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Industriekletterer aus Bremer Neustadt
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„Unfälle bedeuten den Tod“

Kim Torster 16.12.2018 0 Kommentare

Vor jedem Klettergang, hier bei Arbeiten in einem Silo, werden bei Steady Climbing viele Fotos vom Einsatzort gemacht, mögliche Zugänge dokumentiert sowie Sicherheits- und Rettungskonzepte erstellt.
Vor jedem Klettergang, hier bei Arbeiten in einem Silo, werden bei Steady Climbing viele Fotos vom Einsatzort gemacht, mögliche Zugänge dokumentiert sowie Sicherheits- und Rettungskonzepte erstellt. (Miklas Wrieden)

Wenn Christian Hagedorn sich nach getaner Arbeit abseilte, langsam dem Boden immer näher kam und schließlich beide Füße sicher aufsetzte, wurde das häufig von umstehenden Passanten kommentiert. Oh, also für diesen Job, bemerkten sie dann, da müsse man aber auch schwindelfrei sein. Hagedorn fand das schon immer Quatsch. Mit Schwindelfreiheit habe seine Arbeit nichts zu tun. „Ungesichert würde ich mich ja auch nicht an eine Schlucht stellen.“

Hagedorn arbeitet bei Steady Climbing, einer Industriekletterer-Agentur in der Neustadt. Das zehnköpfige Team erledigt vor allem Höhenarbeiten, klettert in Kessel oder Silos: kommt an Orte, die nur schwer zu erreichen sind. Hagedorn selbst kletterte einst auf den SWB-Schornstein, um eine einzige Lampe auszutauschen. Sie ist an der Spitze des Schornsteins befestigt und soll Flugzeugen in der Nacht Orientierung geben. 250 Meter ragt der Schornstein in den Bremer Himmel, ist fast zweieinhalb Mal so hoch wie der Bremer Dom. Kein Kran und keine Drehleiter kommen so hoch. Ein klassischer Job für Industriekletterer.

Beeindruckende Ausblicke 

Auf einigen Dächern stand das Team von Steady Climbing schon: Zum Beispiel auf dem Dach der Elbphilharmonie, des Universums oder des Atlantic Hotels in Bremerhaven. Vor allem die Höhenarbeiten bieten beeindruckende Ausblicke. Auf Städte, Häuser, Sonnenuntergänge. Einmal vergaß ein Hotel die Fensterfront des Saunabereichs zu verhängen, als das Kletterer-Team die Fenster von außen putzen sollte. Auch das gab einen Ausblick, den man nicht vergisst.

Mal reinigen sie Fassaden, mal gilt es, Montagearbeiten durchzuführen – beispielsweise an Windkraftanlagen. Aber das Team von Steady Climbing wurde auch schon für ganz andere Arbeiten beauftragt. Vor einiger Zeit sollten sie das Orang-Utan-Gehege eines Zoos reinigen. „Da hat es natürlich nicht lange gedauert, bis sich die Kollegen selbst wie Affen verhalten haben“, sagt Hagedorn. Industriekletterer seien fröhliche Menschen.

Die Mitarbeiter von Steady Climbing kommen ursprünglich aus unterschiedlichen Bereichen, sind gelernte Messebauer, Zweiradmechaniker oder Veranstaltungstechniker. Steady Climbing-Geschäftsführer Gunnar Schülke hat Pädagogik studiert, verdiente sich mit dem Klettern an Hausfassaden nebenbei seinen Unterhalt. Statt Lehrer zu werden, machte er sich schließlich selbstständig. Zunächst alleine, 2010 gründete er dann Steady Climbing.

„Nicht für jede Arbeit haben wir Experten“ sagt Hagedorn. Viele Arbeiten erfolgen deshalb auch auf Zuruf: Dann wird den Kletterern von Leuten vom Fach erklärt, was sie zu tun haben, bevor sie ihre Ausrüstung anlegen. Das funktioniere gut, sagt Hagedorn. Alle seien sie handwerklich begabt, viele Fähigkeiten hätten sie sich ohnehin über die Jahre angeeignet. Auch Fremdsicherung übernimmt das Team. Wenn beispielsweise das Dach eines sehr hohen Gebäudes gedeckt werden soll, begleiten sie die Dachdecker bei der Arbeit, stellen sicher, dass sie jederzeit gesichert sind.

Sicherheit ist wichtiges Thema 

Auch Industriekletterer-Kurse bietet das Team von Steady Climbing an. Ausgebildet werden so sowohl Privatpersonen, die selbst in diesem Beruf arbeiten möchten, als auch Menschen, deren Job es verlangt, Arbeit in großer Höhe durchzuführen. Hier in Norddeutschland seien das häufig vor allem Personen aus der On- und Offshore-Branche, sagt Hagedorn.

Mittlerweile klettert Hagedorn nur noch selten selbst. Er ist jetzt Projektleiter bei Steady Climbing. Als solcher ist Hagedorn für die Planung der einzelnen Aufträge zuständig. Er schaut sich die zu erkletternden Stellen vorher genau an, dokumentiert mögliche Zugänge, erstellt Sicherheits- und Rettungskonzepte für seine Kollegen und macht viele Fotos. Jeder Schritt wird vorher durchgesprochen, jede Eventualität in Betracht gezogen.

Sicherheit ist ein wichtiges Thema bei Steady Climbing. Für jeden neuen Einsatz plant Hagedorn für seine Kollegen ein bis zwei Stunden Eingewöhnungszeit ein, bis die eigentliche Arbeit erledigt werden kann. Zeit, in der sich die Kletterer an die Umgebung und die Höhe gewöhnen können. „Niemanden lässt Höhe kalt“, sagt er. „Wer etwas anderes behauptet, erzählt Mist.“ Schon im Level 1-Kurs lernen angehende Industriekletterer bei Steady Climbing, wie sie verletzten Personen helfen können und wie sie eine Kollegenrettung in der Luft durchführen.

Für Mutproben ist beim Industrieklettern kein Platz. Wer sich gefährdet, gefährdet auch andere. „In anderen Berufen bedeuten Unfälle häufig Verletzungen, als Industriekletterer bedeuten Unfälle Tod“, sagt Geschäftsführer Gunnar Schülke.

Industriekletterer, das seien vor allem Teamplayer. Offene Menschen, sagt Hagedorn. Klar, abenteuerlustig seien die meisten, die Herausforderung suchend, aber nicht das Risiko.


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Leserkommentare
linde79 am 20.10.2019 17:58
Wie wäre es denn, wenn man auch mal die Qualität der Lehrer und Lehrerinnen hinterfragte? Wie wäre es in Anbetracht der Bildungsmisere, die ...
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Grundschüler brauchen Unterricht, der ...
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