Herzschwäche: Bremer Kardiologen informieren

Leben mit einem schwachen Herz

Bis zu vier Millionen Menschen bundesweit sind an einer Herzschwäche erkrankt. Worauf es bei Diagnostik und Behandlung ankommt – Bremer Herzspezialisten informieren in dieser Woche.
23.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sabine Doll und Tom Nebe

Der Herzinfarkt kam stumm und war doch spürbar. Das wurde Günter Marx aber erst im Nachhinein klar. „Ende September, Anfang Oktober vergangenen Jahres habe ich schon gemerkt, dass ich immer schwächer beim Treten wurde“, sagt der Rentner. Marx, damals 82 Jahre alt, radelte an einem schönen Tag schon mal 20 bis 30 Kilometer. Doch das ging nun immer schlechter. Auch nachts sei er immer häufiger wach geworden und habe kaum Luft bekommen. „Schließlich bin ich zum Hausarzt gegangen, weil ich wissen wollte, warum ich so müde bin.“

Der Hausarzt schickte ihn zu einem Kardiologen, dieser überwies ihn ins Krankenhaus. Dort wurden sechs Stents gesetzt, kleine Gefäßstützen, die verengte Blutgefäße offenhalten. Marx hatte das, was Mediziner einen stummen Herzinfarkt nennen. Dieser äußert sich nicht durch typische Infarktbeschwerden wie starke Brustschmerzen, sondern subtiler, beispielsweise durch Schwächegefühl und Luftnot.

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Oft wird er erst nach Monaten oder gar Jahren erkannt. Der Rentner hat inzwischen eine Reha hinter sich, ein Defibrillator wurde eingesetzt, und er muss starke Medikamente nehmen. „Ich habe jetzt eine Herzschwäche“, sagt er.

2016 starben bundesweit mehr als 40.000 Erkrankte

Damit ist er nach Angaben der Deutschen Herzstiftung einer von bis zu vier Millionen Herzschwäche-Patienten bundesweit. 2017 gab es der Stiftung zufolge knapp 465.000 vollstationäre Aufnahmen wegen einer Herzschwäche, 2016 starben mehr als 40.000 Betroffene an den Folgen der Erkrankung.

Herzschwäche ist laut dem leitenden Kardiologen im Rotes-Kreuz-Krankenhaus in Bremen, Rüdiger Blindt, eine Volkskrankheit. Das Tückische daran: Meistens beginne sie schleichend mit Symptomen wie Leistungsminderung, Luftnot und Flüssigkeitseinlagerungen in den Unterschenkeln. „Ältere Menschen nehmen dies oftmals als Begleiterscheinung des Alters wahr, sie werden nicht unbedingt dem Herzen zugeordnet. Etwa, wenn man zunehmend Schwierigkeiten beim Treppensteigen hat.“

Herz-Ultraschall entscheidend

Eine chronische Herzschwäche ist in der Regel die Folge anderer Herz- und Kreislauferkrankungen. Laut der Deutschen Herzstiftung entwickelt sie sich in etwa 70 Prozent der Fälle aus der koronaren Herzkrankheit – insbesondere durch einen Herzinfarkt mit Untergang von Herzmuskelgewebe – und Bluthochdruck. Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern, Diabetes, Herzklappen-Erkrankungen eine Herzmuskelentzündung, spezielle Formen einer Anämie (Blutarmut) oder angeborene Herzfehler sind laut Blindt weitere Ursachen. Auch Alkohol, Drogen und bestimmte Medikamente spielten eine Rolle. Bei einer Herzschwäche wird der Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen im Blut versorgt.

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Bei dem Pumpversagen des Herzens sprechen Kardiologen von einer systolischen Herzschwäche. Fehlt dem Herzmuskel die Elastizität, um genügend Blut aufzunehmen und den Körper mit ausreichend Blut und Sauerstoff zu versorgen, handelt es sich laut der Stiftung um eine diastolische Herzschwäche. Frauen seien häufiger davon betroffen, die meisten Patienten litten an Bluthochdruck.

„Um die Ursache für die Herzschwäche festzustellen, ist die Diagnostik beim Facharzt extrem wichtig“, betont Rüdiger Blindt. „Dazu gehören ein EKG und – ganz entscheidend – ein Herz-Ultraschall.“ Durch letztgenannte Untersuchung lasse sich feststellen, ob der Herzmuskel verdickt, die Herzkammern vergrößert oder die Herzklappen defekt sind. Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung ist sie die aussagekräftigste Untersuchung, um eine Herzschwäche festzustellen. Ist die Pumpleistung des Herzens eingeschränkt, sei es wichtig, so früh wie möglich mit der Therapie zu beginnen, um eine weitere Schädigung zu verhindern.

Häufig treten Begleiterkrankungen auf

„Durch die Mangeldurchblutung leidet der ganze Organismus, weshalb häufig auch andere Begleiterkrankungen auftreten“, betont der Bremer Kardiologe. Dazu gehörten Nierenfunktionsstörungen, Blutarmut, Eisenmangel oder auch Atmungsstörungen. Es gehe darum, die Grunderkrankung zu behandeln – wie Durchblutungsstörungen durch die koronare Herzkrankheit, Rhythmusstörungen oder Klappendefekte. Und: „Um ein Voranschreiten der Herzschwäche zu vermeiden oder zu verlangsamen, kommen Medikamente zum Einsatz; Betablocker etwa, ACE-Hemmer, Sartane sowie Diuretika gegen Flüssigkeitseinlagerungen“, so Blindt. „Je früher eine Herzschwäche erkannt und behandelt wird, desto günstiger ist ihr Verlauf und damit auch die Lebensqualität.“ Die Deutsche Herzstiftung rät Patienten zudem, sich „unbedingt gegen Grippe und Pneumokokken impfen zu lassen“. Eine weitere entscheidende Rolle spiele der Lebensstil.

Weitere Informationen

In dieser Woche gibt es zwei Infoveranstaltungen zum Thema Herzschwäche: Am Mittwoch, 25. November, 17 bis 19 Uhr, lädt die Stiftung Bremer Herzen zu einem Web-Seminar ein, für das man sich zuvor per E-Mail anmelden muss. Informationen dazu gibt es online unter www.bremer-herzen.de/veranstaltungen. Die Kardiologie im Rotes-Kreuz-Krankenhaus Bremen veranstaltet am Donnerstag, 26. November, 17 bis 18.30 Uhr, eine Telefonsprechstunde, die Ärzte sind unter den Nummern 04 21 / 5 59 91 88 und 04 21 / 5 59 91 89 zu erreichen. Beide Veranstaltungen finden im Zuge der bundesweiten Herzwochen der Deutschen Herzstiftung statt.

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