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Hansestadt ist Hochburg der Leiharbeit
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Bremen ganz prekär

Petra Sigge 16.05.2015 6 Kommentare

Traum vom festen Job
Ein fester Job statt Leiharbeit, ein Arbeitsplatz mit Perspektive und ein Einkommen, von dem man gut leben kann: Das bleibt für viele junge Leute in den ersten Berufsjahren ein Traum. Foto: Jan Woitas (dpa)

Nur in Leipzig ist es schlimmer: Mit 5,2 Prozent hat die Stadt Bremen die zweithöchste Leiharbeitsquote aller deutschen Großstädte, in Bremerhaven liegt sie bei 4,9 Prozent. Der Anteil der Zeitarbeit ist deutlich höher als im Bundesdurchschnitt: Deutschlandweit liegt die Leiharbeitsquote – gemessen an der Zahl aller Arbeitnehmer – bei 2,7 Prozent. Das belegt die jüngste Auswertung der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Der Anteil prekärer Arbeit ist rasant gestiegen: Seit 2007 ist die Zahl der Leiharbeitsjobs im kleinsten Bundesland um 28 Prozent gewachsen – dreimal so stark wie die Beschäftigung insgesamt. Immer häufiger wird Jobsuchenden bloß eine Beschäftigung auf Zeit angeboten. In Bremen fielen zuletzt 41 Prozent aller offenen Stellen in den Bereich Leiharbeit.

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Während die Wirtschaft im Land dümpelt, wächst diese Branche ungebrochen: Gab es 2007 noch 260 Verleihbetriebe, sind es heute fast 350. Insgesamt arbeiten laut Kammer etwa 13 400 Menschen in der Stadt Bremen als Leiharbeiter, 2500 sind es in Bremerhaven.

Grund genug für die Kammer, die Betriebsräte betroffener Firmen intensiver zu befragen. Deren Fazit sei ernüchternd, sagt Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik bei der Kammer. Leiharbeit sei im Wirtschaftsleben Bremens mittlerweile eine feste Größe. Vor allem in der Logistik und in der Fertigung würden Zeitarbeiter eingesetzt. Laut Erhebung sind drei von vier Leiharbeiternehmern Männer. Frauen dagegen arbeiten häufiger in den Gesundheits- und Sozialberufen. Mehr als jede vierte Leiharbeiterin ist dort beschäftigt, jede sechste arbeitet in kaufmännischen Berufen. Die meisten Leiharbeiter arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation: Obwohl weit mehr als die Hälfte einen Berufsabschluss habe, würden Betroffene meist als „Helfer“ eingesetzt. 43 Prozent würden als Fachkraft engagiert und gerade mal 6,5 Prozent als „Spezialist“ oder „Experte“.

Das spiegelt sich deutlich im Lohngefälle wider: „Leiharbeit ist in der Regel prekär“, sagt Jörg Muscheid, Referent für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer. Zwei von drei Leiharbeitern arbeiten demnach für einen Niedriglohn. „Im Durchschnitt verdienen Leiharbeitnehmer 1773 Euro und damit fast 43 Prozent weniger als alle Arbeitnehmer mit einem Durchschnittseinkommen von knapp 3100 Euro.“ Selbst wenn man nur Beschäftigte mit Fach- und Hochschulabschluss vergleiche, liege der Bruttoverdienst immer noch 31 Prozent unter dem, was Festangestellte in vergleichbaren Tätigkeiten erhielten.

Es sind Zustände, die schon länger bekannt sind. Grund genug für die Bundesregierung, den Einsatz von Leiharbeitern künftig einschränken und die maximale Einsatzdauer verkürzen zu wollen. Der Zeitraum, in dem eine Firma einen Leiharbeiter einsetzen darf, soll laut Koalitionsvertrag künftig auf 18 Monate eingegrenzt werden. Außerdem will die Regierung die Firmen verpflichten, ihren Leiharbeitern schon nach neun Monaten Einsatz im selben Betrieb den gleichen Lohn zu zahlen wie den Festangestellten. Nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz ist auch schon heute Equal Pay vorgeschrieben. Allerdings räumt das Gesetz die Möglichkeit ein, durch Tarifverträge vom Grundsatz der gleichen Bezahlung abzuweichen. Davon haben die Zeitarbeitsfirmen reichlich Gebrauch gemacht.

Doch würden ohnehin nur die wenigsten Leiharbeiter von den geplanten Neuregelungen profitieren, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, nahelegt. Demnach ist hierzulande nur jeder vierte Leiharbeiter überhaupt länger als neun Monate im selben Unternehmen. Im Schnitt dauert der Einsatz eines Leiharbeiters drei Monate. Im Land Bremen endet jedes zweite Leiharbeitsverhältnis schon nach weniger als einem Monat, teilweise sogar nach wenigen Tagen. Allerdings gibt es nach der Kammerumfrage auch immer mehr Leiharbeitseinsätze, die länger dauerten als ein Jahr. Gaben bei der ersten Befragung 2010 lediglich vier Prozent aller Betriebe an, Zeitarbeiter länger als zwölf Monate zu beschäftigen, stieg dieser Anteil in den Folgejahren auf 28 Prozent an.

Die Zeitarbeitsbranche wettert gegen die geplante Reform der Leiharbeit und sieht in den Plänen der Regierung einen Eingriff in die Tarifautonomie. Durch die 2012 eingeführten Branchenzuschläge sei eine stufenweise Angleichung des Lohns von Zeitarbeitskräften und Stammbelegschaft bereits gesichert, heißt es beim Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Die geplante Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten sei nicht praxisgerecht. Viele Einsätze für Zeitarbeit würden damit wegfallen, beispielsweise Vertretungen in der Elternzeit.

Doch so vehement der Widerstand der Verleihbetriebe auch ist, so sehr stehen sie in der Kritik: Denn die wenigsten Zeitarbeiter können darauf hoffen, vom ausleihenden Betrieb übernommen zu werden. Die Erhebungen zeigten, dass der sogenannte Klebeeffekt allenfalls „in Einzelfällen“ vorkomme, sagt Geraedts von der Arbeitnehmerkammer. „Es gibt keinen Nachweis für die These, Leiharbeit sei eine Art Sprungbrett hin zu einer regulären Festanstellung im Unternehmen.“


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Leserkommentare
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

Das britische £ - Sterling -
europaweit jetzt ...
suziwolf am 21.10.2019 12:01
Warum dieser einfache Hinweis
auf www.spiegel.de
[ ,auf Erweiterung der Information‘ ]
mit „👎“ bewertet wird,
erklärt sich ...
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