Historisches Dokument

Bremens Goldenes Buch ist voll

Bremen. Könige, Kanzler und Thomas Gottschalk. Botschafter en gros, das riesige, weltumspannende Gefüge der Diplomatie. Die Bundespräsidenten natürlich und Michael Jackson, der auch. Sie alle haben sich im Goldenen Buch verewigt. Nach 14 Jahren muss
20.01.2010, 21:00
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Bremens Goldenes Buch ist voll
Von Jürgen Hinrichs
Bremens Goldenes Buch ist voll

Birgitt Rambalski, Protokollchefin im Rathaus, hütet die Goldenen Bücher wie ihren Augapfel.

Frank Thomas Koch

Bremen. Könige, Kanzler und Thomas Gottschalk. Botschafter en gros, das riesige, weltumspannende Gefüge der Diplomatie. Die Bundespräsidenten natürlich und Michael Jackson, der auch. Sie alle haben sich im Goldenen Buch verewigt. Zuletzt war es Kevin Costner oder vorher mal DJ Bobo – na ja, denkt man, und so kommt es vielleicht auch, dass nach nur 14 Jahren ein neues Buch hermuss, das alte ist nämlich voll.

So gut wie jedenfalls. Nur noch 13 freie Seiten von ehedem 320 und sieben davon sind bereits für die nächsten Gäste vergeben. Es pressiert also mit dem neuen Buch, denn was tun, wenn plötzlich ein Prinz vor der Rathaustür steht, wohl eingelassen wird, aber nicht und nirgendwo seinen Namen und vielleicht auch ein paar freundliche Sätze hinterlassen kann?

Es wird die fünfte Auflage sein, wieder auf den Millimeter genau in den Maßen 39,5 mal 30,5 Zentimeter und mit einem Volumen von mindestens 300 Seiten. Der Einband, so hat es das Rathaus vorgeschrieben, muss aus Leder sein und auf beiden Seiten sogenannte Schonnägel tragen, damit die edlen Oberflächen über die Jahre keine Schäden davontragen. Logisch, dass bei der Gestaltung ein Bezug zu Bremen und seinem Status als Freie Hansestadt hergestellt werden muss. Das Wappen etwa, der obligate Schlüssel oder der Roland. Als Farben sind das Rot und Weiß der Bremer Landesflagge vorgegeben. Und weil es ja ein Goldenes Buch sein soll, wird dem Papier ein dreiseitiger Goldschnitt verpasst.

Das sind die Regeln. Viel Freiheit hatten die drei Künstlerinnen also nicht, die in die Wahl gekommen sind, das gute und schwergewichtige Stück herzustellen. „Das ist Kunsthandwerk im schönsten Sinne“, freut sich Birgitt Rambalski über die Entwürfe. Einen davon hat die Protokollchefin des Rathauses zusammen mit anderen in einer Jury ausgewählt und wird ihn heute der Öffentlichkeit präsentieren.

Rambalski ist in der Regel dabei, wenn Gäste sich in das Goldene Buch eintragen. „Es ist eine protokollarische Ehrenbezeugung“, sagt sie, „die Stufe unter dem roten Teppich.“ Nie wird woanders unterschrieben als im Rathaus, noch so eine eiserne Regel. Mal im Kaminsaal, mal in der Oberen Rathaushalle, mal im Amtszimmer des Bürgermeisters oder im weiten Flur davor und mal auch im Senatssaal. Immer steht ein silbernes Schreibset bereit, ein Gastgeschenk aus Liverpool, das sich in Bremen einen prominenten Platz erobert hat. Dann wird noch ein Roland aufgestellt – und fertig ist die Bühne für den großen Auftritt.

Der Stift, das ist so ein Thema. „Viele zücken einfach ihren eigenen“, erzählt Rambalski. Man sieht es in den Büchern, vielfarbig die Seiten und, nebenbei, eine ganz schöne Krakelei. Sie zu deuten, wäre ein Fest für jeden Grafologen. Der offizielle und gleichsam autorisierte Stift ist ein blauer Tintenroller. Wenn er benutzt wird, gibt das einen satten Aufdruck, etwas breit und deswegen besser lesbar.

Das erste Gästebuch, verziert mit dem Bild einer Hansekogge in brausender Fahrt, datiert aus dem Jahr 1926. Der erste Eintrag darin – ein langgezogener, etwas geduckter, aber doch sehr harmonischer Schriftzug – stammt vom damaligen Reichspräsidenten. Von Hindenburg steht dort, seinen Vornamen hat er weggelassen. Eine Seite weiter haben sich die Ozeanflieger breitgemacht, dann der Bürgermeister von New York und, noch mal umgeschlagen, der Dramatiker und Schriftsteller Gerhart Hauptmann. Später folgen solche Kanaillen wie Himmler und Göring, aber kein Adolf Hitler, dazu war es nie gekommen.

Das zweite Gästebuch wurde von 1948 an geführt. Es kann mit Messingklammern verschlossen werden und trägt vorn den Bremer Schlüssel, mit Silber umrahmt. Eine schlichte, schöne Variante. Nun kam die ganze Welt zu Besuch, Deutschland musste sich neu orientieren und suchte gezielt Freundschaften im Ausland. Bremen freute sich aber auch über Konrad Adenauer, Heinrich Lübke oder Willy Brandt.

25 Jahre hat es gedauert, bis auch dieses Buch mit Prominenz gefüllt war. Im dritten Band gipfeln die Einträge mit der Unterschrift der englischen Königin. Und im vierten schließlich, der 1996 aufgelegt wurde, stehen Namen wie Michael Jackson, Gerhard Schröder, Boris Becker, Helmut Schmidt, James Last, Angela Merkel oder Janosch, der zum gelinden Entsetzen des Protokolls einen Tuschkasten mitgebracht hatte und das empfindliche Papier mit einer Wasserzeichnung der Bremer Stadtmusikanten traktierte.

Solche Geschichten und die Namen selbst, jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte, machen die Goldenen Bücher zu einem zeitgeschichtlichen Schatz. Schnell also wieder weg damit, gut verschlossen im Tresor der Silberkammer des Rathauses.

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