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"Der Kürschner-Beruf ist vom Aussterben bedroht"

Marlo Mintel 07.08.2017 0 Kommentare

Auszubildende Emely Petersen, Kürschner-Werkstatt Frau Greggers, Stuhr
Mit einer Luftdruckpistole befestigt Emely Petersen das Fell auf dem Tisch. Dieser Arbeitsschritt heißt in der Fachsprache "zwecken". (Jonas Kako)

Emely Petersen lernt ein Traditionshandwerk. Die 19-Jährige will Kürschnerin werden. Sie ist im ersten Ausbildungsjahr. Doch die Kürschner-Branche schrumpft und offenbar auch ihre Bekanntheit. „Die meisten Leute fragen mich dann: ‚Was, Kirschner? Etwas mit Kirschen pflücken?‘“ Petersen klärt auf. Nicht nur das. Die gebürtige Bremerhavenerin muss ihren Beruf auch manchmal verteidigen. Denn Pelztragen ist umstritten.

Emely Petersen macht ihre Ausbildung bei Kürschnerin Martina Greggers. Die 54-Jährige führt einen von etwa 200 Kürschner-Betrieben in Deutschland wie Wolfgang Lastner, Vizepräsident des Zentralverbands des Kürschnerhandwerks, erklärt. In Greggers Kürschnerwerkstatt in Stuhr werden ausschließlich aufgearbeitete, gebrauchte Pelze verwendet und recycelt sowie Felle genutzt, die bei der Hege und Pflege in deutschen Jagdgebieten anfallen. „Für keines meiner Werke wurde der Tod eines Tieres veranlasst“, sagt Greggers.

40 Arbeitsstunden für eine Jacke

Die Kunden kommen meist mit ihren Pelzen zu ihr. Ihre Aufgabe und die von Petersen ist es, daraus neue Werke zu schaffen. Beide entwerfen auch eigene Stücke und bietet sie im Shop an. Zu den Produkten gehören etwa Jacken, Mäntel, Schals und Taschen. Die Preisspanne liegt laut Greggers zwischen 450 Euro bis 5000 Euro. Preise, die mit viel Zeitaufwand verbunden sind. Für eine Tasche, die hauptsächlich aus Curly-Lamm besteht, brauchten Petersen und Greggers zuletzt gut 20 Stunden. „Bei aufwendigen Jacken summiert sich das schon auf 40 Arbeitsstunden“, sagt Petersen.

Die Arbeit der beiden Frauen ist Handwerk. Um zu einem fertigen Produkt zu kommen, schneiden Felle auf und glätten sie vor. Oftmals wird das Fell vor der Verarbeitung, je nach Kundenwunsch, gerupft, geschoren oder gefärbt. Das Kleidungsstück wird auf Maß gefertigt. Später werden die Felle auf der Lederseite mit Wasser befeuchtet und dann in Breite und Länge gestreckt, damit sie glatt liegen. Dann wird das Fell auf einem Tisch mit einer Luftdruckpistole festgesteckt, „gezweckt“, wie es in der Fachsprache heißt. Wenn das Fell getrocknet ist, wird es abgezweckt und es gibt einen ersten Zuschnitt. Anschließend wird mit einer speziellen Pelznähmaschine genäht. Eine sehr diffizile Arbeit, da möglichst keine Haare in die Naht eingenäht werden sollen. „Man braucht schon Fingerspitzengefühl“, sagt Petersen. Das Kleidungsstück erhält teilweise noch Innenfutter, Knöpfe oder einen Reißverschluss, Einlagestoffe oder Dekorationselemente.

Alles begann auf dem Flohmarkt

Eigentlich wollte Petersen immer „etwas mit Medien machen“, wie sie selbst sagt. Dementsprechend begann sie an der Kunstschule Wandsbek ein Studium zur Kommunikationsdesignerin. Doch nach nur einem Jahr war Schluss. Der Grund: Ein Gespräch mit einer Studentin aus dem letzten Semester. „Die hat mir erzählt, dass sie 55 Bewerbungen geschrieben hat. Und eine Zusage erhalten hat – für einen Nebenjob.“ Für Petersen ein Zeichen, sich anderweitig umzuschauen.

Wie sie auf den Beruf der Kürschnerin gekommen ist, sei „reiner Zufall“ gewesen. Auf einem Flohmarkt kaufte sich Petersen einen Ziegenpelz für 20 Euro. Ein Kauf, der sich später als Glücksfall herausstellen sollte. „Der Pelz hing anscheinend eine ganze Zeit lang im Keller und roch auch dementsprechend“, sagt sie. Also suchte Petersen die Kürschnerwerkstatt von Greggers auf. Der Ziegenpelz erhielt neues Futter. Die Arbeit und das Ergebnis der Kürschnerin imponierten ihr.

Nach dem abgebrochenen Studium stand Petersen vor der Entscheidung, wie es beruflich weitergeht. Für die junge Frau stand fest: Sie möchte eine handwerkliche Ausbildung machen und erinnerte sich an die Kürschnerwerkstatt von Greggers. Bei ihr machte die 19-Jährige daraufhin ein Praktikum und empfahl sich dabei für eine Lehrstelle.

"Der Beruf ist vom Aussterben bedroht"

Die Auszubildende ist nur eine von wenigen angehenden Kürschnern hierzulande. In Bremen ist sie die Einzige im ersten Lehrjahr, in Deutschland gibt es in ihrem Jahrgang lediglich einen weiteren Azubi – aus Regensburg. Er hat es zur Berufsschule nicht weit, Petersen schon: Die Schule ist im bayerischen Fürth. Insgesamt sieben Auszubildende für Kürschnerei werden hier unterrichtet. Es ist die einzige Berufsschule für Kürschner in Deutschland. Nur wie lange noch? „Die Auszubildendenzahlen sind in den vergangenen Jahren massiv zurückgegangen“, sagt Berufsschulleiter Wilfried Rost.

Sollten in den kommenden Jahren keine Auszubildenden mehr eingestellt werden, könne auch keine entsprechende Fachklasse mehr gebildet werden, sagt er. Somit wäre die Berufsschule für Kürschner in Fürth Geschichte. Schon jetzt gebe es laut dem Schulleiter „Mini-Klassen“. Petersen etwa sitzt in einer Klasse mit den Auszubildenden aus dem zweiten Lehrjahr. „Der Beruf ist vom Aussterben bedroht“, sagt Petersen.

Und woran liegt das? „Es liegt einfach an dem Verruf“, vermutet die Auszubildende. „Viele Leute haben ihre vorgefertigte Meinung. Das ist echt schade.“ Sie finde es einwandfrei, heimische Felle, die aus der Raubtierbestands-Regulierung und Schädlingsbekämpfung stammen, zu verarbeiten, anstatt sie wegzuschmeißen. „Ich finde es nicht verwerflich, was ich mache“, sagt Petersen.

"Billigware ist ein echtes Problem"

Die Zahl der genutzten Felle in Deutschland ist gering. Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdverbands, schätzt sie auf zwischen 15 und 20 Prozent. Es gebe dafür keine genaue Erhebung seitens des Verbands. „Unser Ziel muss es aber sein, zwischen 60 und 70 Prozent zu erreichen“, sagt Reinwald. 

Um mit den Fellen behutsam umzugehen, wird den Auszubildenden in der Berufsschule Wissen über Artenschutz und Fellkunde vermittelt. Den Artenschutz vermissen Petersen und Greggers in Ländern wie China. „Diese Billigware ist ein echtes Problem“, kritisiert die 54-jährige Kürschnerin. Als ein Beispiel nennt sie die chinesische Internetplattform Alibaba, auf der Nerzjacken, die außenrum noch mit Fuchsfell bestückt sind, angeboten werden: für 350 Euro. Für eine solche Jacke würden Kunden bei Greggers dagegen etwa 4000 Euro zahlen. „Die Chinesen nehmen zum Teil Stoffe, die lebendig abgezogen worden sind“, kritisiert sie. Unterstützung erhält sie von ihrer Auszubildenden Emely Petersen. „Bei dem Preis von 350 Euro kann man davon ausgehen, dass die Tiere nicht schön gelebt haben.“


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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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