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Vor 80 Jahren kam Hitler an die Macht
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Das Verstummen der Zeitzeugen

Silke Hellwig 30.01.2013 0 Kommentare

Hindenburg und Hitler
Reichspräsident Paul von Hindenburg (l) und Adolf Hitler nach dessen Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 in Berlin zusammen. (dpa)

Bremen. Wer kann heute noch vom Krieg erzählen? Von den Nazis, den Bombennächten und von den Menschen mit den Judensternen am Revers? Nur wenige: Wer die NS-Zeit bewusst erlebt hat, muss in den Zwanzigerjahren oder früher geboren sein. Sie ersterben, die Stimmen der Zeitzeugen. Wie lebt ohne sie die Erinnerung fort? Was tun, damit das sogenannte Dritte Reich nicht zu irgendeinem Kapitel im Geschichtsbuch verkommt, schrecklich, aber auch schrecklich unwirklich, weit weg von heutigen Generationen? Was tun? Unterrichten: Die NS-Zeit gehört zu den Pflichtthemen deutscher Schulen. Noch heute, sagt Maria Meyer, im Landesinstitut für Schule (LIS) für politische Bildung zuständig, gebe es wohl kein zweites Geschichtsthema, dem so viel Zeit gewidmet werde. "Die heutige Jugend steht in einer großen biografischen Distanz zu der NS-Zeit. Das muss die Schule ausgleichen."

Torben Rode besucht das Gymnasium Horn, elfte Klasse. In der fünften und der neunten Klasse habe er sich mit der NS-Zeit befasst, in diesem Halbjahr stehe das Thema noch einmal auf dem Stundenplan. Über die NS-Zeit, schätzt er, wird so viel unterrichtet, "wie über die Geschichte der USA und die Französische Revolution zusammen". Ihm sei das nicht zu viel. Aber er habe auch Freunde, "denen das Thema langsam auf die Nerven geht". Dabei ist der Umfang laut Maria Meyer schon deutlich geschrumpft, seit sie selbst in den 60er-Jahren zur Schule ging. Auch vom "moralischen Überanspruch der 68er" sei der Unterricht inzwischen befreit.

Zeitzeugen sterben, Mahnmale bleiben – als Exkursionsziele. Die KZ Bergen-Belsen und Neuengamme, der Bunker Valentin, kaum ein Bremer Schüler dürfte nicht wenigstens einen dieser Orte besucht haben. Doch selbst wo Geschichte greifbar nah scheint – der Besuch einer Gedenkstätte allein vermittelt kein Geschichtsbewusstsein. Klaus Schroeder spricht gar von "aktionistischem Gedenkstättenhopping", das vergebens sei, wenn der Besuch soliden Geschichtsunterricht ersetzen solle und Vor- und Nachbereitung vermissen lasse. Schroeder ist Professor an der Freien Universität Berlin und hat sich mit zeitgeschichtlichen Kenntnissen und Urteilen Jugendlicher befasst. 7500 Schüler in fünf Bundesländern wurden zu ihrem Wissen über den Nationalsozialismus, über die DDR und die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung befragt. Mit dem Datum 30. Januar 1933 könne die Mehrheit deutscher Schüler wenig anfangen, vermutet danach der Professor. "Die subtilen Mechanismen, mit denen Hitler an die Macht kam, werden nicht ausreichend vermittelt." Statt dessen werde oft "moralisch aufgeladen, oberlehrerhaft und plakativ" unterrichtet.

Über Auschwitz als Symbol des Holocaust wüssten entsprechend fast alle Jugendlichen Bescheid, aber nur etwa die Hälfte könne zwischen einer Diktatur und einer Demokratie unterscheiden. "Das ist das Gefährliche" – ohne dieses historisch-politische Bewusstsein sei es unmöglich, "die Demokratie mit allen ihren Schwächen in den Köpfen der Schüler zu verankern". Schroeders Rat: "Qualität statt Quantität". Das indes setzt nach Alfons Kenkmann, Professor für Geschichtsdidaktik, auch Beweglichkeit voraus: "Gegenwärtig führen uns die nachwachsende Schüler- als auch Teile der Erwachsenengeneration eine veränderte, spezifische Aufmerksamkeit für die Zeit der NS-Diktatur vor Augen. Diese gilt es ernst zu nehmen."

Beispielhaft verweist der Historiker auf den Dramatiker Franz Xaver Kroetz, Jahrgang 1946. Er bekannte in einem "Zeit"-Interview: "Mir geht das ,Dritte Reich’ inzwischen vollkommen am Arsch vorbei. Wenn ich zu meinen Kindern sage, wisst ihr, der Zweite Weltkrieg …, dann sagen sie, ja, Papa, das ist Vergangenheit. Und es stimmt: Die alten Säcke, wenn sie noch leben, sollen ihre Geschichte ruhig aufarbeiten, es sind ihre sechs Millionen Juden. Das ist nicht mehr mein Thema." Eine Einschätzung, die Schüler Torben Rode ganz und gar nicht teilt. Auch Mona Bektesi, die am Gymnasium Horn Geschichte unterrichtet und am LIS Referendare ausbildet, hat andere Erfahrungen gemacht.

Das Interesse der Schüler an der NS-Zeit sei groß, vielleicht auch, weil viele Fragen in vielen Familien nicht mehr beantwortet werden könnten. Aber beim Blick in die Vergangenheit dürfe die Lebenswirklichkeit der Schüler nicht aus den Augen verloren gehen. "Es geht nicht um Schuld oder Betroffenheit, sondern darum, Kinder zu mündigen Bürgern zu erziehen."

Max Mannheimer ist 92 Jahre alt. Er hat den Holocaust überlebt und Tausenden von Schülern davon berichtet. Eines liegt ihm dabei am Herzen: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was passiert ist, aber ihr seid verantwortlich für das, was aus dem Staat, in dem ihr lebt, werden wird."


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Leserkommentare
Opferanode am 20.10.2019 15:14
@ Bunker
Bei Ihnen weiß ich nicht immer, ob Sie das ernst meinen, was Sie schreiben. Kann ja auch ironisch gemeint sein?
Wenn Sie von ...
alterwaller am 20.10.2019 15:01
INITIATIVEN !!!

Zu hoch, zu flach, zu breit, zu lang. Die Fenster passen nicht zum Umfeld und was ist mit begrünten Dächern ? Da wird ...
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