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„Wir brauchen einen wirksamen Schutz“

Stefan Lakeband 09.07.2019 4 Kommentare

Als eine " äußerst schlechte Nachricht für uns" bezeichnet der Bremer Arcelor-Mittal-Chef Reiner Blaschek die Anhebung der EU-Importquote.
Als eine " äußerst schlechte Nachricht für uns" bezeichnet der Bremer Arcelor-Mittal-Chef Reiner Blaschek die Anhebung der EU-Importquote. (Daniel Chatard)

Herr Blaschek, es gibt die Konkurrenz aus Asien, globale Überkapazitäten und sich verteuernde CO2-Zertifikate. Wie sicher sind die Jobs im Bremer Stahlwerk?

Reiner Blaschek: Europa befindet sich in einer Stahlkrise. Die Nachfrage ist signifikant zurückgegangen, die Preise sind stark gefallen und die Rohstoffkosten stark gestiegen. Das macht uns zu schaffen. Um diese wirtschaftlich schwierige Lage zu überstehen, reagieren wir jetzt frühzeitig. Daher habe ich keine Angst um die Arbeitsplätze in Bremen.

Als Reaktion auf die Krise fahren Sie die Produktion herunter. Wie lange wird das dauern?

Im vierten Quartal wird der kleinere Hochofen einer Reparatur unterzogen. Das hat einen Stillstand von etwas mehr als einem Monat zur Folge – vielleicht auch länger. Das hängt davon ab, wie sich die Nachfrage entwickelt. Im zweiten Halbjahr werden wir die Produktion um gut 200.000 Tonnen absenken. Normalerweise produzieren wir im Jahr in Bremen 3,5 Millionen Tonnen Stahl.

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Sie rechnen aber damit, die Produktion in 2020 wieder hochzufahren?

Aus heutiger Sicht werden wir die Produktion dann wieder normalisieren. Ich kann aber nicht vorhersagen, wie es mit der aktuellen Nachfrageschwäche weitergeht.

Stahlwerk-Chef Reiner Blaschek
Stahlwerk-Chef Reiner Blaschek (Frank Thomas Koch)

Wie wird sich die Drosselung der Produktion auf die Mitarbeiter auswirken?

Wir haben mit der Belegschaft die Vereinbarung getroffen, dass wir im zweiten Halbjahr unsere Arbeitszeit und dementsprechend auch die Löhne um vier Prozent kürzen.

Was glauben Sie: Wie wird sich der Markt im kommenden Jahr verändern?

Wir sind vom Weltmarkt und den politischen Entwicklungen abhängig. So etwas kann man schwer vorhersagen. Wie alles zusammenhängt, zeigt sich an unserer aktuellen Situation: Der Markt in Europa leidet unter der sinkenden Nachfrage. Die Preise sind in einem Jahr um circa 80 Euro zurückgegangen, das sind etwa 15 Prozent. Gleichzeitig hat der Handelskrieg zwischen China und den USA dazu geführt, dass der Stahl, der bisher in die USA gegangen ist, zu einem großen Teil nach Europa gelangt.

Sie sind neulich mit Ihren Mitarbeitern in Bremen auf die Straße gegangen, um gegen eine Erhöhung der EU-Importquoten für Stahl zu demonstrieren. Was steckt dahinter?

Wir wollten damit zeigen, dass wir unzufrieden sind. Die Importquote ist eine europäische Schutzmaßnahme, die erst im Februar eingeführt wurde. In den ersten Monaten sind die Importe dennoch signifikant gestiegen. Trotzdem sollte die Quote automatisch zum 1. Juli um fünf Prozent angehoben werden. Wir wollten die EU-Kommission und die Regierungen bitten, das noch einmal zu überdenken.

Ohne Erfolg: Die Importquote wurde vergangene Woche erhöht. Wie gehen Sie damit um?

Es ist richtig, zum 1. Juli  wurden die zollfreien Importmengen um fünf Prozent erhöht. Diese erneute Lockerung der Schutzmaßnahmen ist eine äußerst schlechte Nachricht für uns. Das ohnehin schon löchrige System dieser Schutzklauseln wird dadurch weiter erheblich geschwächt. In dem nun anstehenden Überprüfungsverfahren sollte sich die Bundesregierung dafür einsetzen, dass diese Fehlentwicklungen von der Europäischen Kommission korrigiert und auch die anderen Konstruktionsfehler bei der Ausgestaltung der Maßnahmen behoben werden. Wir brauchen dringend einen wirksamen Schutz vor den Umleitungseffekten des US-amerikanischen Protektionismus.

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Welchen Anteil hat Stahl aus Europa am Weltmarkt?

Weltweit werden pro Jahr rund 1,6 Milliarden Tonnen Stahl produziert. Mehr als die Hälfte davon kommt aus China; in Europa werden gerade einmal circa 160 Millionen Tonnen hergestellt – also zehn Prozent der Gesamtleistung. Deutschland trägt 40 Millionen Tonnen dazu bei. Mit den 3,5 Millionen Tonnen, die wir in Bremen produzieren, haben wir nicht mal einen Anteil von 0,25 Prozent. Das klingt nach wenig. Trotzdem wollen und müssen wir unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Es gibt allerlei Pilotprojekte von Unternehmen, um die Stahlproduktion CO2-ärmer zu machen. Was plant Arcelor-Mittal?

Wir haben eine klare Strategie, bei der wir zwischen kurz-, mittel- und langfristig unterscheiden müssen. Aktuell optimieren wir unsere Prozesse und werden unseren CO2-Ausstoß pro Tonne Stahl um 25 Prozent in den nächsten zehn Jahren reduzieren. Darüber hinaus gibt es einige Pilotprojekte, die wir testen.

Damit meinen Sie den Einsatz von Wasserstoff bei der Produktion?

Das Thema Wasserstoff ist eine wichtige Möglichkeit, um Fortschritte zu erzielen. Bis 2050 wollen wir klimaneutral produzieren. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Wir forschen schon an verschiedenen Technologien, unter anderem haben wir ein Gemeinschaftsunternehmen mit der SWB. Hier bereiten wir ein Projekt vor, bei dem wir am Standort grünen Wasserstoff produzieren wollen.

Kann der Einsatz von Wasserstoff wirtschaftlich sein?

Erst einmal wollen wir sehen, ob eine Technologie funktioniert und wie man sie skalieren kann. Wenn wir die geplante Pilotanlage auf die gesamte Produktion in Bremen anwenden wollen, müssten wir sie um ein Vielfaches größer machen. Wasserstoff, das muss allen klar sein, ist eine Lösung – aber keine, die man schon morgen umsetzen kann. Eine Möglichkeit wäre, solche Projekte wie damals bei der Windindustrie, mit Fördermöglichkeiten anzukurbeln.

Wird es ohne Subventionen nicht gehen?

Das wird die Zukunft zeigen. Wir müssen aber wettbewerbsfähig bleiben. Deshalb fordern wir, dass auf Importe eine CO2-Abgabe erhoben wird. Während europäische Produzenten CO2-Zertifikate kaufen, haben ausländische Erzeugnisse bislang nicht solche Abgaben. Das ist Wettbewerbsverzerrung.

Der künftige Senat hat Ihnen bei dem Thema Unterstützung zugesagt. Kann er überhaupt auf die europäische Handelspolitik Einfluss nehmen?

Der Senat kann uns unterstützen, indem er unsere Position bei der Bundesregierung und bei der Europäischen Kommission vertritt. Ein weiterer Wunsch von uns ist auch, dass das Geld für die CO2-Zertifikate wieder zurück an die Unternehmen fließt. Natürlich mit der Auflage, dass sie es für die Erforschung umweltfreundlicher Technologien einsetzen. Bislang hatten wir immer die Rückendeckung der Bremer Politik.

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Wenn die Antwort Handelsschranken sind, riskieren Sie dann nicht einen Handelskrieg, der der gesamten europäischen Wirtschaft schadet?

Das hängt von der Gestaltung ab. Wir fordern faire und gleiche Wettbewerbsbedingungen und keine einseitigen Handelsschranken. Man kann nicht von einem Teil der Marktteilnehmer fordern, dass sie etwas machen müssen, während der andere Teil es nicht macht. Wir haben alle den Anspruch, inklusive unserer Kunden, die Klimabilanz zu verbessern. Und man kann eben nicht sagen: ‚Wenn wir in Europa die Stahlproduktion abschaffen, retten wir das Klima.‘ Dann wird der Stahl eben importiert – und außerhalb von Europa haben wir keinen Einfluss darauf, wie er hergestellt wird.

Also ist auch allen klar, dass sie für CO2-ärmeren Stahl mehr zahlen müssen?

CO2-ärmerer Stahl kostet mehr in der Herstellung. Wie sich die Preise entwickeln, wenn wir den Stahl erst mal deutlich CO2-ärmer produzieren, lässt sich schlecht vorhersagen. Zunächst müssen wir die Technologien ermöglichen und in einem fairen Wettbewerb nutzen können.

Das Interview führten Philipp Jaklin und Stefan Lakeband.

Zur Person

Reiner Blaschek (51) ist seit mehr als 20 Jahren in verschiedenen Positionen im Stahlgeschäft tätig. Zwischen 2005 und 2011 arbeitete er bereits für Arcelor-­Mittal in Bremen. Bevor er Anfang 2017 als Vorstandsvorsitzender zurückkehrte, leitete er den Vertrieb für den Flachstahlbereich für Indus­triekunden in Europa.

Zur Sache

Koalition will helfen

SPD, Grüne und Linke haben sich im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, das Bremer Stahlwerk zu unterstützen. Dazu will sich der Senat für den Abbau globaler Überkapazitäten und faire Handelsbedingungen einsetzen, etwa durch Aufschläge für ausländische Produzenten. „Die Bremer Stahlwerke sollen eine Vorreiterrolle für die klimafreundliche Stahlproduktion einnehmen“, heißt es. So sollen Gelder für ein Projekt eingeworben werden, das erforscht, wie Wasserstoff in der Produktion eingesetzt werden kann. „In kaum einem anderen Industriezweig besteht die Chance, so viel für die CO2 Reduktion zu gewinnen und gleichzeitig Beschäftigung zu sichern, wie in der Stahlindustrie.“


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