Erste Bilanz nach Glücksspielgesetz-Änderungen

Gelbe Karte für viele Wettbüros in Bremen

Seit Anfang des Jahres gelten schärfere Auflagen für Bremer Wettbüros. Das Innenressort zieht eine erste Bilanz: In fast allen kontrollierten Geschäften gab es Beanstandungen.
29.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Gelbe Karte für viele Wettbüros in Bremen
Von Nina Willborn
Gelbe Karte für viele Wettbüros in Bremen

Bei Wettbüros gilt: Es muss von außen zu sehen sein, wie der Laden von innen aussieht. Hinweise auf den Anbieter sind erlaubt.

Frank Thomas Koch

Die Betreiber von „Bet 3000“ an der Ecke Am Dobben/Auf den Häfen können sich schon einmal darauf einstellen, dass sich bald die Innenbehörde bei ihnen meldet und auf klare Sicht drängt. Noch sind die Scheiben des Wettbüros mit Werbefolie zugeklebt, und das darf so eigentlich nicht mehr sein. Seit Anfang des Jahres gelten neue Regelungen im Bremischen Glücksspielgesetz.

Sie sehen unter anderem vor, dass bei Wettbüros von außen zu sehen sein muss, wie der Laden von innen aussieht. Ebenso ist es neuerdings verboten, an den Läden mit Hilfe von Bildern glückverheißend lächelnder Sportgrößen wie dem neuen Bayern-Vorstand Oliver Kahn oder Ex-Nationalspieler Lukas Podolski für die vermeintlichen Vorteile von Sportwetten zu werben, um so Bremerinnen und Bremer an die Tippschein-Terminals zu locken.

Lesen Sie auch

Nüchtern und gläsern sollen die Sportwettvermittlungsstellen, wie sie offiziell heißen, sein. Der Hinweis auf den Anbieter wie bei einer Tipico-Filiale An der Brake ist erlaubt. Rund ein halbes Jahr, nachdem sich das Gesetz auf dem Papier geändert hat, ist die Glücksspielaufsicht der Behörde zusammen mit dem Ordnungsamt in Form des Ordnungsdienstes mehrmals auf Streifzug durch die Stadt gegangen, zuletzt Anfang Juli bei Werders Relegation gegen Heidenheim. Oder, so formuliert es Innensenator Ulrich Mäurer (SPD): „Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes haben wir sofort losgelegt und sind in den Vollzug eingestiegen.“

Mehrere Läden erhielten eine erste Verwarnung

Vor allem die Buden in Gröpelingen, Walle, Hemelingen, Hastedt, Neustadt sowie im Viertel und in der Bahnhofsvorstadt bekamen bislang nach einem Schreiben, das auf die Änderungen hinwies, Besuch – und in den allermeisten Fällen dann gesagt, dass sie gegen eine oder mehrere Auflagen verstoßen. „Wir haben rund 35 Stellen kontrolliert“, sagt Hilke Hülsmann, Glücksspielreferentin in der Innenbehörde, „und an die allermeisten unsere sogenannten Gelben Karten verteilt.“ Die Gelbe Karte bedeutet wie im Fußball: erste Verwarnung, beim nächsten Vergehen wird es unangenehmer.

In einem Fall in Gröpelingen gab es glatt Rot: „Einen Laden haben wir geschlossen“, sagt Hülsmann, „das war ein krasses Beispiel. Da gab es null Jugend-, Spieler- oder Geldwäscheschutz, kein Sozialkonzept.“ In diesem Büro hätten zudem die nicht mehr zugelassenen Terminals, an denen Wetter ihr Geld ohne Aufsicht platzieren können, gestanden. Andere Gründe für Verwarnungen: Die Betreiber boten nach wie vor Getränke oder Speisen an. Auch das ist in Bremen nun nicht mehr erlaubt, denn die Spieler sollen nach dem Willen des Innenressorts möglichst kurz in den Läden verweilen.

Bis zu 500.000 Euro Bußgeld möglich

Deshalb sind auch in allen Kiosken, Kulturvereinen und Teestuben nun Annahmestellen für Sportwetten verboten, bereits aufgestellte Geräte müssen entfernt werden. Die Polizei hilft bei den Kontrollen, wenn es um die Wetten an sich geht. Illegal und damit eine Straftat ist zum Beispiel das Tippen während eines Fußballspiels auf Platzverweise oder Verwarnungen.

Lesen Sie auch

„Für Verstöße sind im gesetzlichen Rahmen bis zu 500.000 Euro Bußgelder möglich“, erklärt die Expertin für Glücksspiel, „es kommt natürlich auf ihre Art an.“ In der Praxis liege die Höhe der Bußgelder meistens zwischen 300 und 500 Euro pro Verstoß. Priorität hat für das Ressort laut Hülsmann zunächst gehabt, sich einen Überblick über die zuvor einigermaßen undurchsichtige Lage zu verschaffen. „Was wir bislang mitbekommen: Einige Wettbüros sind mächtig ins Schwitzen geraten“, sagt die Juristin.

Viele Wettbüros in Sorge

„Die Betreiber müssen jetzt liefern, das kannten die vorher in der Form nicht.“ Vor der Glücksspiel-Abteilung liegt nun die Arbeit, die von den Büros angeforderten Konzepte etwa zum Jugendschutz oder Nachweise über Schulungen des Aufsichtspersonals zu bewerten und gegebenenfalls weitere Verfahren in Gang zu setzen. Senator Mäurer: „Glücksspiel ist und bleibt potenziell gefährlich.“

Lesen Sie auch

Das härtere Durchgreifen des Innenressorts wird in vielen Wettbüros mit Sorge gesehen. Vor allem das Verbot, Getränke auszuschenken, bereite ihm Verdruss, sagt Norman Albers, Geschäftsführer der gleichnamigen, in Hannover ansässigen Wettannahmen GmbH. In Bremen betreibt sie Lokale an der Galopprennbahn und an der Rembertistraße.

„Viele unserer Stammkunden, die sich lange bei uns aufhalten, sind um die 80 Jahre alt“, sagt Albers, „die dehydrieren im Zweifel.“ Bei der Abschaffung der Terminals für selbstständige Wetten sieht er die Gefahr, dass Kunden dann lieber per Smartphone bei den Online-Anbietern wetten. Albers: „Das treibt die Leute ins Internet. Ich fühle mich als Unternehmer bei der Ausübung meines Geschäfts beschnitten.“

Info

Zur Sache

8,8 Milliarden Euro Einsätze

Sportwetten sind ein wachsender Markt. Laut dem Portal Statista wurden im Jahr 2018 bundesweit insgesamt etwa 8,8 Milliarden Euro auf die Ausgänge von Fußballspielen, Pferderennen, Basketballspielen und anderen Sportereignissen verwettet. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 waren es noch knapp 3,8 Milliarden Euro. Circa 95 Prozent der Einsätze, gut 7,3 Milliarden Euro, entfielen dabei laut Statista auf private Sportwetten. Formell sind sie im Gegensatz zur staatlichen Oddset-Wette nicht erlaubt. Ab 1. Juli 2021 tritt der neue Glücksspielstaatsvertrag in Kraft. Mit ihm soll es mehr Schutz für Spielsüchtige (Sperrdatei, mehr Kontrollen) geben, aber auch bisher illegale Internet-Angebote wie Poker zugelassen werden.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+