Staatsakt

Bremen trägt Trauer

Mit einem Trauergottesdienst und Staatsakt haben sich viele Menschen am Mittwoch vom langjährigen Präsidenten der Bremischen Bürgerschaft, Christian Weber, verabschiedet.
20.02.2019, 20:23
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Bremen trägt Trauer
Von Jürgen Hinrichs
Bremen trägt Trauer

Verbeugung und letzter Gruß am Sarg von Christian Weber. Teilweise hielten die Menschen dort lange inne. Die Kränze kamen von überall her, auch der Bundespräsident hatte einen geschickt.

Frank Thomas Koch

Es dauert lange, bis der Dom sich leert. Die Menschen wollen nach dem Trauergottesdienst ganz persönlich Abschied nehmen. Ade, Christian Weber. Sie verharren vor seinem Sarg, manche verneigen sich, und sicher ist damit ein stiller, letzter Gruß verbunden. „Wir werden Sie vermissen“, das ist der Satz, der am häufigsten in den Kondolenzbüchern steht. Ein Satz, ganz schlicht, der beschreibt, wie es ist. Christian Weber hätte das gefallen.

Er war bescheiden, heben die Trauerredner hervor, er war sehr klar in seinen Worten, ein bodenständiger Mensch. Präsident zwar, aber nicht prätentiös. „Einer vom alten Schlag“, sagt Frank Imhoff, Vizepräsident der Bürgerschaft. Er bezeichnet Weber als einen Kämpfer für die Demokratie, als einen Politiker, an dem man sich orientieren konnte. Für Imhoff ist klar: „Bremen verliert mit Christian Weber eine moralische Instanz.“

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Der Sarg ist mit der Bremer Flagge bedeckt. Drumherum Kränze und Bouquets. Sie kommen von Freunden, der Familie, vom Senat, der Bürgerschaft, vielen anderen offiziellen Stellen, auch vom Bundespräsidenten. Besonders üppig ist der Trauerschmuck von Werder Bremen. „Ein letzter Gruß“ steht auf der Schleife. In den Kirchenbänken sitzt die gesamte Führung des Vereins.

Weber war fast 20 Jahre der höchste Repräsentant des Landes. Er ist im Amt gestorben, weswegen es am Mittwoch nicht allein ein Trauergottesdienst ist, sondern auch ein Staatsakt. Rund 1300 Menschen sind gekommen. Sie verteilen sich am Vormittag schon früh in der Kirche, sitzen auf den Bänken und schauen sich um. So viele Anlässe gibt es nicht, bei denen sich die gesamte bremische Gesellschaft versammelt. Viel Prominenz darunter, aber bei weitem nicht nur. Weber war beliebt, ein Mann der Basis, der gerne Vereine besucht hat, die Gartenfreunde und Sportler zum Beispiel. Er tingelte als Präsident durch die Stadtteile, blieb aber am liebsten in Hastedt, das war sein Kiez, sein Rückzugsort.

Trauerfeier und Staatsakt für Bürgerschaftspräsidenten Christian Weber - im St. Petri Dom - Pastor Peter Ulrich

Pastor Peter Ulrich hielt die Predigt in dem Gottesdienst.

Foto: Frank Thomas Koch

Humor und Ironie

Weber, das sagt Imhoff auch noch, war ein Mensch mit Humor und feinsinniger Ironie. Es passt deshalb, dass während des Gottesdienstes auch mal geschmunzelt wird. Carola Veit, Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, nimmt die alte Rivalität der beiden Hansestädte auf und gibt ein Bonmot zum Besten: „Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Schiffen, die aus Bremen sind.“ Frotzeleien, die erlaubt sind, weil sie keinen ernsten Hintergrund mehr haben, sagt Veit. „Wir ziehen schon lange an einem Strang.“ Mit Weber hat sie das besonders gerne getan: „Er war unbeirrt, unbeeindruckt, untadelig, auch wenn es dem Senat manchmal nicht in den Kram passte.“ Ein politischer Präsident, betont die Präsidentin. „Ein großer Hanseat.“

„Das mit den Schiffen, darüber müssen wir reden“, entgegnet Pastor Peter Ulrich seiner Vorrednerin. Humor und Ironie. Ulrich zeichnet in seiner Predigt noch andere Seiten von Christian Weber nach. Wie der Präsident dem Pastor bei Gelegenheit den Kopf wusch: „Ihr müsst mehr Kante zeigen!“, habe er verlangt, „wir brauchen das, wir benötigen Ethik und Werte!“ So leidenschaftlich sei Weber gewesen, so viel Herzblut in dem bekennenden Christen: „Er besaß seine realistischen Visionen.“

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Viele Worte beim Gottesdienst und Staatsakt, kurze und lange Reden. Bürgermeister Carsten Sieling (SPD), ein Parteifreund von Weber, erzählt, welchen beruflichen und politischen Werdegang Weber genommen hat. „Widerstände hat er nicht gescheut und dabei weder sich, noch anderen etwas geschenkt“, sagt Sieling. Er hat damit als Präsident des Senats und Chef der Exekutive seine Erfahrungen gemacht. „Der schon wieder“, stöhnte man im Rathaus, wenn Weber mal wieder auf den Vorrang der Legislative pochte.

Trauerfeier und Staatsakt für Bürgerschaftspräsidenten Christian Weber - im St. Petri Dom

Die Bremer Flagge mit Trauerflor: Rund 1300 Menschen kamen in den St.-Petri-Dom und erwiesen Christian Weber die letzte Ehre.

Foto: Frank Thomas Koch

Sphärische Klänge

Viele Worte, Musik gibt es auch. Die Bremer Philharmoniker hatten sich früh angeboten, die Trauerfeier zu umrahmen. Sie tun es auf eine zauberhafte Weise, die Leichtigkeit und Schwere miteinander verbindet. Besonders schön und ergreifend ist das bei dem Stück von Georges Bizet, das Adagietto aus der „L'Arlesienne Suite Nr. 1“. Die Klänge schweben über der Gemeinde, sie kommen von oben, von der Empore, wo die Musiker sitzen. Sphärische Klänge.

Christian Weber war ein Freund Israels. Immer wieder ist er nach Haifa gereist, in die Stadt, mit der Bremen eine Partnerschaft verbindet. „Ein großer Verlust“, sagt Robert Karpel, der Redner aus Haifa, „er war für uns ein echter Freund, nicht aus politischen Erwägungen.“ Weber hat sich stark für die jüdische Kultur und Religion interessiert und war überhaupt bemüht, mit allen Glaubensrichtungen ins Gespräch zu kommen.

Beim Gottesdienst spricht der Pastor, es sind aber auch andere geistliche Würdenträger da. Bischof Franz-Josef Bode, der von Osnabrück aus auch die Katholische Gemeinde in Bremen betreut, reiht sich in die Trauernden ein. Die russisch-orthodoxe Kirche hat einen Abgesandten geschickt. Und natürlich kommt auch Landesrabbiner Netanel Teitelbaum dazu, das geistliche Oberhaupt der Jüdischen Gemeinde.

Teitelbaum spricht nach dem Gottesdienst bei der anschließenden Trauerfeier im Haus der Bürgerschaft. Zuletzt singt er, ein Lied des Friedens. Dann die Witwe, Katharina Weber-Brabant. Sie dankt für den Zuspruch und die Unterstützung. Dankt ihrer Familie. Und sagt, dass ihr der Auftritt schwer fällt: „Das hier war doch sein Platz, die Bürgerschaft war sein Zuhause.“ Sie nennt die Namen der engsten Mitarbeiter ihres Mannes, hebt heraus, wie sehr diese Menschen in der schweren Zeit geholfen haben. Dann tritt sie vom Rednerpult, und es ist erst einmal still. Bis der Applaus kommt und die Trauerfeier endet.

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