Schutzpatronin gegen Seuchen?

Die Heilige Corona wurde einst in Bremen angebetet

Corona ist in aller Munde. Dass es aber eine Heilige gleichen Namens gibt, die in Bremen im Mittelalter angebetet wurde, weiß kaum jemand. Ein Blick auf die historischen Hintergründe.
14.05.2020, 08:30
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Die Heilige Corona wurde einst in Bremen angebetet
Von Sigrid Schuer
Die Heilige Corona wurde einst in Bremen angebetet

Henrike Weyh, Direktorin des Dom-Museums, vor einem Abbild der Heiligen Corona im St. Petri-Dom.

Frank Thomas Koch

Eigentlich, sagt Henrike Weyh, Direktorin des Dom-Museums, seien bislang die Märtyrer Cosmas und Damian die absoluten Stars unter den Heiligenfiguren des St. Petri-Doms gewesen. Bis ihnen eine gewisse Heilige Corona aus gegebenem Anlass den Rang ablief. Auf zwei Abbildungen ist die junge Frau zu sehen, die Märtyrer-Krone, lateinisch Corona, in der Hand haltend.

Eine befindet sich im Chorgestühl des Doms, zusammen mit dem Heiligen Viktor. Der ehemalige West-Lettner, der heute die Orgelempore verziert, zeige eine besonders schöne Darstellung Coronas aus der Hand Evert van Rodens, betont Weyh. „Ein echtes Kunstwerk“, bekräftigt auch Konrad Elmshäuser, Direktor des Staatsarchivs. Gemeinhin wird sie als Schutzpatronin für Geldangelegenheiten und das Auffinden von Schätzen gehandelt.

Dies deswegen, weil in der österreichischen k.u.k-Monarchie einst sogar die Währung Kronen nach ihr benannt wurde. In Bayern und in der Gegend um Wien wird sie besonders verehrt. Sie werde aber auch bei Seuchenausbrüchen und anderen Nöten angerufen, wird kolportiert. Es wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein und könnte als gutes Omen in der Corona-Krise gelten. Konrad Elmshäuser und Henrike Weyh betonen allerdings mit Nachdruck, dass hier Dichtung und Wahrheit ineinander verschwimmen. Der Gedenktag der Heiligen Corona wird am 14. Mai, dem Datum ihrer Hinrichtung, begangen.

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Mittelpunkt der Corona-Verehrung

Und das geschah im Mittelalter mit großem Pomp. „Bremen war der Mittelpunkt der Corona-Verehrung“, ist sich Elmshäuser ganz sicher. Wie man es sonst nur aus Süditalien kennt, wurden Prozessionen mit der Reliquie durch die ganze Stadt veranstaltet. „Die Menschen wollten sich in einer Zeit, in der es keinerlei Absicherung gegen Leid gab, der Verbindung zum göttlichen Schutz versichern. Voraussetzung dafür war die körperliche Anwesenheit der Heiligen“. Nur dann konnten Wunder geschehen.

Die Heiligenverehrung ist bis heute im katholischen Italien noch höchst lebendig, etwa in Neapel, wo jedes Jahr am 19. September im Dom das Blutwunder von San Gennaro, des Patrons der Stadt, begangen wird. Wenn es ausblieb, wurde die Metropole am Vesuv tatsächlich von Katastrophen heimgesucht. Das zentrale Zentrum der Verehrung der Heiligen Corona ist heute nicht von ungefähr der Hauptreliquienschrein in der nach ihr und Viktor benannten Basilika bei Feltre im Veneto. Ausgerechnet die Region, die zuerst am stärksten von der Corona-Pandemie heimgesucht wurde. Was wiederum gegen die These der Schutzpatronin gegen Seuchen spricht.

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Corona lebte Mitte des zweiten Jahrhunderts und wurde im Alter von nur 16 Jahren unter dem römischen Patronat von Marc Aurel in Ägypten oder Syrien, da ist sich die Geschichtsschreibung nicht einig, hingerichtet. In einschlägigen Quellen wird berichtet, dass sie zwischen zwei herabgebeugten Palmen gefesselt wurde, die die Henker dann emporschnellen und den zarten Mädchenkörper zerreißen ließen. Sehr einig sind sich die Historiker darin, dass dieser schreckliche Tod die grausame Strafe für ihr mit Nachdruck vertretenes Bekenntnis zum Christentum und ihr solidarisches Verhalten gegenüber dem römischen Soldaten Viktor war. Der wird, je nach Überlieferung, als ein Freund oder sogar ihr Verlobter bezeichnet. Beide wollten ihrem christlichen Glauben nicht abschwören.

Laut Konrad Elmshäuser war die Bremer Corona-Verehrung mit einem bedeutenden historischen Ereignis verbunden: Der Kaiserkrönung Ottos I. in Rom. In seinem Gefolge befand sich Erzbischof Adaldag. Überhaupt seien die Bremer Erzbischöfe an den Kaiserhöfen von jeher als Berater begehrt gewesen. Salopp gesagt habe die Erzdiözese Bremen als großer Kirchensprengel, der bis nach Skandinavien hinaufreichte, ihr Renommee dringend aufpolieren müssen, da ein eklatanter Mangel an anbetungswürdigen Reliquien herrschte. Das sollte sich ändern, als der Erzbischof im Jahr 965 gleich vier Reliquien getöteter Märtyrer aus Rom mit nach Bremen brachte, die von Corona, Viktor, Cosmas und Damian. So berichte es auch der Geschichtsschreiber Adam von Bremen, sagt Weyh.

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Schicksal der Reliquie liegt im Dunkeln

„1379 wurde Corona im Dom ein Altar eingerichtet. Ihre Reliquie, angeblich der ‚ganze Leichnam‘ befand sich in der südlichen Mauer des Ostchors“, erzählt die Direktorin des Dom-Museums. Das mit dem ganzen Leichnam könne aber auch eine Übertreibung sein, räumt sie ein. Und zitiert dann aus einer Beschreibung des Bürgermeisters und Domherrn Johann Hemeling einer Prozession zu den Dom-Heiligtümern aus dem Jahr 1395: „Denn die Mauer, die dort um den Ostchor geht, die ist voll Reliquien, denn aus der Südseite das sind erhoben die Körper der heiligen Märtyrer Cosmas und Damian, und darin ist noch der unversehrte Leichnam der heiligen Jungfrau Corona“.

Übrigens: „Auch im Bremer Focke-Museum wird eine hölzerne Statue der Heiligen aus dem Dom gezeigt, die vermutlich einmal einen Altar zierte“, fügt die Kunsthistorikerin hinzu. Und auch ein Corona-Pilgerzeichen sei im nun wieder geöffneten Focke-Museum zu besichtigen, ergänzt Elmshäuser. Das Schicksal der Reliquie der Heiligen Corona liege indes im Dunkel der Geschichte verborgen. Irgendwann sei sie verschwunden gewesen, erzählt Weyh: „Der Dom war ja zur Zeit der Reformation komplett geschlossen.

Möglicherweise sind die Reliquien damals verkauft worden“. Klarer ist dagegen der Verbleib der Köpfe von Cosmas und Damian. Die beiden Ärzte praktizierten in Kleinasien und kurierten Tiere und Menschen. So ist auf einem Relief im Dom-Museum zu sehen, wie sie ein Kamel verarzten. Der Legende nach soll das Ärzte-Duo sogar Beintransplantationen vorgenommen haben. Auch die bekennenden Christen starben den Märtyrertod. Ihre Köpfe wurden in einer Wand im Dom eingemauert, die aber im Jahr 1334 zusammenbrach.

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