Saatgutautomat in der Überseestadt

Jontes fruchtbarer Ein-Euro-Laden

Vor der Gemüsewerft steht jetzt ein „Samenspender“-Automat zugunsten der städtischen Natur.
15.04.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Anke Velten
Jontes fruchtbarer Ein-Euro-Laden

Jonte Mai an dem „Samenspender“-Automaten an der Gemüsewerft.

Roland Scheitz

Überseestadt. Die Vorfreude auf Gänseblümchen und Duftveilchen, Schlüsselblume und wildes Stiefmütterchen, Kornblume, Ringelblume und viele verschiedene Kräutersorten kann man jetzt in der Überseestadt aus dem Automaten ziehen. Vor dem Eingang der Gemüsewerft ist seit neuestem ein „Samenspender“ angebracht. Dass es sich dabei um einen ausrangierten Kondomautomaten handelt, ist dem liebevoll aufgearbeiteten und bemalten Gerät nicht mehr anzusehen. Sein Inhalt ist definitiv vermehrungsfreudiger. Die Idee, auf diese Weise den Insekten der Stadt zu mehr Lebensqualität zu verhelfen, stammt wieder einmal von Jonte Mai. Und mit Michael Scheer und seinen Leuten aus der Gemüsewerft hat der 13-jährige Findorffer auf Anhieb begeisterte Gleichgesinnte und neue Freunde gefunden.

Zur Vorbereitung wurden im Haus der Familie Mai Hunderte von streichholzschachtelkleinen Packungen handgefaltet und mit heimischen bio-zertifizierten Samenmischungen und -konfetti gefüllt, die der Samenspender gegen eine Ein-Euro-Münze auswirft. Für Jonte ist es bereits das zweite Projekt dieser Art. Seit dem vergangenen Frühjahr steht bereits ein Saatgutautomat im Vorgarten seines Findorffer Elternhauses und versorgt die Nachbarschaft je nach Saison mit Blumenzwiebeln und -samen – wir berichteten. Für seine pfiffige Idee des „Naturschutz2go“ wurde der Schüler bereits Bremer Landessieger beim Deutschen Nachbarschaftspreis 2020, mit dem die nebenan.de-Stiftung vorbildliche Projekte im Sinne des nachbarschaftlichen Miteinanders auszeichnet. Außerdem wurde Jonte der mit Abstand jüngste Preisträger des deutschlandweiten „Beebetter-Award 2020“, ausgelobt vom Burda-Verlag. Eine Jury aus Naturwissenschaftlern und Landschaftsbauern wählte aus rund 200 Bewerbungen die fünf herausragendsten Projekte zum Schutz der Bienen aus.

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Das Preisgeld behält Jonte nicht für sich, sondern investiert es direkt in die Umwelt – teils über Vereine wie die Klimawerkstatt Neustadt und die Klimazone Findorff, deren Einsatz für den Klimaschutz ihm gefällt. Teils aber auch, um neue eigene Projekte finanzieren zu können. Den alten Automaten habe er vor Weihnachten in einem Online-Flohmarkt entstanden, erzählt Jonte. Er musste nicht lange auf einen passenden Verwendungszweck warten. „Bei einer Online-Konferenz der Klimazone Findorff habe ich über mein Projekt berichtet. Michael hörte zu, fand es cool und sagte: Das würde doch gut zur Gemüsewerft passen!“

In der Gemüsewerft auf dem ehemaligen Kellogg-Parkplatz hat sich vor rund zwei Jahren die Gemüsewerft angepflanzt. Auf dem vormals brachen Gelände werden Hopfen, Gemüse, Kräuter und Beeren der Saison nach biologischen Prinzipien angebaut. Außerdem ist die gemeinnützige „Stadtwirtschaft“ an der Weser als Treffpunkt für die Stadtmenschen gedacht, und als einer der fruchtbaren und grünen Orte, die für eine lebenswerte Stadt unverzichtbar sind, sagt Gemüsewerft-Geschäftsführer Michael Scheer.

Die wichtigsten gärtnerischen Tipps zu Standort, Saatzeit und Pflege hat Jonte auf der Informationstafel neben seinem Automaten zusammengefasst. Auf Nummer sicher geht, wer die Samen ausschließlich im eigenen Garten, auf der eigenen Wiese oder in eigenen Kübeln zieht. Bundesnaturschutzgesetz und Strafgesetzbuch regeln, dass die Samen nicht in fremden Privatgärten, im öffentlichen Grün oder sogar Parkanlagen ausgebracht werden dürfen. „Das Saatgut und das Saatgutkonfetti sind ausschließlich für den Einsatz in Siedlungsgebieten zusammengestellt worden“, erklärt Jonte. Sein Appell an seine Kundschaft: „Bitte beschützt die lokalen Ökosysteme und Biotope und werft kein Saatgut in der freien Natur aus!“ Über die sozialen Netzwerke Facebook und Instagram (Saatgutautomat Findorff bzw. Naturschutz2go) sammelt Jonte Abonnenten und hält sie über seine neuesten Ideen auf dem Laufenden.

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