Ballonfahrt über Bremen

Stadt, Land, Luft

Im Fahrradtempo mal nicht durch Bremen hindurch, sondern darüber hinweg: Vom Heißluftballon aus gewinnt man ganz neue Einblicke.
06.09.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Tom Wesse (Fotos) und Joerg Helge Wagner (Text)

Am Anfang ist es ganz anders als gedacht: laut und fast hektisch. Ein großes knatterndes Gebläse füllt den Heißluftballon zunächst mit kalter Luft, die riesige Hülle bläht sich liegend auf. Erst zum Aufrichten wird die Luft erwärmt, und dann müssen wir auch schon zackig in den Korb klettern. Kaum drin, heben wir ab.

Der Segelflugplatz in Osterholz-Scharmbeck wird schnell zu einem kleinen grünen Rechteck unter Hunderten: Wiesen und Felder prägen die ehemalige Moorlandschaft. Eintönig? Von oben keineswegs: Die Flüsschen Hamme und Wümme mäandern geradezu mutwillig durch das regelmäßige Muster gerader Linien. Die abendlich tief stehende Sonne lässt das Wasser silbern glänzen.

Überraschend schnell gewinnen wir an Höhe. „880 Fuß, rund 270 Meter“, ruft Pilot Pascal Kreins nach wenigen Minuten. Jetzt sind wir also etwa auf der höchsten Aussichtsplattform des Eiffelturms. Da ist es zunächst irritierend, dass der Korb nur bis zum Bauchnabel reicht. Hinsetzen geht nicht, man fährt stehend. Also lieber erst mal in die Ferne schauen, nicht direkt nach unten. Langsam stellt sich dann doch ein stilles Hochgefühl ein: Mit Fahrradtempo gleiten wir stetig nach Süden, auf Bremen zu. Keinerlei Turbulenzen, dafür 360-Grad-Rundumsicht. Kaum Geräusche: Hin und wieder das „Ping, ping, ping“ des Höhenmessers, etwas Funkverkehr mit dem Flughafen Bremen und das Fauchen des Brenners, wenn der Pilot Gas gibt.

Der Ballon der Agentur Barlag soll für die 15. Jobmesse in Bremen an diesem Wochenende werben, so steht es unübersehbar auf der gewaltigen Kuppel. Und die sollen möglichst viele Menschen sehen, also fahren wir einmal quer über Bremen, von Nord nach Süd. Als ersten Orientierungspunkt nehmen wir nicht etwa die Domtürme wahr, sondern den Fallturm auf dem Uni-Gelände. Links unten glitzert die Aluminiumhaut des Universums, ein gelandetes Ufo am Unisee. Backsteinrot grüßt das dicht bebaute Findorff, daneben das gepflegte Grün des Bürgerparks. Noch weiter links Schwachhausens Reihen Altbremer Häuser in wechselnden Pastellfarben – man möchte auf alles gleichzeitig schauen.

Und so grün ist Bremen, überall Baumkronen. Von oben wird erst richtig deutlich, wie riesig der Komplex des Klinikums Mitte ist. Schon funkelt Werders Stadion am Weserufer, die Abendsonne malt die verglaste Fassade orangerot an. Langsam sinken wir über den Werdersee hinweg. In Arsten blicken wir fast schon indiskret in die schmalen Reihenhausgärten, Kinder winken herauf. Über die Autobahn A 1 müssen wir es noch schaffen. Hart setzt der Korb nach fast 22 Kilometern Fahrt auf einer Wiese auf, hebt noch zwei, drei Mal leicht ab, neigt sich vor und zurück, steht endlich.

Doch erst jetzt wird es schweißtreibend: 1200 Quadratmeter Nylonhülle sind zu bergen. Die Ballonkuppel fällt nur langsam zusammen, zerrt mit Macht am Halteseil. Es wirkt wie ein sterbender Dinosaurier. Doch Meter für Meter verschwindet am Ende in einem riesigen Segeltuchsack. Der Brenner wird umgekehrt im Korb verstaut, der heute immer noch aus Weidengeflecht besteht. Mit viel Geschiebe ist endlich auch dieses Trumm untergebracht im Anhänger, den Assistent Jerry Schlimpert zum Landepunkt gefahren hat.

„Deshalb heißt es auch Ballonsport“, frotzelt Pilot Kreins, während wir Novizen noch schnaufen. Aber Belohnung naht: Zum kühlen Getränk gibt es nach französischer Tradition auch noch ein Adelspatent samt Landbesitz. Alles, was wir überfahren haben, gehört uns – allerdings nur ab einer Elle über dem Boden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+