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1. Bremer Armutskonferenz
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Wie Hilfe zu den Menschen kommt

Frauke Fischer 20.11.2013 2 Kommentare

200 Teilnehmer haben bei der 1. Bremer Armutskonferenz darüber diskutiert, wie in der Hansestadt mehr gegen Armut, vor allem jene von Kindern, getan werden kann. Angebote, die Menschen mehr Möglichkeiten zur Teilhabe bieten, Eine davon: das Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr Nord.

Erst vergangene Woche ist es gewesen. Da kamen gleich zwei Familien zu Christoph Buße, die ihm ihr Leid klagten. Die Waschmaschine war kaputt gegangen. „Und das sind Menschen, die können nicht mal eben im Internet eine neue bestellen und liefern lassen“, sagt der Sozialdiakon der Evangelischen Kirche Neue Vahr. Er ist im Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr Nord (FQZ) Ansprechpartner für die Bewohner. Wenn es um Armut geht, wie sie gestern bei der 1. Bremer Armutskonferenz (siehe Bericht) im Mittelpunkt stand, kann er viele Beispiele nennen. Doch er sieht auch die Gratwanderung: „Man soll schon auf das Problem hinweisen, aber nicht mit dem Finger auf die Stadtteile zeigen und sagen: Da ist die Armut.“

8000 Menschen leben in der Neuen Vahr Nord, jedes zweite Kind von Hartz IV. Über die Hälfte der Bewohner sind Migranten. Dass praktische, beratende und unterstützende Angebote notwendig sind, hat die Stadt längst erkannt. So ist 2010 das Familien- und Quartierszentrum in Nachbarschaft der Kirchengemeinde an der August-Bebel-Allee entstanden, wo Menschen Austausch, Anlaufstellen für Familien- oder Finanzprobleme, aber auch Möglichkeiten zur Entfaltung finden. Das FQZ und die Heilig-Geist-Kirchengemeinde arbeiten eng zusammen, daneben sind weitere Träger aktiv. Kleiderkammern gibt es, eine Möbelvermittlung, einen Elterntreff, den „Fast-umsonst-Laden“, wo sich Menschen für wenig Geld Geschirr und andere Haushaltsgegenstände besorgen können. Es gibt das mehrfach ausgezeichnete Projekt „Mahl-Zeit“, das für ein kostenloses Mittagessen an Sonntagen sorgt und Unternehmungen für Familien organisiert.

Christoph Buße ist zudem die Hausaufgabenhilfe im FQZ wichtig. Acht Lehrer sind dort derzeit aktiv. Ehrenamtliche, zum Teil pensionierte Lehrer. Der enge Kontakt zwischen den Pädagogen und den Kindern, „die Beziehungsarbeit“, sei wichtig, so Buße. Wichtig ist ihm auch „das Wir-Gefühl. Die Stadt teilt sich immer mehr in jene, die sich etwas leisten können, und in jene, die es nicht können.“ Das betrifft auch Bildung und Schule. Wenn in gutbürgerlichen Stadtteilen Kinder im Unterricht nicht mitkommen, zahlen die Eltern Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe, sagt er. In der Neuen Vahr Nord fällt das wie auch in anderen Stadtteilen vielen Familien schwer. „Wenn wir es schaffen, bei einem Kind die Note um zwei Zensuren zu verbessern, ist das ein Riesenerfolg.“

Den direkten Kontakt, die aufsuchende Arbeit, hält Buße für besonders wichtig. So kommt er mit den Kindern und Jugendlichen bei seiner Fahrrad-Werkstatt ins Gespräch. Und das Sommercafé, das in diesem Jahr elf Wochen lang mal hier, mal da im Quartier auf Spielplätzen zwischen den Hochhäusern Kaffee und Kuchen für Bewohner angeboten hat, ist nach seiner Ansicht ein weiteres gute Angebot.

Für Buße, der an der Armutskonferenz gestern teilgenommen hat, ist Armut auch und gerade „eine Frage der Verteilung. Man muss auch mal über Reichtum sprechen“, sagt der Sozialarbeiter. Eine wichtige Frage bei ist seiner Ansicht nach: „Wie kann man Parallelgesellschaften auflösen?“ Dabei sei das Modell der Teilhabe sehr wichtig. Und ebenso die Verstetigung von Geldern für Projekte.

Von Geburt an Chancen von Kindern verbessern

„Das Auseinanderdriften der Gesellschaft bereitet uns Sorge“, sagt Gerd Wenzel, Vorsitzender des Verbandsrates Paritätischer Wohlfahrtsverband Bremen. Er gehört zu den Vertretern des sozialen Bündnisses aus Wohlfahrtsvereinen, Arbeitnehmerverbänden, Kirchen sowie anderen Organisationen, das gestern die 1. Bremer Armutskonferenz veranstaltet hat. Sinn und Zweck der Tagung mit 200 Teilnehmern: Eine Bestandsaufnahme der Angebote für Armutsgefährdete, um auf dieser Basis einen Forderungskatalog an den Bremer Senat zu erarbeiten. Bislang nämlich, so die Veranstalter, habe Bremen trotz Ankündigungen zu wenige Maßnahmen umgesetzt, die gegen Armut wirken sollen.

Frühe Hilfen und auch den Ausbau der Kindertagesbetreuung hat Bremen vorangetrieben. Das räumt der Sozialwissenschaftler René Böhme ein. „Aber es fehlt eine Gesamtkonzeption“, sagt Libuse Cerna vom Rat für Integration. So fordern die Bündnispartner in Bremen dringend eine zentrale Koordinierungsstelle, „die für das Thema verantwortlich ist“, so Wenzel. Ein solches Instrument sei in anderen Städten bereits vorhanden. Um die notwendige Teilhabe zu organisieren, so Wenzel, „ist eine integrierte Politik erforderlich“.

Konkret schlägt René Böhme vor, „den Lebensweg eines Kindes systematisch zu begleiten“. Die Fragestellung für diese ressortübergreifende Strategie müsste sein: „Wer ist in welcher Lebensphase des Kindes zuständig?“ Eine Forderung für die Art der notwendigen Angebote: „Wir müssen die Hilfen zum Kind bringen.“

Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne), die gestern als Zuhörerin einen Teil der Konferenz verfolgte, sieht viele der dort angesprochenen Strategien in Bremen bereits verwirklicht. So sei die Bekämpfung von Armut im Koalitionsvertrag als Querschnittsaufgabe festgeschrieben worden. Der Ausbau der Kindertagesbetreuung, die frühen Hilfen, aber auch das Kultur-Ticket, das sozial schwachen Menschen vergünstigten Zugang zu Kultureinrichtungen ermöglicht, die Sozialwohnungsquote, die WIN-Programme (Wohnen in Nachbarschaften) und die Mütterzentren mit ihren vielen, niedrigschwelligen Angeboten zeigten Bremens vielfältigen Ansätze, so Stahmann.

Wenn es um die Ursachenbekämpfung von Armut geht, macht die Senatorin aber auch die Bundesgesetzgebung mit verantwortlich. „Armut ist weiblich“, sagt sie. Lücken in Erwerbsbiografien und niedrigere Löhne für Frauenarbeit führten zu Altersarmut. Gerade alleinerziehende Frauen mit jungen Kindern machten einen großen Prozentsatz unter den Leistungsempfängern aus und seien deshalb besonders armutsgefährdet. Stahmann: „Kindererziehung darf kein Armutsrisiko sein.“


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Leserkommentare
alterwaller am 22.10.2019 10:39
Da sollen also die, die sich Privatschule nicht leisten können die Schulen der "FDP-Klientel" pampern ? Passt zu Bremen und der Partei.
Neal am 22.10.2019 10:36
Parken und fahren wie es dem/der Fahrer/in gerade in den Sinn kommt, ist ja nicht nur zum Freimarkt ein Problem.
Wir brauchen a) eine besser ...
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