Eingreifen bei Straftaten "Die 110 kann jeder rufen"

Augenzeugen greifen in Bremen zuletzt immer wieder ein, wenn sie Straftaten beobachten. Polizistin Maike Seifert erklärt im Interview, wie man Zivilcourage zeigt, ohne sich dabei selbst zu gefährden.
23.09.2022, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Kristin Hermann

Frau Seifert, in den vergangenen Wochen kam es in der Stadt immer wieder zu Einsätzen, bei denen Zivilcourage eine große Rolle gespielt hat. Einschreiten kann gefährlich werden, am Hauptbahnhof wurde ein Helfer von dem Täter schwer im Gesicht verletzt. Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich als Außenstehender eine bedrohliche Situation beobachte?

Maike Seifert: Zunächst sollte man sich einen Überblick über die Lage verschaffen. Gibt es neben mir noch andere Menschen, die ich einbinden kann? Handelt es sich vielleicht nur um einen harmlosen Streit unter Freunden oder bahnt sich da ein ernsthafter Konflikt an? Generell gilt: Je schneller man handelt, desto besser. Wenn sich der Täter erst reinsteigert, wird es immer schwerer, ihn zu erreichen und das Opfer rauszuholen. Hat noch keine Eskalation stattgefunden, kann es helfen, einfach mal anders zu reagieren, als es der Täter erwartet, zum Beispiel indem ich das Opfer in ein Gespräch verwickle und er außen vor ist. Das kann bereits eine Gelegenheit schaffen, sich zu entfernen. Wichtig ist, immer das Opfer anzusprechen und nie den Täter. Dieser wird in der Regel aggressiv sein und sich verteidigen wollen.

Was mache ich, wenn sich die Situation nicht mehr entschärfen lässt?

Wenn ich merke, es schaukelt sich hoch, so wie etwa bei dem Angriff auf die Transfrau in der Straßenbahn, brauche ich nicht mehr mit Tricks zu kommen. Dann sollte man so schnell wie möglich die Polizei rufen und auch lautstark Bescheid geben, dass die Polizei unterwegs ist. Im Idealfall sucht der Täter dann schon das Weite. Außerdem sollte man sich möglichst viele Mitstreiter suchen, damit man in der Überzahl ist. Gehen Sie nicht direkt dazwischen. Werfen Sie mit Gegenständen, schreien Sie laut, aber alles mit etwas Abstand. Das gilt auch für Personen, die sich körperlich überlegen fühlen. Es hilft nichts, wenn ich groß und stark bin, der oder die Täter aber eine Waffe haben.

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Was ist, wenn keine erkennbare Waffe im Einsatz ist und ich mir es selbst zutraue, dazwischen zu gehen?

Ich kann nachvollziehen, dass es schwer ist, so etwas mitanzusehen. Einzelnen würde ich dennoch immer davon abraten, da sonst die Gefahr besteht, selbst zum Opfer zu werden.

Spielt der Tatort für mein Verhalten als Augenzeuge eine Rolle? Sollte ich mich zum Beispiel in der Straßenbahn anders verhalten als auf freier Fläche?

In der Straßenbahn hat man die Möglichkeit, neben anderen Gästen, auch den Fahrer anzusprechen. Sie haben meist spezielle Schulungen durchlaufen. Außerdem gibt es noch die Sprechanlagen. Wenn ich draußen unterwegs bin und keine anderen Passanten in Reichweite sind, kann ich beispielsweise auch bei den nächstgelegenen Häusern klingeln und um Unterstützung bitten.

Bin ich gesetzlich eigentlich zur Hilfe verpflichtet?

Ja. Werde ich nicht aktiv, kann ich wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich selbst in Gefahr begeben muss. Einen Großteil dieser Pflicht habe ich schon erfüllt, wenn ich den Notruf wähle. Sehe ich etwa auf einer einsamen Landstraße eine Person am Boden liegen und bin nicht sicher, ob derjenige wirklich verletzt oder es nur eine Falle ist, bin ich nicht gezwungen, sofort auszusteigen. Aber die 110 kann jeder rufen, ein Smartphone haben schließlich inzwischen fast alle Menschen dabei. Einige sind jedoch gehemmt, die Polizei zu verständigen.

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Inwiefern?

Sie haben Angst davor, sie könnten zu früh anrufen und haftbar gemacht werden, wenn sich der Konflikt bis zum Eintreffen der Beamten erledigt hat. Deshalb muss sich aber niemand Gedanken machen, wir sind als Polizei dankbar über Hinweise. Konsequenzen muss man eher fürchten, wenn man sich nicht meldet. Andere haben wiederum Angst davor, später als Zeuge aussagen zu müssen, weil sie Racheaktionen fürchten. Das passiert jedoch nur äußert selten und es ist wichtig, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Zusammen mit Ihren Kollegen bieten Sie im Präventionszentrum am Wall einmal im Monat ein kostenloses Selbstbehauptungsseminar an, in dem man lernt, Gefahrensituationen zu verhindern oder zu deeskalieren. Haben Sie den Eindruck, das Interesse daran hat zugenommen?

Die Nachfrage ist aktuell tatsächlich sehr groß, da viele Fälle prominent durch die Medien gegangen sind. Die kommenden drei Seminare sind ausgebucht, der nächste freie Termin ist erst wieder im Januar – das gab es bisher noch nie. Wir begrüßen das Interesse aber durchaus, denn es ist ja nur von Vorteil, wenn sich über dieses Thema informiert wird.

Sie sensibilisieren seit Jahren für Zivilcourage. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Jeder Mensch wünscht sich, dass ihm im Notfall geholfen wird. Stellen Sie sich immer vor, Sie wären selbst in einer solchen Situation und alle sehen weg.

Das Gespräch führte Kristin Hermann.

Zur Person

Maike Seifert ist Polizeihauptkommissarin und seit 2013 im Präventionszentrum der Polizei tätig. Die 49-Jährige berät unter anderem in den Bereichen Zivilcourage, Deeskalation und Selbstbehauptung.

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