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"Start-up Weekend" in Bremen
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„Sei kein Strauß"

Lisa Boekhoff 08.05.2017 1 Kommentar

Die Gewinner: Ann-Kathrin Voll, Florian Schick, Rebekka Tegtmeier, Eva Klauss, Christopher Ahlers und Julian Brünjes (von links).
Die Gewinner: Ann-Kathrin Voll, Florian Schick, Rebekka Tegtmeier, Eva Klauss, Christopher Ahlers und Julian Brünjes (von links). (Rafael Heygster)

Sonntagvormittag in Bremen: Die Sonne scheint, die Temperaturen liegen wieder deutlich über dem Gefrierpunkt. Doch während andere das lang ersehnte Wetter an der Weser und im Bürgerpark genießen, hocken Walter Steinhauer und seine Mitstreiter in einem kleinen Büro in der Alten Stauerei in der Überseestadt.

Im Schwarzlichthof ist „Start-up Weekend“ – und keine Zeit für Frühlingsgefühle. Fast alle in der Runde haben einen Laptop vor sich, Unmengen bunter Notizzettel kleben auf Plakaten an den Wänden. Die Runde ist eingespielt, hier entsteht ein Finanzplan, dort ein Prototyp. Dabei läuft das Projekt „Mymug“ in diesem Moment erst seit zwei Tagen.

Seit Freitagabend haben sich neben „Mymug“ noch vier andere Teams aus Entwicklern, Designern, Ingenieuren, Betriebswirten und Architekten zusammengefunden, um Start-ups zu entwickeln. Dafür bleiben 54 Stunden. So sind die Regeln.

"Ich finde es dort gut, wo noch keiner war“

Auf den Tischen im kleinen Büro liegt kurz vor elf Uhr noch ein halbes Mettbrötchen. Das Frühstück ist Nebensache. Viel Zeit bleibt nämlich nicht mehr. In wenigen Stunden soll das Konzept zu „Mymug“ vorgestellt werden. Zum Auftakt sah Steinhauers Idee für einen wiederverwendbaren Getränkebecher noch ganz anders aus. Einen klugen Thermobecher will er erfinden, um eine Alternative zur Wegwerfvariante zu bieten.

23 Millionen davon landeten allein in Bremen schließlich jedes Jahr im Müll. Doch eine Umfrage am Bahnhof stellte den Plan am Sonnabend auf den Kopf. Ergebnis: „Den meisten sind Thermobecher zu sperrig.“ Die Gruppe arbeitet darum nun an einem Konzept für einen faltbaren Kaffeebecher aus nachhaltigen Materialien. „Er soll am Ende in jede Handtasche oder Jacke passen.“

Die Arbeit der Teams wird am Ende des „Start-up Weekends“ von einer Expertenjury bewertet. Nebenan sitzt also die Konkurrenz an ihren Laptops. „Hypetravel“ will außergewöhnliche Reisetipps geben. Ingenieur Alev Sönmez ist selbst leidenschaftlicher Weltenbummler und kam so auf die Idee für die App. „Ich finde es dort gut, wo noch keiner war.“

Bald gehe es für ihn nach Georgien. Auch bei „Hypetravel“ wird gerechnet: Wie groß ist der Markt? Wann ist der Break-even-Point erreicht? Noch ist die Stimmung entspannt, obwohl die Präsentation nicht ganz steht. „Das ist die Ruhe vor dem Sturm“, heißt es aus der Runde. Dann geht es weiter. Wie sieht eigentlich die Zielgruppe aus?

"Was hier am Ende rauskommt, ist der Hammer"

Eva Klauss und Ann-Kathrin Voll sind vor allem aus Neugierde hergekommen. Die beiden studieren zusammen Digitale Medien an der Hochschule für Künste. Eine Idee verwirklichen, darauf haben sie sich besonders gefreut. Doch am Sonntag ist die Euphorie auch etwas Müdigkeit gewichen. „Ich habe nur eineinhalb Stunden geschlafen“, sagt Voll.

Bis in die Nacht hat sie am Design für „Pickt it“ gearbeitet. Dabei geht es um Mini-Häuser, die sich die Kunden an schöne Orte bringen lassen können – ganz individuell in Zusammenarbeit mit den Kommunen. Wer möchte, bekommt zudem Proviant aus der Region. „Die Idee eignet sich auch für Events oder Festivals“, sagt Initiator Florian Schick.

Während die anderen an der Präsentation feilen, bereitet der Architekt und Tischler in aller Eile ein kleines Modell des Hauses vor. Er arbeite schon länger am Konzept „Tiny Houses“. Das Wochenende bringe ihm aber enorm viel, sagt der Ammerländer: „Das gibt so einen Schub. Was hier am Ende rauskommt, ist der Hammer.“ Derzeit aber noch gilt es, vorzubereiten. Klauss sagt: „Es wird so langsam.“

Welche Ideen verfolgt werden, darüber entscheiden die Teilnehmer zu Beginn zusammen. 60 Sekunden müssen genügen, um zu überzeugen. Genau so lange dauert der sogenannte Pitch. Danach werden Punkte für alle vorgestellten Start-up-Ideen vergeben. Wer zu wenige bekommt, muss sich von seinem Plan zumindest für das Wochenende verabschieden.

Jan-Lars Reinke konnte die Runde überzeugen. Er brachte ein kleines Automodell aus Lego mit auf die Bühne, um schnell zu verdeutlichen, worum es gehen soll: Der Fahrraum des Autos soll sich von dessen Fahrgestell trennen können. Autonomes Fahren und Elektromobilität sollen zudem vorangebracht werden. „Eine große Sache“, sagt Reinke. Schnell bekam er ein passendes Team für „Luckycar“ zusammen: Ingenieure, Elektroniker, Entwickler.

Das Team von Christian Einicke hat schon einen Vorsprung, denn einen Prototypen zu „Novigo“ gibt es bereits. Das Brettspiel soll Unternehmen helfen, Innovationsmanagement zu erlernen und zu trainieren – eine Art Businessmonopoly. Dabei lenken die Mitarbeiter während des Coachings eine fiktive Firma: einen Hersteller von Pizza- und Laboröfen. „Dahinter steht eine komplette Geschichte.

Die Teilnehmer denken nach einer halben Stunde, dass es das Unternehmen wirklich gibt“, sagt Einicke. Die Nachfrage nach dem Spiel sei groß, doch er könne sie allein nicht decken. Deshalb verspricht er sich viel vom Start-up-Marathon: „Wir bringen die Dinge nun zum Fliegen.“

"Ein Start-up ist eine emotionale Achterbahnfahrt"

„Start-up Weekends“ gibt es weltweit: von Mexiko und Griechenland bis China. Jan Wessels kennt sich in der hiesigen Start-up-Szene aus und hat das Format in Bremen das vergangene Jahr das erste Mal veranstaltet. Darauf habe es viele positive Reaktionen gegeben. „Wir wollen die Leute zusammenbringen – mit ihren Fähigkeiten und Leidenschaften.“

Zusammen mit dem Hamburger Christo Papanouskas als Moderator organisiert er die Veranstaltung. Sie soll auch zum Netzwerken dienen. Mentoren begleiten die Teilnehmer deshalb auf ihrem Marathon. Und vielleicht findet sich unter ihnen, in der Jury oder im Publikum während des Finales sogar ein potenzieller Investor.

Bevor es richtig losging, gaben Anna Hoffmann und Arasch Jalali den Gründern Regeln an die Hand. Die beiden erzählten dabei die Geschichte ihres eigenen Start-ups „Crowdshop“ – und von Erfolgen und Niederlagen. Das Unternehmen mit Sitz im Technologiepark bietet Gebrauchs- und Verbrauchsgüter für die Industrie, den Bau und das Handwerk an und liefert direkt vom Hersteller aus.

„Spiel ausschließlich mit der A-Mannschaft“ oder „Sei kein Strauß“ gab das Ehepaar den Teilnehmern Leitsätze mit den auf den Weg. Und sie rieten, vor allem auf sich Acht zu geben und dem Gründungspartner zu vertrauen. Hoffmann: „Ein Start-up ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Ihr geht zusammen durch den Scheuersand.“

"Das Start-up Weekend hat meine Idee auf Herz und Nieren beleuchtet“

Ein ganzes Wochenende Kontakte knüpfen, sich austauschen, experimentieren und etwas lernen, darum sind viele hergekommen. Doch einige Ideengeber wollen mit ihrem Start-up wie Einicke durchaus weitermachen. Für Maren Ulbrich ist das bereits aufgegangen. Sie gewann das erste  „Start-up Weekend“ in Bremen vor einem Jahr.

Im Dezember drauf gründete sie „Handwerksmensch“. „Ich helfe den Betrieben, zufriedene, motivierte Mitarbeiter zu finden, die bleiben. Handwerksmensch ist eine externe Personalabteilung.“ Die Entwicklung der Mitarbeiter sei auch wegen des Fachkräftemangels wichtig. Doch viele Unternehmer brauchten dafür Hilfe – gerade kleine Handwerksbetriebe. „Das Start-up Weekend hat meine Idee auf Herz und Nieren beleuchtet.“

Viele Stunden Arbeit später ist es soweit. Der Marathon nähert sich dem Zieleinlauf. Sechs Minuten haben die Teams Zeit, ihr Start-up vorzustellen, für das sie teils bis in die Nacht hinein zusammensaßen.

Dann entscheidet die Jury, wer eine Auszeichnung bekommt. „Pick it“ ist der Gesamtsieger und bekommt einen Coaching-Gutschein. „Mymug“ gewinnt den Preis für das beste Design, „Luckycar“ hat den besten Pitch hingelegt. Das Wochenende kann nun sanft ausklingen.

Doch nach dem Marathon ist vor dem Marathon: In Bremerhaven gibt es im Oktober das nächste „Start-up Weekend“.


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Leserkommentare
IhrenNamen am 23.10.2019 20:54
Wie viel Papier man wohl sparen würde wenn man den Papieratlas einfach weglassen würde.
Hobbylandwirt am 23.10.2019 20:43
Peteris: "Und beschleunigen damit den von Menschen gemachten Klimawandel!"

Sie haben hoffentlich ein Elektroauto und keinen ...
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