, die eigentlich schon neuwertig Schrott waren“, so der Insider. Der von Bremen gezahlte Preis von 13.000 Euro pro Wohncontainer sei allerdings auch für damalige Verhältnisse „eine Oberfrechheit“ gewesen. Und was ist mit den 500 Euro, die Bremen jetzt noch für die Gebraucht­objekte erhalten hat? Ist das marktgerecht?

Lesen Sie auch

„Das könnte ich seriös nur beantworten, wenn ich die gesehen hätte“, winkt der Geschäftsmann ab. Grundsätzlich könne er sich für einen wirklich gut erhalten Container mit circa 15 Quadratmetern Grundfläche einen Ankaufspreis von um die 1000 Euro vorstellen. Allerdings nicht, wenn die Stahlboxen in größeren, kompakten Blocks verbaut waren und erst noch auseinandermontiert werden müssen. Dann seien eher 500 Euro realistisch.

Verkauf hätte schon früher beginnen können

Für Sandra Ahrens steht fest, dass die 500 Euro pro Container kein guter Deal waren. „Man hätte schon früher mit dem Verkauf der ersten Einheiten beginnen können, als der Markt noch mehr hergab“, ist die CDU-Politikerin überzeugt. Ihr gehe es um einen sachgemäßen Umgang mit Steuergeldern. „Man muss solche Anlagegüter wie Wertgegenstände behandeln“, sagt sie, und das sei auch in der Wahrnehmung vieler Anwohner der Marie-Mindermann-Straße nicht der Fall gewesen. Von den Nachbarn sei beobachtet worden, wie die 80 ausrangierten Container auf polnische Sattelschlepper verladen wurden. „In Polen werden die aufgemöbelt. Von dort können wir sie dann ja teuer zurückkaufen, wenn sich der Flüchtlingszustrom wieder mal zuspitzen sollte“, ahnt Sandra Ahrens.

Insgesamt hat Immobilien Bremen nach 2015 im Stadtgebiet 15 Übergangsheime mit jeweils zwischen 120 und 150 Wohncontainern erstellt. 2018/19 wurden ungefähr 300 dieser Stahlboxen im Schulbereich wiederverwendet. Für die Schulbauten des laufenden Jahres werden es nochmals circa 140 sein. Laut IB-Sprecher Schulz sind bisher circa 230 Container verkauft worden, darunter die 80 an der Marie-Mindermann-Straße.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+