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Hunde im Bremer Büroraum

Jürgen Hinrichs 02.12.2018 1 Kommentar

Arbeiten im Loft, der sich seinen Industriecharme bewahrt hat.
Arbeiten im Loft, der sich seinen Industriecharme bewahrt hat. (Frank Thomas Koch)

Wilma hat lange genug gelebt, um sterben zu dürfen, der Hund, eine schwarze Dogge, ist tot, was schade ist, weil Wilma so wunderbar lässig war, wie es nur große Hunde sein können. Die Nachfolger sind Lula, Tate und Nila, ein ganz anderer Schlag, putzmuntere Tiere, die um die Ecken flitzen und auch mal kläffen, wenn ihnen danach ist. Sie haben einen Job und machen ihn gut. Lula und Tate sind die Work-Life-Balance Manager, Nila trägt den Titel Non-Profit-Director.

Hunde auf der Homepage von Bernstein. Die Tiere werden wie alle anderen vom Personal mit Bild, Namen und Funktion vorgestellt. Bernstein ist eine Agentur, die weltweit Unternehmen bei der Markenentwicklung und Werbung berät. Ihren Sitz hat sie in der Überseestadt, im denkmalgeschützten Speicher I, einem imposanten Nachkriegsbau, 226 Meter lang, der als erster Teil-Fertigbau Deutschlands Architekturgeschichte geschrieben hat. Nach der Sanierung vor zwölf Jahren zogen rund 100 Unternehmen aus den Bereichen Kunst, Kultur, Gewerbe und Dienstleistung ein. Das alte Lagerhaus war zu einer coolen Location geworden. Leerstand gibt es bis heute nicht.

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Drei Lofts, die in dem Speicher für das Büro zusammengelegt wurden. 1200 Quadratmeter im Ganzen, auf denen sich 50 Mitarbeiter verteilen, wenn sie alle da sind, sind sie aber nie. Eine riesige Fläche, die hoch oben in der fünften Etage an den Hafen andockt. Der Ausblick ist fantastisch, er reicht nach Nordwesten bis zum Landmark-Tower und darüber hinaus. Sonnenuntergang inklusive, könnte in den Arbeitsverträgen stehen. Da sind am Abend manchmal Farben am Himmel, dass es schon kitschig ist.

Arbeitsklima wie in einer WG

„Hi!“, grüßen die Frauen am Eingangstresen, „was können wir für Sie tun, wollen Sie etwas trinken?“ Eine überfallartige Freundlichkeit, die mit einem Cappuccino gekrönt wird, da ist die Jacke noch gar nicht ausgezogen. Hinter der Garderobe tut sich eine Küche auf. Ein Tisch vor der Zeile, fünf Meter lang, an dem mittags gegessen wird. Entweder kocht jemand, nicht für alle natürlich, oder sie bringen sich etwas mit. Im alten Küchenschrank ist eine Bar mit Süßigkeiten aufgebaut, davor stehen Tische und Stühle, eine Art Pausenraum. In der Ecke stehen zwei Kisten Bier, Getränke für den Feierabend.

Die Hunde, was soll das? „Sehen Sie doch“, zeigt Dirk Assent auf eine Frau, die Lula, dem Work-Life-Balance Manager, ein paar Streicheleinheiten verpasst. Sie schmusen auf einem der flauschigen Teppiche, die überall liegen. „Das baut Stress ab“, sagt Assent, dem die Agentur gehört. Er erzählt, dass die drei Hunde manchmal Chaos verbreiten und findet das überhaupt nicht verkehrt: „Wenn es bei der Arbeit gerade richtig anstrengend ist, lockert das die Stimmung auf.“

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Der Chef, 54 Jahre alt, trägt T-Shirt und Jeans. Er ist Dirk und wird geduzt. Alle im Büro sagen Du zueinander, die meisten sind junge Leute. Sie sitzen mit ihren Teams an Arbeitsinseln, jeder hat seinen eigenen Schreibtisch, einen festen Platz, der auch am nächsten Tag noch die Spuren ihrer Nutzer trägt: Bilder, Unterlagen, Stifte, Blöcke, die leere Flasche Bionade, eine offene Tüte mit Keksen.

Über den Inseln hängen große, weiße Lampenschirme. Viel Licht auch so, es kommt von allen Seiten durch die Fenster herein. Die Böden sind aus der Zeit, als der Speicher vor 70 Jahren gebaut wurde, gebeizte Holzbohlen, denen man das Alter und den Gebrauch ansieht. Die Decken sind knapp fünf Meter hoch, die Wände roh verputzt, mit Flecken, wo ausgebessert wurde.

Dirk Assent, Gründer und Chef von Bernstein, vor der bunt geschmückten Wand in einem der Besprechungsräume.
Dirk Assent, Gründer und Chef von Bernstein, vor der bunt geschmückten Wand in einem der Besprechungsräume. (Frank Thomas Koch)

Mitarbeiter müssen viel unterwegs sein

Es sind Texter, Designer, Entwickler und Strategieberater, die bei Bernstein arbeiten. Sie müssen viel unterwegs sein, zu Kunden und Terminen in der ganzen Welt. Zurück in Bremen, erwarten sie im Büro die Hunde, andere Kollegen und der eigene Arbeitsplatz.

„Mein Zuhause ist mein Rechner“, sagt Assent. Wo der Laptop steht, ist ihm im Grunde egal. „Ich kann aber gut nachvollziehen, wenn meine Mitarbeiter nicht ständig den Platz wechseln wollen. Das ist offenbar die Natur des Menschen, er braucht einen Ankerpunkt.“ Romana Käs, seine Kollegin aus der Geschäftsführung, die bei dem Gespräch dabei ist, teilt diesen Eindruck und reklamiert das auch für sich selbst. „Der Arbeitsplatz ist ein Stück Intimität“, erklärt die 40-Jährige, die bei Bernstein für die Finanzen und das Personal zuständig ist.

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Zu Anfang, als die Agentur vor zwölf Jahren in den Speicher zog, waren es rund 25 Mitarbeiter, heute sind es doppelt so viel. Vor zwei Jahren ist das Büro deswegen um einen dritten Loft vergrößert worden, Wände weg, und gut. Käs muss schauen, dass sie genügend Leute hat, die was von ihrem Fach verstehen, sich Präsentationen zutrauen und perfekt englisch sprechen und schreiben. Englisch ist in dem Geschäft wichtiger als die deutsche Sprache. Die Mitarbeiter kommen aus sieben unterschiedlichen Ländern, sie sind so international wie ihre Kunden, darunter Weltunternehmen wie Bayer und Beiersdorf. 

„Wir suchen Bernsteine“, beschreibt Käs ihre Aufgabe. Es muss passen, meint sie, ein gemeinsames Verständnis, ähnliche Werte, eine bestimmte Haltung. „Das ist das Fundament und unverzichtbar.“ Darauf aufbauend sollen sich das einzelne Talent, spezielle Fähigkeiten, Individualität entwickeln.

Der Name Bernstein, betonen Assent und Käs, hat nichts zu bedeuten. „Wir haben ihn uns gegriffen, einfach so, er klingt gut und lässt sich auch auf englisch perfekt aussprechen.“ Im großen Besprechungsraum, der mitten im Loft auf einem Podest thront, liegt ein bernsteinfarbener Teppich. „Man kann zu der Farbe auch Amber sagen“, wiegelt Assent ab. Ein Verkäufer, denn das ist er, der in die eigene Verpackung, den eigenen Namen, partout keine Bedeutung hineinlegen will.

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In einem der sechs Besprechungssräume, die mit Glaswänden abgetrennt sind, findet gerade eine Telefonkonferenz statt. Vier Mitarbeiter sitzen um den Tisch herum und sprechen mit einem Kunden, der vielleicht in Frankreich, in Norwegen oder in der Schweiz sitzt. Durch das Glas dringt nichts nach außen, ein lautloses Spiel der Gesten. Vor der Box ist einer der Schreibtische im Großraum mit Ballons und Fähnchen geschmückt. Die Frau, die dort saß, ist in den Mutterschutz gegangen. Den Kollegen hat sie zum Abschied Süßigkeiten dagelassen. Auf jedem der Tische liegt eine kleine Tüte.

Es gibt eine Weihnachtsfeier und ein Sommerfest, beides wird vom Betrieb ausgerichtet. Das Kohlessen im Winter organisieren die Mitarbeiter selbst. „Ein bisschen ist das bei uns wie in einer guten Wohngemeinschaft“, sagt Käs. Doch etwas vormachen sollte man sich deswegen nicht, schiebt Assent nach: „Das ist ein knallharter Job. Kein Friede, Freude, Eierkuchen.“

Nila ist bei Bernstein als Non-Profit-Director angestellt.
Nila ist bei Bernstein als Non-Profit-Director angestellt. (Frank Thomas Koch)

Trotz entspannter Atmosphäre ein niedriger Lärmpegel

Die Mitarbeiter sind so lässig wie Wilma damals. Sie fläzen auf ihren Stühlen herum oder lehnen sich auf die Tische. Ein Plaudern und Scherzen, das auch dann nicht unterbrochen wird, wenn der Chef im Anmarsch ist. Der Lärmpegel ist trotzdem erstaunlich niedrig. „Wir haben damals abstimmen lassen“, erzählt Käs. Eine Option wäre gewesen, aus Schallschutzgründen die Decke abzuhängen. Doch das hätte den Loft kaputtgemacht, der große Raum hätte einen anderen Charakter bekommen. Die Mitarbeiter wollten das nicht und entschieden sich für eine andere Lösung. An den Schiebetüren der Schränke, die an den Arbeitsinseln stehen, dämpft seitdem ein besonderes Material die Geräusche.

Assent hat sich für den kommenden Tag Home Office verordnet, er will in aller Ruhe an zwei Präsentationen arbeiten. Auch seine Mitarbeiter müssen nicht ständig am Platz sein. „Wenn das Wetter gut ist, gehen manche zum Hafen runter und arbeiten dort.“ Der Chef lässt seinen Leuten viele Freiheiten. Er gibt ihnen aber auch die Verantwortung, sich selbst und das Team so zu organisieren, dass effizient gearbeitet wird und der Kunde mit dem Ergebnis zufrieden ist. Locker und lässig, aber bitte mit Erfolg.


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