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Interview mit neuer Handelskammer-Präses
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„Bildung liegt mir besonders am Herzen“

Philipp Jaklin 25.01.2019 1 Kommentar

Janina Marahrens-Hashagen leitet das Unternehmen Schilderwerk Marahrens.
Janina Marahrens-Hashagen leitet das Unternehmen Schilderwerk Marahrens. (Karsten Klama)

Ihre Wahl zur Präses fällt in die Zeit des beginnenden Bürgerschafts-Wahlkampfs. In dem Amt können Sie nicht parteipolitisch Stellung beziehen, sich aber sehr wohl in die Politik einmischen, dabei auch anecken – oder eher um Ausgleich bemüht sein. Wie wollen Sie es angehen?

Janina Marahrens-Hashagen: Wir haben ganz klare Positionen und Forderungen. Die versuchen wir weiterzutragen – zum Nutzen unserer Unternehmen. Egal, welche politische Partei regiert.

Wie kommt es eigentlich, dass der Wechsel an der Handelskammer-Spitze, zumindest von außen betrachtet, in Bremen wieder sehr geordnet verlaufen ist, während es in Hamburg zuletzt heftige Machtkämpfe unter den Kaufleuten gegeben hat?

Unser Hauptamt hat intensiver und besser gearbeitet. Und meine Vorgänger im Ehrenamt haben sich um die Kaufleute gekümmert. Die sind zu den Unternehmen gegangen und haben gefragt: Welche Probleme habt ihr, was können wir für euch regeln? Das hat Hamburg offensichtlich nicht ausreichend gemacht.                  

Wo sehen Sie gerade die dringlichsten Probleme der Wirtschaft, die Bremens Politik angehen sollte?

Da gibt es vieles. Wir haben Infrastrukturprobleme. Wir haben ganz große Probleme mit dem Fachkräftemangel. Dann das Thema Bildung und Ausbildung: Unsere duale Ausbildung ist ein großes Asset in Deutschland. Wenn wir das Ausbildungssystem attraktiver machen, bekommen wir in unseren Betrieben auch mehr Fachkräfte. Und dazu brauchen wir in den Schulen eine stärkere Berufsorientierung. Da sind auch wir Unternehmer gefordert, in die Schulen zu gehen und unsere Betriebe vorzustellen. Und wir brauchen eine bessere Ausstattung der Berufsschulen.  

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Die Verkehrsprobleme werden in der Wirtschaft immer wieder beklagt. Wo liegen die tieferen Ursachen?

Es findet zu wenig Kommunikation statt. Manche Baustellen werden gar nicht vorab mit den betroffenen Unternehmen besprochen. Die werden plötzlich aufgemacht, und keiner kann sich darauf einstellen. Dabei können wir helfen. Wir haben als Handelskammer immer wieder konstruktive Vorschläge gemacht, zum Beispiel bei der Lesumbrücke. Bis heute ist nicht einer umgesetzt worden. Was ist so schwierig daran, zum Beispiel die Ampelschaltung auf der Bremer Heerstraße zu verlängern, damit es dort eine Grüne Welle gibt? Wenn die Mitarbeiter jeden Morgen im Stau stehen, haben sie irgendwann keine Lust mehr und suchen sich einen anderen Job. 

Sie kommen aus Bremen-Nord. Haben Sie das Gefühl, dass dieser Teil des Bundeslandes vom Senat genug beachtet wird?

Wir sind ja inzwischen ein wenig stärker in den Fokus gerückt. Jetzt schauen wir mal, was die Parteien an Programm für uns entwickeln. In unserer Region werden die Politiker natürlich auch daran gemessen, was sie für den Norden tun wollen.

Gibt es in Bremen genug Gründergeist?

Wir haben eine gute Startup-Szene. Es gibt tolle junge Unternehmen mit hervorragenden Ideen. Die weiter zu fördern, finde ich ganz wichtig für die Innovationskraft unserer Industrie. Da können wir noch mehr tun.

Ob junge Firmengründer oder Fachkräfte nach Bremen kommen oder hier bleiben, hat auch mit der Wahrnehmung der Stadt zu tun. Hat Bremen ein Imageproblem – oder steckt da mehr dahinter?

Ja, wir haben ein Imageproblem. Und daran müssen wir arbeiten. Man hört immer wieder, dass Menschen etwa aus dem Süden Deutschlands vom Zustand unseres Bildungssystems abgeschreckt sind. Unsere Schulen müssen besser werden – das ist der erste Attraktivitätsfaktor. Schlecht sind wir nicht, wir haben gute Rahmenbedingungen, tollen Wohnraum und viel Grün. Aber wir müssen die Innenstadt noch agiler machen. Wenn ich mir etwa Amsterdam anschaue, wo ich gerade zwei Tage war, ist da mehr Leben in der Stadt.  

Die Risiken für Firmen haben zuletzt zugenommen – wegen des Brexits, der Handelskonflikte, der nachlassenden Konjunktur. Wie gehen die Unternehmen im Nordwesten damit um?

Es ziehen dunkle Wolken auf. Das Wirtschaftswachstum hat sich verlangsamt. Die Unternehmen sind vorsichtiger geworden. Wer Handelsbeziehungen mit England hat, für den ist das im Moment ein großes Problem. Wenn ich den Plan C von Theresa May kennen würde, wäre ich glücklich.  

Wie schlimm würde ein „harter Brexit“ Bremen treffen?

Das würde einige Unternehmen spürbar treffen. Ungefähr zehn Prozent der Industrieproduktion Bremens gehen nach Großbritannien, das ist mehr als im Bundesdurchschnitt. Da sind die Luftfahrtindustrie dabei, die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, die fischverarbeitende Industrie. Ich habe auch britische Kunden, und ich wüsste nicht, wie ich die beliefern sollte. Nicht nur wegen der Zollvorschriften würden sich die Rahmenbedingungen stark verändern. Ich glaube, wir unterschätzen die Folgen.

Sie sind seit zwanzig Jahren geschäftsführende Gesellschafterin Ihres Familienunternehmens. Haben Frauen einen anderen Managementstil als Männer, lässt sich das überhaupt verallgemeinern? 

Frauen und Männer unterscheiden sich, und natürlich nehmen wir Frauen manche Dinge wahr, die Männer nicht mitbekommen, manche Zwischentöne. Ich glaube aber, dass sich die unterschiedlichen Managementstile von Frauen und Männern in den Unternehmen gut ergänzen.  

Ist die Wirtschaft, auch die bremische, weiterhin zu männlich dominiert? Der Frauenanteil in den Vorständen börsennotierter Unternehmen lag im vergangenen Jahr bei 8,6 Prozent.

Ich glaube, dass sich das Problem mit der nächsten Generation nivelliert. Es gibt viele Frauen, die sich für Familie entscheiden, das finde ich in Ordnung. Andere Frauen entscheiden sich für den Karriereschritt. Bei unseren Wirtschaftsjunioren haben wir einen Frauenanteil von deutlich mehr als einem Drittel, im Handelskammer-Plenum sind es inzwischen rund zwanzig Prozent. Wenn ich mir die Entwicklung anschaue, kann ich nur sagen: Das haben wir schon ganz gut hinbekommen. Nichtsdestotrotz wollen wir natürlich weiter daran arbeiten. 

Muss man nachhelfen, etwa mit Quoten?

Das Wort Quote finde ich nicht gut. Wir wollen keine Quotenfrauen sein, wir möchten nur unseren Anteil an den Führungspositionen haben. Und das werden wir auch hinkriegen.

Wie weit sind Bremer Unternehmen, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht?

Daran müssen wir noch arbeiten. Unsere Mitarbeiter müssen praktische Möglichkeiten haben, diese Vereinbarkeit zu leben. Es muss Strukturen geben, die es Frauen ermöglichen, flexibler zu arbeiten. Das größte Hindernis ist die Kinderbetreuung. Ein Problem sind immer noch die kurzen Öffnungszeiten. Wir brauchen mehr Kitas, mehr frühkindliche Versorgung. Und es kann nicht sein, dass Schulen die Kinder um zehn Uhr wieder nach Hause schicken, weil der Unterricht ausfällt.

Finden Sie es richtig, dass Sie auch als Handelskammer-Präses an den beiden großen Festen der Kaufleute, der Eiswettfeier und dem Schaffermahl, nach den bisherigen Regeln nicht oder nur ausnahmsweise als Gast teilnehmen können?

Die Eiswettfeier ist für mich eine private, traditionelle Veranstaltung. Bei der Schaffermahlzeit sehe ich das anders – da gehören wir Frauen dazu. Und ich denke, dass sich das Haus Seefahrt auch schon Gedanken gemacht hat, wie sich das einrichten lässt.

Es sollte auch kaufmännische Schafferinnen geben.

Natürlich.

Wird das kommen?

Davon gehe ich aus.

Wie kurzfristig?

Kurzfristig wird es nicht gehen, weil die Schaffer für die nächsten zwei Jahre ja schon gesetzt sind. Aber ich denke, dass es starke Überlegungen gibt, sich zu öffnen.

Können Sie nachvollziehen, dass Carsten Sieling angekündigt hat, nicht mehr an der Eiswettfeier teilzunehmen, bis dort auch Frauen eingeladen werden.

Nicht mehr dort hinzugehen, nachdem er jahrelang da war, ist seine Entscheidung. Da mische ich mich nicht ein. Vielleicht wird das alles nach den Diskussionen der vergangenen Tage noch einmal überdacht.

Gibt es ein Thema, das Ihnen ganz besonders am Herzen liegt und bei dem Sie als Präses spezielle Akzente setzen wollen?

Auf jeden Fall die Bildung. Überall in der Republik wird mit dem Finger auf uns gezeigt: Ihr Bremer liegt bei der Pisa-Studie ganz hinten. Wobei wir ja auch gute Schulabgänger haben. Es gibt gute Schulen und auch sehr engagierte Lehrer. Aber es gibt noch sehr viel zu tun. Schule muss einen gewissen Anreiz bieten, Leistung zu bringen. Vielleicht bin ich da konservativ, aber ohne Leistungsanreiz kommt auch keine Leistung. Und die MINT-Fächer müssen stärker im Fokus stehen.  

Sie sind die erste Frau an der Spitze der Handelskammer – man könnte Ihre Wahl also als historisches Ereignis betrachten. Nehmen Sie das so wahr?

Für mich ist das völlig normal. Ich gehöre seit 2001 dem Plenum der Kammer an und bin seit 2009 im Präsidium. Ich kann mich gut daran erinnern, wie aufgeregt ich am Anfang war. Inzwischen kenne die ich Arbeitsstrukturen, habe genug Erfahrung und traue mir das Amt zu. Ich finde es auch wichtig, sich für die Unternehmen einzusetzen. Man kann nicht nur rummeckern – man muss auch mal was tun. 

Die Fragen stellte Philipp Jaklin.

Zur Person

Janina Marahrens-Hashagen wurde in Bremen geboren und hat in Hamburg Wirtschaft studiert. 1982 trat sie in den Betrieb ihres Vaters ein, den 1949 gegründeten Schilderhersteller Marahrens. Seit 1998 leitet sie die Firmengruppe mit aktuell 180 Mitarbeitern. Marahrens-Hashagen ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seit Montag ist sie neue Präses der Handelskammer Bremen.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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