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Bremer Kaufleute erkunden den Iran
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Von Mullahs und Moneten

Philipp Jaklin 06.03.2016 0 Kommentare

Schülerinnen vor dem Grab Ajatollah Khomeneis nahe Teheran.
Schülerinnen vor dem Grab Ajatollah Khomeneis nahe Teheran. (Philipp Jaklin)

Steht der Sitzkomfort der nächsten iranischen Geschäftspartner auf dem Spiel, ist sich der Arbeitgeberpräsident fürs Möbelschleppen nicht zu schade. Ingo Kramer bugsiert einen Stuhl durch das Gedrängel im Konferenzraum des Teheraner Hotels. „Beim nächsten Mal bringe ich Campingstühle mit“, witzelt der Chef des Spitzenverbands BDA, der jetzt ganz als Unternehmer gefragt ist. Und sei es mit der profanen Aufgabe, Sitzgelegenheiten für seine persischen Kontakte zu organisieren.

Zeit für die deutsch-iranische Kooperationsbörse – eine Art Speed-Dating des globalisierten Mittelstands. Bremer Kaufleute sitzen an nummerierten Tischen und warten darauf, von iranischen Kaufleuten angesprochen zu werden. Am Eingang liegt eine zweisprachige Broschüre mit allen Namen und Firmen, auf deutsch und persisch.

Gewaltiger Nachholbedarf

Man klopft sich gegenseitig ab, sondiert, fragt nach, tauscht Visitenkarten. Lässt sich irgendwie gemeinsam Geld verdienen? Hat irgendwer einen nützlichen Kontakt? Wie die Chancen stehen, zeigt sich meist nach wenigen Minuten. So funktioniert das, nicht nur in Teheran.
Nur dass hier der Flirt gerade besonders heftig verläuft. Jahrelang durfte man nicht zueinander, jetzt scheint plötzlich alles zu gehen. Nach jahrelangem Atomstreit mit dem Westen sind für den Iran neue Zeiten angebrochen. Das Land hat sein angereichertes Uran an Russland übergeben, Reaktor-Brennkammern mit Beton aufgefüllt. Seit Januar sind die meisten Sanktionen gegen die Islamische Republik ausgesetzt, die Handelsbeschränkungen weitgehend gefallen.

(Philipp Jaklin)

Der Iran hat gewaltigen Nachholbedarf, in der Infrastruktur, bei Maschinen und Industrieanlagen. Ein Land mit 80 Millionen Einwohnern und den zweitgrößten Ölreserven der Welt, das ist ein gewaltiger Markt. Den es jetzt zu erobern gilt.

Der Ansturm ist groß

Zurückzuerobern: Denn in den 1970er Jahren war Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner des Iran. Zuletzt lag das Geschäft weitgehend brach. Zahlreiche Güter konnten nicht oder nur mit Ausfuhrgenehmigungen Richtung Persien verschifft werden, das Land war von den globalen Finanzströmen abgeschnitten. Heute kommen im Iran die meisten Einfuhren aus China, die Europäer mischen kaum noch mit. Deutschland liegt in der Rangliste der Handelsbeziehungen weit abgeschlagen auf Rang 50.

Umso größer ist jetzt der Ansturm. Längst haben Franzosen und Italiener Milliarden-Vereinbarungen mit den Iranern unterschrieben. Airbus will über hundert Flugzeuge liefern, Siemens Gasturbinen sowie Züge und auch Bahnstecken bauen. Aus den deutschen Bundesländern jagt eine Mittelstands-Delegation die nächste: Die Niedersachsen waren schon da, die Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz.

(Philipp Jaklin)

Junge Frauen dominieren

Nun erkundet diese Gruppe von 25 Bremer Geschäftsleuten eine Woche lang das Land. Mehrere Logistikfirmen sind dabei, die Lebensmittelbranche, der Anlagenbau, die Schifffahrt, Handelshäuser – bremische Branchen. Gemeinsam haben sie eines: Sie wittern neue Geschäfte.

Draußen hat sich eine Staubglocke über Teheran gelegt, in der 13. Etage des Hotels im Stadtzentrum richtet sich der Blick fest auf die Marktchancen. „We are from Bremen in Northern Germany“, führt Delegationsleiter Eduard Dubbers-Albrecht den Trupp aus der Hansestadt ein. „You may know the fairy tale Bremen Town Musicians.“

Routiniert übernimmt der Vize-Präses der Bremer Handelskammer die Rolle als Botschafter seiner Heimatstadt. Er spricht perfekt Englisch, wenngleich im Tonfall des Erzfeinds – Dubbers-Albrecht ist in den USA geboren. Doch das stört hier sicherlich keinen.
Die erste große Überraschung für die Besucher: Irans Wirtschaft präsentiert sich ausgesprochen weiblich. Während die bremische Delegation fast nur aus Männern besteht, dominieren auf iranischer Seite junge Frauen. Gemäß der islamischen Kleiderordnung tragen sie alle den vorgeschriebenen Hidschab, das Kopftuch. Bei diesen selbstbewussten Geschäftsfrauen wirkt es allerdings eher wie ein wohlplatziertes modisches Accessoire.

Möglichkeiten locken

Eine von ihnen ist Mina Ghobadi. Im Auftrag des Konsumgüterherstellers Golrang ist sie unterwegs, eines der größten Konzerne im Iran. Sie soll einsammeln, was Währung ist im Wettstreit um die besten Geschäftskontakte: Visitenkarten. Jeder aus der Bremer Gruppe hat einen dicken Stapel dabei. Ghobadi scannt die gesamte Delegation ab, als Basis für mögliche spätere Gespräche. „Es ist eine aufregende Zeit, für die Unternehmen, für das Land“, sagt Ghobadi und zieht einen Tisch weiter.
„Wir befinden uns in einer neuen wirtschaftlichen Epoche“, sagt Michael von Ungern-Sternberg. Seit bald drei Jahren ist er deutscher Botschafter in Teheran. Die Iraner bekamen in dieser Zeit zu spüren, wie stark die Sanktionen des Westens ihrem Land zugesetzt haben. Die Ölproduktion brach ein, von 3,5 Millionen Barrel pro Tag auf knapp über 2,5 Millionen Barrel Ende 2015.
Alleine in der Öl- und Gasindustrie wird der Investitionsrückstau auf 50 bis 100 Milliarden Euro geschätzt. Jahre der Rezession ließen die Arbeitslosigkeit hochschnellen. Bei den jüngeren Iranern liegt sie bei ungefähr 30 Prozent.

(Philipp Jaklin)

Doch es locken gewaltige Möglichkeiten. Das Land kommt auf eine Wirtschaftsleistung von über 400 Milliarden Dollar im Jahr. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der Iran der größte Wirtschaftsraum, der auf die internationalen Märkte zurückkehrt. Deutliche Außenhandelsüberschüsse haben reichlich Devisen gebracht. Öleinnahmen von über 100 Milliarden Dollar, die während der Sanktionszeit eingefroren waren, stehen zum Ausgeben bereit.
Hunderte Milliarden will der reformorientierte Präsident Hassan Rohani in den kommenden Jahren in die Industrie stecken, um den Iran unabhängiger vom Öl zu machen. Seinem Volk hat er „ein Jahr des wirtschaftlichen Wohlstands“ versprochen.

Auch Ingo Kramers geschäftliches Schicksal ist an den Rohstoff gekoppelt. Seine Bremerhavener Firma, die J. Heinrich Kramer Holding, ist auf den Bau von Rohrleitungen und Anlagen für die Öl- und Gasindustrie spezialisiert. Schon vor Jahrzehnten verkaufte sein Unternehmen mit einer Tochtergesellschaft Messgeräte für die Petrochemie im Iran – die teilweise noch heute im Einsatz sind. Nun ist er auf der Suche nach Partnern, um das Geschäft hier neu aufzurollen.

Hier geht es weiter mit Teil 2.


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Leserkommentare
admiral_brommy am 19.10.2019 14:52
Dann ist es wichtig, alle vier Jahre so zu wählen, damit sich daran nichts ändert. Da freut sich der Verwaltungsbeamte.
IhrenNamen am 19.10.2019 14:35
Die SPD kann hier aber höchstens zu 50% Schuld sein da das DSM zu 50% vom CDU-Regierten Bund finanziert wird.

Ich denke die Schuldigen ...
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