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Grüner Wasserstoff dank Windkraft
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Bremerhaven soll Pionierregion für die Brennstoffzelle werden

Florian Schwiegershausen 11.08.2019 4 Kommentare

Die Idee: Neben das größte Windrad Europas im Fischereihafen könnte eine Elektrolyse-Anlage kommen, die aus dem umweltfreundlichen Strom Wasserstoff herstellt.
Die Idee: Neben das größte Windrad Europas im Fischereihafen könnte eine Elektrolyse-Anlage kommen, die aus dem umweltfreundlichen Strom Wasserstoff herstellt. (Hero Lang)

Um die Windkraftindustrie in Bremerhaven steht es derzeit nicht gut. Wegen der Insolvenz von Senvion ist derzeit ungewiss, was aus der Produktion in der Seestadt werden soll. Und Windanlagenbauer Siemens Gamesa hat sich für den Standort Cuxhaven entschieden. Aber das Wissen und die Erfahrung um die Windkraft sollen nicht verloren gehen. Deshalb gehen Claas Schott und Michael Labetzke einen Schritt weiter und wollen Bremerhaven und die Region zu einem Pionier-Standort für Wasserstoff machen. Dazu haben sie vor drei Jahren als Verein die Wasserstoffinitiative H2BX gegründet. Inzwischen haben sie schon mehr als 70 Mitglieder im Verein – mit dabei ist beispielsweise auch Bremens Energieversorger SWB.

Claas Schott beschäftigte sich mit Wasserstoff zum ersten Mal 2007. Da war der Diplom-Ingenieur noch in der Windbranche tätig. Heute ist er technischer Mitarbeiter der Hochschule Bremerhaven. Für den Bundespolizisten Michael Labetzke ist das Thema ebenfalls seit Jahren ein Steckenpferd. Beide sind aus Bremerhaven, tragen ihre Heimatstadt im Herzen und sitzen für die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung. Mit ihrer Wasserstoffinitiative wollen sie aber parteiübergreifend informieren. Erfahrung haben sie dabei schon in diversen Veranstaltungen gesammelt– vor allem, was die Bedenken angeht. „Bei jedem Termin gibt es immer mindestens eine Person, die fragt, warum denn die Windräder stillstehen, und eine, die auf das Unglück des Zeppelins ,Hindenburg‘ hinweist“, sagt Schott. Der Zeppelin war mit Wasserstoff gefüllt und verbrannte 1937 bei der Ankunft. Doch die Experten versichern, die Technik sei sicher, der Brennstoffzellen-Antrieb mit dem Gas sei nicht gefährlicher als der mit Benzin.

Kleine Windanlagen zur Wasserstoffherstellung

Was die stillstehenden Windräder angeht, erläutert Schott: „Die drehen sich nicht, wenn im Stromnetz ausreichend Kapazitäten vorhanden sind.“ Und darum geht es den beiden: Die Überkapazitäten könnte man für die Herstellung von Wasserstoff verwenden. „So eine Elektrolyse-Einheit passt in einen Standardcontainer“, weiß Schott. Daher sei das auch eine Option für Wind, der onshore, also an Land produziert wird. Ebenso könnten sich Unternehmen so eine Anlage auf das Gelände stellen. Schon kleine Windanlagen auf dem Firmendach könnten zur Wasserstoffherstellung taugen. Was Schott und Labetzke damit auch aufzeigen wollen: „Die Energieerzeugung wird in Zukunft dezentral sein.“ Und je mehr Wasserstoff Deutschland produziert, desto unabhängiger mache es sich von den Gaslieferanten.

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Mit der Initiative H2BX wollen Schott und Labetzke die Wissenschaft und die Unternehmen miteinander verbinden und Möglichkeiten der Zusammenarbeit aufzeigen. Denn der Antrieb mit der Brennstoffzelle sollte nach ihrer Ansicht kein Schattendasein gegenüber dem Batterieantrieb fristen. Dabei kann der Verein erste Erfolge vorweisen. „Bis Jahresende wird es in Bremerhaven eine Wasserstofftankstelle geben“, sagt Michael Labetzke. Der Grund: Mehr als 40 Unternehmen und Privatpersonen haben sich gegenüber dem Verein verpflichtet, ein Fahrzeug mit Brennstoffzelle anzuschaffen.

Mit dabei ist auch Tiefkühlkosthersteller Frosta. Der Vorstandsvorsitzende Felix Ahlers sagt: „2020 soll es soweit sein, dass ein Lkw von unserem Transportpartner auf Wasserstoff umgerüstet ist.“ Gleichzeitig macht sich Ahlers Gedanken, inwiefern der Wasserstoff auch für die Kühlung im Unternehmen eingesetzt werden kann. Der Fischverarbeiter Deutsche See überlegt momentan, welche Rolle der Wasserstoff spielen kann. Die Bugsier-Reederei hat Pläne für ein Ausflugsschiff mit Brennstoffzelle. Den Bau soll die Werft Abeking & Rasmussen realisieren.

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Ein wichtiger Punkt für Schott und Labetzke: „Der Wasserstoff soll sektorübergreifend zum Einsatz kommen, nicht allein bei der Mobilität.“ Dennoch plädieren sie dafür, dass die deutschen Autobauer sich bei der Entwicklung nicht zu sehr auf batteriebetriebene Elektromotoren versteifen sollten. In Daimlers Entwicklungsetat beispielsweise sei die Brennstoffzelle nicht vorgesehen. Dazu sagt Labetzke: „Die deutschen Autobauer könnten hier wieder eine Entwicklung verpassen.“ Denn die asiatischen Hersteller sind längst im Geschäft. „Hyundai wird an die Schweiz 1000 Lkw ausliefern, die mit Wasserstoff laufen“, macht Schott auf die Situation aufmerksam, zeigt aber gleichzeitig auf: „Das Bremer Mercedes-Werk ist das einzige weltweit, das den Brennstoffzellen-Mercedes baut.“ Das passiert genauso auf der GLC-Plattform wie die Produktion des Elektro-Mercedes EQC. Doch sowas müsse viel stärker in die Öffentlichkeit. Entsprechend sei der Wasserstoffzug der EVB, der zwischen Cuxhaven und Buxtehude fährt, von elementarer Bedeutung, wie Labetzke anfügt: „Das zeigt allen, dass es funktioniert, und das Interesse der Menschen ist ja da.“ Die EVB ist übrigens auch lägst Mitglied bei der Wasserstoffinitiative.

Wasserstoffwirtschaft soll gefördert werden

Unterstützung hat H2BX dabei auch von der Industrie- und Handelskammer Nord. Die fordert die Bundesländer an der Küste auf, Norddeutschland als Vorreiter der Wasserstofftechnologie zu positionieren und den Aufbau einer funktionierenden Wasserstoffwirtschaft zu fördern. Die Vorsitzende der IHK Nord, Friederike C. Kühn, sagt: „Wir haben hier im Norden herausragende Möglichkeiten, grünen Wasserstoff aus Windstrom zu produzieren und so die norddeutsche Wirtschaft nachhaltig voranzubringen. Der Erfolg der Energiewende entscheidet sich unzweifelhaft in Norddeutschland und wird ohne Wasserstoff nicht möglich sein.“

Die IHK Nord begrüße daher den politischen Willen der norddeutschen Bundesländer zur Erarbeitung einer norddeutschen ­Wasserstoffstrategie und den Aufbau einer norddeutschen Wasserstoffwirtschaft ausdrücklich. Gleichzeitig fordert sie im Hinblick auf regulatorische Vorgaben, dass die Anlagen zur Wasserstofferzeugung von der EEG-Umlage ausgenommen werden. Ebenso soll der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien mit dem Bau von Elektrolyseuren und Speichermöglichkeiten verbunden ­werden. So schwebt der IHK Nord vor, ein norddeutsches Cluster im Bereich der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie aufzubauen sowie die in norddeutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen betriebenen Forschungsakti­vitäten auf dem Gebiet des Wasserstoffs substanziell zu fördern.

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Gleichzeitig fordern die Vertreter der norddeutschen Wirtschaft auch eine Mautbefreiung bis 2021 für Lkw mit Brennstoffzelle, wie es sie bereits für batteriebetriebene Lastwagen gibt und solche, die mit LNG oder CNG (komprimiertes Erdgas) fahren. Chancen sehen sie auch durch die in Norddeutschland vorhandenen Kavernenspeicher, die wasserstofffest gemacht werden sollen.

Auch im Koalitionsvertrag der künftigen Bremer Landesregierung ist etwas zum Thema Wasserstoff zu finden. Der könne bei Schiffsantrieben zum Einsatz kommen oder bei der Stahlherstellung. Außerdem ist bei der Anschaffung von neuen Bussen auch explizit die Rede vom Wasserstoffantrieb.

Schott und Labetzke sehen noch viel Aufklärungsarbeit vor sich. So werden sie auch am 15. September bei den Bremerhavener Energietagen vertreten sein. Die Fragen nach der „Hindenburg“ und den stillstehenden Windrädern beantworten sie auch weiterhin geduldig und umfassend.

Zur Sache

Wasserstoff und Brennstoffzelle

Die Idee zur Brennstoffzelle hatte bereits 1839 der britische Physiker William Grove. Das Prinzip: Chemische Reaktionsenergie wird in elek­trischen Strom und Wärme umgewandelt. Zwei Elektroden sind durch eine Trennschicht vonein­ander abgeschirmt, den sogenannten Elektrolyten. Auf der einen Seite strömt Wasserstoff ein, auf der anderen Sauerstoff. Der Wasserstoff wird in seine Bestandteile aufgeteilt: zwei Elektronen und zwei Protonen. Die Protonen gelangen durch den Elektrolyten auf die Sauerstoffseite. Die Elektronen müssen den Umweg über einen Stromkreis nehmen, um zur Sauerstoffseite zu gelangen. Bei diesem Prozess entsteht die Energie. Am Ende bleibt nur noch Wasser übrig.


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Leserkommentare
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