Kein einheitliches Design Bremens Fahrradstraßen im Überblick

Bremen hat 18 ausgewiesene Fahrradstraßen, an der 19. wird noch gearbeitet. Der Gesetzgeber schreibt lediglich vor, Schilder aufzustellen. Daher gibt es kein Konzept für ein einheitliches Aussehen.
25.08.2019, 20:03
Lesedauer: 4 Min
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Bremens Fahrradstraßen im Überblick
Von Justus Randt

Die Herbststraße war Bremens erste Fahrradstraße. Mittlerweile ist sie in eine Tempo-30-Zone integriert. Doch die Stadt hat 18 andere ausgewiesene Trassen, an der 19. wird noch gearbeitet. Ein Konzept für ein einheitliches Aussehen gibt es nicht. Der Gesetzgeber schreibt lediglich vor, Schilder aufzustellen. Die Folge: Jede Fahrradstraße sieht anders aus. Und hinzu kommt: Viele Verkehrsteilnehmer kennen die Spielregeln nicht. Da ist das Durcheinander vorherbestimmt.

Keine ist wie die andere

Bremens (demnächst) 19 Fahrradstraßen sind höchst individuell gestaltete Verkehrsräume – manchmal mehr, wie die knallrote Parkallee, manchmal weniger, wie die Weberstraße im Ostertor. Diekleine, holprige Nebenstraße wird zwar kaum als Fahrradstraße wahrgenommen, aber wie auf den anderen Radlertrassen benutzen Fahrradfahrer dort gern die Gehwege. In der Weberstraße fallen sie besonders schmal aus, was auch mit den geparkten Zweirädern zu tun hat, die an Zäune gekettet sind. In der Humboldtstraße und in der Parkallee sind die früheren Radwege mit der Umwidmung in Fahrradstraßen den Gehwegen zugeschlagen worden. Da können Paare und Passanten nebeneinander gehen und sogar ihren Hund mitnehmen. Wenn ihnen keine Räder in die Quere kommen.

„Ich hätte als Radfahrerin auch nicht gern die Autos im Nacken“, sagt eine Anwohnerin aus der Parkstraße, die nicht namentlich genannt werden möchte. Abgesehen davon, dass die Rotmarkierung auf der Parkallee „schrecklich aussieht“, wie sie meint, seien sehr viele Radler weiterhin auf dem Gehweg unterwegs. „Wenn man was sagt, muss man mit frechen Sprüchen rechnen“, hat sie festgestellt. „Ja, Oma, ich weiß“, sei da beinahe noch harmlos. „Ich hab das so weggesteckt.“

Um Verstößen gegen die Verkehrsordnung vorzubeugen, lässt das Amt für Straßen und Verkehr an den Querstraßeneinmündungen der Parkallee die ehedem roten Radwegpflastersteine jeweils auf ein paar Metern Länge gegen graue austauschen. 35 000 bis 40 000 Euro soll das kosten. „Rausgeschmissenes Geld“, sagt dazu die Anwohnerin. „Es gibt auch sehr rücksichtsvolle Fahrradfahrer, aber diegroße Masse tut, was sie will.“

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Für Albrecht Genzel, Verkehrsreferent des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) in Bremen, gibt es ein grundsätzliches Problem: „Fahrradstraßen haben kein einheitliches Design, und viele kennen die Spielregeln nicht. Laut Gesetzgebung reicht es, Schilder aufzustellen, das bringt es aber nicht.“ Und: „Es gibt kein Konzept, Fahrradstraßen sind mal hier, mal da entstanden. Nur Links der Weser keine einzige. Dafür ist dort das Fahrradmodellquartier zum Greifen nahe, fehlt nur noch die Zonenbeschilderung.“

Die neueste Fahrradstraße wird gegenwärtig in der Straße Ortwisch in Arbergen eingerichtet. Jörn Hermening, der Hemelinger Ortsamtsleiter, freut sich schon auf die Premiumroute, die später mal an seinem Ortsamt vorbei in die Stadt führen soll: „Ich bin sehr gespannt.“ Die aktuelle Etappe sei „eher einer der günstigen Abschnitte“, sagt er, „da reicht es, Schilder aufzustellen“. Eine weitere Fahrradtrasse in seinem Beritt ist die Glockenstraße. „Die war früher auch mal rot angemalt. Seit der Asphalt erneuert werden musste, ist sie wieder grau. Wir haben dann aus unserem eigenen Verkehrsbudget ein zusätzliches Fahrradstraßenpiktogramm aufbringen lassen.“

Gehweg rot-weiß

Röter wird’s nicht ... Dennoch mögen viele Radfahrer offenbar die neue Fahrradstraße Parkallee nicht und fahren weiter auf den – nun ehemaligen – Radwegen, die inzwischen Fußgängern vorbehalten sind. Um die Veränderung auch optisch zu verdeutlichen, lässt das Amt für Straßen und Verkehr an den Einmündungen der Seitenstraßen das rote Radwegpflaster für 35.000 bis 40.000 Euro gegen graue Gehwegsteine auswechseln. Schwer vorstellbar, dass das allein für klare Verhältnisse und vor allem für einen Bewusstseinswandel sorgt.

Farbe egal

Seit die Humboldtstraße in eine Fahrradstraße umgewidmet wurde, sind die ehemaligen Radwege den Gehwegen zugeschlagen. Da ist viel Platz zum Flanieren, nicht wie sonst im Viertel, wo Mutter, Vater und Kind oft nur im Gänsemarsch unterwegs sein können. Vielen Fahrradfahrern allerdings scheint die Umgewöhnung auch hier schwerzufallen. Dabei gehört sie ihnen, die Straße. Sie müssten sich nur trauen und den (Straßen-) Verkehrsraum, den sie theoretisch längst erobert haben, auch in Anspruch ­nehmen.

Große Gemengelage

Ein Fall für Fortgeschrittene: Die Wachmannstraße bietet ein buntes Programm an Farbgebung, Linierung, Markierung, Schraffierung und Beschilderung. Um mögliche Missverständnisse zu vermeiden, runden Piktogramme den Hinweisreigen ab. Schwierig ist diese Engstelle, an der Fahrräder, Autos und Straßenbahnen sich näher kommen. Autofahrer müssen umschalten: Bis zum Schwachhauser Ring haben sie mit entgegenkommenden Radfahrern zu rechnen. Viele hätten das nicht auf dem Schirm, sagt Albrecht Genzel, Verkehrsreferent des ADFC. „Genau wie in der Straßburger, Remberti- und Benquestraße.“ Aus der Sicht des ADFC ist die Wachmannstraße dennoch „ein Meilenstein, weil sie als erste Fahrradstraße feierlich zur Fahrradstraße erklärt wurde“.

Langer Jammer

Die Buchenstraße zwischen Schwachhauser Heerstraße und Scharnhorststraße wird überwiegend in beiden Richtungen von Autos und Fahrrädern befahren. Der längste Teil der langen Geraden wird beidseitig geparkt. Nicht alle Autofahrer bringen die erforderliche Geduld auf und halten Abstand in der Fahrradstraße – die nicht gerade auffällig als solche markiert ist.

Standard-Engpass

Regelmäßig wird es eng in der Straßburger Straße, wenn sich Fahrräder und Autos begegnen oder Autofahrer versuchen, in der beidseitig beparkten Fahrradstraße zu überholen. Oft lassen sich Lenker-Außenspiegel-Kontakte nur haarscharf vermeiden. Für Albrecht Genzel, Verkehrsreferent beim ADFC Bremen, ist die Verbindung zwischen Bismarck- und Schwachhauser Heerstraße ein gutes Beispiel dafür, „wie Fahrradstraßen grundsätzlich nicht gedacht sind“: Der Autodurchgangsverkehr ist Programm, auch wenn er nur in eine Richtung fließt. „Autoverkehr sollte in einer Fahrradstraße die Ausnahme sein, ist aber die Regel“, sagt Genzel. „Ich kenne keine, in der das funktioniert.“ Genau so läuft es in der Parkallee und in der Humboldtstraße.

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