Kontrastprogramm an der Weser Bremen vom Wasser aus gesehen

Menschen, die aufs Wasser starren. Am Weserstadion, an der Schlachte, am Hafen. Bremen, vom Wasser aus, ist eine freundliche Stadt. Eine Foto-Reise.
26.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Menschen, die aufs Wasser starren. Am Weserstadion, an der Schlachte, am Hafen. Alleine oder zu zweit, sie gucken und sehen doch nichts als das dunkle Nass, das sich in kleinen Wellen die Weser hinunter bewegt, und ab und zu ein Boot, dem sie dann lächelnd entgegenwinken. Bremen, vom Wasser aus, ist eine freundliche Stadt.

Oliver Paust winkt zurück. Er steht auf dem kleinen Motorboot der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), dessen Rumpf nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche endet und sie sanft zerschneidet. Normalerweise rückt der 48-Jährige, der seit 33 Jahren freiwillig als Wasserretter aktiv ist, nur in Notfällen mit dem Boot aus – etwa, wenn betrunkene Jugendliche von der Teerhofbrücke zehn Meter in die Tiefe springen.

Der Motor schnurrt, ein tiefes Brummen. Es geht Richtung Weserwehr, zwölf Kilometer pro Stunde maximal, mehr ist „zu Berg“ nicht erlaubt. Die Schlachte auf der linken Seite, Hunderte Male gesehen. Da ist Gastronomie, natürlich, und das ist auch schön, vor allem bei gutem Wetter. Trotzdem will man sich abwenden ob des inflationär verbreiteten Bildes, das überall auf der Welt für Bremen wirbt. Aber Moment, was ist das? Da sitzen zwei Jugendliche auf den aufgeschütteten Steinen wasserseits vorm Pfeiler der Wilhelm-Kaisen-Brücke – und kiffen. An den Mauern ein paar Meter weiter blicken Fabelwesen von Graffitikünstlern auf die vorbeilaufenden Fl Eine aneure, überdimensional groß und doch eindimensional flach, mit Schnäbeln und riesigen Augen.

Große Augen auch kurze Zeit später bei den Menschen am Café Sand: Gerade fliegen zwei Bundeswehr-Maschinen dicht hintereinander über das Trampolin und die Volleyball-Spieler hinweg. Kinder, die Enten jagen, Kinder, die sich gegenseitig in den Sand eingraben, Kinder, die kleine Plastikgießkannen unter Wasser tauchen und dann zurück zur Picknickdecke ihrer Eltern stolpern. Auf der anderen Seite liegen Menschen am Osterdeich, dessen Rasen sich noch von der Breminale erholt. Dort, wo die Massen nicht waren, schiebt ein bärtiger Mann einen Rasenmäher vor sich her. Im Hintergrund die Villen. Wobei: Die Gartenhäuschen am anderen Ufer sind auch schön.

Segelverein, Weserstadion, ein paar badende Hunde und viele Angler. Dann das Weserwehr mit dem angrenzenden Wasserkraftwerk. Die betonüberzogenen Spundwände – das sieht man vom Wasser aus erst richtig – sind übersät mit aztekisch anmutenden Mustern: Dreiecke, Wellen, mit etwas Fantasie ergeben sich sogar kleine Figuren. Die eine Wand spuckt schlammiges, graubraunes Wasser mit einer ungeheuren Wucht in die Weser, und auch das Wasser am Wehr fällt tief. Jetzt, um kurz nach halb vier, ist der Wasserpegel am niedrigsten. Der Unterschied kann mitunter deutlich sein – die mittlere Tide liegt bei 3,80 Meter.

Dann geht es zurück, mit 18 Kilometern die Stunde, zu Tal ist das erlaubt. Der Weser-Tower, in dessen Glasfassade sich der bewölkte Himmel spiegelt, direkt hinter der Eisenbahnbrücke, an die jemand „Saufen, saufen, Strom verbrauchen“ gesprüht hat und „Macht doch was ich will“. Ein paar neue Bauten folgen, alle eckig und kantig und sich ähnlich. Schließlich das Kontrastprogramm mit der Cornflakes-Fabrik und ihrem altindustriellen Charme. Jetzt beginnt das Hafengebiet, nur noch die Kastenhäuser mit den Balkonen, auf die sich die Menschen Strandkörbe gestellt haben, vielleicht um sich dem Sand am Pusdorfer Strand gegenüber näher zu fühlen. Landmark-Tower: Balkone mit schwarzen Eisenstangen, bei deren Anblick man den Wärter rufen möchte, um die Gitter zu öffnen.

Der Molenturm ist verhüllt, sonst wäre es sicher voll hier. Seit die Bebauung so nah an die Landzunge gerückt ist, ist der Geheimtipp für romantische Dates keiner mehr. Jetzt treffen sich die Verliebten offenbar auf der Werftinsel gegenüber der Waterfront, liegen an der Spitze des schmalen, baumbesetzten Streifens. Der Nachbau der Ariane-4 des Millionengrabs Space Park Bremen steht längst nicht mehr vor dem Gebäude – doch halt: Ein paar Wesermeter weiter liegt eine Rakete im Gras auf einem Firmengelände. Ist sie das?

Einmal wenden und hinein ins Hafenbecken, an dessen Stirnseite die Feuerwache steht. Auf dem Weg dorthin alte Fabrikgebäude, die riesige Getreideanlage, in deren Schatten zwei alte halb nackte Angler auf Plastikstühlen sitzen und auf den Fang des Tages warten. Gigantische Maschinen, an deren Rädern man gerne drehen würde, wäre man ein Riese und hätte gigantische Hände. Aber so steht man nur staunend davor und fragt sich, wer diese Monster eigentlich bedienen kann und welches Genie sie konstruiert hat. Zwischen all den Kränen und Rohren und Anlagen, die daneben kreuz und quer am Ufer verlaufen, wirken die bunten Container wie sauber aufeinander gestapelte Legoklötze. Sie verdecken die Sicht auf das alte Gebäude von Kaffee Hag, aber das lenkt den Blick auf die meterhohen rostigen Spundwände darunter. Hier haben sich Matrosen aller Länder verewigt, mit Farbe in großen Lettern ihre Namen angebracht. Mario war hier, Alex und Noel auch, Fred. Und Champion.

Weiter hinten liegt ein Containerschiff aus Brügge, auf dem Dach ein notdürftig festgezurrtes Auto, in den Fenstern Deo und andere Badartikel, Blumenkästen überall. Vorhänge verhindern den Blick ins Innere, aber immer noch besser als Platten und Steine wie bei den Fenstern im Gebäude darüber. Mit Neonröhren steht dort geschrieben: „Den zugemauerten Fenstern ein Lichtblick.“

Das reicht jetzt an Industrie. Also zurück, Ziel ist der Woltmershauser Hafen. Auch hier stehen Schuppen, an eine Wand hat jemand einen Name gekritzelt und dahinter: „…ist ein Nazi vor dem Herrn, Bundeswehr adé und dann den Hells Angels das Arschloch lecken“. Da muss jemand sehr empört gewesen sein, dass er sich so viel Arbeit gemacht hat. Am Ende des Hafens ein schönes Holzboot, eine Frau deckt gerade den Tisch für das Abendessen, der Blick fällt auf „Troll“, „Chica“ und „Schmuddelkind“. So heißen die Schiffchen, die davor anliegen. Wesentlich bekannter: Die „Roland von Bremen“, die aufgebockt an Land restauriert wird.

Industrie und Idylle, freundliche Menschen und unfreundliche Schmierereien, Tradition und Moderne. So sieht Bremen also aus für Menschen, die vom Wasser aus starren.

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