Vom Rettungsanker zum Auslaufmodell

Wie die Vorsitzende eines Ostfriesenvereins gegen Vorurteile kämpft

Groß ist die Liebe der Vorsitzenden des Bremer Ostfriesenvereins, Almut Heibült, zu ihrer Heimat, vor allem zur plattdeutschen Sprache. Ein bekannter Brauch Ostfrieslands hat bei ihr trotzdem keine Chance.
24.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie die Vorsitzende eines Ostfriesenvereins gegen Vorurteile kämpft
Von Ralf Michel

„Darf ich Ihnen was anbieten? Einen Kaffee, Wasser ...?“, wendet sich Almut Heibült an ihren Gast. Der stutzt. Kaffee, Wasser? Er hätte Tee erwartet. Schließlich ist er zu Besuch bei der Vorsitzenden des Bremer Ostfriesenvereins. Und hatte sich deshalb – vorab gebrieft durch einen Kollegen, der aus Ostfriesland stammt – eigens für das Gespräch Spezialwissen über Tee angeeignet. „Bünting oder Thiele?“ hatte er fragen wollen. Um als Kenner des uralten Streits zu glänzen, welcher ostfriesische Tee denn nun der beste sei. Aber auch, um etwas Boden gut zu machen. Denn der Ausgangspunkt zu diesem Treffen war, dass sich Almut Heibült mächtig über den Autor des WESER-KURIER geärgert hatte.

Kann man es angesichts dieser Vorgeschichte überhaupt riskieren, nach Tee zu fragen? Oder lauert hier gleich der nächste Fauxpas in Sachen Ostfriesen-Klischees? Man kann. Almut Heibült hat alles Verständnis der Welt für diese Frage. Sie als waschechte Ostfriesin und noch dazu Vereinsvorsitzende, da läge die Verwunderung natürlich nahe. „Aber was soll ich machen“, lacht sie. „Ich mag nun mal keinen Tee.“ Hat sie noch nie gemocht. Und deshalb trinkt sie auch keinen. „Ich liebe mein Ostfriesland und ich liebe Plattdeutsch.“ Aber deshalb Tee trinken? Sozusagen „aus Showgründen“? „Nee, das mach ich nicht.“

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Genau so sieht das die 72-Jährige. Sie ist zwar Vorsitzende des Ostfriesenvereins, betont aber, mit „Vereinsmeierei“ nichts am Hut zu haben. Erzählt voller Begeisterung von den Bräuchen ihrer Heimat und ihrer großen Liebe zur plattdeutschen Sprache. Und dass sie zeitlebens gerne und oft in ihre Heimatgemeinde Uplengen zurückgekehrt ist, die sie als 20-Jährige verlassen hat („Abenteuerlust, ich wollte die Welt entdecken“). Sagt aber auch Sätze wie „Heimat ist, wo man lebt, nicht wo man geboren ist“, mit denen sie die Liebe zu Ostfriesland in aller Gelassenheit an den richtigen Platz in ihrem Leben einordnet.

Nur an einer Stelle, da ist es mit der Gelassenheit dann doch schnell vorbei. Wenn sie wieder einmal lesen muss, „dass Ostfriesen als Dussel dargestellt werden“. So geschehen, findet sie, zum Jahresende im WESER-­KURIER in einer Zusammenstellung der skurrilsten Polizeimeldungen des Jahres. Von einem diebischen Pärchen aus Aurich war da die Rede, dessen Auto ausgerechnet vor einer Polizeiwache schlappmachte, den Koffer voller Diebesbeute. Und was stand über dieser Meldung? „Ostfriesenpech!“ Sonst sei die Berichterstattung im WK über unangenehme Vorfälle doch immer politisch korrekt, nie würden Nationalitäten oder Herkunftsländer genannt, ärgerte Almut Heibült sich in einem Leserbrief. „Mit einer Ausnahme: Ostfriesland.“ Ginge es um kuriose Ereignisse mit Beteiligten aus ihrer Heimat, werde dies offenbar gerne ausdrücklich betont. „Müssen wir tatsächlich immer noch als Witzfiguren der Nation herhalten?“

Fern der Heimat

Natürlich nicht. Und weil das im Gespräch mit Almut Heibült schnell zu klären ist, bleibt Zeit, über etwas zu sprechen, was ihr ebenfalls am Herzen liegt – den „Ostfreesen-Verein Upstalsboom e. V. Bremen“, einen der verbliebenen Ostfriesenvereine in Deutschland. Von denen gab es einst jede Menge, entstanden meist Ende des 19. Jahrhunderts, als viele Ostfriesen ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit verließen, erzählt Heibült. Viele verschlug es bis ins Ruhrgebiet, manche sogar nach Süddeutschland. Fern der Heimat, fern der plattdeutschen Sprache, ohne Tee, Schwarzbrot und all die heimischen Sitten und Gebräuche wurden die Ostfriesenvereine zum Rettungsanker.

Der Bremer Verein wurde 1924 gegründet. In seiner Blüte zählte er 400 bis 500 Mitglieder. „Heute ist er eher ein Auslaufmodell“, sagt Heibült. „Inzwischen sind wir noch etwa 50 und nicht mal alle Ostfriesen.“ Für junge Menschen seien Vereine nicht mehr attraktiv und den ursprünglichen Sinn und Zweck der Ostfriesenvereine gebe es ja ohnehin nicht mehr. „Heimweh ist doch kein Thema mehr. Heute sind das doch auch alles keine Entfernungen mehr. Wenn ich nach Hause will, setze ich mich einfach ins Auto und bin in einer Stunde da.“ Früher, ja, da sei es wirklich um Verluste und Sehnsucht gegangen, heute zähle eher der Spaß in der Gemeinschaft.

Bei den monatlichen Treffen („Für die anderen immer mit Tee, übrigens Thiele.“), bei Busausflügen in die alte Heimat, bei Lesungen mit plattdeutschen Autoren, traditionellen Festen wie der „Plünnenball“ (ostfriesische Karnevalsvariante), oder auch beim regelmäßigen Boßeln („Die richtige, sportliche Variante. Mit Bollerwagen und Schnaps hat das nichts zu tun, das ist eine touristische Erfindung.“) und Kohlfahrten („Ja, da mit Bollerwagen.“).

Die Zukunft der Sprache

Allgegenwärtig dabei ist die plattdeutsche Sprache. Die liegt Almut Heibült besonders am Herzen. Von klein auf hat sie deren Entwicklung mitbekommen. „Sie war ja zeitweilig richtig verpönt. Wer Platt sprach, kam vom Dorf und galt als zurückgeblieben“, sagt sie und erzählt von ihren Großeltern, die plötzlich begannen, Hochdeutsch mit den Enkeln zu sprechen. Später in Bremen hat sie dann selbst Plattdeutsch unterrichtet. Und freut sich, wenn sie heute angesprochen wird: „Was, du kannst Platt? Das ist ja toll!“ Große Illusionen hinsichtlich der Zukunft der Sprache macht sie sich trotzdem nicht. „Das ist wohl wie mit so vielem: Kurz bevor es stirbt, erlebt es noch mal einen Aufwind.“ Andererseits: „Das ‚Halleluja‘ auf Platt von Albertus Akkermann, da ist Leonard Cohen nichts dagegen.“

Und auch für den Ostfriesenverein besteht durchaus noch Hoffnung. Neulich, als ihr Leserbrief veröffentlicht wurde, habe sie prompt einen Anruf von einer Frau bekommen, erzählt Almut Heibült. „Ach, gibt es so einen Verein noch in Bremen?“

Info

Zur Sache

Der Ostfreesen-Verein Upstalboom

Seit 1924 gibt es den Ostfreesen-Vereen Upstalsboom Bremen. Der Name Upstalsboom bezeichnet einen mittelalterlichen Versammlungsort der Friesen – ein Baum („Boom“), an dem die Pferde aufgestallt („upstallt“) wurden, wenn sich friesische Häuptlinge trafen. Der Begriff steht für den unerschütterlichen Gemeinschaftssinn der Friesen und als Symbol der Friesischen Freiheit.

Wegen Corona ruhen derzeit auch alle Aktivitäten des Ostfriesenvereins. Ansonsten findet einmal im Monat im Gemeindehaus der Zionsgemeinde in der Neustadt, Kornstraße 31, ein Vereinsabend statt. Neue Mitglieder – auch Sympathisanten von außerhalb Ostfrieslands – sind jederzeit willkommen. Nähere Informationen gibt Almut Heibült unter Telefon 04 21 / 4 98 75 40.

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