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90 Jahre Bremer Familienunternehmen Emigholz

Stefan Lakeband 23.04.2019 0 Kommentare

Christian Emigholz ist mit dem Familienbetrieb aufgewachsen. Nun hat er den Reifenhandel von seinem Vater Harald übernommen.
Christian Emigholz ist mit dem Familienbetrieb aufgewachsen. Nun hat er den Reifenhandel von seinem Vater Harald übernommen. (Koch)

Der Wandel steht noch in der Ecke. Zwischen einem schweren Holzschrank und cremefarbenen Wänden warten die Umzugskartons darauf, bepackt und weggetragen zu werden, um Platz für etwas Neues zu schaffen. Es ist Mitte März, und beim Reifenhändler Emigholz steht ein Generationswechsel an. Nach 38 Jahren als Geschäftsführer übergibt Harald Emigholz an seinen Sohn Christian. Bis es in wenigen Wochen so weit sein wird, teilen sich Vater und Sohn das Chefbüro.

„Shared office“, so nennt Christian Emigholz die vorübergehende Bürogemeinschaft. Er nutzt gern englische Begriffe, fragt „Why not?“ statt „Warum nicht?“. Der 35-Jährige ist viel rumgekommen. Nach dem Abi will er raus aus Bremen, raus aus Deutschland. Mal was anderes sehen. Emigholz zieht in die Schweiz, St. Gallen, besucht dort die Universität, 632 Kilometer von Bremen entfernt. Weit genug für den damals 20-Jährigen. Vier Mal im Jahr fährt er zurück in die Heimat, über die Mitfahrzentrale nimmt er noch ein paar Leute mit, „damit ich mir die Fahrt leisten kann“.

Die elterliche Firma ist weit weg und gleichzeitig doch nicht. „Bei einem Familienunternehmen gibt es immer die Möglichkeit, einzusteigen.“ Christian Emigholz studiert Betriebswirtschaftslehre. Mit BWL hat er viele Möglichkeiten. Eine führt ihn zur Copenhagen Business School. In den Norden habe es ihn sowieso immer gezogen. Und ein bisschen sei es ja auch Tradition der Bremer Kaufleute, ihre Söhne ins Ausland zu schicken. Der junge Emigholz muss nicht geschickt werden, er geht selbst.

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Nach dem Zwischenstopp in Dänemark zieht es ihn in ein Start-up nach Leipzig („bevor der Hype da war“), dann nach Berlin („weil ich da auch mal wohnen wollte“). Emigholz fängt bei einer Telekom-Tochterfirma an. Und merkt: Konzerne sind träge, wenn es um Entscheidungen geht. Schmerzhaft bewusst wird ihm das, als seine Abteilung in ein anderes Gebäude umziehen muss. „Wir hätten alles drei Monate vorher organisieren müssen“, erzählt er. „Tatsächlich hatten wir aber nur drei Wochen Vorlauf.“ Am Ende schließen Emigholz und seine Kollegen ihre Telefone selbst an.

Es ist ein Gespräch in der elterlichen Küche, das Christian Emigholz 2015 wieder nach Bremen holt. Wie es denn nun sei mit ihm und der Firma, fragt sein Vater. Ob Christian jetzt einsteigen wolle? Der Sohn sagt zu. Dass Christian Emigholz am Ende doch nach Bremen zurückkehrt und das macht, was er eigentlich nicht wollte, hat viel mit der Vergangenheit zu tun.

Er kennt die Firma, seitdem er ein Kind ist. Als Emigholz eine Niederlassung im Güterverkehrszentrum baut, spielt Christian mit seinen Miniaturautos im Sand der Baustelle; auf Firmenfesten stehen sein Bruder und er hinter Theke. Wenn er heute ins Lager geht und ihm der Gummigeruch der Reifen in die Nase steigt, muss er an seine Kindheit denken.

Erst nachdem Christian Emigholz sich für die Firma entschieden hat, verrät ihm Vater Harald, dass er wohl Präses der Handelskammer werde. Christian Emigholz ist diese Anekdote wichtig. Sie zeige, dass er freiwillig gekommen sei, nicht, um seinem Vater das Amt in der Kammer zu ermöglich. Als Christian Emigholz ins Unternehmen einsteigt, will er aber nicht der Sohn sein, der sich ins gemachte Nest setzt. Er sieht seine Stärke im Digitalen.

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Eine Expertise, die es bei Emigholz zuvor nicht gab. Christian führt ein, dass Kunden online Termine vereinbaren können, bringt ein Callcenter an den Start, plant, dass Mitarbeiter Schulungen künftig auch online bekommen sollen. Sich selbst gibt er den Titel CDO, Chief Digitalization Officer. Als er das erzählt, muss er lachen. „Why not?“, sagt er dann – ein bisschen Selbstironie habe schließlich noch nie geschadet. Auch seine Freunde neckten ihn deshalb, der kleine Reifenhändler mache jetzt also auf Digitalisierung. „Dabei ist es ja gerade der Mittelstand, der viel zu wenig auf dieses Thema vorbereitet ist.“

Christian Emigholz ist es wichtig, nicht nur der „digitale Luftikus“ zu sein. Auch bei den „analogen Themen“ will er Bescheid wissen, arbeitet sich ein; oder weiß zumindest, wen er fragen muss. Um sich, aber auch den Mitarbeitern den Einstieg zu erleichtern, hält er in jeder der 17 Filialen Workshops ab und stellt dort den neuen KFZ-Service vor, bei dem nicht nur Reifen gewechselt, sondern auch Fahrwerk, Bremsen oder der Ölstand überprüft werden.

Dabei lernt er alle Angestellten kennen – und sie ihn. Das scheint gut anzukommen. Wenn Emigholz durch die Zentrale in der Utbremer Straße läuft, witzelt er mit einer Sekretärin darüber, ob seine Haare gut genug für das Pressefoto liegen. Er schätze das Miteinander sehr, sagt Christian Emigholz. Damit das auch außerhalb des Betriebs ankommt, hat er die Werte der Firma, die „Emigholz-DNA“, in den Büros und Werkstätten aufgehängt und auf Tassen drucken lassen. Freundlichkeit gehört dazu, auch Herzblut und Kompetenz. Und auch dem Hanseatentum sei man verpflichtet:

„Ein Mann, ein Wort“, sagt Emigholz. Man sei ehrlich zu Kunden, auch untereinander. Das sei auch bei der Übergabe der Firma wichtig gewesen, so der 35-Jährige. „Die Übergangsphase war harmonisch. Das lässt sich nur machen, wenn man einander vertraut.“ Und genau dieses Vertrauen sei da, selbst wenn nicht alles so klappt wie gedacht. „Wenn es mal Knatsch gibt, sprechen wir darüber und machen danach weiter“, sagt Christian Emigholz. „Start-up approach“, nennt er das. Ausprobieren, verwerfen, neu anfangen. Außerdem verpacke sein Vater seine Kritik immer sehr diplomatisch, etwa in Formulierungen wie „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass …“.

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Anfang April hat sich Harald Emigholz komplett zurückgezogen, nachdem er zuvor auch sein Amt als Handelskammer-Präses abgegeben hatte. Für die Firma kümmert er sich noch um die Verwaltung der Gebäude, den Rest überlässt er seinem Sohn. Die freie Zeit will er nutzen, um sich seinen Ehrenämtern widmen, etwa als Vorstand der Bremer Schuloffensive oder beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Dass unter der Führung von Christian Emigholz nun alles anders wird, ist unwahrscheinlich.

Stattdessen will Christian Emigholz vieles beibehalten und behutsam ausbessern. So, wie es auch schon seine Vorgänger in der 90-jährigen Geschichte des Unternehmens gemacht haben. Sie zeige, dass sich die Firma immer wieder angepasst habe. Als der Urgroßvater 1929 anfing, bezahlten ihn die Leute teilweise in Naturalien: Reifen gegen Schweinehälften. Und auch Christian Emigholz gibt zu, dass er nicht weiß, wie der Markt in 20 Jahren aussehen wird.

Einer Firmentradition will Christian Emigholz auf jeden Fall treu bleiben. Sein jetzt 15 Monate alter Sohn soll eines Tages selbst entscheiden können, ob er irgendwann einmal in das Unternehmen einsteigen möchte. Falls ja, würde Emigholz auch das Büro mit ihm teilen, vorübergehend zumindest. Mit einem „Shared Office“ kennt er sich ja nun aus.


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...
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