Bremen und Hansewasser starten Projekt Plan gegen Arznei im Abwasser

Bremen will sein Abwasser besser reinigen: Weil sich in den Gewässern immer mehr Rückstände von Medikamenten, Hormonen und Mikroplastik finden, legt das Umweltressort nun eine Strategie vor.
20.01.2021, 05:00
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Plan gegen Arznei im Abwasser
Von Pascal Faltermann

Die Rückstände von Medikamenten in der Weser oder Seen nehmen zu. Durch Schad- und Spurenstoffe wie Antibiotika, Hormone oder Röntgenkontrastmittel sind Bremens Gewässer immer stärker verunreinigt. Hinzu kommt viel Mikroplastik, also Partikel, die fünf Millimeter und kleiner sind. Das geht aus einer Vorlage für die Sitzung der Umweltdeputation an diesem Mittwoch hervor. Um gegen die Ursachen vorzugehen und das Abwasser besser zu reinigen, hat die Behörde mit dem Abwasserunternehmen Hansewasser und dem Umweltbetrieb Bremen (UBB) eine Strategie erarbeitet. Darin werden vier konkrete Handlungsfelder behandelt. Bis Ende 2022 soll zudem eine Entscheidung gefällt werden, ob an der Kläranlage in Seehausen eine vierte Reinigungsstufe eingerichtet wird, was mehrere Millionen Euro kosten würde.

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Die Mikroverunreinigungen gelangen überwiegend durch das Verwenden von Alltagsprodukten in die Gewässer. Zum Beispiel durch Spülmaschinentabs, Schmerzmittel oder Sport-Funktionsbekleidung. „Menschen entsorgen abgelaufene Medikamente in der Toilette – das ist absurd und fatal“, sagt Michael Koch, Referatsleiter für qualitative Wasserwirtschaft im Umweltressort. Vor allem die Rückstände der Schmerzmedikamente Ibuprofen und Diclofenac finden sich im Abwasser.

Diclofenac ist in der Schmerzsalbe Voltaren enthalten und wird laut Koch meist abgewaschen und damit in den Abfluss gespült. „Die Gefahren, die von Mikroplastik und Co. für unsere Umwelt und gleichermaßen für unsere Gesundheit ausgehen, sind nicht zu unterschätzen“, sagt Maike Schaefer (Grüne), Senatorin für Umwelt und Klimaschutz. Damit die Schadstoffe erst gar nicht in den bremischen Gewässern landen, könnten und müssten die Verbraucherinnen und Verbraucher vorher selbst eine Menge tun. „Zum Beispiel keine Körperpflegeprodukte mehr zu kaufen, die Kunststoffe enthalten“, so Schaefer.

Einführung der vierten Reinigungsstufe wird geprüft

In einer Arbeitsgruppe arbeiten Vertreter des Umweltressorts, von Hansewasser und UBB daran, die „komplexe Landschaft der weitergehenden Abwasserreinigung“ darzustellen und die Situation und den Gewässerzustand zu verbessern. Zusätzlich lasse ihr Ressort gerade prüfen, inwiefern die Einführung einer vierten Reinigungsstufe für die Kläranlagen in Bremen umsetzbar sei, um Mikroplastik, Nanopartikel, aber auch Hormone und Medikamentenreste sicher entfernen zu können. Das ist auch erklärtes Ziel in der Koalitionsvereinbarung der rot-grün-roten Regierung. Diese vierte Reinigungsstufe ist entweder mittels eines Verfahrens mit Ozon oder durch Aktivkohlefilter in der Lage, Spurenstoffe aus dem Abwasser zu filtern.

Zudem hat die Bürgerschaft im November 2019 einen Antrag der Grünen-Fraktion beschlossen, der vorsieht, dass die Belastungen von Umwelt und Natur durch Mikroplastik deutlich reduziert werden sollen. In Deutschland gelangen einer Untersuchung des Fraunhofer-Instituts von 2018 zufolge pro Jahr rund 330.000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt. Dafür gibt es 51 verschiedene Quellen. Ein großer Teil des Mikroplastiks wird durch den Abrieb von Autoreifen verursacht.

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„Als Betreiber der bremischen Kläranlagen und des Kanalnetzes sind wir uns der großen Verantwortung für ein gesundes Bremen und den Gewässerschutz bewusst“, sagt Jörg Broll-Bickhardt, technischer Geschäftsführer von Hansewasser. Für das Abwasserunternehmen sei von Anfang an klar gewesen, dass bei so einem „komplexen und vielschichtigen Projekt“, das weit über die vierte Reinigungsstufe hinausgeht, ein gemeinsames Vorgehen von allen beteiligten Akteuren entwickelt werden müsse. „Das ist uns sehr gut gelungen“, so Broll-Bickhardt.

Messprogramm für Spurenstoffe

Nachdem die Strategie den Umweltpolitikern vorgestellt wurde, soll das Projekt noch im Januar starten, es läuft zunächst bis 2023. Es geht darum, auf welche Weise das Abwasser in Bremens Gewässer eingeleitet wird. Unterschieden wird nach Kläranlagen, Mischwasser und Regenwasserkanalisation. Zwei Forschungsprojekte zu Nährstoffen und zu Mikroplastik laufen und sollen ausgewertet werden. Ein weiteres Messprogramm zu Spurenstoffen – Kosten bis zu 200.000 Euro – soll starten. „Dabei messen wir die Konzentration ausgewählter Parameter im Wasser“, sagt Referatsleiter Koch. Zudem schaue man, wie groß die Frachten (die Gesamtmenge) der jeweiligen Schadstoffe sei, die in die Weser und damit ins Meer gelangen. „Die Nordsee soll keine Senke für Schadstoffe werden“, so Koch.

Neben diesen Punkten geht es um Aufklärung: Mit Kampagnen soll das Verhalten der Verbraucher geändert werden, um Spurenstoffe und Mikroplastik in den Gewässer zu reduzieren.

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