Entwicklung der Überseestadt

Bremens großer Plan

Die Entwicklung am südlichen Europahafen ist auf den Weg gebracht. Eine historische Chance für die Weiterentwicklung der Überseestadt, heißt es im Beschluss von zwei Deputationen.
07.06.2017, 20:00
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Bremens großer Plan
Von Jürgen Hinrichs

Der Mann hat einen Besen in der Hand, er steht am Werkstor und schaut in die Sonne. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragt er. Ein wenig Misstrauen in seiner Stimme, aber auch Interesse, denn selten, dass sich jemand mal hierher verirrt, der nicht direkt etwas mit dem Unternehmen zu tun hat, das an diesem Ort produziert.

Es ist die Reismühle von Rickmers, der Mann mit dem Besen hat den Betrieb mal geleitet und darf weiter auf dem Gelände wohnen, erzählt er. Natürlich hat er von den Plänen des Bremer Senats gehört, das gesamte Areal zwischen Europahafen und Weser neu zu entwickeln. Er ist skeptisch, glaubt nicht dran. „Das wird in 20 Jahren noch nichts.“

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Allein, dass die Böden überall verseucht sind, sagt er, es gab an der Stelle mal ein Tanklager und eine Raffinerie, die Firmen damals haben jede Menge Altlasten hinterlassen. Man sieht von Rickmers aus auf eine Brache direkt am Fluss, die bis zu zehn Meter tief Öl in sich trägt, das sich mit den Jahren und Jahrzehnten zum Europahafen ausgedehnt hat.

Auf der Brache ist Gras drüber gewachsen, doch das hilft nichts, da hat der Mann schon recht. „Die Reismühle“, sagt er noch, „wird bleiben. Die Eigentümer wollen nicht weg.“ Dann schnappt er sich seinen Besen und verschwindet durchs Werkstor. Bremens großer Plan, einfach wird das nicht, ihn durchzusetzen.

15 Hektar durch Kellogg frei

Mehr als 40 Hektar in der Überseestadt, die mit neuer Nutzung in die Zukunft geführt werden sollen. Dort, wo Kellogg Frühstücksflocken herstellt, wo Logistikfirmen in ihren Schuppen und Hallen Ware lagern und eben auch eine Firma wie Rickmers sitzt, die im Jahr rund 30.000 Tonnen Reis zu einer Palette von Produkten verarbeitet – dort lassen die Stadtentwickler ihre Fantasie spielen, seitdem bekannt ist, dass Kellogg in einem halben Jahr seine Produktion aufgibt und den Standort irgendwann komplett räumen wird.

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Allein durch den Abzug von Kellogg werden 15 Hektar frei. Die Stadt will den US-Amerikanern das Grundstück abkaufen, sie stellt sich dort eine Mischung aus Wohnen, Gewerbe und öffentlichen Einrichtungen vor. Und das nur als Anfang. Die Entwickler nehmen die gesamte Halbinsel in den Blick.

Es geht dabei um nichts weniger als eine historische Chance für die Weiterentwicklung der Überseestadt. So steht es wörtlich in einem Beschluss, den die beiden städtischen Deputationen für Bau und Wirtschaft am Mittwoch gefasst haben. Der große Plan ist auf den Weg gebracht.

Städtebauliche Schlüsselfläche

Bausenator Joachim Lohse (Grüne) bezeichnete das Areal zwischen Europahafen und Weser während der Deputationssitzung als städtebauliche Schlüsselfläche: „Es ist das Verbindungsstück zur Innenstadt.“ Bei der Entwicklung müsse man so ehrlich sein und von unterschiedlichen Interessen ausgehen.

„Natürlich wollen wir aber kein Unternehmen, das dort ansässig ist, in seinem Bestand gefährden“, betonte der Senator. Im Gegenteil, die Firmen müssten vor der heranrückenden Wohnbebauung geschützt werden. Eine Auffassung, der Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) unmöglich widersprechen konnte.

„Der bisherige Erfolg der Überseestadt hat mit dem Bremer Modell zu tun, mit dem Einvernehmen, das wir mit der Hafenwirtschaft gesucht haben“, sagte Günthner. Aufpassen müsse die Stadt auf einem anderen Feld – bei der Fantasie, die durch die neue Entwicklung geweckt werde.

Passus aufgenommen

Was der Senator meint: Mit den Grundstücken auf der Halbinsel könnte spekuliert werden. Die Stadt will möglichst viele davon kaufen, um aus einem Guss planen zu können. Das treibt den Preis. Gedämpft wird er durch die Altlasten-Problematik. Für die Sanierung rechnet die Stadt mit Kosten in zweistelliger Millionenhöhe.

Um den Erwartungen der privaten Eigentümer eine Grenze zu setzen, haben die beiden Deputationen in ihren Grundsatzbeschluss einen Passus aufgenommen. Demnach wird die Stadt prüfen, ob ihr baurechtliche Zwangsmittel zur Verfügung stehen, falls die Kaufverhandlungen bis Ende dieses Jahres zu keinem Abschluss gekommen sind.

Sollte dieser Weg gangbar sein, liefe das auf ein Vorkaufsrecht der Stadt hinaus. Grundlage für den Preis der Grundstücke wären die Wertgutachten. Die CDU hat sich an diesem Punkt enthalten. Ihr gefällt der drohende Unterton nicht. Die FDP ging noch einen Schritt weiter und stimmte dagegen.

Zwei Seiten vom Hafen, die sehr unterschiedlich sind

„Das ist der Ansatz für Erpressung“, sagte Lencke Steiner, FDP-Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft. Die übergroße Mehrheit in der Deputation sah das anders und stimmte dem Antrag in allen Punkten zu. Der Senat ist nun ermächtigt, die Kaufverhandlungen insbesondere mit Kellogg und dem angrenzenden Logistik-Unternehmen Reimer fortzuführen.

Rickmers Reismühle bleibt offenbar vorerst außen vor. Gesprochen wird aber auch mit der Spedition Vollers, womit der Europahafen ins Spiel kommt. Ein Hafen und zwei Seiten davon, die sehr unterschiedlich sind. An der nördlichen Kaje sind in den vergangenen zehn Jahren neue Häuser entstanden. Büros in den oberen Etagen, Cafés, Restaurants und Geschäfte im Erdgeschoss.

Im angrenzenden Schuppen 1, der aufwendig saniert wurde, werden alte Autos ausgestellt, es gibt ein großes Sportstudio, Restaurants und teures Wohnen in Lofts. Schuppen 3 ist an einen Investor verkauft worden, der ihn zu großen Teilen abreißen will, um Platz für mehr als 400 Wohnungen zu schaffen. Gen Westen ragt der Landmark-Tower auf, drumherum weitere Wohnhäuser.

Weitere 15 Jahre im Gespräch

Auch an der südlichen Kaje hat es Entwicklung gegeben – mit dem umgebauten Schuppen 2, in dem unter anderen die Silberschmiede Koch & Bergfeld sitzt, und dem sogenannten Kranhaus, einem Neubau, der Büros beherbergt. Am meisten Platz nehmen dort aber die beiden großen Schuppen ein, die von der Stadt an die Spedition Vollers verpachtet worden sind. Das ist ganz und gar noch das alte Hafengeschäft.

Den Schuppen 6 will Vollers nach eigenem Bekunden auf jeden Fall behalten. Das Unternehmen hat sich für das Gebäude etwas vorgenommen, es soll dort in nächster Zeit kräftig investiert werden, dadurch könnten zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Die Stadt überlegt vor diesem Hintergrund, den Vertrag zu verlängern. Im Gespräch sind weitere 15 Jahre.

Bei Schuppen 4 ist das anders, da legt die Stadt ihren Daumen drauf, um ihn neu zu entwickeln. Am Ende soll es nach Vorstellung der Planer wie auf der Nordseite auch auf der gesamten Südseite des Europahafens eine Promenade geben. Als Clou denken sie an eine Brücke für Fußgänger und Radfahrer, die das Hafenbecken überspannt und in dem Gebiet neue Rundwege erschließt.

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