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Astronaut Matthias Maurer im Interview
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"Die erste Kapsel, die fliegt, nehme ich"

Stefan Lakeband 10.06.2019 0 Kommentare

Völlig losgelöst: Matthias Maurer und seine Astronauten-Kollegin Samantha Cristoforetti sind während eines Parabelflugs 20 Sekunden lang schwerelos.
Völlig losgelöst: Matthias Maurer und seine Astronauten-Kollegin Samantha Cristoforetti sind während eines Parabelflugs 20 Sekunden lang schwerelos. (ESA/Anneke Le Floc'h)

Herr Maurer, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie abends in den Sternenhimmel schauen?

Matthias Maurer: Ich stelle mir die großen Fragen: Wie ist das alles entstanden? Gibt es Leben da draußen? Wie kam das Leben auf die Erde? Und wie geht unsere Reise im Universum weiter? Denn wenn man in den Himmel blickt, sieht man zwar sehr viele Sterne – das ist aber nur ein Bruchteil dessen, was wirklich da draußen ist. Grob geschätzt sind es 1024 Planeten, eine gigantisch große Zahl.

Hat sich Ihr Blick auf die Sterne verändert, seit Sie Astronaut sind?

Ganz sicher. Als Astronaut habe ich sehr viel über das Universum und die Arbeit gelernt, die man da draußen machen kann. Wenn wir irgendwann wieder über den Mond oder sogar über den Mars spazieren wollen, brauchen wir sehr viel Grundwissen über das Himmelssystem.

Viele Kinder träumen davon, Astronaut zu werden. War das bei Ihnen genauso?

Als Kind wollte ich eigentlich Jetpilot werden. Ich bin im Saarland in einer Gegend aufgewachsen, über die viele Kampfjets im Tiefflug hinweg gedonnert sind. Damals fand ich diese Männer in ihren fliegenden Kisten toll, wie sie scheinbar schwerelos durch den Himmel zischen.

Mein Wunsch, Astronaut zu werden, kam erst während des Studiums auf. Der Traum war dann aber auch schon erledigt, bevor er angefangen hatte: Denn die Esa schreibt etwa alle 15 Jahre Astronautenstellen aus. Und damals war keine Ausschreibung in Sicht.

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Trotzdem sind Sie heute Astronaut.

Als ich mit dem Studium fertig war und einen anderen Job hatte, habe ich abends in den Nachrichten gesehen, dass die Esa wieder Leute sucht. Ich habe mir die Anforderungen angeschaut und wusste: Das passt! Ich hatte in verschiedenen Ländern studiert und mehrere Sprachen gelernt. Als Astronaut arbeitet man in internationalen Teams und darf Wissenschaft am Rande dessen machen, was überhaupt möglich ist. Und natürlich hat mich das Abenteuer gereizt.

Sie gehörten zu den zehn besten Bewerbern, wurden am Ende aber trotzdem nicht genommen. Wie sind Sie mit der Enttäuschung umgegangen?

Wichtig ist, dass man aufsteht und nach vorne blickt. Ich bin ein sehr positiver Mensch. Aber ehrlich gesagt: Mir hat das fast den Boden unter den Füßen weggezogen. Als ich meine Bewerbung abgeschickt hatte, ging ich fest davon aus, in der ersten Runde rauszufliegen.

Schließlich hatten sich 8500 Leute beworben. Meinen Kollegen, die jetzt mit mir Astronauten sind, ging es dabei nicht anders. Als am Ende aber noch zehn Bewerber übrig waren und es hieß, dass sechs genommen werden, habe ich mir doch sehr große Hoffnung gemacht. Aber dann hat mir der Esa-Chef gesagt, dass aus meinem Traum nichts wird. Das war hart. Eindeutiger kann eine Absage ja nicht sein.

In dieser Auswahlrunde wurde Alexander Gerst ausgewählt. Bei Ihnen hat es erst einige Jahre später geklappt. Hat er Ihnen Tipps für das Training gegeben?

Na klar, ich bekomme von vielen meiner Kollegen Ratschläge. Sie sagen, welche Fehler sie gemacht haben und wie ich sie vermeiden kann. Mentoren und Freunde zu haben, auf die man sich verlassen kann, ist sehr hilfreich.

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In Ihrer Astronautenausbildung haben Sie 16 Tage in einer Station auf dem Meeresboden gelebt. Wie war es, in einer so fremden Welt zu Hause zu sein?

Es war dort tatsächlich so, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Um einen herum gibt es Pflanzen und Tiere, die man noch nie gesehen hat. Und alles wirkt bläulich-grünlich, weil das Licht in 20 Metern Tiefe kein Rot mehr enthält.

Ich bin zwar Taucher, aber in der Tiefe ist man ja maximal eine halbe Stunde, weil dann die Luft aufgebraucht ist. Hier konnte ich aber stundenlang über den Meeresboden spazieren. Bei meinem ersten Ausflug war ich allerdings sehr vorsichtig und habe überlegt, wie ich mich in die neue Umgebung einpasse.

Beim zweiten Spaziergang dachte ich nur: ‚Toll, das ist also mein neues Zuhause. Hier gehöre ich hin.‘ Ich war selbst überrascht, wie schnell mein Gehirn akzeptiert, dass das nun meine neue Umgebung ist.

Gab es in Ihrer Ausbildung auch Momente, in denen Sie sich lieber einen normalen Bürojob gewünscht hätten?

Natürlich muss man sich manchmal quälen. Ich habe Russisch und Chinesisch gelernt, damit ich später in deren Raumkapseln mitfliegen darf. Das war natürlich oft nicht einfach. An dem Punkt, mir einen anderen Job zu wünschen, war ich aber nie. Schließlich hatte ich es schon so weit geschafft, da war Aufgeben niemals eine Option. Und außerdem ist der Job einfach zu spannend.

Der Esa-Chef Jan Wörner hat Ihnen zugesagt, dass Sie in den nächsten drei Jahren fliegen werden. Haben Sie ein Wunschziel?

Wenn ich es mir aussuchen dürfte, wäre der Mond das absolute Traumziel. Da geht es allen meinen Kollegen ähnlich. Ich freue mich aber auch schon auf die Internationale Raumstation ISS. Das ist eine tolle Plattform. Ich liebe Wissenschaft, und auf der ISS darf ich für viele Wissenschaftler die Experimente aufbauen, umsetzen und daran mitarbeiten. Das wird spannend.

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Bei der Esa haben Sie unter anderem Mondmissionen vorbereitet. Wie gut stehen die Chancen, dass Sie tatsächlich als erster Deutscher auf dem Mond landen?

Das müssen andere entscheiden. Ich kann mich nur bestmöglich darauf vorbereiten. Und es ist auch realistisch, dass Europäer und auch Deutsche Mitte der 2020er-Jahre zum Mond fliegen. Von daher schätze ich meine Chance als nicht gering ein.

Die USA treiben die Rückkehr zum Mond stark voran, die Chinesen haben auch Pläne – mit wem würden Sie lieber fliegen?

Wichtig ist mir nur, dass das System sicher ist. Ansonsten: Die erste Kapsel, die fliegt, nehme ich.

Sie sind vom Mond begeistert. Viele Leute fragen sich aber, warum der Mensch noch einmal dahin fliegen sollte.

Wenn wir irgendwann Richtung Mars wollen, müssen wir erst auf den Mond. Dort können wir die Technik testen, etwa wie man Treibstoff im All herstellt oder eine dauerhafte Basis auf einem anderen Planeten aufbaut. Auf dem Mond können wir auch viel über die Entstehung der Erde und des Universums lernen.

Der Mond ist etwa 4,5 Milliarden Jahre alt, so wie die Erde auch. Im Unterschied zu unserem Planeten hat sich aber die Mondoberfläche seit der Entstehung nicht verändert. Daher können wir an den Mondpolen noch uraltes Eis finden, das wichtige Informationen darüber konserviert hat, wie das Leben auf die Erde kam.

Die erste Mondlandung war ein weltweites mediales Ereignis. Was glauben Sie: Wie wird eine neue Mondlandung aussehen?

Meine Vision ist, dass die Leute genauso begeistert sein werden wie damals. Aber sie werden heute viel näher dran sein. Anstatt der schwarz-weißen Flackerbilder von damals werden die Astronauten Kamerasysteme dabei haben, mit denen eine virtuelle Umgebung aufgebaut werden kann.

Die können dann nicht nur die Wissenschaftler nutzen, sondern jeder Mensch auf der Erde. Er muss nur eine Brille für virtuelle Realität aufsetzen und kann dann zusammen mit den Astronauten den Mond erkunden.

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Sie wurden 1970, ein Jahr nach der Mondlandung von Apollo 11, geboren. Haben Astronauten während Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?

Für die Apollo-Astronauten war ich natürlich viel zu jung. Aber ich habe den deutschen Astronauten Ulf Merbold bei seinem Flug im Spaceshuttle 1983 im Fernsehen gesehen. Davon war ich begeistert. Gleichzeitig war es für mich sehr weit weg. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass ich irgendwann mal den gleichen Beruf wie Ulf haben werde.

Was raten Sie Kindern und Jugendlichen, die irgendwann in Ihre Fußstapfen treten wollen?

Wer Astronaut werden möchte, braucht eine gute Ausbildung und Glück. Denn bei so vielen Bewerbern ist die Chance sehr gering, genommen zu werden. Selbst wenn man gut ist. Wichtig ist auch, dass man etwas lernt, das einem Spaß macht. Nur wer Freude an seinen Job hat, ist auch wirklich gut.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Zur Person

Matthias Maurer (49) gehört seit 2015 zum Astronautenkorps der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Den ersten Flug ins Weltall hat der promovierte Materialwissenschaftler aber noch vor sich.


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
Wollen Sie im Ernst behaupten, dass Menschen, die sich für Kultur interessieren, keine normalen Leute sind ?
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