Bremer Bildungssenatorin über Lehrinhalte Bogedan: Wir lassen uns nicht beirren

Auch in Bremen wurde zu einer Gedenkminute an Schulen für den getöteten Lehrer Samuel Paty aufgerufen. Initiatorin und Bildungssenatorin Claudia Bogedan spricht im Interview über Kritik an Lehrinhalten.
08.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bogedan: Wir lassen uns nicht beirren
Von Silke Hellwig

Frau Bogedan, am Montag haben Schüler und Lehrer in Frankreich dem vermutlich von einem Islamisten getöteten Geschichtslehrer Samuel Paty gedacht. Auch an deutschen Schulen wurde eine Schweigeminute eingelegt. Haben auch bremische Schulen teilgenommen?

Claudia Bogedan: Wir als Ressort, ich als Senatorin und der Personalrat Schulen haben gemeinsam die Schulen dazu aufgerufen, sich zu beteiligen.

Mit Erfolg?

Wir führen darüber nicht Buch, aber ich weiß aus Rückmeldungen, dass Schulen sich angeschlossen haben, weil es ihnen wichtig war. Das Thema wurde auch im Unterricht aufgegriffen, weil es viele Menschen, viele Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler bewegt.

Gibt es Ängste in bremischen Schulen, dass Unterrichtsstoff oder Meinungsäußerungen Folgen haben könnten, einerlei aus welcher Richtung?

Davon ist mir nichts bekannt. Die Ausgangslage in Frankreich und Deutschland ist doch auch sehr unterschiedlich, die Situation in Bremen unterscheidet sich sicher auch noch einmal von der anderer Großstädte.

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Inwiefern?

Ich habe den Eindruck, dass wir in Bremen doch sehr friedlich koexistieren. Alle bemühen sich um ein faires und respektvolles Miteinander. Wir stehen mit den demokratisch orientierten islamischen Religionsgemeinschaften in einem Dialog. Sie werden eingebunden, auch bei uns. Es gibt unterschiedliche Auffassungen, aber wir sind in ständigem Austausch. Diese Gemeinschaften haben selbst massives Interesse daran, dass sich an den Schulen keine islamistischen Tendenzen festsetzen.

Sind in Bremen im Unterricht Mohammed-Karikaturen thematisiert worden?

Selbstverständlich, und wir werden weiterhin dafür sorgen, dass das möglich ist.

Werden sie auch gezeigt?

Das kann ich so genau nicht sagen, aber das Thema Grundrechte, Meinungs- und Pressefreiheit ist im Unterricht präsent, war es auch schon vor den Attentaten auf die Redaktion des Magazins Charlie Hebdo. Beispielsweise ist mir bekannt, dass viele Schulklassen die Ausstellung „Charlie à Brême“ mit Karikaturen aus dem Magazin in der Bürgerschaft besucht haben.

Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lake Akgün hat berichtet, dass sich bei ihr einige Lehrerinnen und Lehrer gemeldet hätten, „die von ihrer Angst vor Klassen mit bestimmtem Jugendlichen berichten“, weil Meinungsvielfalt unterdrückt, Weltanschauungen widersprochen, Lehrerinnen und Lehrer beschimpft, Mitschüler mundtot gemacht werden würden. Gibt es in Bremen keinen derartigen Ärger?

Es gibt ständig Ärger und Auseinandersetzungen, wegen ganz verschiedener Themen, und da müssen Grenzen ausgehandelt und überprüft werden. Mit dem Sexualkundeunterricht in der Grundschule, in dem auch gleichgeschlechtliche Liebe thematisiert wird, sind manche Eltern unzufrieden, einerlei welche Religion sie haben. Da ist die Frage, welchen Kompromiss kann man eingehen, um niemanden zu brüskieren. Ich halte gar nichts davon, religiöse Gefühle ohne Not zu verletzen, ganz unabhängig von der Religion.

Man muss einen Kompromiss finden?

Ja, meiner Meinung nach schon. Wir lassen uns nicht darin beirren, dass wir Drittklässlern sagen, dass auch Männer Männer lieben können und Frauen Frauen. Wir lassen uns nicht davon abbringen, das Thema Transgender anzusprechen, aber in welcher Form wir das tun, darüber müssen wir reden. Beispielsweise gibt es Unterschiede in der Darstellung von Nacktheit. Wir müssen nicht jedes Detail zeigen. Wir können Mädchen und Jungen getrennt voneinander unterrichten. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Sorgen und Gefühle ernst zu nehmen, ohne einzuknicken in der eigenen Haltung. Wir wollen Kinder und ihre Eltern einbinden, nicht ausschließen.

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Wo gibt es noch Konflikte? Bei Klassenfahrten, im Schwimm- und im Religionsunterricht?

Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht mit auf Klassenfahrten schicken möchten, aus unterschiedlichen Gründen. Es gibt Kritik, auch von Religionsgemeinschaften, am Religionsunterricht, der alle Religionen gleichberechtigt thematisiert. Es gibt auch Kritik am Schwimmunterricht, aber er ist bei uns Pflicht. Daran wird auch nicht gerüttelt. Es gibt an unseren Schulen keine Gebetsräume, aber jede Schülerin und jeder Schüler, einerlei welcher Religion, kann sich in der Pause zum Gebet oder zur Meditation zurückziehen.

Es wird womöglich dennoch Eltern, Lehrerinnen und Lehrer geben, die sich Sorgen machen, ob es hier auch zu Gewalttätigkeiten kommen könnte, weil irgendwem irgendetwas im oder am Unterricht nicht gefällt.

Wir haben das Thema auch auf dem Schirm. Im Hintergrund laufen bei uns sehr viele Maßnahmen, um mit möglichen Konflikten umzugehen. Dabei geht es nicht nur darum, ob sich muslimische Eltern oder Schülerinnen und Schüler an Unterrichtsinhalten stören, sondern es geht um Konflikte jedweder Art, bei denen wir intervenieren und vermitteln.

Es kam in der Vergangenheit zu antisemitischen Vorfällen an Bremer Schulen.

Das stimmt, wir haben an einigen Schulen Probleme mit Mobbing, ob es sich um jüdische, muslimische, homosexuelle oder transsexuelle Schülerinnen und -Schüler handelt. Jude und schwul sind schul- und stadtteilübergreifend häufig verwandte Schimpfwörter auf bremischen und deutschen Schulhöfen.

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Kam es auch schon zu Handgreiflichkeiten gegenüber Lehrern?

Es kommt zu Grenzüberschreitungen von Eltern gegenüber Lehrkräften. In Ausnahmefällen ist es auch zu tätlichen Übergriffen gekommen. Dem zugrunde liegt aber nicht die Auseinandersetzung mit Lernstoff, sondern eine um sich greifende Respektlosigkeit und steigende Aggressivität gegen über Lehrerinnen und Lehrern, wie es auch Polizistinnen und Polizisten oder Rettungssanitäterinnen und -sanitäter beklagen. Diese Gesamtverrohung der Gesellschaft macht keinen Bogen um die Schulen.

Ihre Antwort darauf?

Unsere große Herausforderung ist, dass die Schule des 21. Jahrhunderts eine Schule der Vielfalt ist, in der mit allen Orientierungen angemessen umgegangen werden muss. Darauf müssen und werden wir uns einstellen, womöglich auch gegen Widerstände, aber immer kompromissorientiert. Und doch gibt es Extremfälle, die der Verfassungsschutz und die Polizei klären müssen. Es sind Ausnahmen. Hier ist es wichtig, durchzugreifen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Claudia Bogedan ist seit 2015 Senatorin für Kinder und Bildung. Zuvor war die Sozialdemokratin als Abteilungsleiterin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-
Stiftung tätig.

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