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Offshore-Energie
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Megawatt vom Wattenmeer

Eckart Gienke und Florian Schwiegershausen 15.04.2019 0 Kommentare

Dieses Archivfoto zeigt den Blick auf den Windpark
Dieses Archivfoto zeigt den Blick auf den Windpark "Nordsee 1" vor der Insel Spiekeroog. Die Offshore-Windkraft in der Nordsee wird nun zehn Jahre alt. (Stiftung Offshore)

Windräder in die Nordsee stellen und damit umweltfreundlich produzierten Strom ernten – diese Technologie ist heute zur Umsetzung von Energiewende und Atomausstieg nicht mehr wegzudenken. „Zu Beginn des Offshore-Zeitalters herrschte jedoch große Skepsis“, erinnert sich Jörg Buddenberg. „Die bislang unerprobte Technik funktioniert nie, sagten damals die Kritiker.“ Der Geschäftsführer beim Oldenburger Energieversorger EWE sieht den Bau des ersten Windpark-Testfeldes Alpha Ventus in der Nordsee vor zehn Jahren als Pionierprojekt: „Das war zwar kein Renditethema, aber eine wichtige Investition in die Zukunft.“

Zwölf Anlagen der Fünf-Megawatt-Klasse drehen sich im Test-Windpark Alpha Ventus 45 Kilometer nördlich der Insel Borkum. Die Nordsee ist dort 30 Meter tief – nur eine von vielen Herausforderungen für die Techniker beim Aufbau der ersten Anlagen im April 2009. Schlechtes Wetter mit Sturm und hohen Wellen erschwerten die Bauarbeiten. Die Kosten steigen von 60 auf 250 Millionen Euro. Im April 2010 geht Alpha Ventus in Betrieb. Der damalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) bezeichnet die Eröffnung als „schönsten Tag seiner Amtszeit“.

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Für das Pilotprojekt hatten EWE und die Stromkonzerne Eon und Vattenfall das Konsortium Doti gegründet. Die Erfahrungen aus dem Testfeld sollten allen künftigen Offshore-Windparks zugutekommen. Mehrfach kommt es zu Rückschlägen: 2012 stirbt ein Berufstaucher bei Unterwasserarbeiten. Ende 2010 müssen sechs Getriebe mit Lagerschäden ausgetauscht werden. Diese sechs Anlagen sind auch 2018 zeitweise außer Betrieb, nachdem Teile einer Gondel abgestürzt sind.

Bundeskanzlerin Merkel nimmt Windpark Arkona in Betrieb

Und doch ist aus den ersten Schritten vor zehn Jahren ein langer Weg geworden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nimmt an diesem Dienstag offiziell den Windpark Arkona nordöstlich der Insel Rügen in Betrieb. Fast zwei Dutzend Windparks wurden in nur zehn Jahren gebaut; mehr als 1300 Windräder mit einer Leistung von rund 6,4 Gigawatt drehen sich auf Nord- und Ostsee. Das entspricht ungefähr sechs bis sieben großen Atomkraft- oder Kohlekraftwerken.

Sie lieferten im vergangenen Jahr rund 19 Terawattstunden Strom. In diesem Jahr ist abermals mit einem kräftigen Plus der Produktion zu rechnen; allein im ersten Quartal war es ein Drittel. Damit dürfte im laufenden Jahr fast ein Fünftel des gesamten deutschen Windstroms auf See erzeugt werden. Der Gesamtanteil des Offshore-Winds bei erneuerbaren Energien lag laut Statista 2018 allerdings bei acht Prozent. Den größten Anteil hatte der Wind vom Festland mit 41 Prozent.

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Die Windparks und die einzelnen Windkraftwerke werden immer leistungsfähiger und größer, aber auch immer wirtschaftlicher. Alpha Ventus startete mit zwölf Fünf-Megawatt-Anlagen, heute sind Windkraftwerke mit acht Megawatt am Markt und zehn Megawatt in Sichtweite. Der Windpark Arkona besteht aus 60 Windrädern mit 6,4 Megawatt Leistung, also 384 Megawatt insgesamt.

Strom von Windkraftwerken auf dem Meer ist kostengünstiger

Zudem können die Windkraftwerke auf dem Meer den Strom auch immer kostengünstiger produzieren. Die sogenannten Gestehungskosten halbierten sich von 10 bis 15 Cent auf 5 bis 9 Cent je Kilowattstunde, je nach Anlage. Damit ist Windstrom aus der Nord- und Ostsee wettbewerbsfähig zu anderen Energieträgern. Das ist gut für die Stromkunden, die den Aufbau der Branche mit Milliardenbeträgen finanziert haben. Die ersten Anlagen ohne Förderung nach dem EEG-Gesetz haben schon einen Zuschlag bekommen. Sie finanzieren sich allein über den Markt.

Umso weniger kann die Branche verstehen, warum die Politik ihr Fesseln anlegt. „Die Ausbauziele für das Jahr 2030 müssen von 15 auf 20 Gigawatt heraufgesetzt werden und auf 30 Gigawatt für 2035“, fordert Andreas Wagner von der Stiftung Offshore-Windenergie. Anders sei das Ziel der Bundesregierung nicht zu erreichen, bis 2030 rund 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Die Stiftung sieht ein Potenzial für die Offshore-Windenergie von 57 Gigawatt bis 2050. Das wären dann ungefähr 5000 Windkraftwerke.

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Naturschützern wird bei solchen Plänen angst und bange. „Das wäre keine grüne Energiewende mehr“, sagt Kim Detloff, Meeresexperte beim Naturschutzbund Nabu. Er sieht Fehler der Entwicklung der Offshore-Windenergie, die sich nicht wiederholen sollten, zum Beispiel beim Schutz von Vogelrouten und Rastgebieten oder der empfindlichen Schweinswale.

Politische Diskussion geht an der Realität des Natur- und Artenschutzes vorbei

Detloff plädiert für einen intensiven Dialog zwischen allen Beteiligten, eine Analyse der ökologischen Tragfähigkeit von Nord- und Ostsee und eine gesellschaftliche Verständigung über die Prioritäten bei der vielfältigen Meeresnutzung. Die Politik diskutiere das Thema oft sektoral unter einem technologischen und wirtschaftlichen Blickwinkel. Doch das gehe an der Realität des Natur- und Artenschutzes vorbei. „Es geht Nord- und Ostsee nicht gut“, sagte der Naturschützer. „Die Grenzen der Belastbarkeit müssen bei der weiteren Planung eine wichtige Rolle spielen.“

Die vergangenen zehn Jahre haben aber auch einen Konzentrationsprozess der Windkraft-Unternehmen in Gang gebracht. Von ursprünglich 24 Firmen in Norddeutschland sind sieben übrig geblieben. Darunter ist Senvion – der Anlagenbauer musste gerade Insolvenz anmelden, er braucht in den kommenden drei Wochen dringend eine Kapitalspritze in Höhe von 100 Millionen Euro. Und eigentlich sollte 2013 mit dem Bau des Offshore-Terminals Bremerhaven (OTB) begonnen werden. Doch damit werden sich weiterhin die Gerichte beschäftigen.

Zur Entwicklung der Windbranche sagt Stephan Barth, Geschäftsführer vom Physischen Windenergieinstitut an der Uni Oldenburg: „Wenn eine Branche erwachsen wird, ändern sich auch die Akteure.“ So sei es beispielsweise auch in der Flugindustrie gewesen mit Airbus und Boeing heutzutage an der Spitze. Die Entwicklung geht laut Barth bis 2030 bei Offshore-Anlagen zu einer Leistung von 20 Megawatt: „Um die zu entwickeln, sind Investitionen von mehreren Hundert Millionen Euro notwendig.“ Für Mittelständler sei es schwierig, solche Summen zu stemmen.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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