Hochwasserschutz

Wo Mahlstedts Schafe mähen

Schöne Schäferei: Dennis Mahlstedt muss den Einsatz seiner Schafe zur Deichpflege in Seehausen und Hasenbüren selbst finanzieren. Das betrifft auch den Schutz der 230 Muttertiere großen Herde.
05.07.2020, 05:00
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Wo Mahlstedts Schafe mähen
Von Justus Randt
Wo Mahlstedts Schafe mähen

Hobbyschäfer Dennis Mahlstedt sorgt mit seinen Tieren in Seehausen für den Deichschutz. Das ist die Ausnahme. Üblicherweise werden die Landesschutzdeiche maschinell gemäht.

Christina Kuhaupt

Schafe und Deiche, „das gehört irgendwie zusammen“ für Michael Dierks. Der Geschäftsführer des Deichverbandes am linken Weserufer arbeitet deshalb seit drei Jahren mit Dennis Mahlstedt zusammen. Den eigentlichen Job erledigen die 230 Muttertiere, die der Hobbyschäfer in Seehausen und Hasenbüren weiden lässt. Mahlstedt liebt, was er tut, seine Schafe, sein Seehausen. Einen Ausbau des Erfolgsmodells kann er sich im Moment aber nicht vorstellen: Deichschäfer ist ein Ehrenamt. „Da habe ich viel Zeit und Geld reingesteckt, ich muss alles selbst bezahlen." Auch den Schutz seiner Herde.

„Meine ersten Schafe hatte ich, als ich acht war“, sagt Dennis Mahlstedt. Heute ist der hauptberufliche Garten- und Landschaftsbauer Mitte dreißig, und wenn er über seine Tiere spricht, merkt man, wie sehr sie ihm am Herzen liegen. Markus Dierks vom Deichverband sieht die Schafe zwar gern, aber mit anderen Augen: Ihr Einsatz sei „Deichschutz zum Aufessen“.

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Auf knapp 8,5 Kilometern Weser- und etwa 2,7 Kilometern Ochtumdeich „erledigen die Schafe das Geschäft des Mähens“, sagt Dierks. Maschinen kommen dort eher selten zum Einsatz: „Wir machen nur eine Nachmahd zur Bestandssteuerung.“ Der Verbandsgeschäftsführer lobt das „technisch gute Ergebnis“, spricht von einem „bewährten Instrument“. Der Schafeinsatz führe zu einem „dichten Bewuchs und fester Oberbodenschicht“. Und das ist noch nicht alles. Die Schafe zertrampeln auch höchst wirkungsvoll die Wühlmausgänge in den Deichen.

Landesweit ist der Einsatz von Schafen in Bremen eher die Ausnahme. So hatte der Senat im Juni auf eine kleine Anfrage nach den Wolfsrissen in Brokhuchting geantwortet, die Landesschutzdeiche würden „grundsätzlich nicht beweidet, sondern vielmehr regelmäßig gemäht“, sodass zum Deichschutz keine Herdenschutzmaßnahmen erforderlich seien. Pläne, dies zu ändern, gebe es aktuell nicht – wegen der geringen Anzahl kleiner Nutztiere wie Schafe und Ziegen in Bremen.

Tiere überschreiten regelmäßig die Landesgrenze zu Niedersachsen

Kein Vergleich zu Niedersachen, wo laut der Schafzuchtverbände 230.000 Schafe leben, zehn Prozent des bundesweiten Bestandes bei 12.000 Schafhaltern. Im Landesschafzuchtverband Niedersachsen sind 950 Schafzüchter und -halter organisiert.

Die Landwirtschaftskammer Bremen weiß von gegenwärtig 18 Schafhaltern, die insgesamt 435 Muttertiere, Lämmer und Böcke halten. Dennis Mahlstedt ist da einer der Großen – und hat seine Grenze erreicht: „Im Moment könnte ich nicht viel mehr machen. Ich habe schon so reichlich damit zu tun, Zäune umzustecken, die kilometerweise aufgestellt sind.“ Diese Netze und Elektrogeräte müsse er selbst bezahlen. “Ich hoffe, irgendwann macht der Verband mit“, sagt der Deichschäfer, dessen Tiere regelmäßig auch die Landesgrenze zu Niedersachsen überschreiten. „Dort werden die Netze auf Antrag bezahlt."

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"Mein Antrag in Niedersachsen wurde allerdings nach einem Jahr abgelehnt, weil Bremen den Herdenschutz nicht unterstützt.“ Irgendwann, vermutet er, würden 90-Zentimeter-Zäune wie seine nicht mehr ausreichen, um Schafe vor Wolfsangriffen zu schützen. „Höhere Netze sind aber noch teurer und schwieriger aufzubauen. Andererseits ist der Wolf in Lemwerder auch über 1,50 Meter drübergegangen.“

Zäune umstecken, Klauen schneiden, die jährliche Schafschur – Dennis Mahlstedt macht das alles gerne, „aber eine Förderung wäre hilfreich“. In jedem Fall, glaubt er, werde die Weidehaltung auch auf den Deichen aufwendiger. Das liegt nicht nur an der gewachsenen Herde, die im Spätherbst nur halb so groß war wie jetzt.

Zahl der Wölfe steigt

Das liegt auch an der "jährlich um 30 Prozent steigenden Zahl der Wölfe, das ist genauso gekommen, wie vorausgesagt", weiß Marcus Henke als Vizepräsident der Landesjägerschaft Bremen. "Dass es in Niedersachsen 25 Rudel gibt, bleibt in Bremen nicht unbemerkt." Das sieht auch Hilmer Garbade, Präsident des Bremischen Bauernverbandes, so: "Seit den Vorfällen in Brokhuchting war in Bremen zwar nichts mehr über den Wolf zu hören, aber rund um zu ist natürlich ganz schön was los."

Und die Schafe? Machen sich auf Bremer Deichen weiterhin – oder um mit den Worten des Senats zu sprechen: grundsätzlich – rar. Man könnte noch viel mehr dieser für den Hochwasserschutz wichtigen Flächen von Schafen beweiden und pflegen lassen, glaubt Verbandschef Markus Dierks. „Eigentlich ginge das auch am Werdersee, aber da ist der Freizeitdruck zu groß. Und mancher Hundehalter weiß nicht, wie er einer Schafherde zu begegnen hat.“ Und dann ist der Hund des Schafes Wolf.

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