Wilhelm Tacke bringt historisches Nahe

Ein Spaziergang durch Bremens katholische Vergangenheit

Bremens katholische Vergangenheit rückt mitunter fast greifbar nah – zumindest bei einem Spaziergang mit Wilhelm Tacke. Der ehemalige Sprecher des Katholischen Gemeindeverbandes macht Historisches unterhaltsam.
13.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Erika Thies
Ein Spaziergang durch Bremens katholische Vergangenheit

Wilhelm Tacke war zwei Jahre lang Referent für Öffentlichkeitsarbeit im katholischen Gemeindeverband Bremen. Heute bietet er Spaziergänge an, die die katholische Geschichte der Hansestadt erläutern

Frank Thomas Koch

Schon immer fanden Glaubenskämpfe nicht nur auf Schlachtfeldern statt. Sogar an der prächtigen Renaissancefassade des alten Bremer Rathauses trug man sie aus. Wilhelm Tacke beweist es bei seinem „katholischen Spaziergang durch Bremen“ an Hand eines kleinen Reliefs. Es entstand zu Beginn des 17. Jahrhunderts, und dargestellt ist darauf auch ein Papst. Mit dem dreifachen Papstkreuz im blanken Hintern dient er als Sitzbank für eine Frau, die ihm nach der Weltkugel auch noch das Schwert entreißt. Die Szene zeuge „nicht gerade von feinen hanseatischen Umgangsformen“, kommentiert Tacke gelassen, aber: „Schwamm drüber!“

Wilhelm Tacke, Jahrgang 1938, kommt ursprünglich aus der Stadt Verl bei Bielefeld. Die Westfalen gelten als tatkräftig, humorvoll und sind meistens katholisch. All das trifft auf Tacke zu. Als jungen Lehrer verschlug es ihn 1961 nach Bremen; 1987 gab er seine Stelle als Leiter der katholischen St.-Marien-Schule in Walle auf und war dann mehr als zwei Jahrzehnte Referent für Öffentlichkeitsarbeit des Katholischen Gemeindeverbandes Bremen. Bis heute ist er ehrenamtlich auf vielen Gebieten aktiv und veröffentlicht weiterhin Buch um Buch.

Vom armen Papst zum katholischen Kunstwerk

Seine Gabe, Historisches unterhaltsam zu verkaufen, müsste jeden Geschichtslehrer mit Neid erfüllen. Kaum hat man unter seiner Anleitung den armen Papst an der Rathausfassade gefunden, geht es schräg gegenüber schon weiter, nun allerdings mit einem „katholischen“ Kunstwerk aus vor-reformatorischer Zeit. Überliefert ist, dass um 1910 beim Neubau des Rathscafés am Markt historische Bauteile aus Abrissbeständen verwendet worden sind. Dazu gehörten auch die fünf Franziskanerbrüder, die man – links von einer Mutter Gottes mit Kind und rechts von einem Heiligen Johannes flankiert – jetzt unter den Arkaden des Deutschen Hauses finden kann. Ginge es nach Tacke, so sollte dieses spätgotische Relief am besten nochmals umziehen – und zwar zur katholischen St.-Johannis-Kirche im Schnoor. Er ist nämlich überzeugt: Da kommt es ursprünglich auch her.

Die originalen fünf Franziskaner erlitten anno 1220 in Marokko als christliche Missionare den Märtyrertod. Ihre Namen sind bekannt und waren unter der jeweiligen Statue ordnungsgemäß verzeichnet. Allerdings brachen irgendwann beim Bruder Akkursius die fünf mittleren Buchstaben offenbar weg. Sie wurden durch vier ersetzt, die ihn seitdem fälschlicherweise zu einem Heiligen Antonius machen. Für Bremen sind Franziskaner seit 1241 bezeugt. Ihre backsteingotische dreischiffige Hallenkirche und wohl auch das dazugehörige St.-Johanniskloster entstanden im 14. Jahrhundert. Die Klostergebäude wurden 1834 abgerissen. Die ursprüngliche Franziskanerkirche aber wurde inzwischen zur Propsteikirche St. Johann.

Lesen Sie auch

War der Dom eigentlich auch mal katholisch? Wer so fragt, hat sich offenbar nicht klar gemacht, dass jede Bremer Kirche ab einem gewissen Alter früher mal katholisch gewesen sein muss. Bis dann 1517 der Wittenberger Professor und Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte. Was von ihm als Anlass für einen theologischen Disput gedacht war, führte zur Spaltung des westlichen Christentums in verschiedene Konfessionen. Nach einer Predigt des Augustiners Heinrich von Zütphen am 9. Dezember 1522 in St. Ansgarii ging in Bremen dann alles ziemlich schnell: 1525 wurden die katholischen Messen in den Pfarrkirchen der Stadt verboten, 1527 dann auch im Landgebiet und 1528 in den Klöstern. Das Paulskloster der Benediktiner war schon 1523 unter fadenscheinigen Vorwänden abgerissen worden. Das Katharinenkloster der Dominikaner verwandelte sich 1528 in eine Lateinschule. Das 1529 aufgelöste Johanniskloster wurde später zum Krankenhaus. Die einstige Franziskanerkirche St. Johann ist von 1623 bis 1802 durch reformierte Flüchtlinge aus den Niederlanden und Frankreich für ihre Gottesdienste genutzt worden. Danach diente sie als Lagerhaus und wurde dann 1816 an die Katholiken übergeben.

Bei den wenigen Katholiken, die es nach Luthers Zeiten in Bremen noch gab, handelte es sich schließlich fast ausnahmslos um Zuwanderer. Das Bürgerrecht erhielten sie so gut wie nie. Öffentliche Gottesdienste waren ihnen verboten. Das änderte sich erst infolge der Französischen Revolution. Seit 1811 war Bremen alias Brême dann sogar die Hauptstadt des französischen Départements des Bouches du Weser. Dessen Präfekt, der Graf von Arberg, bot den Katholiken zunächst die St.-Katharinen-Kirche und dann ersatzweise auch St. Martini oder Unser Lieben Frauen an, berichtet Tacke. Man habe sich aber für St. Johann entschieden, da die Kirche bereits leer stand. Wegen ihres erbarmungswürdigen Zustands seien dann Bettelbriefe abgegangen „an alle, derer man habhaft werden konnte“, so außer an den (katholischen) Kaiser in Wien auch an den (reformierten) König von Preußen und den (lutherischen) Großherzog von Oldenburg. Am 17. Oktober 1823 fand die Einweihung statt, und um die alte Kirche herum entstand nach und nach das, was der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode im Mai 2000 mal als den „kleinen Vatikan von Bremen“ bezeichnet hat. Derzeit wird in Bremen in 17 katholische Kirchen gepredigt, 13 von ihnen entstanden erst nach 1945. Die Zahl der Bremer Katholiken pendelte sich bei rund zehn Prozent der Bevölkerung ein. Sie kommen, wie Tacke erläutert, inzwischen aus 120 Nationen.

Nur noch Kopf und Baldachin vorhanden

Von Papst zu Papst ist es in Bremen nicht weit. Dass allerdings auch der am Schütting kein leichtes Schicksal hatte, ist unschwer zu erkennen. Von ihm sind nur noch der Kopf und Teile eines Baldachins vorhanden. Das ursprüngliche Gesamtrelief müsste um 1480 entstanden sein. Was davon noch übrig ist, fand sich 1971 bei Reparaturarbeiten wieder. Die Reste, zitiert Tacke den damaligen Bremer Landesdenkmalpfleger Hans-Christoph Hoffmann, seien offenbar „als Füllmaterial“ in einer Mauer des Schütting verbaut worden. Nun schmücken sie dessen linke Seitenwand.

Der Petrus am Schütting wurde offenbar ein Opfer des „Bildersturms“. Die „Bilderstürmer wollten Darstellungen von Christus und den Heiligen verbannen und möglichst auch zerstören. Stand denn in der Bibel nicht klipp und klar, dass sich der Mensch kein Gottesbildnis machen solle? Die frühen Christen hatten sich daran auch gehalten. Später stattete man die Kirchen dann immer prächtiger aus. Schon zu katholischen Zeiten war das kritisiert worden. Nun kam es darüber zur Spaltung in Lutheraner und Reformierte. In Bremen setzten sich die strengen Reformierten durch. Das Umland blieb überwiegend lutherisch. Beide Richtungen stritten lange um den Dom, 77 Jahre blieb er deswegen geschlossen und wurde dann 1638 – als Pfarrkirche für die Lutheraner – wieder geöffnet. Das Bistum, später Erzbistum Bremen bestand von 787 bis 1648. Die vier letzten Erzbischöfe waren evangelisch, und schon der erste von ihnen hatte, da er „die Gabe der Keuschheit“ nicht besitze, heimlich geheiratet. Der letzte wurde 1648 König von Dänemark und Norwegen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+