Erinnerungen an Karstadts Tierabteilung

Bremens heimlicher Zoo

Vor 50 Jahren hat Karstadt in Bremen seine Tierabteilung geöffnet. Auf dem Rückweg von der Schule machte Nina Osmers öfter mal einen Abstecher zum Karstadt-Zoo. Ein Cocker-Welpe hatte es ihr besonders angetan.
30.03.2015, 00:00
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Von Frank Hethey
Bremens heimlicher Zoo

Im vierten Stock des Warenhauses an der Obernstraße – hier eine Ansicht von 1973 – fand sich die Tierabteilung mit Hunden, Katzen, Fischen, Vögeln und sogar Affen.

Junker (StAB), Staatsarchiv

Auf dem Rückweg von der Schule machte Nina Osmers öfter mal einen Abstecher zum Karstadt-Zoo. Ein Cocker-Welpe hatte es ihr besonders angetan. Doch plötzlich war der Vierbeiner verschwunden. Für das Mädchen ein herber Schlag – bis sie den Cocker zu Hause antraf. „Mein Vater hatte den Hund gekauft“, berichtet die heute 40-Jährige. Und zwar ohne von der Vorliebe seiner Tochter zu wissen: „Denn ich hatte ihm nie gesagt, dass ich die Hunde öfter besuche.“ Als „Gypsy“ wurde die Hündin eine treue Gefährtin. „Sie wusste immer, wenn es mir mal nicht gut ging und stupste mich mit ihrer Nase.“

Ein Einkaufsbummel ohne Stippvisite beim Karstadt-Zoo? In Begleitung von Kindern war das vor Jahrzehnten ein echtes Wagnis, ja, geradezu ein Anschlag auf den häuslichen Frieden. „Man ging immer noch einmal nach dem Einkaufen in die Zooabteilung, das war ein Muss!“, erinnert sich Michael Fritz, der Enkel des Astoria-Gründers Emil Fritz. Für viele Bremer gehört der Besuch des Mini-Zoos im vierten Stock zu den prägenden Kindheitserinnerungen. Einen besonders nachhaltigen Eindruck haben die Hundewelpen hinterlassen. Herumtollende Cocker, Dackel oder Pudel weckten Begehrlichkeiten.

Vor 50 Jahren, am 1. April 1965, eröffnete Karstadt seine Tierabteilung im Rahmen eines millionenschweren Umbauprogramms. Dabei musste der legendäre Lichthof aus den Anfangstagen des Warenhauses weichen. Was 1932 als innovativ und modern gegolten hatte, stand 1965 dem Modernisierungskonzept im Wege. Insgesamt 16 Rolltreppen machten sich im früheren Lichthof breit, die reine Verkaufsfläche wuchs auf 18 500 Quadratmeter.

Als echtes Highlight des neuen Kaufhauses galt die Tierabteilung. Sogar Affen turnten an exponierter Stelle in Käfigen umher. „Es gab zwei Schaufenster, die nach außen zu den allgemeinen Verkaufsräumen zeigten“, erinnert sich Peter Strotmann. Die Tierabteilung als Publikumsmagnet. Auf dieses Pferd setzten die Verantwortlichen, um sich im Wettbewerb der Warenhäuser einen Vorteil zu verschaffen. Nicht zuletzt den Nachwuchs hatte man dabei im Blick. Als „Attraktion für alle“ priesen die Marketingstrategen den innerstädtischen Kaufhauszoo, „ganz besonders für Kinder“.

Ein geschickter Schachzug, hatte Bremen doch nie einen eigenen Zoo auf die Beine gestellt. Das Tiergehege im Bürgerpark mit seinen überwiegend heimischen Tierarten konnte das Bedürfnis nach exotischen Tieren kaum stillen. Zwar hatte es Versuche gegeben, in Bremen einen Zoo zu etablieren: erst in den Dreißigerjahren im Bürgerpark an der Hollerallee, dann in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Oberneuland. Doch beide Male konnten sich die Privatzoos nicht halten. Da war es keine schlechte Idee, in der Innenstadt mit jungen und exotischen Tieren zu punkten.

Tatsächlich bot das Warenhaus so gut wie alles auf, was als Haustier infrage kam. Potenzielle Kunden sollten einen umfassenden Eindruck der Angebotspalette bekommen. Da waren hinter großen Glasscheiben nicht nur Hundewelpen zu sehen, sondern auch Katzenjunge, Hamster, Meerschweinchen und etliche exotische Vogelarten. In zahlreichen Aquarien und Terrarien wurden Zierfische und kleine Reptilien gehalten. Für ehrfürchtiges Staunen sorgten vor allem die schwarzen Piranhas in einem achteckigen Becken.

Den heutigen Vorstellungen artgerechter Tierhaltung entsprach der Mini-Zoo sicher nicht. Bei aller Nostalgie ist unter früheren Besuchern der Tierabteilung auch kritische Distanz herauszuhören. „Zum Glück müssen dort jetzt keine Tiere mehr hinter Glas sitzen“, sagt Nina Osmers.

Doch es wäre ungerecht, den Verantwortlichen jegliches Gespür für Tierschutzbelange abzusprechen. Der Karstadt-Zoo galt sogar als Vorbild für weniger gut geführte Tierhandlungen. Regelmäßig machte ein Tierarzt seine Runde. Und ein Vertreter vom „Bund gegen den Missbrauch der Tiere“ fand nichts dabei, sich allwöchentlich als Kundenberater zur Verfügung zu stellen. Als engagiert und fürsorglich galten die angestellten Tierpfleger. „Mit einer Engelsgeduld klärten sie Käufer und Besucher über artgerechte und liebevolle Behandlung auf“, konstatierte der WESER-KURIER. Das kann auch Michael Fritz bestätigen, er erinnert sich an einen „netten Verkäufer, der das mit Herz machte“.

Das Ende kam 1988 im Zuge eines neuerlichen Umbaus. Dabei spielte das veränderte Bewusstsein von artgerechter Tierhaltung eine wichtige Rolle. Wachsende Proteste gegen die Behandlung von Tieren als bloße Ware sowie die Selbstverpflichtung der Tierhandlungen, keine Welpen mehr auszustellen und zu verkaufen, entzogen der Tierabteilung die Geschäftsgrundlage. Die damalige Karstadt-Führung rechnete vor, wie stark der Umsatz innerhalb weniger Jahre zurückgegangen war. „Mit dem Umbau hätten wir dort neu investieren müssen“, sagte der Geschäftsführer dem WESER-KURIER, „es lohnte sich aber nicht.“

Immerhin spülte der Verkauf des Inventars noch einmal Geld in die Kasse. „Das Piranha-Becken wurde komplett verkauft. Fische inklusive“, weiß Michael Fritz.

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