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Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz
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„Innenstädte brauchen in Zukunft weniger Bürogebäude“

Florian Schwiegershausen 24.07.2019 0 Kommentare

Als Philosoph und Ex-Internetunternehmer beschäftigt sich Gerd Leonhard mit  Auswirkungen künstlicher Intelligenz.
Als Philosoph und Ex-Internetunternehmer beschäftigt sich Gerd Leonhard mit  Auswirkungen künstlicher Intelligenz. (Alxander Flögel/I2B)

Herr Leonhard, wo und wann haben Sie beschlossen, Futurist zu werden?

Gerd Leonhard: Das war Zufall. Ich war ja früher im Musik-Business und habe dann mit digitalen Musikwerken begonnen. Da war in San Francisco zu den Zeiten, als auch die Musiktauschbörse Napster immer erfolgreicher wurde. Im Jahr 2001 gingen wir dann alle pleite.

Das Jahr, in dem die erste große Internetblase platzte. Was haben Sie damals gearbeitet?

Ich hatte 2000 so etwas wie Spotify gegründet. Aber das hatte nicht funktioniert, weil es zu früh war. 2005 schrieb ich dann mein erstes Buch „The Future of Music“, in dem es um das Musik-Business ging. Auf diesem Buch basierend sagten andere zu mir, dass ich ein „Futurist“ sei. Ich wusste anfangs gar nicht, was das ist. Ich beschäftigte mich da von der Musik über die Medien bis hin zu Werbung und Marketing. Aber man wird ja nicht per se „Futurist“. Es passt zumindest besser als die Bezeichnung Zukunftsforscher. Ich betreibe zwar auch Forschung, aber bei weitem nicht so wie alles das, was beispielsweise die Fraunhofer-Institute betreiben.

Schauen wir mal in die Zukunft. Welche Branchen sollten sich wesentlich stärker mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen als es jetzt der Fall ist?

Diese Wellen der Transformation kommen ja auf alle Branchen zu. Dabei sind einige aber beschützter als andere. Gerade auf die Banken kommt der große Umwälzungsprozess zu. Danach wird es den Versicherungssektor treffen, dann Energie, Wasser, Lebensmittel und die Pharmaindustrie. Das gleiche, was allgemein im Musikbusiness passiert ist, kommt jetzt im Bankensektor. Die Künstliche Intelligenz ist hier jetzt bei allem der Verstärker. Denn wenn man überall die intelligenten Systeme draufsetzt, schreitet die Entwicklung noch stärker voran, als sie eh schon war. Bei Banken könnte das bedeuten, dass ich mit Hilfe der KI Darlehen online evaluieren lasse, um zu schauen, wo ich am günstigsten 3000 Euro erhalte. In China funktioniert das schon.

Wenn ich in zehn Jahren in eine Bank gehen werde, wird mir da noch real jemand gegenübersitzen?

Das Bedürfnis, in die Bank zu gehen, wird ­dramatisch abnehmen. Wenn ich aber in die Bank gehe, dann will ich wenigsten jemanden haben, der das alles versteht. Aber in zehn ­Jahren werden die Banken und das reale Leben verschmelzen. Und dann werden Banken so große Gebäude wie jetzt nicht mehr brauchen.

Das ist ja ein weiterer Aspekt. Wenn man schaut, was aktuell auch in Bremen an Bürogebäuden gebaut wird, was davon wird in zehn Jahren noch gebraucht?

Die Stadt wird sich sicher dezentralisieren, wird sich dafür aber wieder mit anderen Dingen füllen als mit Bürogebäuden. Ich kann in zehn Jahren weltweit mit Hologrammen und Telepräsenzen arbeiten. Nur für das Menschliche gehe ich dann noch irgendwohin, weil ich Leute sehen will. Ich vermute, dass die Hälfte so arbeiten wird.

Also wesentlich weniger Büroflächen.

In zehn Jahren wird es eher Büros on demand geben, wo ich mich vorübergehend einmiete, so wie es schon jetzt in manchem Coworking Space der Fall ist.

Und wo wird uns die Künstliche Intelligenz den Alltag nicht ersetzen?

Intelligente Systeme werden die Routinen ersetzen, die ersetzbar sind. Das wären beispielsweise Kundenanfragen, oder das Umbuchen eines Flugs. Wenn es aber um menschliche Dinge geht wie medizinische, rechtliche oder politische Entscheidungen, da sollte die künstliche Intelligenz außen vor bleiben. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass die 20 Millionen Lastwagenfahrer alle komplett verschwinden. Die werden in Zukunft einfach anders fahren.

In welchem Feld wird Künstliche Intelligenz absolut überschätzt?

Überschätzt wird sie momentan in den meisten Fällen. In der Medizin wird sie momentan überschätzt, aber da hat sie definitive Chancen, uns sehr zu helfen.

Was wird denn da nach Ihrer Meinung überschätzt?

Man denkt da, dass die Künstliche Intelligenz mehr weiß als der Arzt. Das tut sie natürlich nicht. Der IBM-Computer Watson ist auf alle Fälle kein schlechtes System. Aber die medizinischen Daten der anderen Patienten sind nicht miteinander verknüpft. Es fehlt dem System also der Kontext. Ebenso ist das beim Autonomen Fahren. Wir werden in den kommenden fünf Jahren kein Auto sehen, was so fährt wie wir. Es wird auf alle Fälle bei allem eine Konvergenz sein und kein entweder oder.

Wo werden Arbeitsplätze wegfallen und neu entstehen?

Alle Jobs werden wegfallen, die nur Routine sind wie beispielsweise das Zahlen an der Kasse, oder die Buchhaltung in der untersten Ebene. Die werden alle ihren Job verlieren. Genauso wird es Übersetzern gehen, die zum Beispiel die Bedienungsanleitung für Kühlschränke übersetzen. Um diese Leute müssen wir uns kümmern, dass sie einen Weg in andere Bereiche finden. Dabei müssen wir die Arbeitgeber auch verpflichten, dass sie neue Jobs schaffen. Diese Veränderung wird in zehn Jahren erledigt sein, weil dann alle Routine-Jobs weg sind, wo zuvor jemand gearbeitet hat. Für viele Leute wird das schmerzvoll sein, wenn ihre Funktion automatisiert sein wird. Am wichtigsten wird in zehn Jahren unsere Ausbildung sein.

Wie sollte die denn am besten in zehn Jahren aussehen?

Wir müssen unsere Kinder so ausbilden, dass sie Arbeitsplätze schaffen. Dass sie also kreativ sind und denken können, dass sie menschlich sind, und dass sie Technologien verstehen. Nehmen wir beispielsweise Indien: Dort gibt es eine Million Ingenieure pro Jahr, die ihr Studium abschließen. Davon werden dann in zehn Jahren 800 000 arbeitslos sein. Denn diese Art von Ingenieurstum, die sie beherrschen, ist auf dem Level einer Maschine, die das früher oder später selbst kann. Ich muss dann also Menschen schaffen, die andere Skills haben – was Menschliches beispielsweise.

Welches Land beschäftigt sich schon ganz gut mit Künstlicher Intelligenz, und welches Land hat da noch Nachholbedarf?

Wir haben in Europa natürlich keine Chance gegen die militärische Industrie in China und den USA. Dort wird die Künstliche Intelligenz vorangetrieben. Aber: Die Forscher, die jetzt in die USA oder nach China gehen, sind in der Mehrheit Europäer. Wer beispielsweise in Zürich an der Eidgenössischen Technischen Hochschule gut ist, der kommt irgendwann ins Silicon Valley. Das müssen wir ändern. Wir müssen schauen, dass wir für diese Forscher ein interessantes Betätigungsfeld in Europa haben. Das muss gleichzeitig ein gemeinsamer Markt sein, sonst werden wir nicht konkurrenzfähig sein.

Wo steht denn Deutschland nach Ihrer Einschätzung auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz?

Von der Position her sind wir gut aufgestellt, aber der Unterschied zu den USA ist wie Tag und Nacht, weil dort das Motto gilt: Alles, was sich verkaufen lässt! Wenn ich also eine Künstliche Intelligenz verkaufen kann, die mein Lebenspartner wird, dann verkaufe ich das. Das findet übrigens bereits statt. Ein anderes Beispiel: Im Silicon Valley gibt es bereits 50 Firmen, die Genanalysen mithilfe von Künstlicher Intelligenz machen, um das Lebensalter der Menschen auf 150 hoch zu schrauben. Das kostet den Einzelnen aber eine Million US-Dollar. Bei uns in Europa wäre sowas eher fragwürdig.

Sind Sie in 30 Jahren als Futurist dann auch abgeschafft?

Eigentlich bin ich in mehrerlei Hinsicht bereits schon jetzt abgeschafft. Denn früher haben wir noch Forschungsberichte geschrieben, beispielsweise zum Thema „Die Zukunft der Schweiz“. Das machen heute alles Google, Facebook oder Twitter. Wenn Sie also heute die Zukunft von irgendetwas wissen wollen, dann stellen Sie die Frage einfach im Internet. Und neulich war ich bei IBM Watson in New York. Da habe ich dann zehnminütige Vorträge zu allen Themen erhalten. Also muss sich mein Job auch verändern, indem ich mehr auf Intuition, Beobachtung und Vorstellungskraft setze. Nicht binäre Handlungen können wir erst mit riesengroßen Quantum-Computern lösen.

Die Fragen stellte Florian Schwiegershausen.

Zur Person

Gerd Leonhard (58)

ist Philosoph, Musiker, Filmemacher und Internet-Unternehmer der ersten Stunde. Seitdem beschäftigt er sich mit allen Facetten neuer Technik. In Bremen war er zu Gast bei der I2B-Veranstaltung zum Thema „Künstliche Intelligenz“, die zusammen mit dem Künstliche-Intelligenz-Cluster Bremen.AI (https://bremen.ai) organisiert wurde. Das nächste I2B-Treffen wird am 20. August sein – mehr dazu bald auf www.i2b.de.


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Leserkommentare
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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